Das Anthropozän – Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört

Eine kleine allgemeine Einführung ins Anthropozän-Konzept

Klimaänderung, Artensterben, Überfischung, Ölkatastrophen, Verstrahlung – wer wäre nicht von der Umweltkrise aufgeschreckt! Ja, „man“ müsste handeln, aber es gibt doch noch soviel andere Probleme: Hunger, brennende Großstädte, Kriege, Finanzkrisen. Schon richtig, wir brauchen die Natur, aber müssen unsere ureigenen menschlichen Angelegenheiten in Krisenzeiten nicht doch eher vorgehen, schließlich muss es mit der gerade auf 7 Milliarden Mitglieder gewachsenen Menschheit ja weitergehen? So leid es uns tut, die Natur muss daher noch etwas warten. So oder so ähnlich denken vielleicht viele. Der Mensch mit seinem Sozialgefüge, seiner Technik und seiner Kultur steht auf der einen, uns sehr nahen Seite, die Natur, die wir als Heimat oder im Urlaub zwar alle lieben, ansonsten aber je nach Lesart nutzen dürfen oder verbrecherisch ausbeuten, steht auf der anderen, entfernteren Seite. Auch der klassische Umweltschutz denkt weitgehend in diesen dualistischen Kategorien, der anthropozentrische, egoistische Mensch und die gute Natur, ein unüberbrückbarer Gegensatz?

 

Transformation der Biosphäre. Effekte menschlicher Tätigkeit auf das eisfreie Festland.
Nach Jones 2011, basierend auf Ellis 2011, verändert.

 

Es ist richtig, der Natur geht es nicht gut, und der Mensch hat einen übergroßen Anteil daran. Die Menschheit hat die Natur viel stärker und dauerhafter beeinflusst, als wir das wahrhaben wollen: nur noch 23 Prozent des eisfreien Festlandes können als echte Wildgebiete bezeichnet werden. Die Meere werden immer leerer. Der Mensch ändert durch Verbrennung fossiler Treibstoffe die Atmosphäre, durch Überdüngung die Stoffkreisläufe von Stickstoff und Phosphor, durch Landnutzung die Artenvielfalt. Er reguliert fast alle Flusssysteme, er gräbt den Untergrund um und verfrachtet um Größenordnungen mehr Sediment als es natürlichen Prozessen entspricht. Der Mensch ist also spätestens seit der industriellen Revolution zu einem geologischen Faktor geworden, daher soll diese Zeit nach einem Vorschlag von Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen einen neuen geologischen Zeitbegriff bekommen, das Anthropozän, die Menschenzeit. Aber wozu eigentlich? Dient der Name nur dazu, diese besonders kritische Zeit mit einem plakativen Begriff zu versehen, um uns ein noch schlechteres Gewissen zu machen? Nein, keinesfalls. Das Anthropozän-Konzept hat umfassende Konsequenzen, wie wir in Zukunft Forschung und Bildung verstehen, wie wir Natur, Technik und Kultur ganzheitlich miteinander verbinden müssen, welche Verantwortung wir als Teil des Erdsystems zu übernehmen haben und wie die Aufgabe des nachhaltigen Wirtschaftens doch bewältigt werden kann.

Dazu müssen wir allerdings die Zusammenhänge noch besser verstehen, denn alles hängt mit allem zusammen. Wie interagieren Klima, Biodiversität, Bodenbeschaffenheit und Migrationswege, wie weit geht die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen, wo beginnt der Absturz? Wie vertragen sich Biodiversitätserhalt und Ackerbau? Könnten wir auch High-Tech-Landwirtschaft betreiben, bei denen,  etwa durch GPS-gesteuerte Traktoren biodiversitätsfördernde Hecken und Tümpel überhaupt kein Hindernis sind? Könnten wir Erholungs-, Agrar- und Wohnlandschaften zu neuen Lebenslandschaften verknüpfen? Und können wir neue Formen der Aufgabenteilung und der gemeinsamen Nutzung erdenken? Vieles gibt es hierzu aus der Vergangenheit zu lernen, aus der geologischen, biologischen, kulturellen und sozialen Evolution. Natur-, Technik-, Sozial-, Kultur-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften müssen gemeinsam über Skalen, Geschwindigkeiten und Wechselwirkungen diskutieren und forschen. Aber auch die Jetztzeit birgt ermutigendes: wir beginnen die Bedingungen unseres Daseins in molekularer und neuronaler Auflösung zu verstehen und wir sind gerade dabei eine neue globale Wissens- und Kreativsphäre zu erschaffen, die im raschen Austausch steht. Zu erforschen gilt es, wie wir neue Identitäten schaffen können, die uns neben unserer Heimat, die häufig durch Natur- und Kulturlandschaften definiert ist, auch eine globale Verortung ermöglichen. Und wir können, ja müssen, aus den Zukunftsszenarien lernen. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft als Wissensdatenbank, eine gigantische Chance für systemische Forschung und für die verantwortliche Entwicklung des Anthropozäns.

Aber können wir überhaupt Verantwortung für die Welt übernehmen, um sie zukunftsfähig zu gestalten? Grundsätzlich ja,  denn wenn wir als „geologischer Faktor“ die Welt an den Rand ihrer planetaren Grenzen bringen können, so müssten wir doch genauso wirkmächtig die Nutzung der Welt auch nachhaltig gestalten können, und zwar global und generationenübergreifend. Kunst und neue Kulturformen, wie etwa soziale Netzwerke, kulturelle und soziale Austauschprogramme und stark erweiterte Teilhabe der Gesellschaft  in vielen Ebenen, wie etwa der Wissenschaft, dem Umweltmonitoring, der Raumordnung und sonstigen politischen Entscheidungen können helfen, neue Identitäten zu schaffen.

Die seit dem Beginn der industriellen Revolution verbreitete mechanistische Sicht, die den Ingenieur als Weltgestalter pries, welcher die Natur im Dienst der Menschheit unterwarf, hat sich selbst überholt. Als Gegenreaktion kam die Umweltdebatte, in der der Mensch vor allem als Störer und Zerstörer der Natur in Erscheinung tritt. Tatsächlich aber erleben wir die zunehmende Verschmelzung von Natur und Kultur. So ist der Mensch nicht mehr nur Objekt von Wetter und Klima, sondern tritt selbst als Klimamacher in Erscheinung. Das Fortbestehen der weitgehend nicht mehr natürlichen Natur hängt direkt von ökonomischen Entscheidungen oder bewusstem Management ab. Der westliche Lebensstil reorganisiert die Biosphäre allein schon durch die dadurch generierten Abfälle in Höhe von etwa 12 Milliarden Tonnen pro Jahr. Auch die Meere haben ihren Charakter als ungestörte Gegenwelt zur Landzivilisation längst verloren. Die Optimierung von Kulturpflanzen und Nutztieren ist auf molekulare Ebenen vorgedrungen. Die vom Menschen geschaffenen Maschinen sind inzwischen so dominierend, dass von technologischen Polulationen gesprochen werden kann, die neben den Organismen als eigene Kraft im Stoffwechsel der Erde präsent sind. Und in der digitalen Revolution hat der Mensch der Biosphäre eine Digitalsphäre hinzugefügt, die zunehmend mit bisher natürlichen Prozessen in Wechselwirkung tritt.

Damit wird das Anthropozänkonzept zu einem organisierenden Prinzip für Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Individuen.  An diesem Punkt wird das primär aus der Wissenschaft entstehende Konzept bewusst politisch. Viele Wissenschaftler werden möglicherweise davor zurückschrecken, die Konsequenzen ihrer Forschung weiter zu denken, liegt dies doch außerhalb ihrer Zuständigkeit. Aber was, wenn nicht Wissensbasiertheit soll dann die Grundlage für zukünftige Entscheidungen sein? Niemand hat es den Medizinern verübelt, dass sie ihr erforschtes Wissen zu den Gesundheitsrisiken des Rauchens nicht für sich behielten, sondern selbständig Kampagnen gegen das Rauchen starteten.  Warum also soll aus den Ergebnissen der Erdsystemwissenschaften heraus keine Kampagne gegen das Verqualmen fossiler Energien gestartet werden, wenn deren Risiken auf der Hand liegen und bestens erforscht sind? Der Anthropozän-Ansatz geht also weit über ein klassisches Forschungskonzept hinaus, er beinhaltet zugleich einen kollektiven Gestaltungsprozess, der in Form von Verhandlungen, Teilhabe, Reflektionen und Nachjustierungen abläuft. In diesem Sinne überschreitet die Anthropozän-Idee die tradierten Grenzen nicht nur innerhalb der Wissenschaft, sondern zwischen Wissenschaftssphäre und nicht-akademischer Gesellschaft. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen bezeichnet in seinem neuesten, ebenfalls in der Idee des Anthropozängedankens geschriebenen Gutachten entsprechende neue Forschungs- und Bildungsansätze als Transformationsforschung bzw. -bildung. Hierbei geht es um ein besseres Verständnis von gesellschaftlichen Transformationsprozessen, um das Anthropozän zukunftsfähig zu gestalten und leben zu können. So muss die Industrie ihren „industriellen Metabolismus“ in Rechnung stellen, also den Weg von der Rohstoffgewinnung bis zum Abfallrecycling mit in die Geschäftsmodelle aufnehmen. Natürlich ist auch eine Rahmengestaltung durch Staat und Staatengemeinschaft wichtig. Wesentlich für das Gelingen einer Anthropozän-Transformation ist jedoch die starke Beteiligung der Gesellschaft. Das Anthropozän braucht Vordenker, Pioniere und Experimentierfreudige auf allen Ebenen. Partizipation sowohl an Forschung zum Anthropozän, als auch an gesellschaftlichen und kulturellen Diskursen und Suchprozessen ist hierbei eine der wesentlichen Voraussetzungen. Hiermit ist die Kultur ein wesentlicher Motor zur Gestaltung eines zukunftsfähigen, gleichermaßen vernunftbasierten wie lebenswerten Anthropozäns.

Die Anthropozän-Idee hat das Potenzial, zur Basis für ein reflektiertes, verantwortliches und nachhaltiges Gestalten des Erdsystems werden. Der Anspruch zu wissenschaftlichem und kulturellem Gestalten, der sich aus dem Anthropozän-Konzept ergibt, könnte größer kaum sein. Oder wie es Autor Christian Schwägerl in seinem lesenswerten Buch „Menschenzeit“ ausdrückt: „Der Weltaufgang hat erst begonnen“. Es liegt an uns allen, dieses aufgehende Zeitalter des Anthropozäns möglichst lange auszudehnen.

 

(Dank an Christian Schwägerl für vielfältige Anregungen und konstruktive Kommentare zu diesem Essay)

Kleine Auswahl an weiterführender Literatur

  • „Menschenzeit. Zerstören oder gestalten. Die entscheidende Epoche unseres Planeten.“ Christian Schwägerl, Riemann Verlag, 2011, € 19,95
  • „Die Erde nach uns. Der Mensch als Fossil der fernen Zukunft“. Jan Zalasiewicz, Spektrum Akad. Verlag, 2009, € 29.90
  • „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 2011, kostenlos via www.wbgu.de

Literatur zu Abbildungsherkunft:

  • Jones, N. (2011): Human Influence comes of age. Geologists debate epoch to mark effects of Homo sapiens, Nature 473, 133, doi:10.1038/473133a
  • Ellis, E.C. (2011): Anthropogenic transformation of the terrestrial biosphere. -Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.1010 -1035. doi: 10.1098/rsta.2010.0331

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

4 Kommentare

  1. Mensch und Natur: Trennen zur Sicherheit

    Der Begriff Anthropozän entspringt der Einsicht in eine bedrohliche Situation: Der Mensch nimmt überhand (wie die Figur “Transformation der Biosphäre” im Beitrag zeigt), will und kann aber die Verantwortung für das “Ganze” gar nicht übernehmen, denn in Wirklichkeit ist es gar nicht seine Absicht alles – bis hin zum Klima und Wetter – durcheinanderzubringen, er will doch nur profitieren.

    Aus der Sicht der Zukunftsinteressen des Menschen sollten wir die weitere unbeabsichtigte (oder sogar beabsichtigte) Manipulation des Erdsystems zurückfahren, denn wie lange wird es dauern bis wir (Zitat)die Zusammenhänge noch besser verstehen und wie viele Irrtümer können wir uns leisten. Die sicherste Lösung für uns und für die Natur sind “getrennte Haushalte”: Der Mensch lebt in seiner Welt und die Natur in ihrer und einen Austausch gibt es kaum und er ist auch gar nicht nötig, denn der Mensch rezykliert 100% der von ihm benötigten Güter und gewinnt die Energie durch Einfangen von Sonnenenergie oder durch Fusions-oder sichere Fissionsenergie. Das nennt man Raumschiffökonomie, wenn wir auf der Erde leben wie Astronauten auf dem Mond leben müssten: eben in ihrer selbst geschaffenen künstlichen Welt in der wieder eingeatmet wird was ausgeatmet wurde und wieder getrunken wird was ausgeschieden wurde.
    Diese Vision wurde bereits Mitte der 1970er Jahre von Cesare Marchetti in seinem provokativen Beitrag 10^12 A CECK ON THE EARTH-CARRYING CAPACITY FOR MAN als Antwort auf Limits-to-Growth ausgearbeitet. In dieser Vision leben 1000 Milliarden Menschen in nach aussen abgehagten vertikalen Städten, die insgesamt nur 10% der Erdoberfläche bedecken und nutzen diesen Raum nicht nur zum Wohnen, sonder auch zum Leben, Arbeiten, Sterben, für die Freizeit, die Nahrungsgewinnung (vorwiegend aus Mikroben gewonnen), die Energieerzeugung (Nuklear- und Sonnennergie) und für die Gewinnung und Rezyklierung der Bau- und Betriebsstoffe dieser geschlossenen Raumschiffökonomie. Auch wenn in absehbarer Zeit nicht einmal 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, so ist Marchettis Ansatz der getrennten Sphären – hier die wilde Natur, die als “Sanktuarium” nur selten besucht werden darf und da die Menschenwelt, in der alles passiert was dem Menschen dient oder auch nicht dient – die einzig sichere Art uns selbst Wachstumsoptionen offenzuhalten ohne die unkalkulierbaren Risiken eines Kollapses einer übernutzen Umgebung einzugehen.

  2. Technologie: Problem oder Lösung?

    Danke, damit haben Sie meine Frage zum vorherigen Beitrag ja schon in aller wünschbaren Ausführlichkeit beantwortet.

    Der Punkt, an dem ich führende Vertreter des Future of Humanity-Instituts der Oxford University traf (2006), war für mich ein Wendepunkt, denn die dort vorherrschende Technikeuphorie hat mich abgeschreckt. Dass viele der Menschheits- und Umweltprobleme gerade durch Technik (mit-)verursacht sind, wirft für mich Zweifel der Geeignetheit dieser Mittel zur Problemlösung auf – würden Sie das ähnlich sehen? Zu welchem Ergebnis kommt Schwägerl?

    Mehr mit Blick auf die Zukunft der Psyche, das transhumane Zeitalter, möchte ich diese eindrucksvolle Dokumentation empfehlen: Technocalyps.

  3. Endlager Atmosphäre – Nein Danke!

    ‘Warum also soll aus den Ergebnissen der Erdsystemwissenschaften heraus keine Kampagne gegen das Verqualmen fossiler Energien gestartet werden, wenn deren Risiken auf der Hand liegen und bestens erforscht sind?’

    Eine sehr gute und (in der wahrnehmbaren Umsetzung) längst überfällige Idee.

  4. Wie erreicht man Alle?

    Ohne Sensibilisierung der Bevölkerungsmehrheit auf die CO2 Problematik kann die Politik nicht die richtigen Weichenstellungen treffen. Davon sind wir noch weit entfernt.
    Ein kleines Mosaiksteinchen wäre es, Konzepte wie den ‘Ökologischen Fussabdruck’ bereits zum Lehrplan in der Grundschule hinzuzufügen.

    Denkt man an bevölkerungsreiche ‘neue Industrienationen’ wie China, Indien und Brasilien, allesamt mit großen Kohlevorkommen ausgestattet, so wird klar, dass einige Paradigmenwechsel notwendig sein werden, von welchen die ‘alten wohlhabenden Industrinationen’ noch sehr weit entfernt sind.

    Als Zweck-Optimist sehe ich in dieser schwierigen Situation auch Chancen, insbesonder wass die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit auf globaler Ebene betrifft. Das scheint aber alles viel zu langsam zu gehen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kologischer_Fu%C3%9Fabdruck

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