Sanspareil – ohne Gleichen im Umgang mit der Schönheit der Natur

Er ist ein doppelter Glücksfall: der Felsengarten Sanspareil am Rande der Fränkischen Schweiz. Er besticht zum Einen durch seine Schönheit, die eine zurückhaltende Gestaltung der Natur mit der rokokohaften Freude am Spiel und am Unerwarteten vereint. Das Zweite ist, dass die heutige touristische Aufbereitung ebenso zurückhaltend geschah und anstelle von großen Tafeln und ausführlichen Texten im Park selbst nur kleine ovale Schilder mit Reproduktionen von Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert stehen, jeweils genau so ausgerichtet, dass man die Ansicht von damals mit der heutigen exakt vergleichen kann und selbst auf Zeitreise gehen kann. Der heutige Besucher folgt fast wie damals den verschlungenen Wegen und stößt mitunter recht überraschend auf Orte wie die “Dianengrotte” oder das “Hühnerloch”, durch das man heute wie damals rittlings hindurchklettern kann.

Das Ensemble wurde vor fast 300 Jahren angelegt – in einer Zeit, in der man zum Vergnügen feudaler Jagdgesellschaften den Wald mit brachial geschlagenen Schneisen versah. Dort wurde das Wild gehetzt, bis es total erschöpft erschossen werden konnte. Gemalte Landschaften ersetzten dabei häufig kulissenhaft, was in der Realität zunichte gemacht worden war.

Den unter Markgraf Friedrich von Brandeburg-Bayreuth und vor allem unter der Regie seiner Ehefrau Markgräfin Wilhelmine ab 1745 angelegten Park in der Nähe der Gemeinde Wonsees prägte ein vor diesem Hintergrund beeindruckend sensibler Umgang mit der Natur. Die Landschaft dort war offenbar für ihre Schönheit bekannt – es lobte sie jedenfalls schon rund anderthalb Jahrhunderte zuvor der (allerdings selbst in Wonsees geborene) Humanist Friedrich Taubmann (1565-1613). 

Der Markgraf Friedrich sei bei einem Jagdausflug auf diesen besonderen Ort aufmerksam gemacht worden und habe beschlossen, dort rund um die interessanten Felsenformationen einen Park anzulegen, heißt es. In der Nähe ließ er eine kleine Lustschlossanlage errrichten, von der heute nur noch ein als “Morgenländischer Bau” bekannter Teil erhalten bzw. rekonstruiert ist.

Dennoch ist es vor allem der Name seiner Frau, der preußischen Prinzessin  Wilhelmine, der mit der Anlage verbunden wird. Mit dem Landschaftsgarten „Sanspareil“ (analog zu Schloss „Sanssouci“, das zeitgleich von ihrem Bruder Friedrich dem Großen in Potsdam gebaut wurde) spielte sie ganz vorne mit in der Liga der Englischen Landschaftsparks als damals neuem Trend im künstlerischen Umgang mit der Natur.

 

Schon in der römischen Antike hatte es Parks und Lustgärten gegeben, wo man zum Beispiel Wasserspiele oder Tiere beobachten konnte. Die europäischen Parks der Neuzeit waren dann zunächst durch die starke Überformung der organischen Elemente durch Symmetrie und Geometrie geprägt – eine Art “gezähmte Natur“, wie man sie noch heute in den vielen erhaltenen barocken Gartenanlagen sehen kann.

Erst ab Anfang des 18. Jahrhunderts entstand mit dem Englischen Landschaftspark der Trend zu einer naturähnlichen Bepflanzung mit geschwungenen Wegen und der Integration in die umgebende Landschaft. Idealerweise entstand ein dreidimensionales und sogar begehbares Landschaftsgemälde – mit gebauten Ergänzungen. Staffagen wie Pavillons, künstlichen Ruinen oder künstlichen Grotten sollten die emotionale Wirkung der Gartenlandschaft steigern.

Um diese emotionale Wirkung ging es auch der Markgräfin Wilhelmine. Auch in Sanspareil gab es viele kleine Gebäude, die auf den bizarren Felsen thronten und für die man den Baumbestand lichtete, um die Staffagen auf den Felsen weithin sichtbar zu machen.

Aber diese Eingriffe sind wesentlich zurückhaltender als in den Englischen Landschaftsparks, wo man auch scheinbar natürliche Elemente nachbaute. “Die Natur selbst war die Baumeisterin”, schrieb Wilhelmine über ihren Park, der sich anstelle der Überformung auf Fragen der literarischen Interpretation beschränkte und Felsen und Wälder weitgehend nur so stark bearbeitete, wie es nötig war, um die Zugänglichkeit und die Sichtbarkeit zu gewährleisten.

Wesentlich für die Gestaltung war die Zuordnung eines literarischen Programms: Es folgt dem Ende des 17. Jahrhunderts verfassten Abenteuer- und Bildungsroman „Les Aventures de Télémaque“ des Abbé de Fénelon , der von der Suche Telemachs nach seinem Vater Odysseus erzählt. Auf der Insel Ogygia trifft Telemach die eifersüchtige Nymphe Kalypso, die sich in ihn verliebt. Schließlich wirft sich Telemach ins Meer, um ihr zu entkommen. Die Szenen auf Ogygia werden in Sanspareil nacherzählt, indem natürliche Formationen mit Namen belegt werden, aber auch durch die Staffagen, von denen heute nur noch das „Ruinen- und Grottentheater“ übrig ist.

Das Ruinen- und Grottentheater

Auf den Kupferstichen des 18. Jahrhunderts sind die Staffagen aber noch zu bewundern. Für uns heute befremdlich wirkt die Vermischung der griechischen Mythologie mit den dort zu sehenden, zeittypischen Chinoiserien als Sinnbild für große Schönheit ebenso wie für unerreichbare Ferne.


Aeolusgrotte mit Tempel, Kupferstich von Johann Gottfried Köppel, 1793

Zweifellos war das angeschlagene Liebesthema von großer Romantik und begeisterte zahlreiche Reisende ebenso wie das Naturerlebnis selbst. Doch war es manchem schon zu viel Natur. Der Dichter Ludwig Tieck schrieb im Sommer 1793: „Die großen Felspartien im Walde, das Große und Wilde, das dadurch in der Phantasie hervorgebracht wird, sind äußerst schön. Aber dadurch hat der Garten auch viel Einseitiges, es ist kalt drin, man findet nichts als Wald und Felsen.“

 

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Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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