Wie ungerecht ist die UNESCO-Welterbeliste? (1)

Geradezu inflationär mag einem in den vergangenen Jahren die Eintragungen in die Lister der UNESCO-Welterbestätten vorkpmmen. Das sieht auch das Welterbe-Komitees selbst so und ruft die schon gut vertretenen Staaten auf, ihr Bewerbungstempo zu verlangsamen. Angestrebt werden soll auch ein Gleichgewicht zwischen dem Kultur- und dem Naturerbe auf der Liste.

Betrachtet man die Karte der in die Liste des Welterbes der UNESCO eingetragenen Stätten, dann sieht deren globale Verteilung je nach Kategorie  ganz unterschiedlich aus: Kultur hauptsächlich so zwischen dem 30. und 60. Grad nördlicher Breite. Und die Natur da, wo sonst keiner ist.

UNESCO-Welterbe rund um den Globus

Die interaktive Karte A (Achtung, die Karten sind verlinkt) zeigt die Verteilung der Denkmale ohne Landesgrenzen (die Balkendiagramme dienen als Filter nach Jahren und Kategorien). Im ersten Jahr der Vergabe des Welterbe-Titels (1978) wird das Bemühen um gleichgewichtige Verteilung über den Globus deutlich. Schubweise kamen in den folgenden Jahren dann aber in bestimmten Regionen konzentrierte Stätten nach, etwa Frankreich (z. B. 1979 und 1981) oder die antiken Stätten Nordafrikas (1982).

Welterbe 1 A

Europa hat heute mit Abstand die meisten geschützten Denkmale. Bei den einzelnen Ländern führen China, Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und Mexiko die Liste an. In einem Atemzug mit dem europäischen Übergewicht wird oft Nordamerika genannt –  50% der aufgenommenen Stätten befänden sich in Europa und Nordamerika, heißt es etwa. Genau betrachtet haben die USA aber eher weniger Welterbestätten, insbesondere auch auf dem Sektor Kultur.

UNESCO-Welterbe: Verteilung nach Ländern

Welterbe 1 B

Wie weit manche Länder bei den Bewerbungen für die Liste vorgeprescht sind, zeigt Karte B. Jedoch ist das Ungleichgewicht je nach Kategorie unterschiedlich. Bei der Kultur führt Italien (44),  gefolgt von Spanien (38) und China (37), Frankreich und Deutschland. Im Hinblick auf die Naturdenkmale liegen China und die USA gemeinsam vorn (je 10 Eintragungen).

Als Grund für die geringere Berücksichtigung von Ländern in Afrika, Südamerika oder Asien wird meist angeführt, dass hier mangelnde Ressourcen und zu wenig Know-How für die aufwendige Vorarbeit einer Antragstellung vorliegen. Für die USA wird man dieses Argument nicht in Anspruch nehmen wollen. Daher muss man zumindest in Betracht ziehen, dass manche Staaten auch bewusst auf Bewerbungen verzichten. Ein Motiv könnte sein, dass sie Einmischungen in innere Angelegenheiten vermeiden wollen.

UNESCO-Welterbe – ein Zeichen menschlicher Solidarität?

Die Idee, dass die Liste alle Länder dieser Erde ausgewogen berücksichtigen solle, scheint einleuchtend. Auf den zweiten Blick steht sie aber in gewissem Kontrast zu dem in der Präambel der Verfassung der UNESCO enthaltenen Gedanken: „Ein ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruhender Friede kann die einmütige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt nicht finden. Friede muss  …  in der geistigen und moralischen Solidarität der Menschheit verankert werden“. Nur mal so als Gedankenspiel: Für eine über die Abmachung von Regierungen hinausgehende Solidarität könnte man ja auch andere (wenn auch praktisch wohl kaum umsetzbare) Kriterien finden als ausgerechnet die Grenzen der heutigen Nationalstaaten …. Vielleicht spielt dieser Aspekt bei der offenbar zunehmenden Zahl grenzüberschreitenden Welterbe-Stätten schon eine Rolle?

Wie sinnvoll ist das Auszählen der Listeneinträge pro Staat?

Ein Gedanke könnte zum Beispiel auch der Fläche und der Einwohnerzahl der einzelnen Staaten im Verhältnis zu ihren Kulturdenkmalen gelten. In unwirtlichen, dünn besiedelten Gebieten wird man naturgemäß weniger Zeugnisse kulturellen Schaffens erwarten. Die Grafik betrachtet die Welterbequote im Hinblick auf die jeweilige Staatsfläche und die Einwohnerzahl.

Die Größe der Punkte entspricht der absoluten Zahl der eingetragenen Denkmale, die Helligkeit gibt die Denkmaldichte in Bezug auf die Staatsfläche und auf die Einwohner an.

Welterbe 1 C

 

*Nicht berücksichtigt in den Karten und Grafiken sind die Mischformen von Natur-/Kulturdenkmal sowie die grenzüberschreitenden Denkmale, die sicher eine gesonderte Betrachtung wert sind.

 

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

6 Kommentare

  1. Ich kenne zumindest einen Briefkasten hier in der Gegend, der noch nicht UNESCO-Welterbe ist. Warten wir mal ab, wie lange noch. 🙂

  2. Die Dominanz Europas ist leicht erklärbar, der Denkmalgedanke ist europäisch und basiert auf historischem Bewusstsein vom menschlichen Wirken. Zudem ist die Besiedelungsdichte sehr hoch. Letzteres mag auch auf Indien zutreffen, aber dort fehlt/fehlte meines Wissens das historische Bewusstsein für Denkmäler, materielles Menschenwerk gilt als der Natur untergeordnet. In Europa sollen dagegen Monumente der Vergänglichkeit der Natur trotzen, ein kulturelles Zeichen der Menschen gegen die Macht der Natur. Dieses Bewusstsein war den meisten anderen Kulturen einfach fremd.

  3. Das Kulturerbe wird in vielen europäischen Ländern immer wieder beschworen und tröstet einige Länder über ihre nicht so gloriose Gegenwart hinweg. Italien beispielsweise, wo auf europäische (EU-) Kritik an seinem Schlingergang, immer wieder Stimmen von Italienern ertönen, man solle doch Italiens Beitrag zur europäischen Kultur beachten, bevor man Italien kritisiere. Tatsächlich weiss wohl jeder Europäer, dass Oberitalien mit der Renaissance, dem Humanismus und Leuten wie Leonardo oder Galileo die frühe Moderne angestossen hat.
    Doch es ist nicht nur Italien, es ist Europa als Ganzes, mindestens aber West-Mittel- und Nordeurpa, wo sich das Gefühl breitmacht, die Zukunft – ob nun in der EU oder ausserhalb – bringe keine neue Grösse mehr, sondern, wenn schon nicht für die ganze Welt, so doch für Europa gelte T.S.Eliots Spruch:

    Auf diese Weise endet die Welt: Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern

    Was also bleibt Europa übrig wenn nicht sein kultureller Beitrag zur Moderne, zur heutigen Welt. Europa wird mit seiner starken Vertretung im Weltkulturerbe also ausgleichende Gerechtigkeit zuteil. Es ist der Ausgleich zwischen einer grossen Vergangenheit und einer verebbenden Gegenwart und Zukunft.

    • “Tatsächlich weiss wohl jeder Europäer, dass Oberitalien mit der Renaissance, dem Humanismus und Leuten wie Leonardo oder Galileo die frühe Moderne angestossen hat.”

      Italien ist seit ca. 2500 Jahre relativ dicht besiedelt und hat seit der Antike Monumente zu bieten. Das Mittelalter liefert auch seinen Teil. Waren sie mal in Pisa auf dem Platz der Wunder? Der heißt angeblich nicht so, weil dort Wunder geschahen, sondern wegen der Prachtbauten. Erbaut ab dem 12. Jh.

      • Ja, Italien ist voll von historischen Stätten und das ist auch Italienern wie Fellini (Roma,Satyricon), Umberto Ecco und selbst Deutschen wie Thomas Mann (“Tod in Venedig”, hier allerdings bereits das touristische Venedig) sehr bewusst. Es ist aber wohl mehr als die Tatsache, dass (Zitat)

        Italien seit ca. 2500 Jahre relativ dicht besiedelt

        ist, welche dafür verantwortlich ist.

  4. nicht nur Oberitalien, auch der Mezzogiorno birgt reiche Kunstschätze aus Antike, Mittelalter und Barock. So steht die komplette Altstadt von Neapel auf besagter Liste, wie auch die normannischen Bauten von Palermo, Monreale, Cefelu und diverse Barockkirchen am Ende der Welt (aber auch die Mosaiken von Piazza Amerina). Hier zeigt sich der positive Aspekt der Unesco-Liste: Bauten werden für schützenswert und bedeutend erklärt, egal ob sie an touristischen Hauptrouten liegen.

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