Über die “Sprache der Vögel”

BLOG: Der Nesthocker

Wissenswertes aus der Vogelwelt
Der Nesthocker

Wenn man sich auf die Suche nach Verhaltensähnlichkeiten zwischen Vogel und Mensch macht, so findet man einige erstaunliche Parallelen. Ein interessantes Beispiel dafür ist die Art und Weise wie Vögel und Menschen kommunizieren. Der Vogelgesang wusste schon immer den Menschen zu beeindrucken und vor allem auch zu inspirieren. In der Mythologie und der Literatur des Mittelalters betrachtete man die „Sprache der Vögel“ als eine magische, göttliche und perfektionierte Form der Sprache. Die Fähigkeit, die Sprache der Vögel zu verstehen galt als Zeichen großer Weisheit und zeugte von einer besonderen Verbundenheit mit einer Gottheit. Sie wurde auch als „Sprache der Engel“ oder „Sprache des Paradies“ (Adamitische Sprache) bezeichnet bzw. interpretiert. Man vermutete auch, dass sich Prophezeiungen hinter dem Gesang der Vögel verbergen könnten. Die Gründe für diese Interpretationen sind vielseitig. Einerseits waren sie durch ihre Fähigkeit zu fliegen mit dem Himmel und den dort wohnenden Göttern auf eine besondere Weise verbunden, andererseits schloss man daraus, dass es sich um äußerst kluge und weise Lebewesen halten müsse. Es gibt aber sicher noch viele weitere Gründe dafür.

Bereits während der Eiszeit nutzte man Vögel (Aasfresser), um durch sie auf dem Menschen verborgene Nahrungsquellen aufmerksam gemacht zu werden. Die Annahme, dass es sich bei Vögeln um äußerst kluge Lebewesen handeln muss ist im Gegensatz zu anderen mit ihnen in Verbindung gebrachten Eigenschaften auch heute noch anerkannt. Auch die Vermutung, dass es sich bei ihrem Gesang um eine Art Sprache handelt ist nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht so abwegig. Wir wissen heute, dass der Vogelgesang eine sehr komplexe Form der Kommunikation im Tierreich darstellt. Wenn Tiere mittels Lauten oder Gebärden kommunizieren ist es zwar nicht unbedingt angebracht gleich den Terminus Sprache zu verwenden, aber in der Art und Weise wie vor allem Singvögel miteinander kommunizieren lassen sich bestimmte Ähnlichkeiten zu der vom Menschen gesprochenen Sprache einfach nicht leugnen.

Ähnlich wie Menschen müssen sie ihre „Sprache“ erst erlernen und können nicht von Geburt an singen. Das unterscheidet sie von allen anderen Vögeln, die oft unter dem Begriff Nonpassseriformes (was soviel wie Nichtsperlingsvögel bedeutet) zusammengefasst werden. Wie vielleicht bekannt ist singen nicht alle Singvögel. Raben und Krähen zählen ebenfalls zur Ordnung der Passeriformes und verdanken ihre Namen den von ihnen geäußerten Lauten, die so gut wie gar nichts mit unserer Interpretation von Gesang gemein haben. Ihre Laute werden von uns als unmelodisches Krächzen wahrgenommen. Raben und Krähen gelten heute als die intelligentesten Vögel überhaupt, aber auf das Verhalten dieser Vögel möchte ich in diesem Artikel nicht genauer eingehen. Vielmehr möchte ich mich den wirklich singenden Singvögeln, genauer gesagt den Prachtfinken widmen.

Wenn wir von Grammatik sprechen, so gehen wir prinzipiell davon aus, dass es sich dabei ausschließlich um einen Begriff aus der Sprachforschung handelt, der nur auf die menschliche Kommunikation anwendbar ist. Doch möglicherweise haben auch bestimmte Singvögel ein gewisses „grammatikalisches Grundverständnis.“ Das gilt zumindest, wenn man sich auf die Erkenntnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie bezieht. Darin wurde der Gesang von Finken genauer unter die Lupe genommen, was sich nicht nur in diesem Fall als ziemlich lohnenswert offenbarte. Wer schon einmal eine Aussage aufgrund eines falschen Satzbaus missverstanden hat, sollte davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um ein rein menschliches Problem handelt. Auch manche Singvögel haben gewisse Verständigungsschwierigkeiten, wenn die Lautäußerungen ihrer Artgenossen nicht in der gewohnten Struktur getätigt werden.

Die japanischen Forscher Kentaro Abe und Dai Watanabe von der University of Kyoto untersuchten dazu den Gesang des Japanischen Mövchens (Lonchura striata), einer domestizierten Form des Spitzschwanz-Bronzemännchens der zur Familie der Prachtfinken (Estrildidae) zählt. Die Mövchen sind äußerst singfreudige und soziale Vögel. Jedes Männchen hat seinen ganz eigenen Gesang, der sich teilweise auch variieren lässt. Hört ein Männchen den Gesang eines Nebenbuhlers, so wiederholt es gleich mehrmals seinen eigenen Gesang. Wenn man sich den Gesang nun als einen Satz vorstellt, in dem jeder einzelne Ton ein Wort darstellt, so hat die richtige Aufeinanderfolge der Wörter einen großen Einfluss darauf wie bzw. ob der Satz überhaupt verstanden wird.

Das gilt auch für die Mövchen: In einem Experiment vertauschten die Forscher die Positionen einzelner Töne im Vogelgesang und stellten fest, dass alle Vögel darauf in gleicher Weise reagierten. Die Finken antworteten auf bestimmte abgeänderte Gesänge, während sie andere einfach ignorierten. Auch Menschen reagieren unterschiedlich auf Veränderungen im Satzbau. Manche Sätze werden trotz eines Wortstellungsfehlers verstanden und bereiten uns keine großen Probleme. Die Aussage „War immer schon rot, dieses Haus“ ist für uns genauso verständlich wie der Satz „Dieses Haus war immer schon rot“. Mit „War rot schon Haus immer dieses“ haben wir dann schon größere Probleme. Auch die Japanischen Mövchen tun sich mit Positionsverschiebungen einzelner Wörter bzw. Silben schwer: Umso stärker die ursprüngliche Gesangstruktur abgewandelt wurde, desto weniger neigten die Finken dazu zu antworten.

Interessant ist, dass sich gerade bei sehr entfernt verwandten Arten wie Vögeln Ähnlichkeiten zu unserer Art zu kommunizieren feststellen lassen. Die Resultate der Studie legen nahe, dass Singvögel wichtige Informationen aus den Silbensequenzen ihrer Artgenossen gewinnen können und dazu in der Lage sind zwischen syntaktischen Strukturen zu differenzieren. Singvögel unterscheiden Lautäußerungen nach solchen Strukturmerkmalen weit besser, als mit den Menschen näher verwandte Tiere, wie z.B. die Affen.

Das Gehirn der Singvögel scheint also besonders auf die Verarbeitung auditiver Reize ausgelegt zu sein. Natürlich gibt es mehr, was den Gesang der Vögel mit der Sprache der Menschen unterscheidet, als was sie verbindet. Trotzdem sind bestimmte Parallelen zwischen ihnen erkennbar. Den Gesang der Vögel vollständig zu entschlüsseln wird uns vermutlich nie gelingen, aber Tatsache ist, dass wir ein immer größeres Verständnis für die sagenumwobene „Sprache der Vögel“ entwickeln. Sollte es jemals einem Menschen gelingen, den Vogelgesang komplett zu entschlüsseln und damit die „Sprache der Vögel“ zu verstehen, so würde es sich dabei wohl wirklich um eine sehr weise Person handeln.

Link zur Studie:

Songbirds possess the spontaneous ability to discriminate syntactic rules (Nature Neuroscience)

Veröffentlicht von

Ich studiere Biologie in Wien und bin ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter und Hobbyornithologe.

Schreibe einen Kommentar