Besorgte Bürger: Furcht als Mittel der Manipulation

Die Mutter des vierjährigen Torst Teehofer erzählt ihm, der nicht schlafen will, abends die Geschichte vom Sandmann:

„Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehn wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.“

Was diese Grausamkeiten in dem kleinen Jungen auslösten, beschreibt der nun erwachsene Torst wie folgt:

„Gräßlich malte sich nun im Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; so wie es Abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Tränen hergestotterten Ruf: der Sandmann! der Sandmann! konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die fürchterliche Erscheinung des Sandmanns“

Der Sandmann ist eine Kinderschreckfigur, sie ist nicht real. Ließe sich Torsts Furcht nicht ganz einfach beseitigen, indem seine Mutter dem Jungen die Wahrheit erzählt? Wir können uns vor etwas fürchten, das in Wahrheit nicht existiert. Es scheint jedoch so zu sein, als müssen wir zumindest glauben, dass es existiert.  Halt! So einfach ist es nicht.

Wir fürchten uns vor Freddy Krueger, einem erfundenen Filmbösewicht. Solange wir in dem Film versunken sind, glauben wir vorübergehend an die Existenz dieser fiktiven Figur. Im allgemeinen wissen wir jedoch, dass wir im Kino sitzen und einen Film schauen. In der Tat sprechen wir von einer „Aussetzung des Unglaubens“, wenn wir uns in eine Fiktion vertiefen, und wenn diese genuine wäre, wie vielleicht beim Träumen, so würde diese Paradoxie der Fiktion verschwinden. Bedeutet das, dass unsere Furcht widersprüchlich oder inkohärent ist?

„Pauke Fretry meldet sich bei der Polizei. Sie wolle Anzeige gegen ihren Nachbarn Hans Richter erstatten. Bereits seit einem halben Jahr verschaffe er sich immer wieder heimlich Zugang zu ihrer Wohnung und stehle dort Tassen aus ihrem Küchenschrank, um sie einzuschüchtern. Sie habe nun nicht mehr alle Tassen im Schrank, weil sie einige, um sie vor Diebstahl zu schützen, ins Schlafzimmer unter das Bett gestellt hat. Sie müsse sich vor diesem Mann sehr in Acht nehmen, schließlich habe er über seinen Sohn Thomas, der beim Verfassungsschutz arbeitet, direkte Kontakte zum Bundesnachrichtendienst, von dem sie inzwischen auch beschattet werde. Kürzlich hatte sie in ihrer Jackentasche einen Kugelschreiber gefunden, der nicht ihr gehöre. Da er sich nicht hat aufschrauben lassen, könne sich darin nur ein GPS-Sender befinden, der einem Überwachungssatelliten ihre genaue Position mitteile“

Pauke Fretry leidet unter Verfolgungswahn und fürchtet sich vor ihrem Nachbarn, der im Gegensatz zum Sandmann eine reale Person ist. Sie hat das Gefühl, von ihm beobachtet ausspioniert, verfolgt und drangsaliert zu werden. Pauke Fretry hat keine spezifische Phobie. In dem Fall würde sie den Nachbarn meiden und wüsste gleichzeitig, dass ihre Furcht übertrieben ist und in Wirklichkeit keine Gefahr besteht.

Torheit der Furcht, ein Gemälde von Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) aus dem Zyklus Los Disparates (Torheiten). Man sieht Soldaten in panischer Flucht vor einer monumentalen Kapuzengestalt davoneilen. Mit dieser Figur, die sich erst auf den zweiten Blick als Attrape erweist - denn ihr Auftritt wird offenbar von jener grinsenden Figur, die aus einer Kleiderfalte hervorlugt, inszeniert.
Torheit der Furcht, ein Gemälde von Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) aus dem Zyklus Los Disparates (Torheiten). Man sieht Soldaten in panischer Flucht vor einer monumentalen Kapuzengestalt davoneilen. Mit dieser Figur, die sich erst auf den zweiten Blick als Attrape erweist – denn ihr Auftritt wird offenbar von jener grinsenden Figur, die aus einer Kleiderfalte hervorlugt, inszeniert.

Goebbels Auftragsfilm Jud Süß: Von allem etwas

Der Spielfilm „Jud Süß“ erzählt, in historisch verfälschender und rassistischer Weise, die Geschichte vom jüdischen Bankier und Juwelier Jud Süß Oppenheimer (1692-1738), der im 18. Jahrhundert Finanzberater des Herzogs Karl Alexander ((1684-1737) von Württemberg wird.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels persönlich gab den Spielfilm in Auftrag und überwachte seine Entstehung. Er schreibt über den Film am 18. August 1940 in sein Tagebuch:

„Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können. Ich freue mich darüber“.

Am 5. September 1940 wurde “Jud Süß” auf den Filmfestspielen in Venedig unter großem Beifall des deutsch-italienischen Publikums uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung fand am 24. September in Anwesenheit von Goebbels und anderen hohen Vertretern aus Politik und Film im Berliner Ufa-Palast statt. Bekannte Schauspieler wie Heinrich George und Kristina Söderbaum spielten unter der Regie von Veit Harlan die Hauptrollen. Ausgezeichnet mit den Prädikaten “politisch und künstlerisch besonders wertvoll” und “jugendwert” wurde “Jud Süß” in Deutschland zu einem Publikumserfolg, der bis 1945 mehr als 6,2 Millionen Reichsmark einspielte.

Es war Goebbels Wunsch mittels einer Schreckfigur und dem Medium Film eine Massenfurcht in der deutschen Bevölkerung auszulösen. Diese Furcht sollte das Feindbild des Juden festigen. Bis heute ist „Jud Süß“ ein Vorbehaltsfilm. Vorbehaltsfilme dürfen aufgrund ihres kriegsverherrlichenden, rassistischen oder volksverhetzenden Charakters nur in geschlossenen Veranstaltungen, etwa im Rahmen der politischen Bildungsarbeit, gezeigt werden mit vorangehender Einführung eines Referenten und anschließender Diskussion.

Was Goebbels beabsichtigt hat, erreichen rechte Gruppen heute mittels Facebook und YouTube viel billiger, schneller und mit größerer Reichweite. Die Rechten schaffen eine Schreckfigur und die dazu gehörige Gruselgeschichte. Hinzu kommt jedoch eine neue perfide Methode: Die große Geschichte wird nicht mehr aktiv in einem Stück erzählt wie in einem Spielfilm. Vielmehr setzt sich der Zuschauer aus einzelnen kleinen Episoden (wie in einer Fernsehserie), die die Rechten täglich liefern, seine eigene individuelle Gruselgeschichte in seinem Kopf zusammen. Plakativ gesagt: “Jud Süß” war Fertiggericht, rechte Hetze auf Social Media ist Buffet. Wie im Marketing segmentieren die Rechten ihre “Kunden”. Sie wissen:

„Die gesamte Menschheit fürchtet sich unaufhörlich: vor Krankheit, Tod, Verlusten. Jeder hat noch extra seine private Lieblingsfurcht, die er hätschelt. Jede Kleinigkeit, ein zufälliges Wort bringt ihm den ganzen Schrecken als einen Stoß ins Bewußtsein, der wie ein Strom hereinbricht und Schaden anrichtet.“

 

Prentice Mulford

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

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