Bisphenol A – unbedenklich oder gefährlich?

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Gedanken, biologisch abgebaut
Detritus

Bisphenol A (BPA) ist eine Substanz, die in letzter Zeit oft in die Schlagzeilen gelangt ist. Da sie zur Herstellung von Kunstoffen verwendet wird, trifft man sie praktisch überall an. Seit den 1930er Jahren weiß man, dass sie BPA wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen wirkt und damit ein „endokriner Disruptor“ ist. Damit hat es potentiell schon bei niedrigen Konzentrationen möglicherweise schädliche Wirkungen auf die Fruchtbarkeit und die hormonell gesteuerte Entwicklung von Kindern und Ungeborenen.

 

Das ist der Übeltäter (Bildquelle)

BPA wird vor allem zur als Ausgangsstoff für die Herstellung von Polycarbonat und Epoxidharzen genutzt. Polycarbonat ist jedem sicherlich schon in Form von CDs und DVDs, Brillengläsern oder als Sicherheitsglas schon oft über den Weg gelaufen. Für gesundheitliche Fragen ist das aber eher uninteressant. Weil für den Kunststoff immer von einer guten Biokompatibiltät ausgegangen wurde, wird er etwa in medizinischen Einwegprodukten, für Babyfläschchen und als Behälter für viele Lebensmittel verwendet. Getränkedosen etwa besitzen eine dünne Innenbeschichtung aus Polycarbonat und BPA-haltige Polymere werden zum Abdichten und Beschichten von Trinkwasserrohren verwendet. 

Kommt das Lebensmittel in Kontakt mit dem Kunsstoff, nimmt man immer kleine Mengen an BPA auf, denn bei der Herstellung der Polymere werden die Monomere nie vollständig aufgebraucht, und durch Hydrolyse können sich direkt aus dem Polymer wieder BPA-Moleküle abspalten. Solange die auslaugenden Mengen sehr, sehr niedrig sind, stellt das sicherlich kaum ein Problem dar. Aber ab wann wird die Exposition zur Gefahr für die Gesundheit?

Um das abzuschätzen, werden eine Vielzahl von standardisierten Versuchen durchgeführt, aus denen dann gesetzlich verbindliche Grenzwerte abgeleitet werden. In der EU dürfen in einem Kilogramm Lebensmittel 3 mg BPA enthalten sein und pro Kilogramm Körpergewicht wird eine tägliche Aufnahmemenge von maximal 50 µg als unproblematisch angesehen. Das war aber nicht immer so. Vor 2007 lag dieser Wert noch bei 10 µg je kg Körpergewicht, und wenn man sich ansieht, auf welcher Grundlage diese Grenzwerterhöhung vorgenommen wurde, mutet das schon etwas seltsam an.

Da stellt man sich schon die Frage, ob die Grenzwerte wirklich sicher abgeschätzt sind. Denn das Thema wird nicht ohne Grund kontrovers diskutiert, und egal, wohin man schaut, sind die Einschätzungen anders. Der englische Wikipedia-Artikel zu BPA vermittelt einen guten Eindruck des Chaos.

Das deutsche Umweltbundesamt schätzt die existierenden Grenzwerte zum Beispiel als zu hoch ein und argumentiert, dass die Bedeutung von Niedrigdosiseffekten und Mehrfachbelastungen unterschätzt wird. Außerdem sei die Risikoabschätzung für Schwangere, Kleinkinder und Säuglinge nur bedingt zuverlässig, denn in diesen Personengruppen laufen hormonell gesteuert in engen Zeitfenstern sensible Entwicklungsprozesse ab. Auch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA äußerte im Januar angesichts neuerer Studien „etwas“ Besorgnis und Kanada nahm BPA im September gleich in die Liste der gesundheitsgefährdenden Substanzen auf, womit dort keine BPA-haltigen Babyflaschen mehr erlaubt sind.

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) dagen sieht, wie gesagt, keinen Handlungsbedarf, ebenso wie das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Schweizer oder bis Februar 2010 auch die Franzosen. Danach ist dort BPA in Babytrinkflaschen verboten worden.

Angesichts dieses Expertenstreits, der ja sogar auf der Ebene der Zulassungsbehörden abläuft, bin ich dann vollends verwirrt und desorientiert.

Ein vorsorgliches Verbot halte ich aber trotzdem für wenig zielführend. Auf der einen Seite muss man bedenken, dass man so ein Verbot gut begründen können muss, und wir sind vielen, teilweise sehr viel wirksameren endokrinen Disruptoren ausgesetzt. Dazu zählen neben inzwischen verbotenen Substanzen wie PCBs und DDT auch zugelassene Stoffe wie die als Weichmacher verwendeten Phthalate und pflanzliche Stoffe, die man etwa in Sojaprodukten findet (Phytoöstrogene). All diese Stoffe zu verbieten erscheint mir wenig sinnvoll, vielmehr muss man die Wirkungsweisen und ihre Bedeutung im „echten Leben“ verstehen lernen und daraus sichere Grenzwerte ableiten.

Zudem hat man nicht die große Wahl zwischen existierenden Alternativen, will man Polycarbonat und damit BPA vermeiden. Als erste und beste Alternative fällt mir Glas ein, ein Material, mit dem es nun schon einiges an Erfahrung gibt. Allerdings ist Glas in letzter Zeit ziemlich unpopulär geworden – es ist schwer und zerbrechlich. Die Verletzungsgefahr ist gerade be kleinen Kindern nicht zu unterschätzen.

Alternative Kunststoffe haben im Prinzip genau dasselbe Problem wie BPA/Polycarbonat. Wie die Schweizer argumentiert das BfR, dass diese ebenfalls Chemikalien an Lebensmittel abgeben können:

Außerdem gibt es verschiedene Kunststoff-Alternativen zu Polycarbonat, z.B. werden Babyflaschen aus Polypropylen angeboten. Polypropylen gibt grundsätzlich deutlich mehr Substanzen an Lebensmittel ab, als Polycarbonat. Die migrierenden Stoffe sind jedoch gesundheitlich bewertet und die für ihre Verwendung geltenden Migrationsgrenzwerte müssen eingehalten werden.

Andere Kunststoffe, die in BPA-freien Babytrinkflaschen angeboten werden, sind schlecht charakterisiert, geben aber ebenfalls Stoffe ab. Eine eher suboptimale Lösung wäre also, ein gut charakterisiertes Risiko durch ein schlechter einschätzbares Risiko zu ersetzen. Die Suche nach einem adäquaten Kunsstoffersatz für Polycarbonat wird also noch einiges an Arbeit kosten. Bis dahin bleibe ich bei meinen Polycarbonat-Flaschen. 

Ein zusätzlicher Aspekt wurde letztens in meiner Twitter-Timeline erwähnt (Danke, Michael): Außer über Lebensmittel wird BPA auch über die Haut aufgenommen (NatureNews). Und in Thermopapier, wie es für Kassenzettel verwendet wird, findet man recht hohe Konzentrationen von freiem BPA. Etwa für schwangere Kassiererinnen könnte das ein Problem darstellen, weniger für Personen, die nur gelegentlich damit in Berührung kommen. Die Hersteller von Thermopapier sehen das natürlich etwas anders (Link 12).

Um den Erkenntnisgewinn durch diesen Artikel vielleicht doch noch über Null zu heben: Ich gebe dem Kind nach dem Einkauf nicht mehr die Kassenzettel zum Spielen, das zumindest scheint mir nützlich zu sein. Die BPA-Exposition liegt sonst vermutlich vielfach höher, als über jede zugelassene Trinkflasche.

Martin Ballaschk ist Biologe. Das Blog dient ihm als Verdauungsorgan für seine Gedanken: Er denkt hier öffentlich nach über Dinge, die ihn erstaunen, ihm unklar sind oder ihn aufregen. Oder über die er mit Anderen diskutieren möchte. Beruflich als Wissenschaftskommunikator, hier privat unterwegs.

6 Kommentare

  1. Mist, kein Open Access Paper.

    Aber so ein Fadenwurm ist schon ziemlich verschieden von Säugetieren und mir ist auch nicht ganz klar, ob mit „internal concentrations consistent with mammalian models“ auch wirklich realistische Konzentrationen gemeint sind. Ich bin da ein wenig skeptisch.

    Nachtrag: Ich hab das Paper jetzt! Danke, Anatol!

  2. @Martin

    Oh, wenn es um DNA-Reparatur und -Rekombination geht, muss man mit den evolutionären Abständen nicht so vorsichtig sein. Das sind so elementare Vorgänge, dass das großteils über alle Eukaryoten hinweg konserviert ist. Ich arbeite ja beispielsweise in meiner Doktorarbeit mit Arabidopsis-Homologen von menschlichen Erbkrankheiten.
    Aber man muss natürlich grundsätzlich vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen, ist auch erst ein Paper jetzt. Blöd ist das alles trotzdem…

  3. @Alexander

    Danke für den Hinweis, ich habe davon keine Ahnung. Auch das Paper hat mich in der Hinsicht nicht besonders schlau gemacht. Die Autoren betonen nur an mehreren Stellen, dass ihr Modell ganz schnieke ist.

    Aber ja, schön ist das alles wirklich nicht. Ich bin gespannt, ob von BfR und Konsorten auch eine Stellungnahme kommt oder die sich wieder nur auf GLP-Arbeiten verlassen (wenn ich’s recht verstanden hab, machen die das normalerweise).

  4. Interessante Story

    Hallo Martin,
    coole Story und ja, ich bekenne mich eindeutig zu der Fraktion von Menschen die einen Grenzwert von 50 µg für ausreichend halten. Auch würde ich irgendwann, ohne Bedenken bei meinen eigenen Kindern Polycarbonat(pc)-Flaschen benutzen. Denn wie viel Bisphenol A mehr soll in dieser kurzen Zeit die Milch/Milchgetränk (auch wenn sie darin heis gemacht wurde) aufnehmen? Denn z.B. wurde das Pulver in einer pc-innenbeschichteten Packung gekauft und mit Wasser aus einem pc-innenbeschichteten Rohren angerührt. Hinterher darf das Baby dann noch auf einem Beisring, von Oma gekauft, kauen von dem ich auch nicht immer alle Stoffe kenne.
    Ohne Frage, es ist wichtig Grenzwerte festzulegen und auch zu überwachen. Doch gerade Dein Beispiel mit dem Einkaufszettel zeigt deutlich wo “versteckte” Gefahren lauern können. Und ich bin mir zu nahezu 100% sicher, wenn man eine Mutti frag ob sie es für gefährlich halten würde wenn das Kleinkind den Kassenzettel verspeist, dann würde man sicher eine Antwort wie; Nö, Papier ist doch nicht ungesund etc. bekommen. Und zu guter letzt, wenn ich mir so einige Bestandteile der “Sojamilch” und die hormonellen Bestandteile in dieser anschaue, dann wüste ich nicht ob ich diese dann meinem Kind geben würde. Auch die anderen Bestandteile die Dank/Undank Carl Djerassi sich so im Wasser tummeln sollten beachtet werden (doch da müssten sich ja wieder die Menschen ändern und man hat kein so schönes Feinbild mehr).
    Und wie heist so schön: Früher wurden die Menschen ohne Chemie 35 Jahre alt, heute schimpfen die Menschen 90 Jahre über die Chemie.

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