Unternehmen Friedensmal – einfach totgeschwiegen?

Mit einer Vision erwachte Thomas Zieringer vor etwa 15 Jahren in einem bayrischen Hotelzimmer: Vor sich sah er ein Denkmal, das für ihn die Lösung zu der damals heftigen Diskussion um das Berliner Holocaust-Mahnmal darstellte. Obwohl er zuvor nach eigenen Worten eigentlich an Judentum und deutscher Geschichte nicht besonders interessiert war, beschloss er, seine Vision umzusetzen. Er rief einige Holocaust-Überlebende an und fand sich bestärkt. Er gründete einen Verein und warb immer wieder um Unterstützung bei Prominenten und Politikern vom Dalai Lama über Ephraim Kishon bis zum hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Er schrieb ein Buch über seine „Vision einer neuen Menschlichkeit“ und hielt Kontakt zu den Medien.

Friedensmal Hochstädten von Westen Friedensmal Hochstädten von OstenSo sieht das Friedensmal aus, wenn man den Wanderweg von Osten begeht.

Seit dem vergangenen Jahr ist das mehr als 2000 Quadratmeter umfassende Objekt in der südhessischen Provinz fertig. „Jerusalem“ oder „Yerushalayim“ nennt Thomas Zieringer seine „Vision des Friedens“: Auf einer Anhöhe des Odenwalds zwischen Bensheim-Hochstädten und dem Lautertal, direkt am viel frequentierten Europäischen Fernwanderweg Nr. 8, liegt der „Baum des Lebens” als Steinrelief, umgeben von einem „Ring des entfremdeten Verstands” , der von einer Fläche für den „Tanz des Lebens“ durchbrochen wird. Eine Inschrift auf der „Schwelle der Demut” besagt: „Erkennet Das Heilige In Eurer Mitte”.

Friedensmal Mitte

Friedensmal im Odenwald: Die Pflasterarbeiten sollen einen Baum mit Stamm (Vordergrund) und Krone (dahinter) darstellen.

Dem staunenden Wanderer erschließen sich die komplizierten Gedanken des Erbauers trotz einer Infotafel nur schwer. Auf seiner Webseite erläutert Zieringer seine Vorstellungen aber ausführlich.  Es ist unter anderem von Artikel 1 des Grundgesetzes  die Rede: „Die bildhafte Darstellung dieser Würde und dieses Prinzips macht das Denkmal in diesem Sinne zum  Deutschen Friedensmal.“

Die von der Stätte ausgehenden spirituellen Impulse scheinen eher schwach zu sein. In Leserbriefen der Lokalzeitung wurde das „Friedensmal“ mehrfach als Verschandelung der Landschaft beklagt. Insgesamt ist Zieringer von der öffentlichen Resonanz enttäuscht. Er vermutet in einem  Blogkommentar, die Sache sei „zu politisch und frei für die Berichterstattung der Etablierten“.

Nun wäre das Ganze nur von lokal begrenztem Interesse, wenn der Erbauer nicht so ein emsiger Öffentlichkeitsarbeiter wäre. Regelmäßig füttert er Presseportale und seine umfangreiche Webseite mit Informationen. Trotzdem wollen die Medien bislang so recht kein Echo geben. Deshalb bestellte der „Künstler und Friedensaktivist“ im März bei zwei führenden englischsprachigen israelischen Zeitungen – „Jerusalem Post“ und  „Haaretz“ – viertelseitige Anzeigen, die bei beiden am 22. März 2013 auf der Titelseite abgedruckt wurden. Ebenfalls wohl in diesem Zusammenhang entstand in Israel ein gut einstündiges Radiointerview eines kleinen Internetsenders. „Das ist eine alternative Art der Eröffnung, weil sich zu Hause keiner dafür interessiert”, erklärte Thomas Zieringer in der Lokalpresse seine Werbeaktion in Israel. Selbstbewusst unterstellt er der deutschen Öffentlichkeit Ignoranz, mangelndes historisches Interesse und Verdrängung.

Friedensmal Hochstädten von Westen Friedensmal Hochstädten von OstenFriedensmal aus westlicher Richtung betrachtet

Was aber ist der Grund?

Interessant ist das allgemein geringe Interesse aber schon. Zieringer hat schließlich ein gesellschaftlich und politisch relevantes Thema, dessen Wichtigkeit in der Öffentlichkeit gar nicht in Zweifel steht. Er leistet intensivste Öffentlichkeitsarbeit. Künstlerische und konzeptionelle Schwächen sind nicht zu leugnen – aber die sind auch vielen anderen Mahnmalen anzulasten. Und oft sind es ja gerade die Mängel, an denen sich interessante Diskussionen entzünden und so öffentliches Bewusstsein schaffen. Der abgelegene Ort mag für die fehlende überregionale Wahrnehmung eine Rolle spielen, das lokale Desinteresse erklärt er nicht.

Der entscheidende Mangel in dem gesamten Vorhaben ist sein privater Charakter. Es gab im Vorfeld weder eine gesellschaftlich verankerte Entscheidungsfindung noch einen kollektiv geführten Gestaltungsprozess. Beides wären Voraussetzungen für die ideell-gesellschaftliche Bedeutung, die für ein Denkmal im engeren Sinn typisch ist. Und so entstand nicht das beabsichtigte „Friedensmal  für Deutschland“, sondern das ganz persönliche Friedensmal eines Einzelnen.

Übrigens scheint auch die teure Werbeaktion in Israel bislang kein Medienecho hervorgerufen zu haben.

 

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Drei Vermutungen

    zum Projekt:

    1.) Der Name ‘Jerusalem Friedensmal’ mag zwar semantisch korrekt sein, erfüllt aber wegen dem möglichen Bezug zur von Israel erklärten Hauptstadt nicht das Mindestma0 an “politischer” Korrektheit.

    2.) Die Idee der Shoa etwas Positives entgegenzustellen leidet daran, dass die Judenvernichtung derart schlecht war, dass sozusagen auch das Gegenteil nicht richtig wird. – Man könnte hier auch mit dem anderen Verbrechen vergleichen, die kein Gegenteil kennen, oder mit dem sehr zweifelhaften Konzept der “Politischen” Korrektheit, deren Gegenteil, nämlich die gewollte “Politische” Inkorrektheit auch nichts taugt.
    Manche Sachen sind so falsch, dass auch ein konstruiertes Gegenteil nicht richtig wird.

    3.) Die Projektierenden irritieren auf ihrer Webpräsenz ein wenig mit Aussagen wie bspw. ‘Krieg und Verfolgung entstehen, weil sich der Eine – gefangen in seiner Ideologie – für besser hält als der Andre. Frieden und Freiheit fangen im Innern an.’ – hierzu wäre anzumerken, dass es politische-gesellschaftliche Systeme und Ideenlehren gibt mit unterschiedlichem Wert. Nicht die politisch-gesellschaftliche Ideenlehre muss ein Problem sein, sondern die falsche kann es sein.

    MFG
    Dr. W

  2. Landart

    Das Resultat finde ich aber – zumindest nach den Fotos zu urteilen – ganz ansprechend. Und wenn der Wanderer unvermittelt zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust aufgefordert wird, umso besser.

  3. Wo genau?

    Wo liegt das Denkmal denn genau? Wenn ich mal in der Gegend bin, gehe ich hin. Auf Google Maps / Earth habe ich’s aber nicht gefunden.

  4. Lage des Friedensmals

    Bei Google maps ist das Gelände noch unberührt. Die Koordinaten “49.711919,8.663516” zeigen aber die Stelle an, an der es inzwischen genaut wurde.

  5. Pathos und Pessimismus

    Den „privaten Charakter“ als Mangel zu nennen, ist sicher löblich wohlwollend. Ich möchte mir aber etwas deutlichere Worte erlauben.
    Das Denkmal selbst wie die Worte seines Urhebers zeugen von dem Wunsch nach einer pathetischen Überhöhung, die misslingen muss: weil die Symbole mehr sein sollen, als ihr Urheber auszudrücken vermag und zu sagen hat.
    Schon ästhetisch ist das Monument seiner schieren Größe kaum gewachsen, zumal es recht unsensibel den Bezug zur landschaftlichen Umgebung ignoriert. Demut und Bescheidenheit fehlen ihm gänzlich. Und die großen Worte Zieringers (zum Beispiel von der „Heilung unserer Kultur“, „unserer kulturellen Entwurzelung“ oder des „entfremdeten Verstands“) weisen über Befindlichkeiten nicht hinaus, denn sie bleiben Begründungen schuldig. Wohl aber sind sie bedenklich nahe an dem Kulturpessimismus, den Fritz Stern – wohlgemerkt mit Blick auf die Zeit vor dem Holocaust! – als „politische Gefahr“ ausmachte.
    Vielleicht ist es auch das, was viele veranlasst, Distanz zu halten?

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