Der Papst, das 2°-Ziel und eine Antwort von Joe Romm an die 2°-Kritiker

Der Mensch (und seine Kultur und Technik) sind Teil des Erdsystems, kein Gegensatz. Also müssen wir uns in dieses Gesamtsystem integrieren, so dass es nicht beschädigt wird und auch zukünftige Generationen vergleichbare Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten haben. Dies ist, auf den Punkt gebracht, die ethische Relevanz eines anthropozänen Blicks auf unsere heutige Welt. Papst Franziskus hat seine Umweltenzyklika Laudato Si‘ genau in diesem Sinne verfasst – er ist also erfreulicherweise ebenfalls ein „Anthropozäniker“.

Der Tagesspiegel schrieb etwa: „Mit seinem Lehrschreiben definiert Franziskus eine völlig neue Position des Menschen in der Welt. Dieser ist nicht mehr der Herrscher über die Welt, sondern ein Teil des Ganzen.“ Damit ist die Umwelt-Enzyklika zu einer anthropozänen „Unswelt-Enzyklika“ geworden.So schreibt der Papst in der Enzyklika „Angesichts der Tatsache, dass alles eng aufeinander bezogen ist und dass die aktuellen Probleme eine Perspektive erfordern, die alle Aspekte der weltweiten Krise berücksichtigt, schlage ich vor, dass wir uns nun mit den verschiedenen Elementen einer ganzheitlichen Ökologie befassen, welche die menschliche und soziale Dimension klar mit einbezieht (137)“.

Insgesamt findet sich auch viel Kritik an aktuellem Handeln bzw. Nichthandeln in der Enzyklika. Franziskus schreibt jedoch auch: „An einheitliche Lösungsvorschläge ist nicht zu denken, denn jedes Land oder jede Region hat spezifische Probleme und Grenzen (108).“ Welchen Zukunftsweg oder welche Wege wir gehen sollten, bleibt also überwiegend offen, allerdings weisen die planetaren Leitplanken einen nicht zu überschreitenden Korridor. Die Zwei-Grad-Leitplanke wird zwar nicht direkt erwähnt, jedoch schreibt der Papst hier sehr unmissverständlich: „..ist es dringend geboten, politische Programme zu entwickeln, um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren, zum Beispiel indem man die Verbrennung von fossilem Kraftstoff ersetzt und Quellen erneuerbarer Energie entwickelt (26).“

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir nochmals, darauf hinzuweisen, wie wenig zielführend es nun ist, ausgerechnet vor den UN-Klimaverhandlungen in Paris (- dasselbe hatten wir bereits vor Kopenhagen) dieses Zwei-Grad-Ziel wieder zu hinterfragen. Basierend auf einem Comment in Nature  berichteten viele Medien vor etlichen Wochen ausführlich darüber (z.B. hier oder hier oder hier). Die besonders explizite und durchaus auch emotionale, aber v.a. auch faktenklärende und überaus lesenswerte Reaktion von Joseph Romm (einem der renommiertesten Klima-Blogger der USA, der u.a. vom Time Magazin 2009 als „Hero of the Environment“ gelistet wurde) in seinem Blog Climate Progress war betitelt mit „The Really Awful Truth About Climate Change“ (vom 18. Mai 2015).

Anlässlich der päpstlichen Enzyklika und dem darin enthaltenen Aufruf zu raschem Handeln erlauben wir uns – mit Einverständnis von Joe Romm – diesen Artikel in deutscher Übersetzung hier zu posten:

 

Die wirklich schreckliche Wahrheit über den Klimawandel

von Joe Romm (ins Deutsche übersetzt von Maria Zinfert)

(Original: http://thinkprogress.org/climate/2015/05/18/3644824/really-awful-truth-about-climate-change/)

 

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Cary Grant und Irene Dunne in einer Szene aus dem Film “Die schreckliche Wahrheit” (Foto AP)

In Anlehnung an den Filmtitel sendete Vox am Freitag (16. Mai 2015) den Beitrag “Die schreckliche Wahrheit über den Klimawandel, die niemand zugeben will” von Dave Roberts, früher Kolumnist des Magazins Grist. Ich bin seit langem ein Fan von Roberts, doch die Sendung ist voller ungenauer und irreführender Angaben, zeugt von historischem Revisionismus und geht von einer verhängnisvoll irrigen Prämisse aus.

Diese Prämisse ist von dem ebenso irrigen Kommentar “Policy: Climate advisers must maintain integrity (Grundsatz: Klimaexperten müssen bei den Fakten bleiben)” in Nature hergeleitet, in dem der deutsche Analyst Oliver Geden behauptet, Klimaforscher (und andere) hätten bezüglich unserer Möglichkeiten die Erderwärmung unter einem Wert von 2°C zu halten, „falschen Optimismus verbreitet“. Gedens Artikel wurde, wie Roberts bemerkt, von Wissenschaftlern auf BuzzFeed, ClimateWire und ClimateProgress scharf kritisiert.

Roberts behauptet jedoch, “die hitzigen Reaktionen, die Gedens Artikel auslöste, zeigen, dass er etwas trifft.“ Dave, Dave, Dave, wenn hitzige Reaktionen beweisen würden, dass jemand „etwas trifft“ dann wäre Fox News am Ende wohl fair und ausgewogen….

Was also ist “Die schreckliche Wahrheit über den Klimawandel, die niemand zugeben will”? Roberts behauptet, niemand wolle es zugeben, doch “die offensichtliche Wahrheit über die Erderwärmung sei: wenn keine Wunder passieren, kann sich die Menschheit auf eine schreckliche Scheißsituation gefasst machen.“
Nein. Und – abgesehen von der Unschärfe des Wortes „Wunder“ – meine ich mit „nein“, dass in den letzten Jahren eine Menge Leute gesagt haben, dass der Menschheit eine schreckliche Scheißsituation bevorsteht, wenn wir nicht schleunigst ganz energisch vorgehen und Maßnahmen treffen. Sie haben aber nicht gesagt, dass es aus wissenschaftlicher Sicht hoffnungslos ist oder übernatürliche Wunder geschehen müssen – es scheint aber so, als ob Geden und Roberts das unterstellen wollen.
Nein, die wirklich schreckliche Wahrheit über den Klimawandel ist, dass zwar Klimaforscher, die International Energy Agency und viele andere mit zunehmender Deutlichkeit gesagt haben wie ernst die Lage ist – und was zur Vermeidung der Katastrophe schleunigst getan werden muss – das aber von vielen der sogenannten Intellektuellen weiterhin ignoriert wird.
Das jüngste Beispiel ist der Anfang Mai 2015 veröffentliche Bericht von 70 führenden Klimaforschern (siehe hier). Die Mitglieder der UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel (U.N. Framework Convention on Climate Change), (d.h. die großen Staaten), haben zwischen 2013 und 2015 einen „strukturierten Expertendialog (structured expert dialogue)“ ins Leben gerufen, um die Angemessenheit des 2°C Ziels zu prüfen. Anfang Mai 2015 haben die Experten ihren Bericht abgeliefert. Umsichtig haben sie ihre wesentlichen Schlüsse in 10 Kernbotschaften zusammengefasst. Dazu gehört:

Botschaft 1) “Die Teilnehmer der UN-Rahmenkonvention einigten sich auf eine Obergrenze der Erderwärmung von 2°C, und die Forschung hat umfangreiche Informationen zur Erreichung dieses Ziels zusammengetragen.” Die damit verbundenen Bedenken hinsichtlich Ansäuerung der Meere und steigender Meeresspiegel, “bekräftigen nur die aus der Analyse der Temperatur Obergrenze hervorgegangenen Erkenntnisse, nämlich dass dringende und wirksame Maßnahmen zur Reduktion Treibhausgas Emissionen notwendig sind” (Hervorhebungen im Original).

Botschaft 2) (wieder, Hervorhebungen im Original): “Die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 2°C macht einen grundlegenden Wandel notwendig (umfassende Dekarbonisierung von jetzt an und weiterhin), ein bloßes Nachjustieren gegenwärtiger Tendenzen reicht nicht.

Klar, Wissenschaftler verbreiten einfach gern falschen Optimismus.

Botschaft  4) “Schon die derzeitige globale Erwärmung (etwa 0.85°C) hat erhebliche Auswirkungen und daher wird ein weiterer Anstieg “das Risiko allgegenwärtiger und unumkehrbarer Auswirkungen nur noch steigern. Daher funktioniert das Leitplanken Konzept nicht mehr, das eine Begrenzung der Erwärmung beinhaltet, die vollen Schutz vor gefährlichen menschengemachten Einflüssen garantiert.

Botschaft 5) “Die 2°C Grenze sollte als eine Richtlinie gesehen werden… die es zwingend einzuhalten gilt, wobei eine geringere Erwärmung besser wäre.

Botschaft 6) (aus dem IPCC Mitigation Report von 2014): “Eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 2 °C ist noch machbar und würde viele positive (Neben-)Wirkungen haben, stellt uns aber vor substantielle technologische, wirtschaftliche und institutionelle  Herausforderungen.

In meinem Beitrag vom Januar, „It’s Not Too Late To Stop Climate Change, And It’ll Be Super-Cheap.“ (Es ist nicht zu spät den Klimawandel zu stoppen, und es wäre super billig), habe ich die ganze Vermeidungsliteratur besprochen.
Abermals, es sagt niemand, dass es leicht ist, aber es ist überschaubar und die Texte sagen ganz klar, wie kostengünstig es ist. Geden behauptet, „Das Klimaschutz Mantra – dass die Zeit für die 2° C Grenze knapp wird, bei sofortigen Maßnahmen aber noch einzuhalten ist – wissenschaftlicher Unsinn sei.“ Sogar Roberts betont, „Nein. Es mag Unsinn sein. Aber es ist kein wissenschaftlicher Unsinn. Kein Zweig der Wissenschaft, und ganz gewiss nicht die Klimaforschung, kann voraussagen, wozu die Menschheit im Jahr 2050 in der Lage sein wird.“

Gottseidank waren diese Experten nicht mit von der Partie, als es wirklich Schweres zu tun gab, wie mit Millionen von Toten fertig zu werden und unsere ganze Wirtschaft quasi über Nacht umzustellen, um den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen.

Es kann gut sein, dass politische Entscheider eher nicht das tun, was wissenschaftlich, technologisch und wirtschaftlich möglich ist (und moralisch geboten). Aber was genau will Geden, die Klimaforscher der Politik gegenüber vertreten lassen – „Ihr Typen könnt die unfassbare Katastrophe nicht aufhalten, weil ihr einfach zu gierig und kurzsichtig seid, deshalb werden wir euch gar nicht erst sagen, wie es ginge?“ Tatsächlich sagt Geden nie, wie der Ratschlag seiner Meinung nach lauten sollte, noch welches Ziel er politischen Entscheidern vorschlagen würde (weshalb sein Text eigentlich Zeitverschwendung ist).
Anmerkung: Geden wirft Klimaforscher und Klimaberater in einen Topf, damit er so tun kann als seien die Klimaforscher hinsichtlich der Einhaltung des 2°C Limits übermäßig optimistisch. Überhaupt sehen sich heute die meisten Klimaforscher nicht als Experten in Fragen der Energiegewinnung oder Wirtschaftsanalyse und Politik – ihre Aufgabe im IPPC ist es, den politischen Entscheidern zu sagen, was von wissenschaftlicher Seite gesehen passieren wird, wenn Maßnahmen ergriffen, bzw. unterlassen werden. Aufgabe der Ökonomen, Energieexperten und dergleichen war es den politischen Entscheidern zu sagen, welche Folgen die unterschiedlichen Szenarien nach sich ziehen und welche Kosten damit verbunden wären, die im Fall der 2° C Grenze äußerst gering wären.
Das heißt abermals nicht, dass die 2° C leicht einzuhalten sind und eingehalten werden, – nur dass es uns, wenn wir jemals unseren Arsch hochbekommen wie die Zweite Weltkriegs Generation, lediglich einen kleinen Bruchteil unseres Reichtums kosten würde den Wandel zu vollziehen, und sich das in einer Zunahme an Produktivität, Gesundheit und Energiesicherheit mehrfach auszahlen würde. Außerdem geht es vor allem auch darum, ein für das Leben geeignetes Klima nicht zu zerstören. Der Wandel ist nicht mehr nur hypothetisch, sondern nimmt Gestalt an. Letzten Herbst hat China sich verpflichtet „den Anteil nicht-fossiler Treibstoffe am Verbrauch von Primärenergie bis 2030 auf etwa 20% zu steigern“. Dazu „wird es für China notwendig sein, bis 2030 zusätzliche 800 bis 1000 Gigawatt Energie aus Atom-, Wind-, Solaranlagen und weiterer emissionsfreier Stromproduktion (zero emission generation capacity) zu gewinnen – das ist mehr als alle Kohlekraftwerke im heutigen China zusammengenommen und beinah so viel wie die gesamte Stromerzeugung in den USA.“
Innerhalb der kommenden 15 Jahre wird China genug Anlagen zur Erzeugung sauberer Elektrizität bauen, um Amerika zu versorgen. Weshalb also ist es „Unsinn“ zu denken die USA, Europa oder selbst Indien könnten in, sagen wir, doppelt so langer Zeit das nicht auch schaffen? Die Antwort lautet: Es ist kein Unsinn.

Botschaft 8 der weltbekanntesten Klimaforscher lautet: „Die Welt ist nicht auf dem richtigen Weg, um das globale Langzeitziel zu erreichen, wirksame Vermeidungsmaßnahmen sind jedoch bekannt und müssen dringend umfassender Anwendung finden„.

Was für unverbesserliche Optimisten diese Klimaforscher doch sind.

Roberts schreibt über den Artikel von Geden: „Er sagt, Politiker wollen positive Meldungen. Sie wollen hören, dass es immer noch möglich ist, den Temperaturanstieg auf 2° C zu beschränken. Mehr noch, sie wollen hören, dass sie das schaffen ohne während ihrer eigenen Amtszeit auf drastische Emissionsregulierung drängen zu müssen.“
Das trifft gewiss auf viele Politiker zu, dennoch hat die gesamte Europäische Union sich im letzten Jahr für 2030 zu einer Senkung der Emissionen auf einen Stand von 40% unter dem von 1990 verpflichtet, was ziemlich drastisch ist. Und im letzten Monat hat der Gouverneur Jerry Brown von Kalifornien eine Verordnung erlassen, die dasselbe Ziel festschreibt.
Einen prüfenden Blick erfordert jedoch, wohin Roberts (und Geden) als nächstes springen:

Klimaforscher, sagt Geden, stehen unter dem Druck Positives berichten zu müssen. Sie sind in Sorge, wenn sie das nicht tun, als „Panikmacher“ dazustehen oder fürchten einfach ignoriert und aus der Debatte ausgeschlossen zu werden. Deshalb konstruieren sie Modelle, die beweisen, dass das 2° C Ziel zu schaffen ist. Die Botschaft lautet immer: „Uns geht die Zeit aus; wir haben nur noch fünf bis zehn Jahre, um das Ruder herumzureißen, aber wir können es schaffen, wenn wir es uns vornehmen.“
Das war die Botschaft in den Jahren 1990, 2000, 2010. Wie kann es sein, dass uns immer noch fünf bis zehn Jahre bleiben? Die Antwort, sagt Geden, ist, dass Wissenschaftler immer unrealistischere Annahmen in ihren Modellen verwursten.

Nein, das stimmt nicht und ist ungenau. Das ist Geschichtsklitterung.

Klimaforscher haben 1990 nicht gesagt, „wir haben nur noch fünf bis zehn Jahre, um das Ruder herumzureißen“. Man muss nur die Zusammenfassung vom Ersten Einschätzungsbericht (First Assessment Report) des IPCCC lesen: Warnung: Das ist gähnend langweilig. Was aber nicht überrascht, da der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change / UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel) überhaupt erst 1992 beraten und ratifiziert wurde. Ziel dieses Vertrages war es, international einen Prozess in Gang zu bringen, um „die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einem Level zu halten, bei dem es noch nicht zu gefährlichen menschengemachten Klimaveränderungen kommt.“ Die UNFCCC hat dieses Level damals nicht bestimmt. Sie würde nicht über fast zwei Jahrzehnte von 2°C sprechen!
Also haben Klimaforscher im Jahr 2000 nicht gesagt, „wir haben nur noch fünf bis zehn Jahre, um das Ruder herumzureißen“. Man muss dazu den gesamten Dritten Einschätzungsbericht (Third Assessment Report) lesen. Nochmal was gähnend Langweiliges. Es gibt indes zwei spezielle und synergetische Gründe, weshalb Forscher in den 0er Jahren zunehmend beunruhigt waren. Erstens sind in diesem Jahrzehnt die Emissionen in China rapide angestiegen, was uns von den von der Wissenschaft vorausgesehenen gemäßigten Pfaden abbrachte. Man kann das auf einer Grafik sehen, die Roberts gepostet hat.

 

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Historical emissions have of late been tracking RCP8.5, catastrophic 4°C warming. But until 2000, emissions were tracking scenarios of much less warming CREDIT: GLOBAL CARBON PROJECT

 

Zweitens hat sich die Weltgemeinschaft ganz am Ende der 0er Jahre schließlich auf 2°C als Schwellenwert für eine gefährliche Erderwärmung verständigt, was heißt, dass der Anteil von CO2 in der Atmosphäre unter 450 / 1 Mio. Partikel gehalten werden muss. Diese Übereinkunft wurde, wie viele Leute erklärt haben, mit dem Vierten Einschätzungsbericht des IPCC von 2007 bekräftigt.
Deshalb haben zum Beispiel 2004 Professoren der Universität Princeton in dem richtungweisenden Aufsatz, “Stabilization Wedges: Solving the Climate Problem for the Next 50 Years with Current Technologies„, (Stabilisierungskeile: Lösung der Klimafrage für die kommenden 50 Jahre mit den derzeitigen Technologien)” in Science geschrieben: “Vorschläge den CO2 Gehalt in der Atmosphäre auf einen Wert zu begrenzen, bei dem die schlimmsten Folgen des Klimawandels verhindert würden, hatten ein Ziel von 500 +/– 50 / 1 Mio (ppm) ins Auge gefasst.”

Erst ab Ende 2007 also konnten Leute, die so aufmerksam waren wie Klimaforscher, erkennen, dass (1) die Emissionen auf ein Worse-Case-Szenario zusteuern, (2) genau zu dem Zeitpunkt als Wissenschaft und Politik zu einer Übereinkunft darüber kamen, dass es notwendig sei einen Höchstwert von 2°C festzulegen, der damals anfing als Best-Case-Szenario zu erscheinen.

Vor diesem Hintergrund hat der bis dahin zurückhaltende Lonnie Thompson erklärt, warum die bis dahin zurückhaltenden Klimaforscher dazu übergingen zu sagen: „Wir sind nun nahezu alle davon überzeugt, dass die globale Erwärmung eindeutig für die und tatsächlich eine Gefahr für die Welt darstellt.“ Deshalb habe ich, als ich vor neun Jahren Climate Progress lanciert habe, die Kategorie „außergewöhnlich offene und direkte Wissenschaftler“ (uncharacteristically blunt scientists) eingeführt.
Es sei hier aber nochmals betont, dass die an der UN-Rahmenkonvention (UNFCCC) Beteiligten erst im Dezember 2010 offiziell 2°C als Höchstwert übernommen haben.

Außer den Klimaforschern wurden viele weitere Klimaberater immer offener und direkter, wie die International Energy Agency, die 2009 die Warnung aussprach: „Für jedes Jahr, um das sich die Umsetzung von Maßnahmen gegen die Erderwärmung verzögert, wird die Weltgemeinschaft zur Herabsetzung der CO2 Emissionen 500 Mio. Dollar zusätzlich ausgeben müssen.“

Die World Energy Outlook (WEO) Ausgabe von 2011 sollte ein für alle mal mit der Vorstellung aufgeräumt haben, dass Klimaberater mit ihren Warnungen hinterm Berg gehalten haben. Die (irreführende) Schlagzeile des englischen Guardian hat die Dringlichkeit erfasst: „Die Welt steuert auf eine unabänderliche Klimaveränderung innerhalb der nächsten fünf Jahre zu, warnt die IEA, … Wenn die Ausrichtung auf fossile Treibstoffe nicht rasch zum Ende kommt, ist die Chance eine gefährlich Klimaveränderung zu verhindern ‘für immer‘ vertan.“ (World headed for irreversible climate change in five years, IEA warns … If fossil fuel infrastructure is not rapidly changed, the world will ‘lose for ever’ the chance to avoid dangerous climate change).
Eine Halbwahrheit. Ja, Veränderungen sind dringend notwendig. Aber die IEA hat nicht gesagt, dass die Klimaveränderung in fünf Jahren unabänderlich sein wird. Vielmehr:

Wenn bis 2017 keine auf internationaler Ebene koordinierten Maßnahmen getroffen werden, rechnen wir damit, dass alle zulässigen Emissionen des 450 Szenarios von damals bestehenden Anlagen kommen würden, sodass jede neue Anlage von damals bis 2035 komplett CO2 frei sein müsste, wenn die CO2 ausstoßenden Anlagen nicht vor Ende ihrer wirtschaftlichen Lebensdauer stillgelegt würden, um Spielraum für neue Investitionen zu schaffen. Das wäre bei sehr hohen Kosten theoretisch möglich, politisch aber wahrscheinlich nicht durchführbar.

Ja, mit fossilen Energieträgern arbeitende Anlagen zu schließen ist viel teurer als sie gar nicht erst zu bauen. Politisch ist das schwierig (man denke an die amerikanischen Kohlezechen), aber es geschieht die ganze Zeit (man denke an die amerikanischen und chinesischen Kohlezechen).
Alles um das 450 (oder darunter) Szenario herum ist politisch schwierig wie ich (und viele andere) seit Jahren sagen. In einem post von 2008: „Sind 450 ppm (oder weniger) politisch durchsetzbar? Teil 1“, habe ich die Eingangsfrage folgendermaßen beantwortet: „Nicht heute – nicht einmal annähernd“.
Man kann die politischen Schwierigkeiten in der Abwendung der Katastrophe zum Anlass nehmen die Hoffnungslosigkeit der Lage zu beschwören, wenn man das für produktiv hält, aber man sollte das nicht den Klimaforschern oder den Klimaberatern anlasten.
Eine alte Redensart besagt, „es ist besser eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verwünschen“. Das ist von einem chinesischen Sprichwort abgeleitet, „Verwünsche nicht die Dunkelheit – entzünde eine Kerze.“

Es stellt sich aber heraus, dass es noch eine dritte Option gibt: Man kann diejenigen verwünschen, die Kerzen entzünden, weil man möglicherweise die Augen verschlossenen hat. Und das ist die wirklich schreckliche Wahrheit.

 

PS: Joe Romm hat am 17.Juni auch einen Artikel zur Papst-Enzyklika in ClimateProgress veröffentlicht: „The Pope Is The Climate Change Churchill Humanity Desperately Needs“ Ebenfalls sehr lesenswert.

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator des Basisprojekts "Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt" am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. 450 ppm Limite für atm. CO2 sehr schwierig zu halten
    Der CO2-Gehalt in der Luft kann nicht unterhalb 450 ppm (2°C?) gehalten werden, allenfalls kann mit negativen Emissionen (CCS,Bewaldung etc) ein Wert von 450 ppm nach vorübergehendem Überschiessen später doch noch erreicht werden.
    Warum sage ich das mit so grosser Bestimmheit? Ganz einfach:
    1) Weil wir heute bei 400 ppm stehen und pro Jahr 2 ppm dazukommen (schon 2040 450ppm)
    2) Weil Indien und Afrika erst so richtig mit dem Wirtschafstwachstum beginnen und vor allem Indien dabei auch auf Kohle setzt.
    3) Weil die Erneuerbaren Energien noch zu grosse Ansprüche an die Infrastruktur bedingen (gerade noch Deutschland und Kalifornien und einige andere hochentwickelte Industrieländer sind technisch in der Lage mit hohen Anteilen intermittierender EE-Energien zurechtzukommen).

    Ein vorübergehendes Überschiessen der 450 ppm Limite ist also so gut wie sicher. Mit zukünftiger Technologie oder mit Grossprojekten wie der künstlichen Bewaldung der Sahara (künstlich bewässert mit entzsalztem Meerwasser) kann später die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wieder abgesenkt werden

    Wie negativ sich die Erwärmung des Erdsystems auswirkt und wann das sein wird, ist unbekannt
    Wie negativ sich Erdsystemerwärmung, Meeresspiegelanstieg und Versauerung der Meere auf die menschliche Gesellschaft auswirken, wissen wir heute kaum. Eines ist jedoch sicher: Viele negative Auswirkungen sind eher in der 2. Hälfte des 21. Jahrhunderts oder noch später zu erwarten. Bei Erreichen von 450 ppm wird die Temperatur jedenfalls noch nicht um 2°C gegenüber vorindustriell angestiegen sein, sondern viel weniger (1.2 bis 1.4°C), denn das Gleichgewicht wird erst viel später erreicht und die Temperaturen steigen weiter selbst wenn die CO2-Werte in der Atmosphäre nicht mehr steigen. Ferner werden vom Temperaturanstieg viele Länder kaum negativ betroffen sein, einige jedoch schon. In den höheren Breiten wird der landwirtschaftliche Ertrag steigen, tropische und circumäquatoriale Gebiete könnten jedoch dagegen Einbussen im landwirtschaftlichen Ertrag erleiden.Dabei kommt zugute, dass der höhere CO2-Gehalt der Luft das Pflanzenwachstum begünstigt und den Wasserbedarf senkt. Mit Sicherheit werden Extremwetter zunehmen. Wie negativ sich die Versauerung des Meeres auswirkt ist heute kaum zu sagen. Der Meeresspiegelanstieg wird wohl erst gegen Ende des 21. Jahrhunderts und noch später deutlich negative Folgen für sehr viele Küstenbewohner haben.

    Welche politische Massnahme würde den CO2-Anstieg am stärksten dämpfen?
    Meiner Ansicht nach würde eine Kooperation und ein Wettbewerb um Emissionssenkungen zwischen Grossemtittenten wie USA und China am meisten bewirken. Denn es hätte eine ausstrahlende Wirkung auf alle anderen.

    • „Wie negativ sich die Erwärmung des Erdsystems auswirkt und wann das sein wird, ist unbekannt.“
      Richtig, denn vieles spricht dafür, dass sich das Klima von einer, in historischen Maßstäben relativ stabilen Größe, in ein eher chaotisches System bewegen wird. (Betonung auf relativ, mir ist klar, dass es immer für Menschen durchaus auch dramatische Schwankungen gab, mit entsprechenden Verlusten..)
      „In den höheren Breiten wird der landwirtschaftliche Ertrag steigen…“
      Eine solche Aussage basiert wohl auf der Annahme einer allmählichen Verschiebung landwirtschaftlicher Nutzflächen gen Norden, selbstverständlich mit passenden regelmäßigen Niederschlagsmengen, günstigen Jahreszeitlichen Schwankungen und über Jahre und Jahrzehnte einigermaßen stabilen Verhältnissen in dieser Hinsicht. Das halte ich für sehr optimistisch – zumindest was die 2. Hälfte dieses Jahrhunderts angeht.

  2. [D]er [Papst] ist also erfreulicherweise ebenfalls ein „Anthropozäniker“.

    Der Tagesspiegel schrieb etwa: „Mit seinem Lehrschreiben definiert Franziskus eine völlig neue Position des Menschen in der Welt. Dieser ist nicht mehr der Herrscher über die Welt, sondern ein Teil des Ganzen.“

    Der der Bibel Folgende ist in diesem Sinne immer „Anthropozäniker“:
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_terrae

    Ex-Papst Ratzinger hat regelmäßig das Duozentrische des Christentums bemüht, das Theozentrische und Anthropozentrische, vermutlich in dieser Reihenfolge, >:-> , so dass die humane Vernunft nicht ausgeschlossen wird.

    Das vom bundesdeutschen Tagesspiegel verstandene ‚Teil des Ganzen‘ ist insofern womöglich ein wenig missverständlich, könnte biozentrisch oder environmentalistisch oder ökologistisch verstanden werden.
    Eine ‚völlig neue Position des Menschen in der Welt‘ könnte theologisch von Papst Franziskus auch nicht beigebracht werden.

    Ansonsten scheint Herr Bergoglio u.a. Klimawissenschaftler und Imam (vgl. mit dem 11. Absatz der Nachricht im unterlegten Webverweis) geworden zu sein, auch politisch in die Vollen gehend, manche finden’s nicht so-o gut, manche ganz töfte.

    MFG
    Dr. W

  3. Pingback: Franziskus und Ali Al-Khawwas – Der Papst rühmt einen islamischen Sufi in seiner Enzyklika Laudato Si › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  4. Guter letzter Absatz , vorm P.S. Immer hübsch den Boten schlagen , um die Botschaft nicht hören zu müssen , nichts Neues an der menschlichen Front.
    Mit „Wunder“ ist wahrscheinlich ein politisches Wunder gemeint , nichts Übernatürliches , schon ein wenig verständlich , angesichts der atemberaubenden Geschwindigkeit ökologischer Fortschritte.
    Romm hat Recht , was die Intellektuellen angeht , das überascht aber wenig , da gibt es halt allzu viele Leute , die im bestehenden System Erfolg haben , warum sollten die gründsätzliche Fragen stellen?

    Überhaupt hat die ganze – im weitesten Sinne – ökologische Bewegung die Systemfrage und die der sozialen Unterschiede aus den Augen verloren , sie hockt viel zu häufig im intellektuellen und/oder finanziellen Elfenbeinturm und wundert sich dann über ihre schwache Schlagkraft .

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  6. die Klimawandelhysterie macht vor niemanden halt. Weder vor fachlichen Laien, noch vor der Kirche. Wie auch, ist doch alles viel mehr Glaube, als Wissen.
    Würden die Bewegten wenigstens die IPCC Reporte der WG I lesen, könnten sie wissen, wie wenig man weiß und wie unterschiedlich die offenen Fragen diskutiert werden. Das ist freilich weder den Politiker noch Forentrollen zumutbar, also Simplifizierung und Dramatisierung bis zum Anschlag.
    Wer noch immer nicht kapiert hat, dass es gar nicht so sehr um das Klima geht, sondern viel mehr um die sg. Transformation, welche nur über den bösen Klimaschreck machbar werden könnte, tut mir ein wenig leid. Allerdings ist die ausufernde Borniertheit diverser Klima Aktivisten wieder Grund genug, Mitleid abzulegen und den ganzen Klimawandelwahnsinnigen einfach zu sagen, dass sie einfach naive Menschen sind.

  7. Sally Vance-Trembath’s Breakthrough-Artikel Laudato Si and the Effort to Reform the Feudal Church weist darauf hin, dass Papst Franziskus in dieser Enyklika im Menschen einen Klimasünder sieht, einen Klimasünder, der aus Egoismus das Gesamtinteresse vergisst. Ähnlich wie viele Konsumkritiker sieht Papst Franziskus die Schuld und zugleich den Hebel für eine Änderung, eine „Entschuldung“, beim Individuum. Verhaltensänderungen jedes Einzelnen, jeder Firma und jeder Gemeinde können in dieser Sicht den Umbruch und die Lösung bringen.
    Doch damit verkennt Papst Franziskus, dass das was heute den Klimawandel bewirkt früher und bis vor kurzem ein Segen für die Menschheit war, denn die Verbrennung von fossilen Brenn- und Treibstoffen hat erst die moderne Welt mit ihren viel besseren Lebensbedingungen für viel mehr Menschen hervorgebracht. In Wirklichkeit handelt es sich beim Klimaproblem um ein Technologieproblem (Nebenwirkungen) und bei der nötigen Abkehr von den fossilen Energien um ein gesellschaftliches und zugleich technologisches Problem. Schuldzuweisungen wirken hier eher kontraproduktiv und sie haben den falschen Adressaten. Denn nicht das einzelne Individuum, sondern die Gemeinschaft und Gesellschaft muss das Problem angehen.
    Sally Vance-Trembath schreibt dazu:

    The analysis oversimplifies environmental problems in ways that don’t help us navigate them more effectively. It also locates the problem (and thus any solution) primarily in personal moral choices rather than in the complex development of human society and culture.1

    While there is no doubt that criminal actions have occurred at various times, the long history of environmental degradation has more often been an unintended consequence of the human impulse to alter the environment in service of improving the human condition, acts which are a fundamental good in the foundational Christian narrative.
    …..
    In this regard, Laudato Si in places falls prey to a kind of remnant theological anthropology, which over-physicalizes the negative features of the human person and over-spiritualizes the positive ones. In so doing, it associates human technology and modernization with our overly-physicalized, selfish human “animal” nature rather than placing modernity and technological activities on the same spectrum as all human acts.

    Nicht nur der Papst, sondern ein erstaunlicher Teil der modernen Gesellschaft, begreift die moderne Gesellschaft und ihre Technologie-Abhängigkeit, viel zu wenig. Nicht nur unser Wohlstand, auch die Grösse der Weltpopulation, sind ohne die in den letzten Jahrhunderten entstandene Technologie nicht denkbar und nicht aufrecht zu erhalten. Die Klimaforschung und das 2°C-Ziel verlangen nach nichts anderem als einer völligen Dekarbonisierung noch in diesem Jahrhundert. Der völlige Verzicht auf die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas und eine Umstellung vom heutigen universellen Baustoff Zement auf einen Baustoff, der kein CO2 mehr freisetzt ist nicht allein mit Verzicht und Sparen zu erreichen. Nur ein Technologiewechsel wird uns ermöglichen ohne CO2-Emissionen auszukommen und zugleich den heutigen Wohlstand und die heutige Anzahl von Menschen aufrechzuerhalten. Für mich ist es deshalb schwer verständlich, dass nicht bereits vor 20 oder 30 Jahren weltweite Forschungs- und Technologieprogramme angestossen wurden, die als Ziel den Ersatz von Kohle, Öl, Erdgas und Zement hatten.

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