Wissenschaftler als Künstler auf der dOCUMENTA (13)

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Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

Seit einem Monat und noch bis zum 16. September läuft in Kassel die dOCUMENTA (13). Die aktuelle Ausgabe einer der weltweit wichtigsten  Ausstellungen für zeitgenössische Kunst verzeichnet unter ihren Teilnehmern (tot oder lebendig) nicht nur Künstler. Es finden sich auch Physiker (Karen Barad, Erkki Kurenniemi und Anton Zeilinger), Genetiker (Alexander Tarakhovsky), Computerfachleute (David Link, Konrad Zuse) oder Agrarwissenschaftler (George Chan) darunter.

Von der Universität Kassel beteiligen sich neben dem Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften auch der Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung  und der Fachbereich Humanwissenschaften an den documenta-Projekten.

Forschung publikumswirksam präsentieren

Der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger ist nicht nur Teilnehmer bei der documenta, sondern er war auch Berater im documenta-Komitee. Mit Experimenten und Messungen zur Quantenphysik oder Videos wie diesem möchte Zeilinger das Interesse an Physik wecken.

Alexander Tarakhovsky stellt mit rund 80.000 Probenröhrchen eine Art Gen-Bibliothek aus, um dem Besucher ein Verständnis von der Erweiterung biologischer Horizonte zu vermitteln.

Documenta 13 im Juni 2012
Juni 2012: Das Museum Fridericianum in Kassel, einer der Hauptaustragungsorte der dOCUMENTA (13)

Ob die Erwartungen der Naturwissenschaftler aufgehen? Vielleicht reduziert sich die Wahrnehmung ihrer Beiträge auf den wohligen Kitzel des Kuriosen, ein bisschen wie bei den Kunst- und Wunderkammern der Vergangenheit, bei denen erlesene Kunst und seltene Fundstücke aus der Natur gleichberechtigt nebeneinander gesammelt und rezipiert  wurden. Schaden für die Wissenschaft  ist heute daraus aber wohl ebenso wenig zu erwarten wie damals.

Und für die Kunst? Die Kuratorin der dOKUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, die im Vorfeld der Veranstaltung Dinge verlauten ließ wie “es gibt keinen Unterschied zwischen Kultur und Natur“, formuliert auf der Webseite der dOKUMENTA (13) :

Die dOCUMENTA (13) widmet sich der künstlerischen Forschung und Formen der Einbildungskraft, die Engagement, Materie, Dinge, Verkörperung und tätiges Leben in Verbindung mit Theorie untersuchen, ohne sich dieser jedoch unterzuordnen.

Dabei handelt es sich um Gebiete, in denen Politisches untrennbar ist von einem sinnlichen, energetischen und weltgewandten Bündnis zwischen der aktuellen Forschung auf verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Feldern und anderen, historischen ebenso wie zeitgenössischen Erkenntnissen.

Die dOCUMENTA (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen.

Im englischen Original ist das auch nicht wirklich besser zu verstehen. Immerhin wird ersichtlich, dass es bei Kunst wie bei Wissenschaft  – ihrer Ansicht nach – irgendwie um Forschung, Theorie, Erkenntnis und Wissen geht. Um den Begriff der  Schöpfung geht es bei Kunst offenbar nicht mehr, was ja irgendwie auch wieder sympathisch ist.

Künstler, die forschen und analysieren

Die Katalogautoren werden diesem Ansatz gerecht. Beim Durchblättern des Katalogs stößt man gehäuft auf eine der Naturwissenschaft und Medizin verbundene Terminologie. Der zeitgenössische Künstler macht Kunst, „die die dialektischen Spannungen zwischen Buchstäblichkeit und Banalität unter die Lupe nimmt“ (Ceal Floyer), „untersucht die blinden Flecken der jüngeren Kunstgeschichte“ (Mario Garcia Torres), „untersucht Räume, die beispielhaft für … Grenzbereiche stehen“ (Mariam Ghani), unternimmt „chirurgische Eingriffe“ (Renata Lucas), „erkundet das politische Potenzial“ (Goshka Macuga), unternimmt „eine fortlaufende Untersuchung der institutionellen Strukturen, die Wissen organisieren und kontrollieren“  (Claire Pentecost) oder auch eine „fortlaufende Untersuchung zum Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen“ (David Link), er möchte „kulturelle und politische Bedeutung analysieren“ (Sam Durant) und ein andermal „analysiert er, wie Geschichten konstruiert und erzählt werden“ (Omer Fast). Die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen.

Analytisches Denken geht gelungenen Kunstwerken voraus, wenn auch manchmal, wie bei den Surrealisten, die bewusste Abkehr davon. Es gibt auch keinen prinzipiellen Gegensatz von Kunst und Wissenschaft. Einen Bezug von der Kunst zur Wissenschaft gab und gibt es sogar sehr oft, sei es bei Leonardo da Vinci, bei der naturbezogenen Kunst der Renaissance oder bei der Verarbeitung neuer Erkenntnisse der Optik im Pointillismus. Und eigentlich ist die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Kunst, die sich ja sogar Ministerien teilen, eine sehr spannende.

Carolyn Christov-Bakargiev  vermittelt aber den Eindruck, Kunst wolle sein wie Wissenschaft. Sie gibt damit den wie auch immer gearteten,aber jedenfalls eigenständigen Charakter der Kunst preis – auch wenn sie diese Position in ihren etwas verschwommenen Formulierungen wieder relativiert.

Im Ergebnis stößt der diesjährige Documenta-Besucher auf eine ganze Reihe von Installationen, bei denen der Künstler wie ein Ausstellungskurator oder ein Museumspädagoge zu Gange war, der mit ästhetischen Mitteln Sachverhalte inhaltlich vermittelt. Sollte so die Antwort auf den Funktionsverlust aussehen, mit dem die Kunst sich auseinandersetzen muss, seit sie nicht mehr abbilden oder verherrlichen soll? Da lässt selbst die dOCUMENTA (13) anderes erhoffen, denn zwischen all dem Sammelsurium finden sich auch spannende, selbstbewusste Kunstwerke.

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Mir ist

    an Frau Christov-Bakargiev unangenehm aufgestoßen, dass sie versuchte, einen Alleinvertretungsanspruch für die Ausstellung von Kunst innerhalb des gesamten Stadtgebietes von Kassel anzumelden, solange die documenta läuft. Einerseits künstlerische Freiheit zu behindern und andererseits das Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren zu fordern scheinen mir zwei nicht ganz vereinbare Positionen zu sein.

    http://de.wikipedia.org/wiki/DOCUMENTA_(13)#Streit_im_Vorfeld

  2. je blöder …

    die Kunst, desto besser.

    Was wäre ansonsten aus Punk-Rock geworden, nichts wäre schlimmer als ein direkter wissenschaftlicher Bezug und dbzgl. Gleichklang.

    Niveau kann man nicht lernen.

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Schöpfung

    “Um den Begriff der Schöpfung geht es schon lange nicht mehr,…”
    Richtig. Denn dazu reicht es schon lange nicht mehr.

  4. Kunst von Beginn weg musealisieren

    Hier scheinen tatsächlich nicht mehr Künstler und Kunstaktionen die Welt zu bewegen. Vielmehr gibt die Austellunsmacherin den Rahmen so weit vor, dass die einzelnen Projekte sich in einen vorgegebenen Gesamtkörper einfügen müssen wie künstliche Gliedmassen.
    Und wenn man das Video von Anton Zeilinger anschaut, fragt man sich, ob Zeilinger sich überhaupt etwas anderes sagen will, als er es sonst schon tut. Diese Dokumenta dokumentiert und ist museal. Es scheint aber nichts zu passieren zwischen den Künstlern und zwischen Künstlern und Publikum.

  5. Das “Gerede” …

    … von Carolyn Christov-Bakargiev ist mir auch sehr unangenehm aufgefallen. Es ist eine ähnliche Rhetorik, wie sie Theologen benutzen, die ebenfalls das Problem haben, eigentlich nicht wirklich etwas über ihren Forschungsgegenstand aussagen zu können.
    Das Ganze hat auch einen stark esoterisch geprägten Duktus, es wird gerne auf höchst nebulöse Weise versucht, Naturwissenschaft und magisches Denken in Einklang zu bringen.
    So, wie z.B. die Wirkung von homöopathischen Kügelchen herbeigeredet wird, wird es aktuell auch mit der Wirkung von Kunst versucht. Bei vielen funktioniert es.

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