Zeitzeugen

Die Tage werden wieder länger und dunkle Ecken heller. Deshalb ist mir auch mein Staubwedel wieder in die Hände gefallen. Gekauft hatte ich ihn eigentlich mal, weil er mich an diese Filmkomödien erinnert hat, in denen Hausangestellte mit weißem Schürzchen und so einem Ding herumhuscheln.

Staubwedel
Staubwedel aus Straußenfedern gibt es auch heute noch zu kaufen.

Das sieht albern aus, aber es funktioniert ziemlich gut. Die vielen Verästelungen des Federaufbaus binden den Staub, statt ihn nur aufzuwirbeln, und man muss vor dem Abstauben noch nicht einmal aufräumen, weil man mit den Federn so zart über die Oberflächen wedelt, dass nichts umfällt.

Wie das Hantieren mit Mikrofasertüchern und anderem Hightech-Putzzubehör sicher viel über unsere Zeit aussagen könnte, so erzählt auch der Staubwedel von der Zeit seiner Erfindung.

Ja, das Ding ist tatsächlich vor noch gar nicht so langer Zeit erfunden und nach einem Streit um die Urheberschaft 1876 auch patentiert worden: Die Amerikanerin Susan M. Hibbard kam wohl darauf, dass die Federn von Gänsen und Truthähnen, die man bis dahin meistens eher wie einen recht steifen Besen gegen den Staub einsetzte, viel weicher wurden, wenn man den Federkiel in einer bestimmten Weise beschnitt. Nun konnten sogar Federn von anderen Vögeln verwendet werden, die man vorher gar nicht in Betracht gezogen hatte: Straußenfedern zum Beispiel.

Und die gab es reichlich in Südafrika, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Entdeckung von Diamanten und Gold zur Einwanderungsregion vieler Europäer geworden war, zum weiteren Nachteil der  ursprünglichen Bevölkerung. So war es der weiße Besitzer einer Besenfabrik, Harry S. Beckner, der dort 1903  den Staubwedel aus Straußenfedern entwickelte, und zwar in Oudtshoorn, Anfang des 20. Jahrhunderts Hochburg der südafrikanischen Straußenproduktion. Noch heute gibt es dort die „Federpaläste“ der „Straußenbarone“ zu besichtigen. Der extrem gut bezahlte Hauptexportartikel waren Federn für die Hutindustrie – die weniger dekorativen Exemplare endeten dann gewinnträchtig im Staubwedel.

Gebrueder Alinari Portrait einer Dame 1882 Ausschnitt
Der Straußenboom endete angeblich wegen der Erfindung des Automobils, dessen hohe Geschwindigkeit den Damen das Tragen von Federhüten verleidete (Gebrüder Alinari, Portrait einer Dame, Italien1882; Ausschnitt).

Dass der zarte Staubwedel  gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, erscheint auch deshalb plausibel, weil  wohl nie zuvor die allgemeine Leidenschaft so groß war, allerlei zerbrechlichen Nippes um sich zu versammeln, der – zusätzlich zu den Ornamenten der Möbel – die staubtragenden Flächen (Ofenheizung!) ungemein vergrößerte.

Atget Zimmer einer Arbeiterin Rue de Belleville Ausschnitt
Nicht nur bürgerliche Kreise liebten ihre Staubfänger (Eugène Atget, Zimmer einer Arbeiterin in Belleville, Frankreich; um 1900).
Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Ich besitze auch einen (echt suedafrikanischen!) Straussenfederstaubwedel. Das beste, um Spinnweben zu entfernen.

    Die Straussenfederstaubwedel gibt es in Suedafrika heute noch in jedem Supermarkt zu kaufen – sie stehen dort neben den Microfasertuechern und -wedeln…

  2. Das schöne an solch unnützen Erfindungen wie dem Staubweldel finde ich die Verbreitungsgeschichte, die Viralität, die eine solche “Erfindung” hat. Tatsächlich lässt sich eine ganze Kulturgeschichte spinnen, wo der Erfinder, der Erfinderin des viralen Objekts oder Trends mit einer modernen Form der Hagiographie verewigt wird und es um den ganzen Globus, mindestens aber in der ganzen wohlhabenden Welt “Angesteckte” gibt, die diese Idee weitertragen oder die eine Tätigkeit wie Aerobic, (wieder)-erfunden von Jane Fonda, auf der ganzen Welt ausüben. Im 19. Jahrhundert waren halt virale Ideen meist noch utilitaristisch, wie der Staubwedel zeigt, wobei es letztlich aber doch nur darum ging, Nippes (also unnützes Zeugs) abzustauben. Heute dagegen haben viele viral verbreitete, mit einer gewissen Leidenschaft ausgeführte Tätigkeiten, nicht mehr die Absicht nützlich zu sein, sondern ihr Hauptzweck ist es Afficionados weltweit über eine Art Fetisch miteinander zu verbinden. Das Internet hat viele solche Bewegungen erschaffen oder mindestens ihre Viralität erhöht. Ein Beispiel dafür ist die Grumpy Cat. Aber selbst aus der Grumpy Cat kann man ein Produkt machen und Verkäufe generieren. Zitat Wikipedia:

    Die Grumpy Cat ist seit 2013 eine eigene Marke. Es wurden auch mehrere Fanartikel wie T-Shirts und Plüschtiere verkauft. Auch ein Grumpy Cat-Eiskaffee, der Grumpuccino, ist bereits in Arbeit.

    • Stimmt, es ist äußerst spannend zu verfolgen, wie die Ansteckung bei guten oder schlechten verläuft. Die Nützlichkeit des Staubwedels infrage stellen wird wohl niemand, der ihn je benutzt hat, auch wenn er keinen Nippes besitzt. Deshalb wäre es auch spannend mal zu schauen, wann, warum und wovon der Staubwedel abgelöst wird.

  3. Wie in dem Blog dargelegt sind Straßenfeder-Staubwedel keinesfalls nutzlos :-).
    Ich besitze ein modernes Modell, sieht genauso aus, ist aber aus Plastik und wirbelt den Staub nur auf. Dann doch lieber gleich Microfaser!
    Ansonsten war das wieder eine gleichermaßen kurzweilige und lehrreiche Abhandlung!

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