Wie die Unesco mit dem Label “Weltkulturerbe” unsere Städte zerstört …

Denkmale

…, erklärt der italienische Journalist Marco d’Eramo in einem erfrischend polemischen Artikel in der Wochenendausgabe der taz. Pulsierende Städte seien dem tödlichen Fluch des Tourismus preisgegeben, sobald sie den Unesco-Titel “Welterbe der Menschheit” erhielten, so sein Credo. Der Wunsch, das „Erbe der Menschheit haltbar zu machen“ gehe zwangsläufig einher mit der Verhinderung von weiterer Entwicklung.

Die Akropolis von Athen, die bewundernswerte Mischung aus Antike, Barock und Manierismus in Rom, das Centre Pompidou in Paris, all das wäre mit dem Welterbe-Titel nicht entstanden, meint d’Eramo, und fordert ein Gleichgewicht von Bauen und Bewahren, das er heute nicht mehr für gegeben hält. So vermisst er in Städten wie dem toskanischen San Gimignano die kleinen Lebensmittelläden um die Ecke. Je kleiner die Stadt, desto schneller sterbe sie, so seine Beobachtung.

Schon wahr, von Porto bis Venedig haben die historischen Altstädte oft etwas Kulissenhaftes. Aber wer die Unesco dafür verantwortlich macht, verwechselt möglicherweise Ursache und Symptom. Die Diagnose würde nur dann stimmen, wenn es außerhalb der Welterbe-Städte lauter blühende Kleinstädte gäbe. Aber so ist es nicht. Viele kleine historische Städte und Gemeinden sind heute reine Schlafstädte, kleine und mittlere Lebensmittelläden in den Innenstädten werden heute nicht mehr als rentabel angesehen: hohe Mieten, stetig wachsender Platzbedarf für das volle Programm an Marken und Convenience-Produkte, keine Parkplätze … Das hat nichts mit dem Welterbe-Titel zu tun.

Natürlich macht die stetig wachsende Dichte an Welterbestätten stutzig, die d’Eramo in seinem Artikel insbesondere für Italien anmerkt. 138 europäische Städte tragen das Label heute und viele bemühen sich darum, in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden.

Der taz-Autor fühlt sich „umstellt von Erbstücken“ – je älter je besser – deren Erhalt alles Jüngere, und sei es aus dem Mittelalter, geopfert werde. Das ist sicher oft, aber nicht zwangsläufig so. Und es ist ja auch nicht so, dass früher alles überbaut worden wäre, was irgendwo im Weg rumstand. Wenn dem so wäre, gäbe es viele Kulturdenkmäler heute gar nicht mehr. Wenn es oft auch nur Zufall oder mangelnde Mittel für einen Neubau gewesen sein mögen, die für den Erhalt eines Bauwerks verantwortlich waren, ist in vielen Fällen doch ein bedachter Umgang mit dem Vorhandenen zu beobachten: Die Mauern des alten Hafens von Marseille oder der Diokletianspalast in Split wurden in neue Gestaltungen einbezogen. Über Jahrhunderte verbreitet war es, besondere Bauteile als Spolien in Neubauten weiterzuverwenden. Komplette Neuanlagen waren oft nur das notgedrungene Ergebnis einer vorangegangenen Feuersbrunst. Aber ja, es gab auch immer wieder großangelegte Sanierungsprogramme, die historisch gewachsene Strukturen für immer zerstörten, wie zum Beispiel im Paris des 19. Jahrhunderts.

Das Verhältnis von Bewahrung und Wandel im Städtebau ist jedenfalls schon immer komplex. Insofern ist auch die Welterbe-Initiative (auch sie mit Gewissheit irgendwann obsolet) vor allem Ausdruck unserer Zeit. Vielleicht als Gelegenheit des Innehaltens, als Ausdruck von Verunsicherung und Infragestellung oder der Suche nach Identität, weil die historischen Wurzeln des Individuums immer weniger greifbar sind.

Dass es im Alltag Konflikte mit den Bedürfnissen der heutigen Bewohner einer Stadt gibt, zeigt der Fall des Dresdner Elbtals, wo der Titel Weltkulturerbe um den Preis der vierspurigen Waldschlößchenbrücke aufgegeben wurde.

Dresden Baustelle Waldschlösschenbrücke Weltkulturerbe Oktober 2010
Credit: eigenes Bild, CC-BY-SA   – Die Baustelle der Waldschlösschenbrücke in Dresden im Oktober 2010: Die Brücke über die Elbe wurde in den 1990er-Jahren geplant, erste Ideen dazu gab es schon im 19. Jahrhundert. Die seit 2013 befahrbare Brücke verbindet den dichtbesiedelten linkselbischen Osten Dresdens und den Norden mit den Industriegebieten um den Flughafen. Das Welterbekomitee hatte die Elbquerung als gravierenden Eingriff bewertet, die den außergewöhnlichen universellen Wert des Welterbes gefährde und den Bau eines Tunnels empfohlen, um die einmalige Kulturlandschaft zu erhalten. 2009 wurde das Dresdner Elbtal von der Liste des Welterbes gestrichen.

Man könnte daraus schließen, dass vitale Kommunen dem Diktat des Welterbetitels durchaus etwas entgegensetzen zu haben. Es ist ja auch ein ganz freiwilliges Diktat, dem sich die Bewerber um den Eintrag in die Welterbeliste unterwerfen, schließlich ist damit nicht nur die Hoffnung auf eine deutliche Steigerung des lokalen Tourismus verbunden (vermarktet in Deutschland vom Verein „Unesco Welterbestätten Deutschland“), sondern auch auf erkleckliche Geldsummen von einem nationalen Investitionsfonds.

Die Stadt als Lebensform ist heute stärker im Wandel ist als je zuvor. Der Eintrag in die Welterbeliste ist zumindest für kleine Städte vielleicht eine Chance zu überdauern, bis bessere Zeiten kommen.

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Europa als grosses Venedig und damit als Destination für chinesische, indische, amerikanische und später afrikanische Touristen wäre schon denkbar. Denn genau so wie Venedig war Europa einmal sehr mächtig und bedeutend, doch diese Tage sind schon lange vorbei und müssen einer realistischeren Einschätzung weichen, die beispielsweise berücksichtigt, dass ein einziges afrikanisches Land, nämlich Nigeria, im Jahre 2050 mit 450 Millionen Einwohnern gleich viel Einwohner haben wir wie die EU heute – und die Bevölkerung in der EU schrumpft ja. Warum dann nicht dieses winzige und “herzige” ( cute this little europe) Kontinentchen Europa als Ganzes zum Weltkulturerbe machen? Die asiatischen Air Lines könnten dann mit der Destination Europa als “Wiege der Zivilisation” werben und die Einnahmen aus einer Reality Show mit dem französischen Präsidenten als Hauptfigur könnten den französischen Staatshaushalt finanzieren (was für einen BH hat die neue Geliebte des franz. Präsidenten getragen würden sich die chinesischen Zuschauer dieser Reality-Show vielleicht nach einer typischen Episode fragen).
    Europa als neues Venedig – das muss kein schlimmes Schicksal sein, es würde vielmehr zeigen, dass selbst wilde Bestien soweit domestiziert werden können, dass sie ihre weiteren Tage als brave Stubentiger verbringen.

    • Wenn man sich gegenwärtige Entwicklungen so fortdenkt, wie damals der Club of Rome. Aber natürlich wird es gegenläufige Entwicklungen und Reaktionen geben, sowie unerwartete Trends.
      Mit Sicherheit haben wir in Europa ein riesiges touristisches Potential und das ist gut so.

  2. Sehr interessanter und differenzierter Beitrag. Aus dem Bauch heraus habe ich schon des längeren das Gefühl, das speziell in Deutschland eher zu viel denkmalgeschützt und “musealiert” wird. Der Blick nach vorne kommt mir manchmal etwas zu kurz in Anbetracht des enormen Aufwands eines möglichst authentischen Erhalts von wunderschönen oder auch faszinierenden kulturellen Stätten der Vergangenheit. Etwas weniger täte es aber auch und ließe mehr Raum für neues.

  3. Ich bin schon eher für das Bewahren historischer Gebäude, zumal In Deutschland weit weniger davon erhalten sind als in Italien. Ich habe aber kein Verständnis dafür, wenn zerstörte Monumente teilweise nach Jahrzehnten wieder rekonstruiert werden (vielleicht mit der einzigen Ausnahme der Frauenkirch in Dresden). Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses hingegen ist ein Offenbarungseid der zeitgenössischen Architektur, der es offenbar nicht gelingt, moderne Lösungen zu finden, die von der Mehrheit der Bevölkerung “angenommen” werden.

Schreibe einen Kommentar