Wie peinlich! Doktorarbeiten von Kohl, Einstein und Goethe

Wenn derzeit von „wissenschaftlichem Fehlverhalten“ die Rede ist, so meint man seit der Zu-Guttenberg-Affäre vor zwei Jahren oft schlicht „Abschreiben“. Nie zuvor war es so leicht, solche Täuschungen aufzudecken. Mittels der entsprechenden Software auf die Jagd nach verdächtigen „Stellen“ zu gehen, wurde sogar zu einer Art Volkssport, auf VroniPlag etwa oder GuttenPlag oder PlagiPedi kann sich jeder daran beteiligen.

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Etwas Aufwand braucht allerdings die Überprüfung von Dissertationen, die vor dem digitalen Zeitalter verfasst wurden – diese müssen erst irgendwie in Papierform aufgetrieben und eingegeben werden. Dazu haben dann doch wieder nicht so viele Leute Lust.

Dr. Kohl alias Birne

Auch nicht bei der Dissertation von Helmut Kohl, die vor 30 Jahren für ziemlich viel Wirbel gesorgt und ähnlich wie heute ein generelles Misstrauen bezüglich der Qualität der Dissertationen der Bonner Politiker hervorgerufen hat. Kohls damals mit viel Spott bedachte Dissertationsschrift ist bei  VroniPlag noch nicht untersucht worden. In den 1980er Jahren hatte es große Aufregung um die Dissertation des damaligen Bundeskanzlers gegeben. Der Amtsantritt Kohls war von vielen als „Betriebsunfall der Geschichte“ empfunden worden, der „Buddha aus Oggersheim“ (dessen birnenförmige Gestalt dank „Titanic“ ins allgemeine Bewusstsein rückte) war für Kabarettisten wie Karikaturisten ein gefundenes Fressen.

Doktorarbeit von Helmut Kohl DissertationEs gibt sie wirklich und jeder kann sie lesen: Die Doktorarbeit von Helmut Kohl, hier das Inhaltsverzeichnis aus einem Exemplar der Stadtbibliothek Mainz.

Ein damals aufgebrachtes Gerücht hat sich bis heute gehalten: Die 1958 eingereichte Dissertation Kohls sei so schlecht, dass sie auf Weisung der Bundesregierung aus den Bibliotheken entfernt worden sei. Das Ganze beruhte auf einem Scherz und warf vor allem auch ein schlechtes Licht auf die Universitätsbibliothek Heidelberg  (link). Allzu gern glaubte man an beides: an die intellektuelle Unterbelichtung des Kanzlers und an die finsteren Machenschaften. Als die Affäre dann aufgeklärt wurde, war aber ein gewisses Interesse an der Dissertationsschrift geweckt. Es gab plötzlich mehrere Ausleihen und Vormerkungen. Das Studentenmagazin „rote blätter“, das Urheber der ganzen Sache war, attestierte der Arbeit eine geringe Qualität. Von den 161 Seiten trügen nur fünf überhaupt eigenständige Gedanken vor, die übrigen seien rein deskriptiv und „ohne Ansätze von Wertung oder Verallgemeinerung aus wissenschaftlichen Quellen und heimatkundlichen Beschreibungen zusammenzitiert“. Immerhin zitiert, nicht geklaut.

Dissertationen: heute abgeschrieben, damals dürftig

Die Diagnosen lauten heute anders (abgeschrieben! Auftraggeber! Hilfskräfte!) als damals, da man sich an allzu schlichten Formulierungen und Tippfehlern erregte, die vor allem Achim Schwarze  1985 mit seinem bei Eichborn erschienenen Buch „Dünnbrettbohrer in Bonn. Aus den Dissertationen unserer Elite“ publik machte. Die von ihm ausgewählten Zitate aus Kohls „Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945“ schienen das Bild vom altdeutsch-tumben Provinzler in der Rolle des Kanzlers zu bestätigen. Die von Schwarze ausgewählten Stellen – im Wesentlichen sind es ungeschickte Formulierungen, Tippfehler und Stilblüten – klingen zwar lustig (und das sei ihm auch zugestanden, es ging schließlich um Satire), verlieren aber doch an Brisanz, wenn sie im Kontext gelesen werden. Und diese Mühe machen sich dann doch die wenigsten, zumal die Arbeit nicht online ist. Aber nach wie vor wird über Kohls Doktorarbeit gespottet, zum Beispiel werden gern Zweifel geäußert, ob Kohl sich tatsächlich durch die „viele englischsprachige Fachliteratur gearbeitet hat, von der das Literaturverzeichnis der Dissertation kündet“. Das suggeriert, Kohl habe sein Literaturverzeichnis unzulässig aufgeblasen, tatsächlich wäre er ohne diese Quellen zur alliierten Politik kaum ausgekommen. Auch dass er lieber deutsch las, vertuscht Kohl nicht – wo verfügbar, gibt er deutsche Übersetzungen mit an.

Wie ist sie nun aber, Kohls Doktorarbeit?

Die lustigen Zitate von Schwarze („Die Pfalz beheimatet – soweit sich solche allgemeinen Feststellungen treffen lassen – einen fröhlichen und weltoffenen Menschenschlag, der viel Sinn für gesellschaftliches Zusammenleben und die Freuden der Zeit hat und dem dogmatischen Denken abgeneigt ist.“) finden sich alle, sind aber im Gesamtzusammenhang doch als eher marginal anzusehen. Schon die Gliederung verzeichnet handwerkliche Fehler (z. B. fehlende Überschriften). Insgesamt ist die Arbeit kein großer Wurf. Kohl behandelte die Dinge, die er aus seinem Umfeld kannte, schließlich war er damals schon Mitglied des Landesvorstandes der CDU Rheinland-Pfalz. Die Arbeit wurde wohl eher mit Pragmatismus als mit großem wissenschaftlichem Ehrgeiz abgefasst. Und damit unterscheidet sie sich nicht wirklich vom Gros aller Doktorarbeiten.

Ist das schlimm? So eine Doktorarbeit soll ja letztlich nur die Befähigung zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten belegen – und dieser Nachweis ist unabhängig von Titeleitelkeiten auch außerhalb des akademischen Bereichs sinnvoll. Die Promotion ist ja im Grunde auch erst der Anfang, nicht der Höhepunkt einer akademischen Laufbahn.

Noch mehr peinliche Dissertationen: Einstein und Goethe

Goethe Promotion Thesen DoktorarbeitGoethe brauchte nur 56 kurze Thesen, um Doktor zu werden: Wichtiger als die schriftliche Niederlegung war die offenbar glänzende Verteidigung dieser Thesen am 6. August 1771 – hier ein Blick auf 13 der Goethe‘schen „Positiones Juris“.

Die von Goethe ursprünglich eingereichte Dissertation war (wohl als ketzerisch) abgelehnt worden. In Dichtung und Wahrheit erinnert sich Goethe ebenso an die Abfassung der Schrift wie an die vom Dekan vorgeschlagene Alternative zu seiner Ehrenrettung.

1905 wurde Albert Einstein mit einer 17-seitigen Dissertation von der Universität Zürich promoviert. Nach dem ersten Einreichen wurde sie ihm zurückgeschickt, weil sie zu kurz sei. Auch nach der Annahme wurden ihm  ungeschickter Stil und Schreibfehler in den mathematischen Formeln angekreidet, die in seinen „Gesammelten Werken“ angeblich viele berichtigende Fußnoten erforderlich machten.

 

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank!

    Es ist tatsächlich spannend – und beklemmend – zu lesen, wie einmal verfestigte Vorurteile über Jahrzehnte transportiert werden. Der konservative Kohl – eine tumbe Birne? Der sozialdemokratische Brandt – ein feiger Landesverräter? Ob links oder rechts, wir Menschen bevorzugen jene Informationen, die unsere bestehenden Vorurteile weiter bestärken…

    Danke für das Stück Aufklärung hier! 🙂

  2. Aus der Erinnerung:

    In den 1980er Jahren hatte es große Aufregung um die Dissertation des damaligen Bundeskanzlers gegeben. Der Amtsantritt Kohls war von vielen als „Betriebsunfall der Geschichte“ empfunden worden, der „Buddha aus Oggersheim“ (dessen birnenförmige Gestalt dank „Titanic“ ins allgemeine Bewusstsein rückte) war für Kabarettisten wie Karikaturisten ein gefundenes Fressen.

    Kohl wurde wegen einer angeblich angestrebten ‘geistig moralischen Erneuerung’ attackiert und weil die FDP (“Genschman”, Graf von Lambsdorff) ihm die Kanzlerschaft ohne Neuwahl ermöglicht hat. Zudem trauerte man, zumindest offiziell, dem “Lotsen” nach. – An und für sich ein vglw. normaler Vorgang in der Demokratie. Der SPIEGEL war lange Zeit optimistisch Kohl niederschreiben zu können.

    Nach der 83er-Wahl (Union bei ca. 49%) ließ die Aufregung dann auch langsam nach.
    Der Doktorarbeit Kohls (1960?) spielte eher eine Nebenrolle.

    MFG
    Dr. W

  3. Goethe und Einstein

    Bei Goethe und Einstein den Inhalt komplett auszuklammern — sollte das nicht das wichtigste an einer Dissertation sein? — sollte eher der Verfasserin peinlich sein, finde ich.

    Bei Goethe kenne ich mich naturgemäß weniger aus; kurzes Googlen fördert z.B. diese interessante Seite hier zutage.

    Einsteins Dissertation “Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen” ist offenbar eine der meistzitierten wissenschaftlichen Veröffentlichungen überhaupt (z.B. hier), mit einer Vielzahl von Anwendungen in ganz verschiedenen Gebieten. Was soll daran Fehlverhalten sein, mit so einer Arbeit seine Befähigung zum selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten zu zeigen?

  4. Einsteins Dissertation

    »Nach dem ersten Einreichen wurde sie ihm zurückgeschickt, weil sie zu kurz sei.«

    Ja, und die Überarbeitung bestand in der Hinzufügung eines einzigen Satzes, damit wurde sie dann akzeptiert.

    Im übrigen enthält die Thesis einen Fehler, zu dessen Auffindung Einstein seinen Assistenten Ludwig Hopf einspannen musste, weil er selber keinen entdecken konnte. Die Korrektur wurde dann 1911 veröffentlicht.

    Doch ungeachtet aller Anekdoten: Im Ranking der meistzitierten Publikationen Einsteins liegt die Diss. auf Platz 1 und deren Korrektur auf Platz 2.

    http://arxiv.org/abs/physics/0504201

  5. @Markus Pössel

    Die Beispiele Goethe und Einstein habe ich ja genau deshalb gebracht: Wenn man auf Peinlichkeiten aus ist, findet man sie sogar bei diesen beiden Giganten – und das sagt ja eben nichts über die inhaltliche Qualität aus.

  6. @Eva Bambach

    Das kann ich, wenn ich den Text nochmal durchlese, nicht ganz nachvollziehen – was ist denn am Fall Goethe nach damaligen Maßstäben peinlich?

    Dass Einstein die Doktorarbeit erst als zu kurz zurückgeschickt und dann mit einem weiteren zusätzlichen Satz angenommen wurde, sollte auch eher der Universität peinlich sein; ungeschickter Stil und mathematische Schreibfehler dann schon eher – gibt’s dafür eigentlich eine Quelle?

  7. Peinlich?

    Ob Goethes Dissertation damals irgendjemand peinlich fand, weiß ich nicht und ich bezweifele es. Aber im Zusammenhang mit der heutigen Diskussion könnte man sagen: Er wollte ja nur den Titel. Und das unverhohlen zuzugeben, gilt heute vielen als peinlich.
    Zu Einstein (dessen Doktorarbeit ich noch nicht einmal zu lesen vermag):
    Díe Doktorarbeit als PDF:
    http://e-collection.library.ethz.ch/…0378-01.pdf
    http://www.astro.physik.uni-potsdam.de/…ub1.html
    http://www.pm-magazin.de/…des-gro%C3%9Fen-genies

  8. Vorbild Karl Theodor

    Trotz seines offensichtlichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist Karl Theodor zu Guttenberg in einem Punkt ein Vorbild: er hat seine Quellen nachgewiesenermaßen gründlich studiert!

    Die Erforschung der sogenannten ´Nahtod-Erfahrungen´(NTEs) geht im wesentlichen auf das 1975 erschienene Buch von Dr. Moody ´Leben nach dem Tod´ zurück. Dieses Buch enthält 1) keine Theorie/Hypothese, 2) die Begriffe ´Nahtod, Sterbeerfahrung´ sind nicht definierbar (bzw. falsch: die Steigerungsform von ´tot´: tot, töter, mausetot ist nicht zulässig) und 3) es wird darin berichtet, dass man zeitgleich zu dieser Erfahrung die Umgebung genau beobachten und sogar Körperteile bewegen konnte: 4) Aber die Annahme das NTEs ausschließlich(!) bewusste Erlebnisse lebender Menschen sind, wurde bis Heute nicht als wissenschaftlicher Forschungsansatz untersucht!
    D.h. Es gibt wohl kein schlimmeres wissenschaftliches Fehlverhalten seit 1975, als das Thema ´NTE-Forschung´. Auf Grund falschen Forschungsansatzes sind viele NTE-Forschungsarbeiten wertlos, außerdem werden wichtige Forschungskapaziäten und -mittel unnütz verschwendet. Z.B. das ´Immortality Project´ von Prof. Fischer UCI gibt einen großen Teil seines $5M-Budgets für NTE-Forschung (im Sinne von Sterbeerfahrung) aus.

    Und nun zum wissenschaftlichen Fehlverhalten/Teil 2: ich habe hier bei SciLogs seit mehreren Jahren auf diese Problematik hingewiesen – ohne erkennbare wissenschaftliche Reaktion bzw. Prüfung meiner Behauptung: Die Originalquelle, das Buch von Dr. Moody ist leicht zugänglich. Ich nenne so etwas auch ein wissenschaftliches Fehlverhalten, wenn einer so ernsthaften und konkreten Anschuldigung nicht nachgegangen wird.

  9. Kohls Dissertation

    Die Dissertation Helmut Kohls ist weder in der Universitätsbibliothek Heidelberg noch im Historischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität einsehbar. Hier heißt es “Diese Arbeit ist nicht vorhanden.”

  10. @ Eva Bambach

    HEIDI ist Theorie.

    Versuchen Sie einmal, diese Dissertation zu bestellen. Sie werden erfahren: Man händigt sie Ihnen nicht aus. Selbst wenn Sie ein Forschungsanliegen haben, werden Sie diese Arbeit in Heidelberg nicht vorgelegt bekommen.

  11. PM

    @Markus Pössel:
    Zu dem PM-Artikel über Einstein würde ich gerne Deine Meinung lesen.
    Der erscheint mir in mancherlei Hinsicht suspekt.

  12. @Eva Bambach

    Bei den besagten Fussnoten in den “Gesammelten Werken” dürfte es sich um die Editorial Notes von John Stachel zu Einsteins Dissertation in den “Collected Papers” handeln. Das lässt sich separat auch hier nachlesen:

    Stachel, John J., ed. Einstein’s miraculous year: five papers that changed the face of physics. Princeton: Princeton University Press, 1998.

    Offenbar erschien eine deutsche Übersetzung davon 2001 bei Rowohlt unter dem Titel Einsteins Annus mirabilis: Fünf Schriften, die die Welt der Physik revolutionierten.

    In den insgesamt 39 Notes sind im wesentlichen dokumentiert:
    – Druckfehler, die Einstein nur für die 1906 in den Ann. Phys. publizierte Version berichtigt hatte,
    – erforderliche Änderungen an Formeln im Zusammenhang mit dem später von Hopf gefundenen Fehler,
    – Randbemerkungen, die Einstein mutmasslich bei seiner fruchtlosen Fehlersuche an einer Arbeitskopie des Papers angebracht hatte.

    Ob irgendwer am Schreibstil herumkritisiert hat, dazu habe ich nichts gesehen.

  13. @Eva Bambach

    Die von Heinrich Burkhardt geforderten Verbesserungen wird Einstein wohl vor dem Druck der Arbeit noch vorgenommen haben müssen. Typographische Fehler, die erst für die 1906 publizierte Fassung korrigiert wurden, dürften überwiegend solche sein, die beim Drucken hereinkamen (ein paar wenige wurden noch in einem Reprint 1922 bereinigt, wie aus den Notes von John Stachel hervorgeht).

    Wo wissenschaftl. Neuland beschritten wird, da darf man erfahrungsgemäss nicht erwarten, dass eine perfekte und fehlerfreie Präsentation auf Anhieb gelingt. Beispielsweise auch in seiner “Elektrodynamik bewegter Körper” hat Einstein einen Fehler gemacht, indem er über die Synchronität von an einem Erdpol und am Erdäquator befindlichen Uhren spekulierte — da fehlte ihm noch der Einfluss der Gravitation. Es kann Jahre beanspruchen, bis neue Ideen umfassend verstanden und schlüssig ausformuliert sind. Derlei Sorgen blieben Dr. Helmut Kohl hinsichtlich seiner Doktorarbeit sicherlich erspart.

  14. Dünnbrett

    Mir ist eine Dissertation über eine Kirche in Ravenna in die Hände gekommen, in der sich der Verfasser in der Einleitung entschuldigt, dass die Arbeit in Ägypten entstanden sei und er daher nicht an wissenschaftliche Literatur gekommen sei. Was folgte, war so dürftig, dass es heute nicht als Seminararbeit an der gymnasialen Oberstufe gereicht hätte. Es ist schon erstaunlich, wie “billig” noch in den 50er Jahren der Doktorenhut war.

  15. Besser schlecht als gekauft

    Auch wenn mich die Inhalte und die Aufmachung dieser Doktorarbeiten wirklich zum Schmunzeln bringen, kann ich ihnen allen doch jedoch eine Sache abgewinnen:
    Sie wurden selbst geschrieben,ein Prädikat mit dem sich heute immer weniger Doktoren schmücken können. Durch die heutige “Titelgier” in Wissenschaft und Wirtschaft hat sich die Doktorarbeit bzw. der Doktortitel von einer Auszeichnung zu einem Konsumprodukt entwickelt, dass von Firmen beworben, produziert und verkauft wird. Diese beschäftigen zum Schreiben der Doktorarbeit Ghostwriter und liefern den Doktoranden dann ein fertiges Werk,das diese oft ungelesen einreichen. In diesem Sinne: Lieber eine 17-seitige Arbeit á la Einstein als geschrieben von einem Geist.

  16. HEIDI ist Theorie.

    Versuchen Sie einmal, diese Dissertation zu bestellen. Sie werden erfahren: Man händigt sie Ihnen nicht aus. Selbst wenn Sie ein Forschungsanliegen haben, werden Sie diese Arbeit in Heidelberg nicht vorgelegt bekommen.

  17. Mir ist eine Dissertation über eine Kirche in Ravenna in die Hände gekommen, in der sich der Verfasser in der Einleitung entschuldigt, dass die Arbeit in Ägypten entstanden sei und er daher nicht an wissenschaftliche Literatur gekommen sei. Was folgte, war so dürftig, dass es heute nicht als Seminararbeit an der gymnasialen Oberstufe gereicht hätte. Es ist schon erstaunlich, wie “billig” noch in den 50er Jahren der Doktorenhut war.

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  19. Eine echte Wissenschaft erkennen Sie daran, daß darin bahnbrechende neue Gedanken möglich sind, durch die entweder ein grundlegender neuer Denkansatz Jahrzehnte neuer Forschung in Gang bringen oder eine in aller Vergangenheit offene Frage beantwortet wird. Aus den verschiedensten Gründen – das ist ein weites Feld – wurde die Universität in den letzten Jahrzehnten mit Beschäftigungsfeldern aufgeblasen, die diesem Kriterium nicht genügen. Und selbst in klassischen Wissenschaften hat sich (vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich, aber nicht nur) eine Tendenz breitgemacht, die Doktorwürde nicht aufgrund aufsehenerregender Gedankenführung, sondern durch viele Seiten verzehrendes Anwenden von Routine-Vorgehensweisen an noch nicht erschöpfter Stelle zu erhalten. Hierbei gilt es dann stets einzuschätzen, ob es sich nur um eine reine Fleiß-Arbeit handelt, oder ob eine Gedankenführung von einer Originaltät vorliegt, die die Fähigkeit zu eigenständiger wissenschaftlicher Forschung belegt. Die Perversion geht aber inzwischen so weit, daß man allgemein die Vorstellung antrifft, mit einer Dissertation, die keine dreistellige Seitenzahl aufweise, könne etwas nicht in Ordnung sein. Nein, die Regel wird es vielleicht nicht sein: denn wirklich geniale Gedanken sind selten. Aber ich behaupte:

    Eine Wissenschaft verdient diese hehre Bezeichnung nur dann, wenn in ihr Dissertationen auf wenigen Seiten nicht nur theoretisch möglich sind, sondern auch tatsächlich vorkommen.

    Immerhin gibt eine Fakultät ihren Namen und damit ihren Ruf dafür her, eine Arbeit als Dissertation anzuerkennen. Ob sie mit ihrer Einschätzung recht hatte, zeigt sich nicht an Seitenzahl, Papiergewicht oder Länge des Literatur-Verzeichnisses, sondern in erster Linie an der Rezeption in der wissenschaftlichen Communitas. Und selbst hier kommen unwürdige Fälle vor, in denen sich wissenschaftliche Gruppen durch unlautere Schlechtmachereien gegenseitig das Wasser abgraben – auch dies ist ein weites Feld.

    Das Beste, was sich ein Autor einer Dissertation sowie seine Fakultät wünschen kann, ist eine große Nachfrage der Arbeit, sei es beim Verlag oder (was häufiger sein dürfte) durch Anträge auf Ausleihe. Es gäbe kein größeres Kompliment für Autor und Fakultät, als wenn die Nachfrage größer wäre als sie befriedigt werden kann. Sollte dagegen trotz Lieferbarkeit einer Nachfrage nicht entsprochen werden, wäre dies ein sehr bedenkliches Zeichen.

    Nicht nur die Nachfrage nach dem Originaltext selbst, sondern auch die Spuren, die die Arbeit durch Zitate in Publikationen anderer in der wissenschaftlichen Welt läßt, besagen sehr viel über die Qualität. Nach gewissem zeitlichem Abstand gibt es dann noch eine größere Bestätigung wissenschaftlicher Qualität: In jeder Forschungsrichtung schälen sich Standardwerke heraus, die dann über Jahre hinweg als “Bibeln” der Richtung gehandelt werden. Schafft es ein Inhalt einer Dissertation (dasselbe gilt für weitere Publikationen), sich in solchen Standardwerken durch Einarbeitung ihres Gedankenguts einmal einen festen Platz zu erobern, so ist das Optimum erreicht. Niemand fragt dann noch, wie lang eigentlich die Dissertation einmal war.

    Schließlich gibt es auch noch den Fall, daß zwar die Dissertation eines Autors selbst noch keine weltbewegende Resonanz hervorruft, daß sich aber die Einschätzung der Fakultät als richtig erweist, hier qualifiziere sich jemand zu wissenschaftlicher Forschung. Es gibt zahlreiche Beispiele bedeutender Forscher, deren Dissertationen zwar die Begabung erkennen ließen, aber noch nicht zu deren wichtigen Arbeiten zählten.

    Fern von all dem ist die Vorstellung von einer Fakultät als Produktionsstätte von Doktortiteln. Dieses grobschlächtig-quantitative Denken hat allerdings allgemein schon viel Unheil im deutschen Bildungswesen angerichtet.

  20. Ein sher interessanter Artikel, der sich in den mediale Tenor dieser Zeit einordnet. Es ist traurig, dass gerade bei solch berühmten Namen eine Plagiierung nicht aufgefallen sein sollte. Sei es des Geldes oder gewisser Einflusssphären wegen. Einem Dozenten bzw. Professoren, dem solch gravierende PLagiate nicht auffällig sind, der hat das schlichtweg übersehen. Auch Ghostwriter-Agenturen beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema der Plagiate und setzen bei ihren erstellten Texten Plagiatscanner ein. Für viele ist das Fremdschreiben moralische bedenklich, aber es wird häufiger in Anspruch genommen, als man denkt. Und von Plagiat kann man da nicht sprechen. Siehe hierzu folgenden Artikel: http://ghostwriterjames24.de/blog/plagiatspruefung-vroniplag-schavan

  21. Pingback:LINKEstmk » Buchmann: die Schattenseite des Kavalierdelikts ..

  22. Eine 17-seitige Doktorarbeit wäre heute undenkbar, zumal Bachelorarbeiten nicht einmal so kurz sein dürfen. Die Uni sollten umdenken, und alles Schreibarbeiten kürzen, sodass die Movitation für das Schreiben der Arbeiten größer wird. Dann würden die Studenten wieder selber ihre Arbeiten schreiben. Stattdessen werden selbst für eine Bachelorarbeit Ghostwriter beauftragt, und wenn diese auf Plagiatssoftwares zurückgreifen können wie die Universitäten selbst, dann werden solche Leute leider nicht auffliegen. Und hier liegt der Hund begraben. Dagegen sollten Universitäten besser vorgehen!

  23. Es kann doch nicht ernsthaft Kohl, mit den Universalgenies Goethe und Einstein verglichen werden, nur aufgrund der Dissertationen. Goethe habe ich nicht gelesen, werde es jedoch nachholen. Die des Herrn Kohl betrachte ich allerdings, nach heutigen Maßstäben als einen, nicht besonders guten, Tertianeraufsatz, der sich mit der deutschen Parteienlandschaft, insbesondere jener der CDU auseinandersetzt; die heutigen Maßstäbe, die man anlegen muss, zeigen jedoch, dass bei Kohl keinerlei Weitblick zu entdecken war, was seine Amtszeit auch verdeutlichte. Während die Erkenntnisse der Genies von Goethe und Einstein bis heute nachwirken, war der einzige Geniestreich von Herrn Kohl die Umgehung von Steuerzahlungen der Parteispenden, der allerdings, wie in der Politik üblich, keine grossen Nachwirkungen hatte.
    Zu den Plagiaten werden wir, wegen der ungeheuren Anzahl von Akademikern in Staatsdiensten, in den kommenden Jahren noch eine Menge erleben; zumal die Plagiats Erkennungssoftware immer ausgefeilter sein wird. Früher konnte man durch Subventionen sehr leicht klamme Unis beeinflussen bis zu fehlenden Jahrbüchern. Im Digitalen Zeitalter funktioniert das nicht mehr, weil zuviele Mitbewerber auf alle Daten zugreifen können werden (Anm.: endlich kann man mal Futur 2 anwenden) ! Lassen wir uns überraschen.

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