Forschung fordert zum Umdenken auf – Anthropozäne Gedanken zum Science March

Heute erschien das Interview von Arik Platzek mit mir zum Thema March for Science am 22.4.2017. Ich habe – nicht nur wegen des am selben Tag stattfindenden “Earth Days” – meine Antworten in überwiegend “anthropozänem Kontext” gegeben. Der Interview-Teil ist nachfolgend – mit Dank an Arik Platzek für die Verwendungsgenehmigung – wiedergegeben. Bebildert hab ich für diesen Blogbeitrag mit eigenen Scribbles

„Die bloße Weitergabe von Erkenntnissen ist nicht genug, um Wissenschaft zu breitestmöglicher Anerkennung und Legitimation in der Gesellschaft zu verhelfen, sagt der Geobiologe und Paläontologe Reinhold Leinfelder. Der Professor an der Freien Universität Berlin wird im Rahmen des ersten „March for Science“ gemeinsam mit vielen anderen Teilnehmern weltweit für das Bewusstsein der Bedeutung von Forschung und Wissenschaft für unsere Zivilisation werben.“ (Arik Platzek)

 

Wissenschaften als Pfadfinder für die Zukunft (Abb. RL)

Arik Platzek: Was motiviert Sie zur Teilnahme am March for Science?

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder: Mich treibt zum einen die Zunahme von Wissenschaftsfeindlichkeit und Ablehnung wissenschaftlicher Ergebnisse, bei uns in Europa, aber natürlich auch in den USA, an. Stichwort Klimawandelleugner und vieles mehr.

Zum anderen sehe ich aber auch die Möglichkeit, vielleicht durch die Teilnahme zum Verständnis beizutragen, dass Wissenschaften für alle da sind und alle davon profitieren können, aber Wissenschaften natürlich auch gesellschaftlich eingebunden gehören, also ein Teil unseres kulturellen und sozialen Systems sind und Zukunftslösungen ohne Wissenschaften sicherlich zum Scheitern verurteilt sind.

Haben Sie geahnt, dass sich eine von Wissenschaftlern stark geförderte Technologie wie das Internet so sehr gegen die Wissenschaft und die Arbeit für eine globale Wissensgesellschaft wenden könnten?

Zugegeben nein, auch wenn mir schon lange klar war, dass Faktencheck und Web-Literacy wesentlich sind, um mit dem Web nutzenreich umgehen zu können. Aber dass sich (auch noch so rasch) wiederum dermaßen viele „Echokammern“ bilden, die zur verkürzten Bestätigung bequemer Ausreden für eigene Verantwortung verwendet werden – Motto: „Da sind doch die xyz dran schuld, keinesfalls ich“ –, hätte ich nie gedacht. Ich dachte, dass die Offenheit und Transparenz des Webs dies verhindern würde.

WissKomm: heute -ganz schön komplex (Abb RL)

 

Warum sind Wissenschaftsfeindlichkeit und die Ablehnung bzw. propagandistische Verkehrung unbequemer Tatsachen wie des Klimawandels aus Ihrer Sicht in der heutigen Zeit von besonderer Brisanz?

Siehe oben: die Welt ist komplex, systemisch, alles hängt mit allem zusammen. Dies gilt gerade auch für unsere großen Zukunftsherausforderungen. Diese umfassende Vernetzung und die wechselseitigen Abhängigkeiten sind typisches Kennzeichen des Anthropozäns. Anthropozän-Forschung beschreibt und analysiert ja zunächst einmal mit wissenschaftlichen Methoden, wie sehr der Mensch in das Erdsystem eingegriffen hat, und zwar nicht nur in die Atmosphäre und das Klima, sondern eben auch in die Meere und auf dem Festland. Die eisfreien Zonen des Festlands sind schon zu mehr als drei Vierteln keine ursprüngliche Natur mehr und in den Ozeanen sieht es kaum besser aus. Die Wissenschaften erforschen hierbei auch den umfassenden Einfluss des Menschen auf ehemals natürliche Kreisläufe, wie zum Beispiel auf den Süßwasser-, den Phosphor- und den Stickstoffkreislauf, sowie die anthropogene Dominanz der gesamten biologischen Produktion. 90 Prozent der Biomasse aller Säugetiere besteht aus der Masse des Menschen und der seiner Nutztiere. Selbst in das Sedimentationsgeschehen greifen wir umfassend ein – wir tragen ganze Berge durch „mountain topping“ für Ressourcenabbau ab, schneiden Täler, stauen Seen, und nehmen den Flüssen ihr Sediment weg, so dass sich die Deltas zurückziehen. Die Beispiele könnte man noch viel weiter führen.

Wir fabrizieren aber auch dermaßen viel Materialien aus natürlichen, meist jedoch nicht erneuerbaren Ressourcen, wie etwa Erzen, seltenen Erden oder Erdöl, dass dies eine gewaltige „Technosphäre“ aufgebaut hat, wodurch auch viele neuartige Sedimentpartikel, sogenannte „Technofossilien“ entstanden sind, die wir nun im Anthropozän überall finden, vom Hochgebirge bis in die tiefsten Meeresregionen hinein. Allem voran sind da Plastikteilchen, aber auch Betonfragmente, sowie elementares, in der Natur so fast nie vorkommendes Aluminium, industrielle Asche, radioaktiven Fallout aus Kernwaffentests sowie Kernkraftkatastrophen und etliches mehr. Um dies zu erfassen, benötigen wir die Wissenschaften. Aber auch, um zu verstehen, wie alles mit allem zusammenhängt, wie wir also beispielsweise die Globalisierung mitgesteuert haben durch das, was, wie und wo wir essen. Die Analyse all dieser technischen, kulturellen und sozialen Zusammenhänge ist hierzu ebenfalls nötig. Unsere bislang doch überwiegend sektoral aufgestellten Wissenschaften müssen dafür noch viel stärker kooperieren, um systemische, integrative Zusammenhänge inter- und transdisziplinär zu erforschen und zu verstehen.

Was durch diese Forschung zum Vorschein kommt, wollen viele allerdings nicht wissen, fordert es doch zum Umdenken und zu neuen Handlungsweisen auf. Statt sich einzugestehen, dass jeder auch selbst einen Beitrag zu dieser Situation geleistet hat, ist es bequemer, Sündenböcke zu suchen. „Die xyz“ sind schuld – hier sind sie wieder. Xyz steht da fallweise für „Politik“, „Wirtschaft“, „Lügenpresse“, „Wissenschaft“, „andere Länder“ etc.

Von Wissenschaftleugnern bis zu Selbstentschuldigungen. Links: Grundkategorien Leugner, Abwarter, Selbstentschuldiger; Mitte: Allgemeine Entschuldigungen für jetzt Nichtstun (alle drei Aussagen sind falsch); Rechts: ja, ich sollte etwas tun, aber…. andere profitieren von meinem Einsatz, … ich bin nur einer von 7 Mrd., bringt nichts, …. lieber Solar aufs Dach oder das Haus dämmen? kann mich nicht entscheiden (und daher passiert gar nix). (Abb. RL zum Thema vgl. Scilogs hier, hier und hier).

 

Was können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun, um eine ausreichende Aufklärung und die offene Auseinandersetzung bei möglichst vielen Menschen zu fördern?

Bei der Analyse des Ist-Zustandes können wir es nicht bewenden lassen. Gerade auch zur dringenden Lösung der großen Zukunftsproblematiken im zukünftigen Anthropozän benötigen wir Wissenschaften, die diese „Grand Challenges“ auch kommunizieren müssen. Statt sich diesen Herausforderungen allerdings mit Neugier, Kreativität und Experimentieren anzunähern und nach Lösungen zu suchen, fühlen sich Teile der Gesellschaft auch hier wieder nicht zuständig, sondern sind lieber für Populistinnen und Populisten empfänglich, die entweder gar kein Problem sehen oder aber versprechen, dieses auf ihre Weise ganz leicht zu lösen – die Freude über die angebliche „clean coal, very clean coal“ ist nicht nur in den Trump‘schen USA, sondern auch in Europa nach wie vor zu vernehmen.

Transdisziplinäre Einbindung von Wissenschaften für gesellschaftl. Lösungen ist notwendig (Abb. RL)

Allerdings gibt eben keinen Knopf, den man nur drücken müsste, und alle großen Probleme wären gelöst. Auch bei den Lösungsansätzen ist eine Kooperation der Wissenschaften aus so ziemlich allen Bereichen nötig, um darzustellen, wie die planetarischen Grenzen eingehalten und gleichzeitig die „Sustainable Development Goals“ umgesetzt werden können. Innerhalb dieses Rahmens sind aber auch aus wissenschaftlicher Sicht noch viele sehr unterschiedlichen Möglichkeiten und Freiheiten des Gestaltens gegeben. Gerade auch dazu sollten Wissenschaften vermehrt transdisziplinär mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um hier gemeinsam nach Lösungswegen zu suchen.

 

Halten Sie es für möglich, dass die Ablehnung von Fakten wie dem Klimawandel auch etwas mit einem globalen Demokratie-Defizit zu tun hat? Auf planetarer Ebene bzw. der der Vereinten Nationen gibt es derzeit quasi keine Strukturen, die die Menschen in den Ländern direkt als demokratische Wähler zum Nachdenken und Verstehen als Weltbürger auffordern. Sie persönlich tun dies eventuell quasi-instinktiv, anderen hingegen erschließen sich solche Denkräume vielleicht nicht ohne weitere Anstöße.

Ja, da gebe ich Ihnen Recht. Auch hier können die Wissenschaften eine große Rolle spielen, indem sie nicht nur hervorheben, dass viele Ressourcen dieser Erde eben nicht nachwachsen können, sondern nur einmal vorhanden sind und wir uns daher demokratisch darüber verständigen müssen, wie wir uns symbiotisch in das Erdsystem integrieren, anstatt wie derzeit vor allem in Bezug auf kurzfristige Profitmaximierung, also „parasitisch“ zu denken.

Zum anderen dürfen Wissenschaften keine Scheu davor haben, klarzumachen, dass die heutige Aufteilung der Welt in Staaten keinen Naturgesetzen oder demokratischen Beschlüssen folgt, sondern insbesondere das Erbe des Imperialismus sowie vieler weiterer Kriege darstellt. Der Wert kultureller und sozialer Vielfalt ist hoch und erhaltenswert. Das befreit aber nicht von der Notwendigkeit, sich klar zu machen, dass die juristischen Aufteilungen dieses einen Planeten in Zukunft eher einen pragmatischen Verwaltungscharakter haben sollten, um uns möglichst ressourcenschonend, aber auch möglichst intra- und intergenerationengerecht in dieses eine Erdsystem einzubinden. Staaten und Staatengemeinschaften sollten vor allem Sachwalter-Funktionen dieser einen Erde haben. Eigene Ressourcen können nur so genutzt werden, dass diese Nutzung keinen Schaden für andere verursacht. In Politik umgedacht würde dies heißen, dass der wirtschaftlichen Globalisierung nun eben auch eine nachhaltige, Vielfalt bewahrende, aber gemeinsam agierende soziale Globalisierung folgen müsste. Oder mit anderen Worten: klassische Handelsabkommen genügen nicht mehr, sie müssten von bi-, viel besser multilateralen oder eben auch globalen Transformationsabkommen abgelöst werden.

Neben der Metapher „Symbiose statt Parasitismus“ eignet sich zur Vermittlung des Weltbürgergedanken z.B. auch die Metapher der „Erde als Stiftung“. Vom Ertragsüberschuss einer gut geführten Stiftung könnte man gut leben. Sobald man allerdings das Stiftungskapital angreift, kann die Stiftung über kurz oder lang nicht mehr funktionieren. Oder wir betrachten uns eben doch alle als eine miteinander verwandte Familie. Da gibt es auch mal Ärger und Neid, aber insgesamt steht dann doch meist das Gesamtwohl im Vordergrund. Solche narrativen Zugänge könnten helfen, den Weltbürgergedanken bereits im Schulalter oder spielerisch vielleicht sogar noch früher auszusäen.

 

Welche gesellschaftlichen Instanzen sollten Ihrer Auffassung nach in Zukunft stärker die vorhandene Verantwortung als Multiplikatoren von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Themen wahrnehmen?

Vor allem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, Elfenbeintürme sind nicht mehr angebracht. Auch partizipative Projekte sind hilfreich und notwendig. Ein Weitergeben von Fakten und Erkenntnissen alleine genügt aber keinesfalls, es geht nicht um unidirektionalen Wissenstransfer, sondern um echte beidseitige Kommunikation. Daneben sollte Wissenschaftskommunikation auch keine PR-artigen Werbemaßnahme sein, um „Akzeptanz“ für Wissenschaften zu schaffen. Stattdessen geht es viel mehr um das Erläutern der Rolle und Bedeutung von Wissenschaften, um aufzuzeigen, was sie leisten kann und was ggf. auch nicht. Dies legitimiert die Wissenschaften, macht sie aber auch transparent. Und die beste und legitimste „Werbemaßnahme“ für Wissenschaften ist selbstverständlich, wenn durch Austausch und Diskurs der Funke der Faszination der Wissenschaften überspringt.

Wissenschaftsproduktion und Gesellschaft müssen offen gegenseitige Kommunikation eingehen und brauchen dazu entsprechende offene Gelegenheiten. Abb RL, Aus Leinfelder 2015, z.T. nach Tyradellis 2014, basierend auf  Oldenburg, Ray (1989). The Great Good Place: New York: Paragon House.

 

Leistet insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus Ihrer Sicht genug, um der Verantwortung zur Vermittlung auch anspruchsvoller und komplexer Themen wie etwa dem Anthropozän gerecht zu werden? Fühlen Sie sich als Berufsstand durch die Redaktionen in bestem Maße mit in die Programme einbezogen oder wäre hier vielleicht mehr Aufmerksamkeit für eine zivilisatorische Säule wie die wissenschaftliche Forschung sinnvoll?

Hier ist eine differenzierte Sicht wichtig. Einerseits gibt es in manchen TV-Sendern viele sehr gut recherchierte und auch sehr interessant gemachte wissenschaftsbasierte Reportagen zu großen Herausforderungen (ARTE soll hier einmal exemplarisch genannt sein). Auch im Radio sind immer wieder spannende Features zu hören.

Ein Problem sehe ich darin, dass systemische, interdisziplinäre Themen wie etwa das Anthropozän notgedrungen wieder „sektoralisiert“ werden – im Wissenschaftsteil geht es dann etwa darum, wo genau die basale Grenze des Anthropozäns liegen könnte, im Feuilleton finden sich kulturell-philosophische Essays, ob das Anthropozän nun die wissenschaftliche Beschreibung des Weltuntergangs darstelle oder eine gottgleiche Anmaßung der Gestaltungsmacht des Menschen sei. Solche Diskussionen gehören durchaus auch gemeinsam geführt. Insbesondere aber Talkshows, die gegebenenfalls hierfür geeignet sein könnten, blenden wissenschaftliche Themen fast komplett aus.

Und ein letztes: Was ich eher insgesamt vermisse, sind mehr Berichte von auch auf wissenschaftlichen Befunden basierenden Fortschritten der Transformation in ein zukunftsfähiges Anthropozän. Zukunftsvisionen sind bei uns eher von apokalyptischen fiktionalen Spielfilmen geprägt, Wissenschaftsberichte bleiben häufig bei der Analyse der alarmierenden aktuellen Lage des Erdsystems stehen. Wenn ich in diesem Bereich einen Wunsch frei hätte: Ich würde die täglichen Börsennachrichten vor der Tagesschau durch Transformationsnachrichten ersetzen, da wäre Wirtschaft sicherlich immer noch ein Thema, aber eben in seiner Verbindung mit Sozialem und Ökologischem. Wo sind wir hier heute auf dem Weg in ein dauerhaft funktionsfähiges Erdsystem weitergekommen, was gibt es hierzu Berichtenswertes, Mutmachendes?

 

Wie könnte oder sollte es nach dem March of Science am 22. April mit dem entstandenen Netzwerk weitergehen?

Es braucht vermutlich regelmäßige Marches, daneben sollten sich die Wissenschaftskommunikatoren auch stärker auf diskursivere und offenere Kommunikationsformen einlassen. Insbesondere aber braucht es – das ist eines meiner besonderen Anliegen – Kommunikationsformen, welche auch die Komplexitäten der heutigen Welt, der Wissenschaften selbst, aber auch der wissenschaftsbasierten Lösungsansätze, etwa für die „Grand Challenges“ kommunikativ transportieren können. Ich bin überzeugt davon, dass es oftmals kontraproduktiv ist, Komplexitäten zu vermeiden und stattdessen zu sehr vereinfachende Antworten zu geben. Nicht zuletzt deshalb experimentieren wir mit Wissenscomics zur Wissenschaftskommunikation.

Um Zukunft zu gestalten müssen wir nämlich nicht nur wissen, welche wahrscheinliche Zukunft es – insbesondere bei einem Weiter-so wie bisher – gibt, sondern welche sonstigen „Zukünfte“ möglich und vor allem wünschbar sind. Um sich etwas wünschen zu können, muss man sich aber Vorstellung davon machen können. Genau hier brauchen wir eine enge kommunikative Kooperation der Zivilgesellschaft und der Wissenschaften. Ausstellungen, Visualisierungen und eben auch z.B. Comics können multimodale Zugänge eröffnen, Narrative mit wissenschaftlichen Fakten verbinden, aber auch unterschiedlichste Raum- und Zeitskalen, von der Vergangenheit, Gegenwart bis in die Zukunft verknüpfen. Dies kann helfen, die Zukunft offen und positiv, statt ängstlich und rückwärtsgewandt anzugehen. Besonders faszinierend, aber auch hilfreich zum gegenseitigen Verständnis ist es dann, wenn zivilgesellschaftliche Akteure und Wissenschaften auch noch gemeinsam forschen und gestalten und die daraus resultierenden technischen und sozialen Prototypen dann auch gemeinsam testen und auswerten.
Die Wissenschaften wären dann tatsächlich ein integraler, unabdingbarer Bestandteil eines Gesellschaftsvertrags zur gemeinsamen Gestaltung einer erdsystemkompatiblen und lebenswerten Zukunft.

(Erschienen am 18.4.2017 online in “diesseits.de – das humanistische Magazin“, dort findet sich auch der einleitende Teil von Arik Platzek).

Wichtig ist auch folgender Hinweis in “diesseits”

Ausdrücklich zum internationalen March for Science am 22. April 2017 sind auch alle Menschen eingeladen, die nicht beruflich oder anders als Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftler tätig sind. Alle, denen Wissen und wissenschaftliches Denken als elementare Grundlage für informierte Entscheidungen im privaten wie im öffentlichen und politischen Bereich wichtig ist, sollen sich beteiligen. Website des deutschen March-for-Science-Netzwerks einschließlich einer Übersicht zu den lokalen Initiativen: www.marchforscience.de

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator des Basisprojekts “Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt” am Exzellenzcluster “Bild-Wissen-Gestaltung” der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kann es ein legitimes Ziel sein, “der Wissenschaft zu breitestmöglicher Anerkennung und Legitimation in der Gesellschaft zu verhelfen”? (Das Adjektiv breitestmöglich fügt diesem Satz die Notation – mit allen Mitteln, koste es was es wolle – hinzu)

    Hat sich das Internet so sehr gegen die Wissenschaft und die Arbeit für eine globale Wissensgesellschaft gewandt? (bzw. Was soll das bitteschön eigentlich bedeuten?)

    “Aber dass sich wiederum dermaßen viele „Echokammern“ bilden, die zur verkürzten Bestätigung bequemer Ausreden für eigene Verantwortung verwendet werden…”
    Sehen Sie da qualitativ irgendeinen Unterschied zu früheren oder aktuellen Presse und Medienerzeugnissen oder Stammtischen?

    Ich war ja seinerzeit in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts nicht dabei aber für mich klingt das damals und heute alles nach dem gleichen in grün.
    Und die Verantwortlichein in Politik, Wirtschaft, Medien, Armeen und Geheimdiensten heben wenn es ernst wird wieder die Schultern und versichern, ja damit haben wir ganz sicher nichts zu tun und ändern können wir das schon gar nicht.

    • vielen Dank für den Kommentar, hier ein paar Antwortversuche:
      – zum Ausdruck “breitestmögliche Anerkennung und Legitimation”. Das ist tatsächlich so nicht aus dem Interview und daher etwas missverständlich. Im Interview argumentiere ich ja dafür, eben keine “Akzeptanz” für Wissenschaften mittels WissenschaftsPR anzustreben, sondern statt dessen zu öffnen, transparenter zu machen, aufzuzeigen, was Wissenschaften und v.a. wie sie es machen und dadurch eben die Wissenschaften zu “legitimieren”. Da man dies aber “breitetsmöglich” versuchen sollte, und da ja “Anerkennung” (durch Einsicht) auch etwas anderes als “Akzeptanz” ist, stehe ich auch zu diesem Eingangssatz.
      – das Internet hilft einerseits, wissenschaftliche Erkenntnisse zu transportieren, aber eben halt auch, um kontrafaktisches massiv zu verbreiten. Beispiel in Deutschland: einfach mal nach “Klimawandel” googeln, man fällt nicht über 99% Zustimmung zur Tatsache des anthropogen bedingten Klimawandels und 1% Gegenstimmen (so wie es der wissenschaftlichen Situation entsprechen würde), sondern v.a. über Klimawandelskeptiker und -leugner.
      – zu den Echokammern. Ich sehe v.a. einen quantitativen Unterschied, aber auch einen qualitativen: das findet nicht mehr in geschlossenen Stammtischen statt, sondern dringt überall ein. Die Echokammern und der Populismus allgemein wachsen dadurch immens schnell, v.a. weil eben “einfache Lösungen” so verlockend sind, aber auch mit einem Machtgefühl hat dies etwas zu tun.
      – im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind wir halt überall in eine große Beschleunigung geraten, eben auch bei diesem Problem. Die meisten Probleme werden erst durch ihre Beschleunigung (also die massive quantitative Ausbreitung) zu solchen. Was sich wenig geändert hat, sind die gegenseitigen Schuldzuweisungen. Ja, die aufgezählten Gruppen haben alle Verantwortung, aber jeder einzelne eben auch, und auch dort sehe ich ein wachsendes Problem. ich verstehe, dass man sich als einer von 7 Milliarden kaum als maßgeblich befindet, aber eigene Aktivität und eigene Verantwortung übernehmen ist zwar keine hinreichende Bedingung, um etwas zu ändern, aber eine notwendige. Und ohne letztere gibt es eben auch nie eine hinreichende Situation zu Änderung. Es gilt also auch für jeden einzelnen, dass die Ausrede nicht gilt, damit hätten wir nichts zu tun, und ändern können wir schon gar nichts. Das ist immer falsch.

  2. In Deutschland? Im Wunderland der ideologiegesteuerten
    Wissenschaftspolitik (Gender“wissenschaft“, Konkordatslehrstühel,
    Alternativmedizinlehrstühle, Homöopathiekongresse
    Gentech/Genforschungsverbote, Atomausstieg, „Friedensunis“ etc etc)
    einen „March for science“?

    Bitter nötig wäre es, aber jede Wette: Da könnten sich die Beteiligten
    noch nicht mal auf einen Minimalkonsens einigen. Dass man es für nötig
    hält, das Signet in den faq zu thematisieren („Was bedeutet euer Logo?
    Habt ihr was mit der Atomlobby zu tun?“) sagt schon alles aus.

    Die Freiheit der Wissenschaft wird allerdings hierzulande mindestens
    genau so bedroht wie in den USA. Die Politisierung und Durchideologisierung der Wissenschaft erinnert mich durchaus an die Zeit Lyssenkos.

    Dieser „Marsch“ wurde ja initiert von EPA-Mitarbeitern, deren materielle Felle nun durch Trumps Wahl davonschwimmen. Ich weiss auch gar nicht, warum Evolutionsbiologen bei etwas mitmachen, wo Gendergeistler maßgeblich den Ton bestimmen. Die bekanntlich von
    Evolution und Genetik so viel halten wie Kreationisten.

    Die Organisatoren hier sind in der Tat honorig, allerdings sind sie eben nur Kielwasser des US-Orginals und, jede Wette, werden als Anti-Trump-Veranstaltung medial präsentiert. Ob sie es wollen oder nicht. Sie dürfen selbstverständlich gegen alles und jeden demonstrieren.

    Nur Ihre Motivation „für die Freiheit der Wissenschaft“ erhält in meinen Augen einen Dämpfer, wenn es nur um Wissenschaft geht, deren Ausrichtung Ihnen persönlich gefällt. Niemand, fast niemand, im heutigen deutschen Wissenschaftsbetrieb wagte es bisher, gegen den antiwissenschaftlichen Mainstream und die Restriktionen in Bezug auf Kernkraft, Gentechnik oder dergleichen mehr den Mund aufzumachen. Gegen Trump ist man nun ebenfalls auf der „richtigen“ Seite, nicht wahr?

    Die Wissenschaft ist dabei, Hollywood nachzuäffen. Allerdings als „lumpige Farce“, um Marxens Diktum vom Brumaire Bonapartes anzuführen.

    • Hallo Herr Heinze, das ist mir jetzt doch auch recht populistisch. Mein Punkt war nicht, dass es nur um Wissenschaften geht, deren Ausrichtung mir persönlich gefallen. Es geht mir allerdings darum, dass wir zusätzlich zu den notwendigen sektoralen, “tief bohrenden”, sehr spezialisierten Wissenschaften wieder viel mehr Zusammenarbeit in den Wissenschaften benötigen (ja, auch zwischen Evolutionsbiologen und Genderforschern). Gerade auch in der Gesellschaft kontrovers diskutierte Themen benötigen eine derartige systemische Einbettung. Und natürlich darf man Wissenschaften nicht mit (selbstverständnlich abzulehnender) Technokratie (oder gar Technokratur) gleichsetzen. Was von dem, das wissenschaftlich und technisch machbar ist, umgesetzt wird, muss schon die Gesellschaft gemeinsam entscheiden. Die Wissenschaften dürfen sich hier einer Diskussion allerdings nicht entziehen. Auch darauf gehe ich in meinen Artikel ein. Und gestatten Sie mir auch folgende Meinung: mit Ihrem ersten und letzten Satz disqualifizieren Sie sich m.E. eigentlich für jegliche Diskussion zu Wissenschaften, es sei denn Sie wären wirklich für die Einführung einer Technokratie. Wir leben eben bestenfalls in einer Wissensgesellschaft, was auch gut so ist. Wissen setzt sich aus wissenschaftlichem Wissen (bzw. dessen Rezeption), aber eben auch aus Erfahrungswissen und auch aus Meinungs-/Überzeugungswissen zusammen. Damit muss man auch umgehen. Eine Besserwissergesellschaft wird uns nicht weiterhelfen und ist auch nicht machbar, zumal bei vielen zukunftsrelevanten Themen auch bei Wissenschaftler*innen durchaus sehr unterschiedliche Lösungsansätze existieren. Hier werden Wissenschaftler*innen eben auch zu zivilgesellschaftlichen Individuen, die sich in einen Ausverhandlungsprozess mit einklinken (müssen), nicht mehr und nicht weniger.

      • Hallo Herr Leinfelder,

        dafür, dass ich mich “disqualifiziere”, haben Sie aber viel geschrieben. 🙂
        Nun habe ich nicht einmal Abitur, sondern bin lediglich interessierter Laie.
        Und weite Teile ihres Textes spiegeln sehr deutlich wider, warum Wissenschaft im Niedergang begriffen ist, wenn sie sich zeitgeistlichen weltanschaulichen Strömungen und Gesinnungen unterwirft.
        Die Nutzung des Gendersternchens zum Beispiel ist solch ein Hinweis. Machen Sie das auch beim Homo neandertales*is? #scnr
        Die in Ihrem Falle weiss-cisheteromännlich-akademische Überheblichkeit, mit dem “Web nutzenreich umgehen zu können” ausschließlich unter Ihren Prämissen stößt beim Großteil Ihrer sozialen Klasse sicher auf Zustimmung. Die Mehrheit der Nutzer hingegen fragt: “Häh”?

        • Wenn Sie meinen… Aber das * müssen Sie sich einfach von mir gefallen lassen. Außerdem nochmals in “Häh-Überheblichkeit”: Homo neanderthalensis ist ein Artname, da ist nix zu gendern #AAMOF. Aber es gab natürlich männliche und weibliche Individuen dieser Art, also durchaus möglich: der Neandertaler, die Neandertalerin. Und herzlichen Glückwunsch, dass sie den Großteil meiner “sozialen Klasse” so genau zu kennen meinen,nur leider täuschen Sie sich da ziemlich. Falls es Sie beruhigt: ich arbeite und kommuniziere viel und produktiv mit Leuten, die kein Abitur haben – da frage ich übrigens nie nach, wieso auch? (ich publiziere z.T. sogar mit ihnen). Ich weiß aber nicht, was Sie da für ein Problem haben könnten.

          • Mal Butter bei die Fische: Sind Sie bereit, persönlich auch der politisch-mediale Verketzerung der kernenergetischen, Genforschungs, Militärforschungsgebiete sowie deren technische Umsetzungen entgegenzutreten?
            Dass “Feldbefreiungen” ein Akt der Gewalt sind, kein legitimer “Wiederstand”? Dass die Vertreibung der Kernforschung und der deutsche Ausstieg aus der Kernenergie lediglich zu einem Anstieg der CO2-Emissionen geführt hat und somit kontraproduktiv ist?
            Dass die ideologisch motivierte Schließung von Schulprojekten (HannoverGen) auf der gleichen Denkweise beruht, wie Trumps EPA-Politik?

            Summa: Dass wir hierzulande genug Anlass haben, einzugreifen und aufzustehen, OHNE auch noch den US-Präsidenten aufzugreifen?

          • Ihre Wortwahl ist schwierig. Verketzerung? Vertreibung? Und Trump wird dann auch noch eingemischt? Also: Kernenergie etc. muss eben nicht nur auf Machbarkeit, sondern auf Konsequenzen beforscht werden. Betriebs- und Endlagerungsrisiken, Machbarkeitsüberlegungen (Überwachungsnotwendigkeit für 100.000e von Jahren), und Kosten (v.a. auch für diese Lagerung). Kann man dennoch bei ordentlicher Abwägung machen. Aber derzeit wäre es nicht nachvollziehbar, gerade auch wegen der Kosten- und Risikenfrage. Forschung an Kernfusion und neuen Spalttechniken, die keinen radiokativen Müll produzieren, soll weitergehen. Darauf warten können wir allerdings auch nicht – es sei denn wir schließen die Augen und leugnen den Klimawandel. Bei Gentechnik ähnlich (in unserem Buch “Die Anthropozän-Küche” stellen wir die Möglichkeiten übrigens neutral im Indienkapitel dar, in anderen Kapiteln geht es um andere Methoden). Aber wieso wollen Sie eigentlich pauschaul die Gesellschaft komplett raushalten? Forschung ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, aber genauso auch eine gesellschaftliche Dienstleistung. Sie wollen wohl wirklich eine Technokratie nach Ihrem Verständnis? Wissenschaften sind aber viel zu wertvoll, um sich da irgendwo zu verschanzen, und Wissenschaft muss sich eben auch differenzierten Diskussionen stellen. Was spricht für eine Technologie, was sind ggf. Risiken? Worauf begründen sich Vorbehalte? Welche Alternativen gibt es, sind gemischte Portfolios vorstellbar? Wie können Visionen visualisiert und diskutiert werden? Und natürlich auch Gegenhalten gegen Ammenmärchen wie “die Vertreibung er Kernforschung und der Ausstieg aus der Kernenergie hätten zu einem Anstieg der CO2-Emissionen geführt”. Aber einen “die Wissenschaften wissen alles viel besser, da hat gesellschaftliche Diskussion nichts zu suchen”-Anspruch gibt es nicht, das sollten doch gerade auch Ihnen gefallen, Sie hatten eingangs genau dagegen argumentiert.

  3. Wissen in Handeln umsetzen und wissensbasierte Politik, wissensbasierte Ökonomie und wissensbasierte gesellschaftliche Diskurse sind die grossen Herausforderungen. Bis jetzt sind nämlich gesellschaftliche Diskurse und Politik weit stärker durch Ideen bis hin zu Ideologien bestimmt als durch eine fundierte Wissensbasis, die konsensuell getragen wird. Besonders arg steht es um die Bewertung von Handlungsoptionen.
    Selbst unter Wissenschaftlern gibt es keinen Konses mehr, wenn es darum geht aus Wissen Handeln abzuleiten. Ein Paradebeispiel dafür ist das klimapolitische Handeln. Während sich (fast) alle Klimawissenschaftler einig sind, dass unsere Technologie dekarbonisiert werden muss, gehen die Einschätzungen über den richtigen Weg weit auseinander. Viele Wissenschaftler sehen die Lösung allein in einer Kombination von erneuerbaren Energien und Einsparungen, andere setzen vor allem auf die Atomkraft , einige denken, dass CO2 aus Kraftwerken und evtl. Luft eingefangen und sequestriert werden muss und ein kleiner Rest hält es für nötig, die einfallende Sonnenstrahlung mit künstlichen Mitteln abzuschwächen.
    Beim Entscheid für eine oder mehrere der obigen Handlungsoptionen verlässt man die rein wissenschaftliche Welt. Denn es geht hier auch um realistische Einschätzungen, was überhaupt unter den gegebenen politschen Umständen realisierbar ist. Beispielsweise ist es evident, dass die Probleme der schwankenden Energieerzeugung durch Solar- und Windkraftanlagen durch (sehr) grossräumige Transmissionsnetze überwunden werden könnten. Doch die Wünschbarkeit solcher Stromtrassen und ihre Durchsetzbarkeit ist bereits eine ganz und gar politisch/gesellschaftliche und keine wissenschaftliche Frage mehr. Leider bestimmt die politische Durchsetzbarkeit eines Dekarbonisierungsweges ob dieser überhaupt realistisch ist, denn die Gegner einer bestimmten Lösung geben auch dann nicht auf, wenn es um Leben und Tod geht. Wie gesagt: Ideologie bestimmt immer noch weite Teile des politisch/gesellschaftlichen Kurses.

    • Hallo Herr Holzherr, nur kurz, da wir hierzu ja schon mehrfach diskutiert haben. Ja, es ist auch aus meiner Sicht richtig, dass es unter Wissenschaften zwar einen Konsens bei der negativen Bewertung eines Business as Usuals (Beispiel umweltrelevante Themen, etwa fossile Energien) gibt, aber keinen Konsens bei den Handlungsoptionen. Das sollte es m. E. auch nicht geben, auch wenn sich da einige Wissenschaftler aus dem Fenster lehnen. Das endet dann oft in unserer westlich/christlich geprägten dualistischen Dialektik. Wenn es so (BAU) falsch ist, muss es so und nur so richtig sein. Handlungsoptionen für Zukunftsthemen sind aber gesellschaftlich auszuhandeln. Dazu bedarf es unbedingt auch der Wissenschaften, um faktenbasiert zu bleiben, um bei potentiellen Lösungswegen auch Externalitäten zu bewerten usw. usw. Aber natürlich ist es Verhandlungssache, ob wir, etwa beim Thema Energie (nur) auf CCS setzen, (nur) auf Verbrauchsreduktion, (nur) auf Windkraft und Solar, (nur) auf intelligente Netze oder (nur) auf möglicherweise erst in vielen Jahrzehnten zur Verfügung stehenden Optionen (wie etwa Kernfusion oder Kernkraft ohne nuklearen Abfall). Auch ob man zentral oder dezentrale Versorgung mit Erneuerbaren haben möchte ist – von Wissenschaften wegen der Relevanzen/Externalitäten/Managementmöglicheiten etc. zu begleiten – eine gesellschaftspolitische Aushandlungssache. Konsensual könnten die Wissenschaften vielleicht darin werden (vielleicht auch nicht), dass man mit ihrer Hilfe von den entweder-oder-Debatten wegkommt und eben Portfolios, die auch wieder änderbar sind, skizziert und bewertet. Ich würde die notwendige gesellschaftliche Debatte aber nicht als ideologisch bezeichnen, sondern als Aufzeigen, Vorstellbarmachen, Bewerten und Ausverhandeln möglicher Realisierungspfade bzw. Kombinationen verschiedener davon. Dazu hab ich nun ja etliches geschrieben, auch hier auf diesem Blog, etwa hier (siehe insb. Abb. 15 in diesem Kontext) oder hier.

      • Prinzipielle Zustimmung, allerdings läuft uns in der Klimapolitik die Zeit davon und Abzuwarten ob sich die Erneuerbar-Autarken oder die Erneuerbar-Vernetzten durchsetzen kann den Unterschied zwischen 2 oder 4 Grad Erwärmumg ausmachen.

  4. Das öffentliche Fernsehen wird von rechts gerne angefeindet wegen seiner “ökologistischen” oder “linksgrünen” Ausrichtung, was alleine schon ein Zeichen dafür ist, daß es bei der Umweltfrage auch einiges richtig macht.

    Daher Vorsicht, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, sicher gibt es da Potenzial zur Verbesserung- so fehlt dann doch meist der Zusammenhang zu finanziellen und systemimmanenten Profitinteressen, auch die Kritik an den Talks ist berechtigt- aber es gibt auch gute Formate wie nano, diverse Dokus auf verschiedenen Kanälen oder mancher Vortrag (3sat, ARD Alpha) , die vielleicht keinen tieferen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen (was ich nicht weiß) , aber den Umweltaspekt glaubwürdig beleuchten- nicht immer, aber auch nicht selten.

    • Natürlich haben Sie da recht. Ich wäre wirklich der letzte, der das Kind mit dem Bade ausschütten möchte. Im Unterschied zu vielen anderen Ländern haben bei uns sogar Tageszeitungen oft einen Wissenschaftsteil. Und auf die guten Formate im TV hab ich ja bewusst hingewiesen (mit dem nicht exklusiv gemeintem Beispiel ARTE. Auch mit den von Ihnen erwähnten Formaten und Sendern Nano, ARD Alpha, 3Sat etc. hab ich auch schon kooperiert, und habe da keinerlei Kritik). Aber das war ja nicht mein Hauptpunkt. Wir haben halt (auch) Defizite, insbesondere bei komplexen Themen wird eben oft auch zu stark vereinfacht. Und bei Umweltthemen bleibt es doch auch oft in der Analyse des Status Quo stehen, dabei geht die Diskussion auch mit wissenschaftlichem Input doch bei den Lösungsmöglichkeiten erst so richtig los.

  5. @Reinhold Leinfelder

    Da ist was dran, etwas mehr über Lösungsansätze wäre interessant, gelegentlich erwischt man sowas, meist in einzelnen Dokus, könnte aber mehr sein.
    Ich verstehe auch nicht so ganz, warum sich nicht auch private Sender mit sowas beschäftigen, auch damit ließe sich eine gewisse Quote machen.

  6. Leinfelder,
    Kann Wissenschaft die Welt retten, oder zumindest vor größerem Schaden bewahren? Das ist doch die Frage die dahinter steckt. Ich denke, dass die Gesellschaft zumindest in Europa, das verstanden hat.
    Der Kapitalismus ist die ökonomische Konsequenz davon. Wenn man beginnt Entscheidungen nach Euro und Cent zu berechen, dann handelt man wissenschaftlich richtig. Wie bei einem Schachspiel müssen allerdings die Folgen langfristig bedacht werden.
    Die Entscheidung Frankreichs voll auf die Kernenergie zu setzen ist langfristig fatal. Ein größerer Störfall reicht, um Mitteleuropa unbewohnbar zu machen.

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