Verkannte Genies

BLOG: Denkmale

Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

Die Vorstellung vom unverstandenen Künstler, der bitteram stirbt, dessen Werk dann später entdeckt wird und neben allgemeiner Anerkennung vor allem auch Millionenbeträge erzielt, ist fest in unserem Ideen-Repertoire verankert. An konkreten Beispielen dafür fällt mir dann komischerweise aber eigentlich nur Vincent van Gogh ein: Der konnte, neben anderen Problemen, seine Bilder nicht verkaufen und malte trotzdem unablässig – am Ende seines Lebens mehr als ein Ölbild pro Tag. Bilder, die heute zu den teuersten Stücken auf dem Kunstmarkt gehören.

Die Idee des verkannten Genies trifft bei anderen verarmten Malern, die einem in den Sinn kommen mögen, wiederum gar nicht zu: Zum Beispiel gerieten sowohl Rembrandt als auch Jan Vermeer in große wirtschaftliche Schwierigkeiten, dies aber nicht, weil ihre Bilder nicht gekauft worden wären, sondern aus ganz anderen Gründen. Es scheint, dass der seit der Romantik bekannte Topos des “verkannten Genies”, mehr für die Schriftstellerei gilt (Robert Musil, Heinrich von Kleist, Herman Melville, Friedrich Hölderlin … Nicht zu vergessen: “Der arme Poet” von Carl Spitzweg).

Kunst, die unsichtbar bleibt

Es ja sehr unwahrscheinlich, dass es einzig die Künstler zu Nachruhm gebracht haben sollten, die diesen auch verdienen. Rückblickend sind (wie immer) die Großen der Kunstgeschichte zwar nicht mehr wegzudenken, denn ihr Einfluss war es ja, der unser heutiges Verständnis von Kunst geformt hat. Unter den vielen, deren Namen wir heute nicht mehr kennen, muss es dennoch etliche gegeben haben, die ebensoviel künstlerisches Potential hatten. Die waren vielleicht einfach nur keine guten Netzwerker oder zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ich vermute deshalb, dass die meisten guten Maler der Menschheitsgeschichte für immer unerkannt bleiben werden. Mehr noch als bei den Schriftstellern gibt es bei den Künstlern das Problem, dass das, was zu Lebzeiten nicht gekauft und gesammelt wurde, erst recht nach dem Tod nicht in geschlossenen Gruppen aufbewahrt wird, nicht lang genug jedenfalls, um eines Tages als “Lebenswerk” entdeckt werden zu können.

 

Künstler, die gesehen werden wollen

Schon zu Zeiten van Goghs war es förmlich zu einem Künstlerboom gekommen  – angeblich auch, weil der Beruf ökonomisch attraktiv erschien (1): Bei den Salonausstellungen in Paris bewarben sich 1863 etwa 1300 Maler. Ein halbes Jahrhundert zuvor waren es nur etwa 200 gewesen. Und heute? Im Bereich Kunst und Kunstwissenschaften gibt es jedes Jahr in Deutschland etwa 10 000 Hochschulabsolventen. Dazu kommen Heerscharen von Menschen, die sich in Kursen und Workshops privat ausbilden. Es entsteht ein künstlerischer Output, der auch von einem erheblich gewachsenen Markt wohl kaum komplett absorbiert werden könnte.

Und nicht alles, was sich zur Kunst erklärt, lohnt die Aufmerksamkeit. Kein Zweifel, es gibt viel Schlimmes in den großen und kleinen Kunstausstellungen landauf, landab. Manch kreatives Tun ist bestenfalls für den Schöpfer selbst relevant. Manches wird auf dem Kunstmarkt gepusht. Dazwischen gibt es Spannendes, das es zu entdecken gälte. Nicht als Geldanlage. Einfach nur, weil es gefällt.

(1) Harrison C. White, Creativity and Careers. Oxford 1993

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

2 Kommentare

  1. Es gibt hierzu, also zum WebLog-Artikel, womöglich mindestens zwei gute Nachrichten:
    1.) Es gibt letztlich keine erkennenden Subjekte, die per se außergewöhnlich sind, ‘Genies’, speziell Geborene oder Jinnis (bei anderer sprachlicher Wurzel).
    2.) Künstler oder auf besondere Art eben durch Kunst Beischaffende können auch noch Jahrhunderte später als besonders beitragend empor gehoben werden, auch wenn es zeitgenössisch i.p. Akzeptanz eher mau aussah und vielleicht gar am Hungertuch genagt worden ist, eben mangels Beifall zeitgenössischer Art.

    ‘Kunst’ ist insofern, was gefällt, was typischerweise zeitnah zum Ausdruck gelangt und dem oder den Künstlern ein ausreichendes Einkommen gewährt (ansonsten täten andere abspringen).

    Kunst ist politische [1] Nachricht und zivilisatorische Veranstaltung.
    Der Schreiber dieser Zeilen hatte bspw. hier immer auch ein Auge auf Andy Warhol (“Andrej Warhola” – cooler Typ btw und Kunst sozusagen auf sich selbst zurückführend [2]).

    Wie immer sehr schlau oder klug oder weise, was Sie zur Thematik anzumerken wussten, Frau Bambach, danke,

    MFG + einen schönen Dezember noch,
    Dr, W

    [1]
    Streng genommen gab es wohl auch in Steinzeithöhlen begabte Künstler, diese festzustellen oblag dann aber späterer Zivilisation (“Bürgerwerdung”), also denjenigen, die zu sprechen wie zu notieren wussten.

    [2]
    Warhol wurde mal angefragt, auf eines seiner Werke, die ja schon irgendwie standardisiert erscheinen, technisch sozusagen, was denn dieses oder jenes genau bedeuten würde, er antwortete (sinngemäß):
    Dass, was Du anfragst und dessen Bedeutung Dich interessiert, das X sozusagen, ist das X in Dir.

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