Böses Erwachen für Veronika

BLOG: Die Sankore Schriften

Die Welt ist voller Rätsel
Die Sankore Schriften

Samstagabend im Down Town. Laut wummert der Bass aus den Lautsprechern. Veronika ist mit ihren Mädels tanzen. Eine halbe Stunde, nachdem sie sich wieder gesetzt haben, wird ihr übel. Die 16-Jährige verabschiedet sich und macht sich auf den Weg zur Straßenbahn. Sie hat einige Cocktails getrunken, ihr wird schwindelig, sie hat das Gefühl, sich nicht mehr auf den Beinen halten zu können, lehnt sich an eine Hauswand.

Achtung, der folgende Text kann bei Betroffenen eine ungewollte Erinnerung an eine belastende Situation auslösen!

Da bietet einer unbekannter junger Mann seine Hilfe an. Stunden später findet sie sich im Gebüsch eines nahe gelegenen Parks wieder, unverletzt, aber mit dem sicheren Gefühl, Sex gehabt zu haben. Daran erinnern kann sie sich nicht.

Veronika wurde Opfer von KO-Tropfen. Für Polizei und rechtsmedizinische Institute sind Schilderungen wie diese keine Seltenheit: Frauen berichten von plötzlicher Übelkeit, Brechreiz, Wahrnehmungsstörungen, einem Zustand wie in Watte gepackt, in dem sie sich willenlos und bewegungsunfähig fühlen, teilweise mit einem Filmriss über Stunden.

Nur bei einem geringen Teil der Verdachtsfälle erfolgt eine gezielte, toxikologische Untersuchung. Menschen mit Erinnerungsproblemen, die eine bizarr klingende Geschichte schildern, werden häufig nicht ernst genommen und nach Hause geschickt – oft mit dem gut gemeinten Rat wiederzukommen, wenn die Erinnerung klarer geworden ist, so die Erfahrung vieler Betroffener. Dann aber ist es für einen toxikologischen Nachweis von KO-Tropfen in Blut oder Urin oft zu spät.

Gammahydroxybutyrat (GHB)

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Gammahydroxybutyrat

KO-Tropfen enthalten meist Gammahydroxybutyrat (GHB) auch als “date rape drug” bekannt. Als Hypnotikum (in Dosierungen bis zu 2,5 Gramm oral verabreicht) wird GHB (Handelsnamen: Somsanit®, Xyrem®) in der Medizin zur Behandlung der Narkolepsie (Störung des Schlaf- und Wachrhythmus) gebraucht. Als Narkotikum (in Dosierungen von 5 bis 7,5 Gramm intravenös verabreicht) wird GHB in der Chirurgie eingesetzt. Es ist rezeptpflichtig und wird überwiegend als wasserklare, geruchlose und leicht salzig schmeckende Flüssigkeit angeboten. GHB und seine Ester (z. B. GBL) sind seit 2002 dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Nicht industrieller Handel und Konsum sind daher verboten.

GHB ist zudem ein eigenständiger, natürlich vorkommender Neurotransmitter im Zentralnervensystem. Es ähnelt chemisch dem erregungshemmenden Neurotransmitter Gamma-Amino-Buttersäure (gamma-amino-butyric-acid, GABA). Es wird stark vermutet, dass GHB eine zentrale Rolle bei der Schlafregulierung spielt. GHB fördert aber auch die soziale Interaktion, sei es durch verbale Kommunikation oder Berührungen bis hin zum Sex.

Der Chemiker Camille-Georges Wermuth synthetisierte die Substanz im Auftrag der französischen Marine im Rahmen eines Forschungsprogramms, das von dem Chirurgen Henri Marie Laborit am Marinestützpunkt Toulon in Südfrankreich durchgeführt wurde. Bei diesem Forschungsprogramm ging es um GABA. GABA kann die Blut-Hirn-Schranke nur sehr schlecht passieren, das heißt, wird einem Patienten GABA intravenös injiziert, erreicht nur ein kleiner Teil das Gehirn, der größte Teil wird hingegen im Urin ausgeschieden. Wermuth ersetzte die Aminogruppe des GABA-Moleküls durch eine Hydroxygruppe und machte so das Molekül für die Blut-Hirn-Schranke passierbar. Leider ist die Herstellung von GHB in kleinen Mengen auch für den chemischen Laien relativ einfach.

Seit den 1980er wird GHB illegal verwendet. Es fand Einsatz als Nahrungsergänzungsmittel und als angeblicher Wachstumshormonstimulator in der Bodybuilderszene. Seit Ende der neunziger Jahre häufen sich die Hinweise auf eine missbräuchliche Anwendung von GHB und von Gammabutyrolacton (GBL), das im Körper zu GHB umgewandelt wird. Wegen der guten Wasserlöslichkeit kann GHB problemlos Getränken beigemischt werden, und da es farblos ist und nur leicht salzig schmeckt, wird der Konsum eines GHB-haltigen Getränks vom Opfer selten bemerkt. Alkohol intensiviert die Empfindlichkeit der GABAB-Rezeptoren ganz erheblich und erhöht somit die Transmitterwirkung beträchtlich. (Es gibt jedoch auch einen eigenständigen GHB-Rezeptor.) Wird dem Körper nach dem Genuss von Alkohol GHB zugeführt, entfaltet GHB erheblich höhere Effekte an den GABAB-Rezeptoren als dies ohne vorherigen Alkoholgenuß der Fall wäre. Der Mischkonsum von Alkohol und GHB führt zu einer Potenzierung der Wirkung von GHB.

Erste Symptome: Schwindel und Übelkeit

Die erste Wirkung setzt ungefähr 10 bis 20 Minuten nach der Einnahme ein: Den Betroffenen wird meistens ganz plötzlich übel und schwindlig. Oft vermuten sie, dass diese Wirkung vom Alkohol kommt, auch wenn sie bis dahin nicht übermäßig viel getrunken haben. Zunächst können die Substanzen auch euphorisierend und enthemmend wirken. Frauen berichten, dass sie zunächst ungebremst flirteten oder massiv auf ihre Begleitpersonen eingeredet haben. Sie können eine Zeit lang noch normal reden und sich bewegen. Für Außenstehende erscheint alles relativ unauffällig. Die Betroffenen wirken höchstens etwas angetrunken oder teilnahmslos.

Opfer sind leicht manipulierbar

Sie werden apathisch und leicht manipulierbar. Rückwirkend können sie sich an diesen Wachzustand nicht mehr erinnern. So wird klar, warum die Täter K.O.-Tropfen in der Öffentlichkeit einsetzen können: Ihnen bleibt genug Zeit, mit der Frau Kontakt aufzunehmen oder Hilfe anzubieten, um sie dann nach draußen oder an einen anderen Ort zu bringen. Dort sind die Betroffenen dann leichte Beute für die Täter.

Plötzliche Müdigkeit setzt ein

Dann setzt eine plötzliche Müdigkeit ein. Die Opfer fallen in einen tiefen Schlaf oder werden sogar bewusstlos. Wenn sie eingeschlafen oder bewusstlos sind, kommen sie erst nach Stunden wieder zu sich.

Filmriss beim Aufwachen

Beim Aufwachen fühlen sich die Betroffenen oft extrem “verkatert”, völlig matt und stehen immer noch neben sich. In fast allen Fällen haben sie später keine konkreten Erinnerungen mehr, viele berichten von einem Blackout oder totalen Filmriss. In Fachkreisen spricht man von “retrograder Amnesie” – GHB bewirkt, dass die Erinnerung rückwirkend nur ganz kurze Zeit funktioniert. Zu einem späteren Zeitpunkt können die zurückliegenden Ereignisse dann meist nicht mehr erinnert werden.

Keine Zeit verstreichen lassen

Besteht der Verdacht, dass jemand Opfer von K.O.-Mitteln geworden ist, sollte möglichst rasch ein Arzt eine Blutprobe entnehmen (mindestens 2 ml Blut ohne Zusatz von Zitrat), und die Betroffenen sollten in der Arztpraxis eine Urinprobe abgeben, die gekühlt oder tiefgefroren wird. Im Blut ist GHB bis zu 8 Stunden im Urin bis zu 12 Stunden nachweisbar. GHB wird zu Kohlendioxid und Wasser abgebaut. Auch ist es sinnvoll, sofort eine Haarprobe zu sichern (200 bis 300 mg) und ein weiteres Mal drei bis vier Wochen nach dem Ereignis. Auch im Haar lassen sich die psychoaktiven Substanzen nachweisen.

Aufmerksam sein

Am Wichtigsten und vielleicht Schwierigsten ist natürlich die Prävention. Denn hier ist es ziemlich schwierig Tipps zu geben, ohne gleichzeitig Ängste zu schüren und vielleicht Panik zu verursachen. Der Hinweis immer die Getränke im Auge zu haben lässt sich mit der in den Diskotheken oft vorherrschenden Dunkelheit und dem Wunsch mit Freunden bei guter Musik zu tanzen schwer vereinbaren.

Grundsätzlich sollte man vielleicht die Freundin, die die oben genannten Symptome zeigt nicht alleine lassen und zumindest bis zum Taxi begleiten. Wenn es ganz schlimm wird, muss man den Notarzt in den Klub rufen oder sie in die Notaufnahme des Krankenhauses fahren.

Frauen, die alleine unterwegs sind, sollten sich grundsätzlich an das Personal der Disko um Hilfe wenden und ein gewisses Misstrauen fremden Männern gegenüber aufbringen, die sich anbieten sie nach draußen an die „frische Luft“ zu begleiten. Das Problem ist natürlich, dass es sich meist um ein gut gemeintes Hilfsangebot ohne böse Absichten handelt, das spontan und relativ häufig angeboten wird.

 

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

6 Kommentare

  1. @ Joe Dramiga

    Schöner Artikel – seltsame Idee, bewusstlose Frauen begatten zu wollen…

    Jene Amnesie, die Du ansprichst, ist retrograd. Anterograd wäre richtig böse.

  2. Danke für den guten Artikel.

    NUr eine kleine Anregung, es gibt in denvergangen Jahren die Tendenz bei solchen Texten eine “Triggerwarnung” einzubauen, also schlicht ganz oben hinzuschreiben “der folgende Text kann triggern”.

    Gemeint ist damit, dass solche Erzählungen bei Personen die so etwas oder Ähnliches miterlebt haben, das Erzählte zu Angst- und sogar Panikreaktionen führen kann. Vor allem wenn es unvorbereitet kommt. Dass das tatsächlich so ist, kenne ich leider aus meinen Bekanntenkreis.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Triggerwarnung

    Aber ansonsten Danke für den guten Artikel!

  3. Verschlimmbessert

    Da ich den Begriff “anterograde Amnesie” nicht kannte, habe ich gestern zunächst gegoogelt. Meine Nachforschungen ergaben, dass das hier doch der passende Begriff ist:

    “Bei der retrograden (rückwirkenden) Amnesie tritt ein Gedächtnisverlust für den Zeitraum vor Eintreten des schädigenden Ereignisses auf (im Gedächtnis gespeicherte Bilder oder Zusammenhänge können nicht in das Bewusstsein geholt werden). Im Gegensatz dazu versteht man unter einer anterograden (vorwärtswirkenden) Amnesie einen Gedächtnisverlust für eine bestimmte Zeit nach einem schädigenden Ereignis.”
    http://de.wikipedia.org/…und_anterograde_Amnesie

    Retrograde Amnesie tritt etwa bei Gehirnerschütterungen auf, wenn der Betroffene sich auch nicht mehr an die Ereignisse kurz vor einem Unfall erinnern kann. Als schädigendes Ereignis dürfte hier die Einnahme des GHB anzusehen sein, ab da kann man sich später an nichts mehr erinnern.

    “Richtig böse” dürfte das sein, wenn das ein dauerhafter Zustand wird, etwa durch eine Hirnverletzung (und nicht durch den Abbau der Chemikalie im Körper wieder verschwindet), wie z.B. im Film “Memento” eindrucksvoll geschildert.

    Was mich nun etwas nachdenklich stimmt, ich kenne den Film sehr gut, mehrfach gesehen, viel diskutiert, konnte mich aber nicht mehr an den Begriff “anterograd” erinnern. Unter welcher Form der Amnesie leide ich?

  4. @ Joker

    ..kommt halt drauf an, was man als das “schädigende Ereignis” ansieht. Wenn man den Moment der Verabreichung der Droge als solchen definiert (obwohl in diesem Moment noch gar nichts passiert), dann ist’s in der Tat “anterograd”.

    Wenn man die Dauer der Wirkung der Droge (von der Bewusstseinseintrübung/Veränderung bis zum Ende der Bewusstlosigkeit) als die “schädigende Zeitspanne” ansieht, über die hinweg die Erinnerung ausfällt, das ist es “kongrad” (und mir will scheinen, dass dies eigentlich der angemessene Ausdruck ist).

    Als ich über den Bergriff der “anterograden Amnesie” stolperte, dachte ich – zugegebenermassen – zu kurz, nämlich an die persistierende anterograde Amnesie (z.B. nach Hippocampusläsionen), die es dauerhaft unmöglich macht, neue Gedächtnisinhalte zu bilden. Und die ist wirklich arg.

    Der Pschyrembel definiert’s übrigens genauso wie Wiki.

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