Neue Bildungskonzepte in Zeiten des Anthropozäns

Der Corona-Pandemie fiel auch ein spannendes Symposium an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich zum Thema “Das Anthropozän lernen und lehren” zum Opfer. Die eingeladenen Vortragenden wurden jedoch gebeten, ihre Beiträge in ausgearbeiteter Manuskriptform einzureichen. Daraus entstand nun ein beeindruckendes, sehr umfangreiches Werk, welches in den allernächsten Tagen erscheint (als ePub am 7.11.2020, in gedruckter Form ebenfalls in wenigen Tagen):

Carmen Sippl, Erwin Rauscher & Martin Scheuch  (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, 676 Seiten,  Innsbruck, Wien (StudienVerlag). (Reihe: Pädagogik für Niederösterreich Band 9).

Ich selbst durfte einen einleitenden Übersichtsbeitrag zum Thema “Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung” beisteuern, der auch ziemlich umfangreich geworden ist (S.17-67 in der Printversion). Da der Verlag Inhaltsverzeichnis sowie einige Beiträge, darunter den von mir beigesteuerten, als ePub-Leseprobe frei verfügbar gemacht hat, füge ich hier nachfolgend das Einleitungkapitel meines Artikel ein. Da das Symposium ja wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nicht stattfinden konnte, habe ich mir dort (mit Stand Mai 2020) auch erlaubt Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Umweltkrise und Pandemie anzusprechen.



Die großen Herausforderungen bei der Umweltbildung 

Obwohl wir alle die Natur schätzen, hat sich der Unterschied zwischen Natur und Kultur durch die immer stärker zunehmenden menschlichen Eingriffe in die Umwelt gleichsam aufgelöst – und dies weitgehend unbemerkt, zumindest was das Ausmaß angeht: Nur noch etwa 25 % der eisfreien festen Erde können als Urnatur bezeichnet werden, den Rest haben wir schon extrem verändert (Ellis 2011, Ellis & Ramankutty 2008, Ellis 2011, Jones 2011). In den Meeren sieht es kaum anders aus (Halpern et al. 2008, 2015, WBGU 2013). Wir reduzieren die Biodiversität der Organismen in rasch zunehmender Weise (Ceballos et al. 2015, Williams et al. 2018, IPBES 20191) und verschieben sprichwörtlich die Gewichte der Lebewelt. So bestehen 96 % der Biomasse aller Säuger aus der Biomasse des Menschen (36 %) und seiner Säugernutztiere (60 %), nur vier Prozent der Biomasse verbleibt für die Vielfalt aller wilden Säugetiere. Bei den Vögeln ist es ähnlich, 70 % ihrer Biomasse wird von Zuchtgeflügel gestellt (Bar-on et al. 2018)2. Wir müssen also besser verstehen lernen, dass all unser Wirtschaften und Wohlergehen von den Dienstleistungen und Ressourcen dieser Erde abhängt. Diese sind aber nur zum Teil nachwachsend (biologische Ressourcen für Kleidung, Nahrungsmittel, Holz etc.), und dies auch nur, sofern wir die Bedingungen für das dauerhafte Nachwachsen, also Bodenqualität, Wasserverfügbarkeit, Nährstoffverfügbarkeit und Klima nicht aushebeln oder, wie bei der Wasser und Nährstoffverfügbarkeit, durch Bewässern und Düngen nachhelfen. In sehr weiten Teilen bestehen die von uns verwendeten Stoffe aber aus nicht (bzw. nur unter erdgeschichtlichen Skalen) erneuerbaren Ressourcen (siehe Box 1).

Daraus ergeben sich eine große Verantwortung und damit verbunden auch viele neue Ansätze für die Umweltbildung. Gerade durch die zum Zeitpunkt der Finalisierung dieses Artikels immer noch herrschende, wenn auch in Europa abflauende SARS-CoV-2-Krise werden umfassende gesellschaftliche Herausforderungen nicht nur, aber gerade auch im Bereich der Umweltvorsorge und Umweltbildung wieder besonders klar. So räumt auch der Corona-Virus mit der Vorstellung auf, dass der Natur eine Nichtnatur in Form von Kultur und Gesellschaft als Dualismus gegenübersteht. Sowohl die Verbreitung des Virus als auch die Veränderung des Erdsystems sind heute dominant menschenbedingt: Die Natur umgibt uns nicht irgendwie in weiterer Distanz als Umwelt, sondern durchdringt uns und wir durchdringen sie – ein wechselseitiges Unterfangen. Wir sind Teil dieses Ganzen, dominieren allerdings immer stärker und sollten uns bewusst werden, dass wir uns als integrativen Teil dieser „Unswelt“ verstehen müssen (Leinfelder 2011, 2017a, 2020a, Leinfelder et al. 2012, Schwägerl & Leinfelder 2014)3. Auch gibt es für Problematiken wie die SARS-CoV-2Krise genauso wie für die Anthropozän-Herausforderungen keine einfachen Richtig-oder-falsch-Lösungen, sondern nur gemischte Lösungsportfolios, die komplex sind und auch laufend dem jeweiligen Kenntnisstand angepasst werden müssen. Vor allem aber zeigt uns die SARS-CoV-2-Krise emotionale Herausforderungen auf, die auch für die Umweltkrise virulent sind: Zu Beginn der Krise war das gesellschaftliche Bedrohungsgefühl immens, vor allem auch wegen der Bilder der vielen Toten und des überlasteten Ärzteund Pflegepersonals aus Italien. Kaum bekam man aber die Krise wegen der vielen Maßnahmen besser in den Griff, wurden Stimmen laut, alles sei ja wohl gar nicht so schlimm und insbesondere die Wirtschaft dürfe darunter nicht leiden. Dies mündet (mit Stand Mai 2020) in der Aufforderung, möglichst rasch zum Business as usual zurückzukehren, auch hinsichtlich unserer Freizeit, unseres Konsumverhaltens, unseren sozialen Gepflogenheiten. Warnenden Stimmen aus der Wissenschaft werden vereinzelte andere Stimmen von Experten oder auch nur solchen, die sich dafür ausgeben, entgegengesetzt. Statt eines gesellschaftlichen Diskurses über das weitere sowohl politische als auch gesamtgesellschaftliche und persönliche Vorgehen und Verhalten kommt es vielmehr zu Externalisierungen, die einen selbst freisprechen. Zunehmend viele sind dabei auch anfällig für „Fake News“ bis hin zu extrem kruden, oftmals sogar menschenverachtenden Verschwörungstheorien. Aber auch ohne extreme Spielarten ist die in der Psychologie als Verantwortungsdiffusion bezeichnete Entschuldigungsund Externalisierungsstrategie in leider fast allen Problemarealen und Maßstäben möglich – vom Land zum Bundesland zur einzelnen Stadt, bis hin zu sich selbst. Sowohl hinsichtlich des Verhaltens in der SARS-CoV-2-Krise als auch bei den Klimaaspekten geschieht dieses persönliche Herunterbrechen etwa bei der Nutzung von Flügen, des Autos oder des Internets. Im Endeffekt muss damit keiner verantwortlich sein.

Besonders deutlich wird in „Corona-Zeiten“ aber auch das Präventionsparadox. Wenn Maßnahmen zur Kriseneindämmung gelockert werden, ist schnell konstatiert, dass eben diese Maßnahmen übertrieben waren und eigentlich vor allem negative Auswirkungen gehabt hätten. Hätte man die Maßnahmen aber nicht durchgeführt, wäre den Verantwortlichen Versagen vorgeworfen worden. Ähnlichkeiten zum Diskurs bei der Umweltkrise gibt es, etwa beim Waldsterben der 1980er-Jahre. Hier ist heute selbst von manchen Wissenschaftlern / Wissenschaftlerinnen im Nachhinein immer wieder noch zu hören, dass der Wald ja doch nicht abgestorben sei, wie damals für weiteres Nichtstun prognostiziert wurde. Tatsächlich nahm aber der überwiegend ursächliche saure Regen durch die Etablierung geeigneter Filtermaßnahmen bei Kraftwerken und Verbrennungsanlagen extrem ab, was auch die Regeneration des Waldes bewirkte, auch wenn andere Schädigungen, insbesondere die intensive Waldbewirtschaftung, das Problem zusätzlich verschärft hatten. Oftmals allerdings wird das Präventionsparadox auch umgedreht. So wird vorab insinuiert, dass Maßnahmen, die ja zu einem guten Teil noch gar nicht getroffen wurden, katastrophale Auswirkungen auf die Wirtschaft und damit die Gesellschaft haben würden und man deshalb lieber nichts oder nur wenig oder nur sehr langsam tun sollte (siehe Abschnitt 3.1.1).

Dies führt uns zu einem wesentlichen Unterschied zwischen SARS-CoV-2-Krise und Anthropozän-Krise – der Frage der Zeitskala. Zwar sind beide Krisen – in all ihrer regionalen Differenziertheit – auch räumlich global, allerdings ist der zeitliche Maßstab doch ein sehr unterschiedlicher: SARS-CoV-2 breitet sich innerhalb von Tagen und Wochen aus und bedarf der Beobachtung sicherlich auch über viele Monate, wenn nicht gar Jahre. Aber die Krise begann jetzt und ist für jeden direkt – durch Erkrankung – oder indirekt – durch die einschränkenden Maßnahmen – spürbar. Die Klimakrise und andere Umweltkrisen sind aber überwiegend nicht bzw. kaum sichtbar oder – von Extremwetterereignissen abgesehen – spürbar. Selbst bei gut sichtbaren Auswirkungen, wie beim extremen Zurückgehen von Insekten oder dem drohenden weiteren Verlust von Korallenriffen, erscheinen sie nicht von direkter Relevanz für uns – eine enorme Fehleinschätzung.

Abbildung 1: Ausmaß anthropogener Veränderungen des Erdsystems – einige Beispiele (verschiedene Quellen, siehe 2.1)

Da das Anthropozän-Konzept insbesondere auch auf den Geowissenschaften beruht, sei dieser Unterschied anhand der Erdgeschichte kurz erläutert: Die über viereinhalb Milliarden Jahre lange Geschichte unseres Planeten wird gerne zu Ausreden missbraucht, warum wir angeblich nichts tun müssen bzw. können. So sei die Geologie stärker als wir (dies gilt längst nicht mehr überall, so stoßen wir heute mindestens 100-mal mehr an CO2 aus fossilen Quellen aus als alle aktiven Vulkane dieser Welt zusammen4). Zu weiteren Beispielen menschlichen Tuns im geologischen Ausmaß siehe Abb. 1. Das Klima habe sich eh immer geändert – richtig, aber meist in Millionen von Jahren andauernden Zeiträumen, also nie dermaßen schnell wie wir dies heute bewerkstelligen; das Argument ist also eine klassische Skalenverkennung. Korallenriffe seien auch etliche Male ausgestorben, haben sich aber wieder erholt – richtig, aber die Erholung tropischer korallenreicher Riffe dauerte jeweils mehrere Millionen Jahre, in einem Fall sogar 140 Millionen Jahre (siehe Leinfelder 2019). Nein, die Erdgeschichte liefert uns keinesfalls Ausreden, um die Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Verhaltensänderungen zurückzuweisen5. Diese Dominanz von Langzeitnarrativen wird allerdings – oft unbewusst – sogar bei Studierenden der geologischen Wissenschaften auch heute noch implementiert. Dabei erfordern die erdsystemaren, kulturellen und sozialen Herausforderungen des Anthropozäns nicht nur in den Geowissenschaften, sondern in vielen weiteren Fächern einen Wechsel unserer pädagogischen Ansätze6. Richtig betrachtet und mit neuen Narrativen erzählt, liefern die Geowissenschaften sogar überaus hilfreiche integrative Betrachtungsmöglichkeiten (siehe Abschnitt 3.2). Gerade das aus den Erdsystemwissenschaften und der Geologie hervorgegangene Anthropozän-Konzept liefert hier vielversprechende Ansätze und Möglichkeiten, sieht es doch das Heute als ein Produkt von erdgeschichtlichen Langzeitprozessen und den sozioökonomischen Prozessen der modernen Menschheit. Dies erlaubt damit auch die Entwicklung lösungsorientierter gesamtheitlicher Zukunftsszenarien im Kontext eines funktionsfähigen, die Menschheit und alle Organismen mittragenden Erdsystems. Dazu sollen das Konzept im Nachfolgenden kurz vorgestellt und danach einige Anregungen zu dessen gewinnbringender Nutzung im schulischen Kontext gegeben werden.

Fußnoten:

  1. Pressemeldung mit den wesentlichen Daten dazu: https://ipbes.net/news/Media-Release-Global-Assessment
  2. Biomasse-Angaben basierend auf dem Kohlenstoffgehalt der Organismen.
  3. Siehe hierzu auch den Blog „Der Anthropozäniker – von der Umwelt zur Unswelt“, Leinfelder 2011ff.
  4. IPCC 2013 AR5, WG I, Kap. TS.3.5, http://www.climatechange2013.org/images/report/WG1AR5_TS_FINAL. pdf, siehe auch https://www.klimafakten.de/behauptungen/behauptung-vulkane-emittieren-mehr-kohlendioxid-als-die-menschen
  5. Als Beispiel, wie derartige Pseudoargumentation von populistischen Gruppen missbraucht wird, um die Ener- giewende auszuhebeln, siehe die Zerlegung des von der rechtsnationalen deutschen Partei AfD bei Fridays- ForFuture-Demos (ohne Impressum) verteilten „Klimaquiz“ durch Klimaforscher Stefan Rahmstorf: https:// scilogs.spektrum.de/klimalounge/das-klimaquiz-der-afd-die-aufloesung/
  6. Zur Diskussion weiterer schulischer Herausforderungen in diesem Kontext siehe auch Leinfelder 2013a, 2018, 2020.

Quelle: Der obige Text entspricht dem Einleitungskapitel aus: Leinfelder, R. (2020, in press): Das Anthropozän – mit offenem Blick in die Zukunft der Bildung.. In: Sippl, C.Rauscher, E.& Scheuch, M. (Hrsg.): Das Anthropozän lernen und lehren, S. 17-65, Innsbruck, Wien (StudienVerlag). (Reihe: Pädagogik für Niederösterreich Band 9)

Den ganzen Artikel incl. aller oben verwendeten Zitate (sowie das Inhaltsverzeichnis des Buchs und einige weitere Buchartikel) finden Sie hier (ebook-Preview, Artikel RL ab ePub-Seite 16). 

Weitere Infos zum Buch: Verlagsseite, Weitere Infos zur Projektreihe Anthropozän an der PHNÖ: Hypotheses-Blog von Carmen Sippl sowie Projektseite der PHNÖ: Das Anthropozän als Denkrahmen für Bildungsprozesse.

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

8 Kommentare

  1. Zitat 1:

    Nur noch etwa 75 Prozent der eisfreien festen Erde können als Urnatur bezeichnet werden, den Rest haben wir schon extrem verändert (Ellis 2011, Ellis & Ramankutty 2008, Ellis 2011, Jones 2011).

    Zitat 2:

    3/4 der (eisfreien) Landoberfläche nicht mehr ursprünglich, das meiste Süßwassers wird durch Menschen verbraucht / gemanagt; Meere: etwa 90 Prozent nicht mehr im Urzustand.

    Frage: Müsste es nicht heissen (bei Zitat 1):

    Nur noch etwa 25 Prozent der eisfreien festen Erde können als Urnatur bezeichnet werden,…

    Grund: Im Original widersprechen sich Zitat 1 und Zitat 2.

  2. Neue Bildungskonzepte ? Welche ?
    Die Japaner lagern Thunfische ein, weil sie knapp werden.
    Wir würden eher schlussfolgern, esst keinen Thunfisch mehr.
    Das Eis der Antarktis schmilzt. Also kurz noch mal eine Reise zum Südpol, bevor das Eis ganz verschwindet.
    In der DDR haben die Leute auch um die Ecke gedacht. Wenn im Radio geworben wurde für Rotwein, dann wussten alle, der Weißwein ist knapp und haben Weißwein gekauft.
    Also, je mehr Panikmache über die Umwelt, desto mehr Ferntourismus. Sollte man mal darüber nachdenken.

    • Danke für den Kommentar. Bin da allerdings anderer Meinung. Der obige Beitrag ist nur die Einleitung zu einer 50-Seiten-Arbeit von mir (ggf. ganz lesen? Der Link ist ganz am Ende angegeben. Da geht es übrigens auch um Entschuldigungsmechanismen, warum man nichts tut. Fatalismus (so würde ich Ihren Kommentar zuordnen) ist zwar sehr gut nachvollziehbar, aber eben auch keine Lösung. Und mein Buchbeitrag ist auch nur so etwas wie eine Einleitung zu vielen weiteren Beiträgen (Buch ist 670 Seiten dick).
      Hier auf dem Blog wäre zum Thema vielleicht noch dieser Beitrag von Interesse? (da geht es um neue integrative Sichtweisen): https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/narrative/
      Evtl. könnte auch dieser ältere Beitrag zu Ausredemechanismen von Interesse sein? https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/frueher-war-die-zukunft-auch-besser/
      Und Lösungen gibt es halt auch nur, wenn zuvor eine Diagnose der Situation stattfindet, so sehe ich unsere Studien. Die Fakten der Analyse/Diagnose können ja durchaus alarmierend sein, aber das ist deswegen noch lange kein Alarmismus oder gar Panikmache. Aber ja, ich gebe Ihnen auch recht, dass es halt auch diejenigen gibt, die dann bei Meldungen erst recht das gerade nicht angesagte machen, so nach dem Motto nach mir die Sintflut. Das ist dann Fatalismus gepaart mit Egoismus. Bezüglich der Reisen: ich halte es schon für wichtig, dass man sich auch vorstellen kann, worum es geht, dazu ist eigene Betrachtung durchaus oft hilfreich. Aber dazu muss man nicht selbst überall gewesen sein, es gibt sehr gute bildgewaltige Reportagen, die Faszination der Korallenriffe kann einem auch in Zooaquarien klar werden und ja, manchmal genügt schon das Bewusstwerden unerhörten Verhaltens durch Medienberichte, wie etwa das unethische Einlagern von (tiefgefrorenen) Thunfischen für Zeiten, in denen es keine mehr gibt und man daher gigantische Summen dafür erreichen kann. Dies zeigt, dass auch Umweltbildung viel mit Statussymbolen zu tun hat (“ich leiste mir beim Essen, beim Auto, beim Reisen etc. das allerteuerste und allercoolste, ich bin es mir wert”), auch diese Erkenntnis und deren Hinterfragung (statt “ich bin es mir wert!” zu einem “warum hab ich das nötig?” ist zB. ein wichtiger Ansatz auch für neue Bildungskonzepte. Im Prinzip geht es um eine Repositionierung von uns selbst im Erdsystem.

  3. Hallo Herr Leinfelder,
    da haben Sie sich ja mächtig ins Zeug gelegt.
    1)Entschuldigungsmechanismen für das Nichtstun ?
    Wer muss sich entschuldigen und bei wem ?
    Sie gehen davon aus, dass die Mehrzahl der Deutschen Akademiker sind und vor allen Dingen Zeit haben, sich mit Umweltfragen zu beschäftigen. Die meisten sind keine Akademiker und die kaufen das billigste Schweinefleisch, obwohl in den Medien offen die Qualtierhaltung angeprangert wird.
    Diese Leute entschuldigen sich nicht.
    Diese Leute wählen auch nicht grün. Pikanterweise ist unser Ministerpräsident ein Grüner, leider ohne grüne Gesinnung.
    Deutschland macht mit seinen 80 Millionen Einwohnern etwas mehr 1 % der Weltbevölkerung aus.
    Damit sind unsere Einflussmöglichkeiten schon mal eingeschränkt.
    Als Sahnehäubchen kann man unsere Industrie bezeichnen, die chemische Industrie mit Bayer an der Spitze, die gegen jeden Verstand dieses berühmte Pflanzenschutzmittel herstellt verkauft, das für das Insektensterben verantwortlich ist.
    Sahnehäubchen ist auch unsere Autoindustrie, deren Automobile immer schwerer werden, Durchschnitt jetzt 2 t, regt sich da jemand auf ?

    Appell an die Vernunft, Fehlanzeige. Gewinnmaximierung geht vor Ökologie.

    Wer trägt die Verantwortung ? Der Wähler letzten Endes. Und der ist moralisch noch nicht so sensibilisiert, dass er den politischen Parteien mal die Rote Karte zeigt.
    Also, was wollen Sie und wie wollen Sie das schaffen ?
    Können Sie das in drei verständlichen Sätzen formulieren ?

    Da muss man anfangen, beim Volk, beim einfachen Volk im Kindergarten in den Grundschulen. Aber wie, wenn die Lehrerin die Sache zwar versteht, aber nicht den Drang hat zur Veränderung.

    Fazit: Der Leidensdruck auf die Bevölkerung ist noch nicht hoch genug, dass ein Umdenken, ein radikales Umdenken stattfindet. Sorry, für Optimismus läuft uns die Zeit davon.

    • Hallo Herr Wiedemann, da verweise ich gerne auf viele weitere Beiträge hier.
      – Ich fürchte, Sie haben da ggf. ein paar Dinge falsch verstanden, vielleicht weil ich sie missverständlich ausgedrückt habe. So meine ich mit Entschuldigungsmechanismen die verbreiteten Schuldexternalsierungen, aber auch die Selbstausreden (- Ihre 1%-Argumentation gehört dazu -), siehe z.B. hier: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/frueher-war-die-zukunft-auch-besser/

      – Aber auch Ihren Frust verstehe ich gut. Es ist nicht so, dass ich dies nicht auch kenne: Vielleicht lesen Sie dazu evtl.diesen Blogbeitrag von mir: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/persoenliche-mensch-natur-gedanken-anlaesslich-fridaysforfuture/
      Aus der Verantwortung kann man aber niemanden entlassen, weder die Politik, noch die Wirtschaft, noch die Gesamtgesellschaft, noch jeden einzelnen.

      – Und nein, Lösungen in drei Sätzen gibt es wirklich nicht. Schon die Frage danach ist m.E. Teil des Problems: wir suchen gerne – das ist durchaus auch in unserer kulturellen westlichen Tradition) begründet – nach der einen, einzig richtigen Lösung, die MUSS es doch geben! Richtig vs. falsch, gut vs. böse, etc etc. Und da diskutiert oder streitet man ewig, was die einzige richtige Lösung sei. Die gibt es aber einfach nicht. Und nur via Leidensdruck funktioniert auch nichts. Also nur Fatalismus? (wieder so eine Selbstentschuldigungsstrategie)? Keinesfalls. Ja, es ist alles überaus schwierig und alles geht viel zu langsam voran, aber: ich hab auch Kinder (die übrigens alle engagiert sind und zu Lösungen beitragen) sowie Enkelkinder. Soll ich denen sagen, lasst alles bleiben und fahrt noch schnell überall hin, bevor alles untergeht? Nein, wirklich nicht.

      – Aber ja, ich gebe Ihnen recht, dass entsprechende Bildung bei den Lösungen eine sehr wesentliche Rolle spielt (wie gesagt, der Post hier war aus meinem Kapitel im Buch: Das Anthropozän lernen und lehren; siehe http://tinyurl.com/Sippl_etal_Leseprobe ).

      – mein Fazit: Bitte nicht unterkriegen lassen und weiter mitmachen. Was jede*r einzelne, jede Gruppe, jede Stadt, jedes Land machen kann, wird alleine natürlich nie hinreichend sein. Es ist also keine hinreichende, aber eine notwendige Bedingung, dass alle ihren Beitrag leisten, damit wir vorankommen.

      Dies alles soll die Politik und die Wirtschaft keinesfalls aus der Verantwortung herausnehmen, ganz und gar nicht. Aber es geht eben vor allem auch um einen Diskurs rund um die Frage: Wie wollen wir leben? Und die Antworten auf die Frage können wegen der Unvorstellbarkeit der Zukunft wohl nur über Vorstellbarmachung und Ausprobieren funktionieren, auch daher schreibe ich u.a. diese Blogbeiträge (bei Interesse gibt es dazu etliches auf dem Blog, etwa hier (v.a. ab Abb. 4): https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/

  4. Hallo, Herr Leinfelder,
    die Länge und Ausführlichkeit ihrer Antwort beweist, dass Sie es ernst meinen.
    Im Grunde sind wir gleicher Meinung, der Unterschied: Sie sehen die Welt eine Minute vor 12, ich sehe sie 1 Minute nach 12.
    Nur zur Ergänzung, die Niederländer planen schon Häuser, nicht fest auf dem Boden, sondern gehalten von 4 starken Säulen, an Ringen. Wenn der Meeresspiegel steigt, dann steigt das Haus mit. Eine Art schwimmendes Haus. Ist das jetzt Optimismus oder Pessimismus? Ich sehe es als optimistisch, weil man auf diese Weise das Unvermeidliche beherrscht.
    Man kann Fatalismus auch optimistisch sehen, als Fügung in das Unvermeidliche.
    Übrigens, ich war Lehrer und habe den Schülern beigebracht, wie man mit Gefahren umgeht. Und das Entscheidende dabei, aktiv bleiben, ohne Wertung das Chaos beherrschen. Ich lese auch regelmäßig Spektrum der Wissenschaft, aber…. das haben Sie gut erkannt, das Verhalten der Bevölkerung zur Tierhaltung, die schreit zum Himmel. Ich denke, da wird sich die Natur noch rächen. Tiere die mit Antibiotika vollgestopft werden, damit sie schneller schlachtreif werden, das ist doch krank !
    Machen Sie weiter so, wenn jeder nur einen einzigen guten Gedanken verbreitet, dann geht die Welt nicht unter.

    • Vielen Dank, Herr Wiedemann, ja, so sehe ich es im Prinzip auch. Das was Sie Fatalismus nennen, würde ich allerdings eher Adaptation bzw. Managemet nennen nennen, (bzw. in meiner Terminologie wäre Ihr Beispiel Teil meines “reaktiven Pfads”. Das niederländische Beispiel verwende ich übrigens dazu seit langem 😉 Siehe z.B. hier, Abb. 20 und Text darunter: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/haus-zukunft-berlin/
      ) Es gibt ja tatsächlich bereits größere schwimmende Wohngebiete dort, sozusagen als Prototypen.
      Aber dies ist eben m.E. nicht der alleinige Pfad (obwohl für die Niederlande sicherlich ein wichtiger). Die Zukunft wird eine je nach Thema und Region wohl unterschiedliche Mischung von Vermeidungs, Management (“Chaos beherrschen”? 😉 und Anpassung sein müssen (bzw. eben eine Mischung aus reaktivem, suffizientem, bioadaptiven und hightech-Pfad), so hoffe ich zumindest. Viele Grüße und alles Gute!

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