Urlaub

Was macht einen schönen Urlaub aus? Schönes Wetter, Wasser/Berge, Gastronomie. Oder? Wer sich zur Zeit überlegt, ob Urlaub überhaupt angebracht ist und wenn ja, wohin die Reise wohl gehen könnte, kommt schnell ins Grübeln. Lieber nicht so weit weg, um keinen Transportservice für die Viren zu bieten. Touristische Attraktionen in der Nähe sind schon ausgebucht oder so voll, dass man um den angemessenen Abstand fürchten muss. Also dahin, wo es andere nicht so hinzieht. Ins deutsche Mittelgebirge! Aber mal ehrlich – was soll man da?

Die Gastronomie liegt dort seit Jahren am Boden, in vielen Orten gibt es keine offene Kneipe mehr. Strand – Fehlanzeige. Leutekucken ebenso. Wandern und Radfahren okay, aber was, wenn man einfach nicht so der Aktivurlauber ist? Kann man einfach so irgendwohin fahren, sich frischen Wind um die Nase wehen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Kann man! Man muss nur (wieder) drauf gebracht werden.

Urlaub im deutschen Mittelgebirge? Echt jetzt?

Die Anziehungskraft, die Strand und Sonne heute auf uns ausüben, man mag es kaum glauben, aber sie gilt nicht seit Menschengedenken. Die Sehnsucht nach dem Meer, sie musste erst noch gemacht werden. Es waren Adelige, die die Reiseziele am Mittelmeer oder Atlantik im 18. Jahrhundert entdeckten. Zuvor hatten sie ihr Erholungs- und Kontaktbedürfnis in vornehmen Kurbadeorten wie Bath, Baden-Baden oder Karlsbad gestillt. Als das Bürgertum dorthin nachdrängte, suchte man nach Ausweichmöglichkeiten – und entdeckte die Meeresküste, die zuvor als unwirtlich und der Gesundheit abträglich angesehen worden war.

Der Adel als Vorhut

Es entstanden Badeorte wie Brighton und mit dem Bau von Eisenbahnstrecken kamen immer mehr Orte hinzu, etwa an der französischen Mittelmeerküste, wo Nizza zum Überwinterungsort des europäischen Adels wurde. Doch auch hier drängte das Bürgertum nach – bis heute.

Auch der Reiz des Hochgebirges wurde zunächst vom Adel entdeckt (interessanterweise waren es offenbar immer zuerest die Engländer, die den Trend setzten). Nach den Pionieren, die die Gipfel bezwangen, folgte die Masse. Und mit ihr das Bedürfnis nach verlässlicher Information und möglichst einfacher Organisation – das Zeitalter von Badecker (1832) und Thomas-Cook-Reisen (1841) war angebrochen.

Zeit sparen für die lange Weile

Ursprünglich waren die Reisen des Adels eine von langer Hand geplante Unternehmung gewesen, die der Persönlichkeitsbildung des Nachwuchses und dem Knüpfen von Kontakten dienten. Die Idee von Urlaub gab es da noch lang nicht. Der wird heute oft mit ein paar Klicks vor dem Schlafengehen gebucht. Der Flieger bringt die Erholungsuchenden dann in wenigen Stunden dahin, wo gerade gutes Wetter zu sein verspricht.

Die Engländerin Amelia Murray bereiste um die Mitte des 19. Jahrhunderts den Odenwald und beschäftigte sich einfach mit dem, was sie dort vorfand. Sie zeichnete was sie sah und veröffentlichte das Gesehene um die MItte des 19. Jahrhunderts als Lithografien in einem opulenten, großformatigen Bildband.

Zeit ist knapp und wenn man im Urlaub plötztlich eigentlich – aber doch wieder nur für eine ganz begrenzte Zeit – sehr viel davon hat, ist man vermutlich einfach überfordert. Geradezu unglaublich klingen für unsere Ohren Berichte wie die des französischen Naturwissenschaftlers und Schriftstellers Jean-Henri Fabre, dessen Werk “Erinnerungen eines Insektenforschers” in einer zehnbändigen deutschen Ausgabe veröffentlicht wurde.

Beim Warten zusehen

In seinem (allerdings zwei Monate dauernden) Urlaub schlägt er sich bei Avignon ins Dickicht, um Tag für Tag einigen männlichen Dolchwespen dabei zuzusehen, wie sie vergeblich auf das Schlüpfen eines Weibchens warten. Und schließlich – “reichlich entschädigt”- “mit einem zerrissenen Kokon und der räteselhaften Haut eines elenden Wurms” zurückzukehren.

Diese Beschaulichkeit deckt sich zu Teilen mit der deutschen Tradition der Sommerfrische. So man es sich leisten konnte, fuhr man mit der Bahn in die nahen Berge oder an die See, je nach Wohnort. Man genoss die bescheidene Unterkunft beim Bauern oder im Gasthof und möglicherweise auch das Gefühl, da draußen mehr als in der Stadt etwas Besonderes darzustellen. Unwichtig waren auf alle Fälle Sehenswürdigkeiten oder Entertainment. Und auch Abwechslung und exotische Sensationen suchte man nicht, sondern reiste jedes Jahr wieder in den gleichen Ort.

Zuhause bleiben

Die Urlaubsreise ist nach wie vor eine ungerechte Angelegenheit: Laut Statistischen Bundesamt standen im Jahr 2018 etwa 54 Millionen Bürgern, die mindestens eine Reise gemacht haben, kanpp 18 Millionen gegenüber, die das ganze Jahr über zuhause geblieben waren. Nach Angaben der Funke-Mediengruppe unter Berufung auf das Statistische Bundesamt können rund 14 Prozent der Bundesbürger einen Urlaub schlichtweg nicht bezahlen.

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

7 Kommentare

  1. Ja, Reiseziele und -motive haben immer wieder geändert. Was bleibt oder bleiben muss ist wohl folgendes: Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Denn wozu sollte man eine Reise unternehmen, wenn es dabei nichts zu erleben gibt, über das man dann im Kreise der Daheimgebliebenen erzählen kann. So war es mindestens früher. Heute schickt man Bilder heim noch bevor man zurückkommt.

    • “Denn wozu sollte man eine Reise unternehmen, wenn es dabei nichts zu erleben gibt, …”

      Die Masse der im “freiheitlichen” Wettbewerb bewusstseinsschwach- wie bewusstseinsbetäubt-gepflegten Wohlstands- und Gewohnheitsmenschen macht eine Reise, weil es zum kurzsichtigen Weltbild dieser wettbewerbsbedingten “Werteordnung” gehört.😎

  2. Howdy!

    Was macht einen schönen Urlaub aus? Schönes Wetter, Wasser/Berge, Gastronomie. Oder?

    Dr. Webbaer ist so-o viel gereist, insbesondere in jüngeren Jahren, ohne ‘urlaubend’ gewesen zu sein – dass er ‘Urlaub’ nunmehr so versteht, dass es cool ist mal andernorts unterzukommen, sich dort i.p. Ernährung und Kultur ein wenig einzugewöhnen zu suchen, und vor allem auch etwas zu sehen zu bekommen, das andernorts, Stichwort : Denkmale (die in dieser Inhalteeinheit geübte Überschrift), nicht zu sehen ist.

    Gewandert werden darf ebenfalls, der heutige Bär (oder Mensch) ist ja so-o faul geworden – nachträglich anderen vertellen, Diavorträge (so hieß dies früher) haltend, war Dr. W allerdings nie gewohnt.

    “Urlaub zu Hause” geht ebenfalls, frei von der eigenen Werktätigkeit; nicht uncool ist es, wenn in auswärtigem Gebiet einer Sports-Gewohnheit nachgekommen werden kann, Dr. W war bspw. lange Jahre Jogger.
    Auch : Berg-Jogger, sozusagen.
    Die Gelenke machten irgendwann nicht mehr mit.

    Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank für diesen WebLog-Eintrag
    Dr. Webbaer

    PS:
    Zum ‘Urlaub’, zur Erlaubnis wegzugehen, kann bspw. <hier ein wenig nachgelesen werden: Tourismus kam womöglich erst Mitte des letzten Jahrhunderts auf, zuvor lagen sog. Forschungsreisen vor.

    • Urlaub, der in dieser konsum- und profitautistischen Gesellschaft überwiegend heftige Bewusstseinsbetäubung ist, sollte nicht nur wegen der Pandemie nicht im Reisewahn stattfinden – aber weil die Profitler dieses Systems im nun “freiheitlichen” Wettbewerb ein Umdenken in Richtung Bewusstseinsentwicklung OHNE … fürchten, haben sie dem “Individualbewusstsein” der “braven” Bürger gerade soviel “Leine” gegeben und gepokert, daß sie diese nun, infolge der so zu erwartenden zweiten Welle, als Kandarre herkömmlich-gewohnter Konfusion zur Systemrationalität nutzen können.

  3. “Herr Holzherr” (die doppelten Anführungszeichen nur deshalb, weil Sie nicht so heißen und ein als solches unerkennbares Pseudonym verwenden, was einigen im Web als unschicklich gilt; nein!, Dr. W mag Sie, goutiert Ihre meist positive Grundstimmung, will abär als Kunstfigur präzis bleiben) und hierzu :

    Denn wozu sollte man eine Reise unternehmen, wenn es dabei nichts zu erleben gibt, über das man dann im Kreise der Daheimgebliebenen erzählen kann.

    Ein Urlaub, die deutsche Begriffsgeschichte ist hier klar, meint die Erlaubnis, die bspw. einem Gesellen entgegen gebracht worden ist, der Wanderschaft suchte, oder bspw. Marco Polo oder Columbus, die Expeditionen zu wagen anstrebten, mit Erlaubnis wie mit derart angeleiteter Finanzierung.

    Das Glück in der Fremde zu suchen, als Idee, auch als eine Idee, die das individuelle Wohlbefinden meint, ist aus anthropologischer Sicht, Dr. W wagt sich an dieser Stelle ein wenig hervor, vgwl. neu, der sog. Tourismus ist neu, viel mehr möchte Dr. W an dieser Stelle nicht behauptet wissen.

    Das Vertellen über Erfahrenes ist nett, abär nicht, wie hier befunden wird, immer anleitend für derartigen Exkurs, auch den sog. Ballermann (“Balneario”) meinend.

    Manchmal motivieren auch Kosten den sog. Tourismus, Dr. W sich hier ein wenig auskennen tun, als in einem sog. Billig-Land Vorhandener.
    Thailand, >:->, gibt es bspw. ebenso, Dr. W will nicht davon ausgehen, dass dort immer derart vorhandene Kunstdenkmäler frequentiert worden sind.

    KA, was genau Reisende zu ihren Reisen veranlasst, Dr. W mag die Idee, dass der Berg bestiegen wird, weil er da ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der womöglich nicht der allerbeste Tourismus-Philosoph ist, als viel ehemals Reisender hoffentlich nicht besonders heruntergezogen, ge-suckt hat, lol; der natürlich die Arbeit der hiesigen werten Inhaltegeberin sehr mag, ansonsten nicht geschwätzig geworden wäre)

  4. Das Schönste am Urlaub ist natürlich der Mundschutz. Das gibt dann so lustige helle Stellen im ansonsten gebräunten Gesicht. Am zweitschönsten sind dann die Zwangstests und die 14tägige Quaratäne, wenn man wieder zurück kommt.

  5. Das “Schönste” am Urlaub ist womöglich die Schuld, die ein derart Urlaubender auf sich geladen haben könnte, denn wäre er am Ursprungsort verblieben, wäre er, wie einige meinen, sozialer gewesen, auch i.p. sog. ökologischen Fußabdruck.
    Zumindest wird “kulturmarxistisch” und insbesondere ökologistisch [1] nicht nur bundesdeutsch so gelesen.

    [1]
    Der Ökologismus meint nicht sinnhaftes Bemühen um die Ökologie, Herr Dr. Ludwig Trepl (R.I.P.) beispielsweise wurde nicht müde derart zu erklären, er publizierte dankenswerterweise auch auf im hiesigen wissenschaftsnahen Inhalteverbund mit dem Namen ‘SciLogs.de’, sondern übersteigertes ökologisches Interessen Einiger.

    Der Ökologismus kann abwertend konnotiert und sinnhafterweise wie folgt definiert werden :

    Ökologismus liegt vor, wenn der Natur ein Eigenwert (!) verliehen wird.

    Also anders als dass im gewohnten Sinne die Umwelt geschätzt und gepflegt wird, sondern wenn bspw. Sätze fallen wie “Der Planet Erde ist krank, er hat Homo Sapiens!” (der hiesige Inhaltegeber Reinhold Leinfelder trat mal auf diese “Mine”,. er revidierte seine Sicht, dankenswerterweise) oder “Ohne uns (Bären oder Menschen) wäre die Erde besser dran!”.

    Bedauerlicherweise sind die bundesdeutschen “Grünen” aus diesseitiger Sicht teils Ökologisten, wie oben beschrieben.

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