Komm, wir gehn ins Steinzeitkino

BLOG: Denkmale

Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

Dass den Menschen der Steinzeit vom heutigen Cineasten wohl gar so viel nicht unterscheidet, hatte ich in meinem Eintrag über Handabdrücke am Festivalgebäude  in Cannes schon vermutet. Umso mehr begeistert mich der aktuelle Beitrag im Blog von Matthias Eberl. Er macht dort auf einen französischen Archäologen aufmerksam: Marc Azéma demonstriert, dass die sich teilweise überlagernden Umrisszeichnungen, etwa in Lascaux oder der Chauvet-Höhle, durch die Bewegung einer Fackel zu animierten Bildern werden.

Replik einer Zeichnung aus der Chauvet-Höhle im Südmährischen Landesmuseum in Brünn
Replik einer Zeichnung aus der Chauvet-Höhle im Museum von Brünn/Brno (via Wikimedia Commons).

Ein plausibler Vorschlag für alle diejenigen, die sich auch schon immer gewundert haben, warum die Zeichnungen mitunter so skizzenhaft wirken, als wäre zum Beispiel eine bestimmte Kopfhaltung eines Tieres mehrmals korrigiert worden. Das als Bewegungsphase zu begreifen, ist mindestens ein sehr faszinierender Gedanke.

 

Schon länger hat man angenommen, dass in den Höhlen regelrechte Bildergeschichten erzählt werden. Es scheint sogar so, als sei der Höhlenraum in die Erzählung einbezogen worden. Mit dem Voranschreiten in die Höhle hinein war dann der Fortgang der Geschichte verknüpft. Auch die Ausstattung der Szenerie mit Geräuschen ist vorgeschlagen worden und  es wurden Skelette von Vipern gefunden, die – fernab ihres natürlichen Lebensraumes – möglicherweise in Hinblick auf bestimmte Effekte ausgesetzt wurden.

Nicht  ganz so großes Kino boten Thaumatrope (“Wunderscheiben”) beidseitig gravierte Knochenplättchen, die an einer Schnur zum Rotieren gebracht wurden, wodurch sich die Bilder der beiden Seiten in der Wahrnehmung überlagerten.

Auch lange später gab es offenbar noch animierte Darstellungen: Auf bronzezeitlichen Schüsseln finden sich Tierdarstellungen, die sich in Bewegung setzen, sobald die Schüsseln zum Rotieren gebracht werden.

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Hmmm…

    Ich habe nie darüber nachgedacht und es ist das erste Mal, dass ich darüber lese. Kann ja sein, dass die Menschen früher Animationen erstellt haben. Schade, dass so wenige Dinge von früher richtig überliefert wurden und man alles mühselig erraten muss.

    Für den Beitrag bedanke ich mich sehr. Wunderschön 🙂

  2. Mitteilung des Erlebnisses

    Eine in den Fels eingravierte Anmiation scheint zuerst aberwitzig, aber vielleicht nur deshalb, weil wir uns inzwischen an schriftliche Dokumente als etwas statitsches gewöhnt haben.

    Die Höhlenbewohner dagegen wollten vielleicht mehr als nur abbilden und für später festhalten. Sie wollten das Erlebnis das mit dem abgebildeten Gegenstand verbunden war nachvollziehbar machen.

    Falls die Höhlenzeichnungen wirklich als Animationen gedacht waren, zeigt das auch wie das Medium Form und Inhalt beeinflusst. Die Zeichnungen wären dann von vornherein ein unvollkommenes Ausdrucksmittel gewesen. Da die beabsichtigte Animation mit diesem Medium nur in begrenztem Umfang herübertransportiert werden konnte, gewann schliesslich der statische Aspekt und Zeichnungen hielten schliesslich nur noch einen bestimmten als wichtig erachteten Moment fest.

  3. Faszinierend

    Da auch heute für das rituelle Erzählen und Durchleben von Mythen komplexeste Formen (Ritual, Geräusche, Baukunst, Licht, Düfte etc.) eingesetzt werden, scheint es mir absolut plausibel zu sein, dass unsere Vorfahren auch in den kunstvoll gestalteten Höhlen Erfahrungen und Kulturtechniken sammelten und zur Anwendung brachten. Ein außerordentlich faszinierendes Szenario – und vielen Dank für dessen Präsentation hier auf den scilogs!

  4. Museumsbesuche bei Fackellicht

    In der Goethezeit war es durchaus üblich, die Vatikanischen Museen nachts bei Fackellicht zu besuchen, weil durch das flackernde Licht die Plastiken einen vielfältigeren Ausdruck gewannen. Erst als die Plastiken zu sehr verrußten, wurde der Brauch wieder eingestellt.
    Natürlich wäre mit Fackeln kein so filmartiges Bewegungsbild herzustellen gewesen, aber der Eindruck einer Bewegung wohl schon.
    Daher scheint mir der Gedanke einleuchtend, wenn auch nicht zwingend.

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