Aktuelle Meldung: Die AWG lebt, und wie!

An alle am Anthropozän-Interessierten, hier einen Happen News.

In den vorhergehenden Blogposts habe ich ja vom Wirbel um die Ablehnung des Vorschlags zur Einrichtung einer formalen Anthropozän-Epoche berichtet, nun lieber mal ein paar gute Neuigkeiten zur Zukunft der Anthropocene Working Group.


Der aktuelle Stand ist folgender:  Nach wie vor gibt es kein offizielles Schreiben an die Anthropocene Working Group (AWG) der SQS (Subcommission on Quaternary Stratigraphy) zu deren Auflösung. Tatsächlich ist die AWG auf der Seite der Subkommission für Quartärstratigraphie auch weiterhin als Arbeitsgruppe eingetragen (http://quaternary.stratigraphy.org/ , siehe Pulldown menu Working Groups). Klickt man allerdings auf diesen Link zur AWG-Seite der SQS, steht dort in einem ‘Joint Statement by the IUGS and ICS‘, dass unser AWG-Proposal zur Definition eines formalen Anthropozäns für die Erdgeschichte abgelehnt wurde. Außerdem wird nun diese AWG-Seite von der SQS als „Legacy site“, tituliert und die Anthropocene Working Group, als „a former working group of the SQS“ bezeichnet

Daraufhin ist nun folgendes geschehen: Die Anthropocene Working Group traf sich am 30. April 2024 online zu einem langen Video-Austausch zum weiteren Vorgehen. Die einhellige Meinung war, dass die AWG als „Anthropocene Working Group“ weiterarbeiten soll und wird, allerdings unabhängig von SQS und der International Commission on Stratigraphy ( ICS ) der IUGS, das heißt  als unabhängige Arbeitsgemeinschaft zum Anthropozän (auch der Anthropozäniker wird weiter als Mitglied dabei sein). Der SQS-Vorsitzende Colin Waters dankte in dieser Besprechung auch allen AWG-Mitgliedern, dabei insbesondere dem früheren AWG-Chair Jan Zalasiewicz, der von der Gründung der AWG im Jahr 2012 bis 2020 den AWG-Vorsitz (Chair) innehatte, ihn dann aber wegen seiner Wahl zum neuen SQS-Chair abgeben musste und an Colin Waters weitergab ( siehe AWG Newsletter 2020, Chairman’s Column). Jetzt wird Jan Zalasiewicz in der neuen Organisationsform für eine Übergangszeit wieder den AWG-Chair übernehmen. Jan Z. dankte seinerseits Colin W. für die immense Arbeit, die gerade auch in den letzten Jahren nicht nur, aber insbesondere auch für die unglaublich umfassenden Studien zur Bearbeitung der Kandidaten für die Typus- und Hilfsprofile zur Definition des Anthropozäns (GSSP, SABSs) sowie die Kompilation von allem anfiel. Alle waren sich darüberhinaus einig, dass etliche jüngere Kolleg*innen zur AWG neu dazu kommen und auch die Interdisziplinarität und die systemischen Forschungs- und Lösungsansätze zum Anthropozän weiter ausgebaut werden sollen. Zu all dem werden wir berichten, wenn es soweit ist. Psst, es gibt übrigens bereits einen neuen Domainnamen, wie könnte der anders lauten als anthropocene-working-group.org 😉 (Bislang gibt es dort allerdings noch nichts zu sehen, die neue Webseite wird nach Abklärung des Hostings sukzessive aufgebaut werden; der Anthropozäniker wird auch dies berichten).

Inhaltlich wird die Interdisziplinarität zu anthropozänen Fragestellungen also noch weiter gefestigt und ausgebaut. Wir waren uns immer bewusst, dass das Anthropozän-Konzept komplex ist und eben verschiedene Säulen bzw. Ebenen beinhaltet, insbesondere eine erdsystemare Ebene, eine geologisch-stratigraphische Ebene und sich daraus ergebend, eine konsequentiale Metaebene (“Verantwortungsebene”). All diese Ebenen stehen miteinander in Verbindung und im Austausch. Zu all dem soll weiter geforscht, publiziert und allgemeinverständlich berichtet werden. 

Nachfolgend findet sich in Abb. 1a,b,c die Entwicklung des zugrunde liegende Konzeptes  welches ich übrigens, nach Vorträgen dazu dann erstmalig 2014, sowie dann auch 2017 als Skribble hier auf diesem Anthropozäniker-Blog darstellte (Abb. 1a). Später gab es eine verbesserte Skizze (Abb. 1b), und zwar wiederum zuerst hier im Blog (2017, sowie dann in Leinfelder 2018, 2020a und weiteren Publikationen). Später wurde diese Skizze von mir noch erweitert (Leinfelder 2020b) und dann auch in erweiterter Form von der AWG publiziert (Zalasiewicz et al. 2021). 

Nachstehend  Abb 1 a, b c: Entwicklung des Ebenenkonzepts zum Anthropozän:

Abb 1 a) Die drei konzeptionellen Bereiche des Anthropozän-Konzepts (rot eingekreist): Mitte: die Erdystem-Ebene; links: die geologisch-stratigraphische Ebene, rechts: die Verantwortungsimperativ-Ebene (aus Leinfelder 2014/2017, SciLogs) 

 

Abb. 1b: Das komplexe, viele Aspekte umfassende, integrative Anthopozän-Konzept lässt sich in verschiedene konzeptionelle Ebenen gliedern [nach Leinfelder 2016, 2017, 2018].

 

Abb. 1c: Die Anthropozän-Mehrebenen-Konzept-Skizze mit Stand 2020/21  (hier aus Zalasiewicz et al. 2021, mit Original-Abbildungsunterschrift). 

Insbesondere sollen dabei eben auch systemisches Denken, Forschen und Handeln eine große Rolle spielen, also wiederum ganz dem Motto des Anthropozäniker-Blogs entsprechend: “Von der Umwelt zur Unswelt” , siehe dazu Abbildung 2 (aus Leinfelder 2017 Scilogs, sowie Leinfelder 2020b). 

Abb. 2 (Original-Abb. 13 mit Unterschrift, aus Leinfelder 2017, Scilogs): Überlegungen zum Nachhaltigkeitsbegriff und zur planetaren Neuverortung: a) Dreisäulen-Definition der Nachhaltigkeit nach Brundlandt-Kommission (1986/87), bestehend aus einer möglichst großen Schnittmenge aus ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit; b) defakto dominiert die Ökonomie, das System verkommt zu einer “Mickey-Mouse”-Nachhaltigkeit; c) teilweise dient die soziale Komponente nur noch dem ökonomischen System (ähnlich einem Mitochondrium der Gesamtzelle). d) die ökologische Komponente wird in eine separate, auch als entfernt wahrgenommene Umwelt verlagert. Die kann man besuchen und auch wertschätzen, wir kehren dann aber in unseren ökonomisch dominierten, abgegrenzten Bereich zurück. e) Ein tragfähiges Nachhaltigkeitskonzept muss integrativ sein und alle Bereiche dauerhaft verbinden. Der ökonomische Kern muss von einer sozialen Hülle ummantelt und kontrolliert sein, dies wiederum muss in ein habitables, funktionsfähiges Erdsystem angepasst sein. (Abb a, b, e basierend auf AG Niebert, sowie Griggs et al. 2013)

 

 

 

Es macht bereits jetzt große Freude, daran zu denken, wie unsere neu aufgestellte Anthropocene Working Group auf all diesen Ebenen das „Alles hängt mit allem zusammen – und umgekehrt“ weiter erforschen und vermitteln wird und mit diesem systemischen Wissen auch wesentliche Beiträge zu einem Ausbau der Futures Literacy leisten kann. Und natürlich werden wir uns auch weiter um die aus unserer Sicht ebenfalls notwendige und vor allem auch für andere Disziplinen sehr hilfreiche Definition des Anthropozäns im Buch der Erdgeschichte kümmern, in dem nun das Anthropozän-Kapitel aufgeschlagen wurde und weitergeschrieben wird. Zuvor muss sich aber auch der Anthropozäniker doch noch ein bisschen ausruhen.

Stay tuned!


Literaturverzeichnis:

Brundlandt-Bericht (1987): https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland_report_563.htm

Griggs, D., Stafford-Smith, M., Gaffney, O., Rockström, J., Öhman, M.C., Shyamsundar, P., Steffen, W., Glaser, G., Kannte, N. & Noble, I. (2013: Policy: Sustainable development goals for people and planet. Nature 495, 305–307, DOI: 10.1038/495305a

Leinfelder, R. 2014: Scilogs: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/zukunft-teil3-zukuenfte/

Leinfelder, R. 2016, Scilogs: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/anthropozaen-dialog/

Leinfelder, R. (2017) Das Zeitalter des Anthropozäns und die Notwendigkeit der großen Transformation. Welche Rollen spielen Umweltpolitik und Umweltrecht? – Zeitschrift für Umweltrecht, ZUR 2017/5, 259-266. Nomos

Leinfelder, R.  (2018): Nachhaltigkeitsbildung im Anthropozän – Herausforderungen und Anregungen. In: LernortLabor – Bundesverband der Schülerlabore e.V. (Hrsg), MINT-Nachhaltigkeitsbildung in Schülerlaboren – Lernen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, S. 130-141, Berlin, ISBN 978-3-946709-02-2

Leinfelder R. (2020a): The Anthropocene – The Earth in Our Hands.- 1-13, Refubium Freie Universität Berlin, DOI:10.17169/refubium-26459.

Leinfelder, R. (2020b): Von der Umwelt zur Unswelt – Das Potenzial des Anthropozän- Konzeptes für den Schulunterricht. In: Schörg, Ch. & Sippl, C. (Hrsg.): Die Verführung zur Güte. Beiträge zur Pädagogik im 21. Jahrhundert . Festschrift für Erwin Rauscher, S. 81–97, Innsbruck, Wien, Bozen (StudienVerlag). (Reihe Pädagogik für Niederösterreich, Band 8) , Print: ISBN 978-3-7065-4967-7
Open Access für Band 8: https://doi.org/10.53349/oa.2022.a2.140

Zalasiewicz, J., Waters, C.N., Ellis, E.C., Head, M.J., Vidas, D., Steffen, W., Adeney Thomas, J., Horn, E., Summerhayes, C.P., Leinfelder, R., McNeill, J. R., Galuszka, A., Williams, M., Barnosky, A.D., Richter, D. deB., Gibbard, P.L., Syvitski, J., Jeandel, C., Cearreta, A., Cundy, A.B., Fairchild, I.J., Rose, N.L., Ivar do Sul, J.A., Shotyk, W., Turner, S., Wagreich, M., Zinke, J. (2021): The Anthropocene: comparing its meaning in geology (chronostratigraphy) with conceptual approaches arising in other disciplines.- Earth’s future, EFT2777, doi: 10.1029/2020EF001896 (open access).

 

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

1 Kommentar

  1. Hierzu ist gestern auch ein kleines Interview (durch Dennis Yücel) in Campus.Leben, dem Online-Magazin der Freien Universität Berlin erschienen. Hier zwei kleine Ausschnitte sowie der Link zum ganzen Interview:

    “…. Selbst wenn wir von heute auf morgen unsere gesamte Lebensweise nachhaltig umstellen würden, wären die Spuren des Industriezeitalters für Hunderttausende von Jahren deutlich sichtbar. Die Eingriffe des Menschen in das Erdsystem lassen sich nicht mit einem Vulkanausbruch vergleichen. Es geht viel eher um einen Vergleich mit dem Meteoriteneinschlag an der Kreide-Paläogen-Grenze vor 66 Millionen Jahren, der auch die Dinosaurier zum Aussterben brachte. Es geht hier nicht um ein „Event“, sondern um den Beginn ein neues geologisches Zeitalter. ….
    Doch bereits jetzt erschließt sich mit dem Anthropozän-Ansatz nicht nur für die Erdsystemwissenschaften, sondern auch für viele weitere Disziplinen, darunter die archäologischen, historischen, sozialen sowie Zukunftswissenschaften ein weiteres, bis dato unbearbeitetes gemeinsames Wissensarchiv.

    Das ganze Interview mit dem Titel “Hat das Anthropozän noch eine Chance?” gibt es unter https://www.fu-berlin.de/campusleben/forschen/2024/240524-leinfelder-anthropozaen/index.html

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