Turmbau zu Paris – ganz modern

Der 15. April 2019 war ein Schock. Nicht nur für die Franzosen, die eines ihrer wichtigsten nationalen Symbole beschädigt sehen mussten, unter Bleibelastung leiden und jetzt auf die Rekonstruktion des Dachstuhls und des Vierungsturms warten.

Dass Kirchen einfach so abbrennen, in Friedenszeiten, kam mir immer vor wie eine Sache der finsteren Vergangenheit, in der man im Dunkeln noch irgendwie tumb (so stellt man es sich ja gern vor) mit Kerzen und Fackeln hantierte und die Feuerwehr über wenig hilfreiches Gerät verfügte. Nun weiß ich es besser.

Wer sich wie ich schon immer mal die naive Frage gestellt hat,  warum solche großen Steinbauten wie Kathedralen mit wenig Möbeln darin so gut brennen, sollte sich dieses Video anschauen. Es zeigt eine auf Lasermessungen beruhende 3D-Simulation von dem auch “forêt” – Wald – genannten hölzernen Dachstuhl von Notre-Dame aus etwa 1300 Eichenbalken (vor dem Brand). 3D-Laserscan-Messungen könnten auch bei der Restaurierung helfen – handwerkliches Know-How gibt es in diesen Dimensionen kaum.

Brand und Erneuerung

In den meisten Reiseführern, Abteilung Sehenswürdigkeiten, liest man auf gefühlt jeder dritten Seite von irgendeinem “großen Kirchenbrand des Jahres xyz”, der einen weitgehenden Neubau erforderte. Hier ein völlig willkürlicher Blick: Kathedrale von Reims – “bei einem Brand 1481 wurden das Dach und die Türme zerstört”. Kathedrale von Chartres – sie “brannte vom 8. bis zum 12.  Jahrhundert in jedem Jahrhundert einmal”. Köln – da “brannte im 13. Jahrhundert der alte Dom aus dem 9. Jahrhundert nieder”. Im Speyrer Dom wütete das “Feuer im 15. und im 17. Jahrhundert”.

Einer oder mehrere Brände gehören offenbar zum Leben einer Kathedrale irgendwie dazu. Jedesmal ist der Wiederaufbau auch ein Dokument der gerade herrschenden Machtverhältnisse, und die waren je nach Epoche und Kultur vorrangig bürgerlicher, päpstlicher oder kaiserlicher Natur. Auch deshalb ist die Frage, wie es in Paris weitergeht, interessant.

Notre-Dame am 15. April 2019

Nach einem ersten Feueralarm um 18.20 Uhr waren erst mehr als 20 Minuten später und nach einem zweiten Alarm im Gebälk des Vierungsturms Flammen entdeckt worden, die schon fünf bis sechs Meter hoch waren. Das Feuer griff auf den Dachstuhl des Querschiffs und des Chorraums über. Eine gute Stunde später wurde der Vierungsturm zur veritablen Fackel und stürzte dann zusammen. Während viele Kunstwerke, unter anderem die gerade zur Restaurierung abtransportierten Statuen des Vierungsturms, erhalten blieben, wurde auch der mehr als 800 Jahre alte Eichenholz-Dachstuhl zerstört.

Wer zahlt den Wiederaufbau?

Die Kirchen sind in Frankreich Staatsbesitz. Falls kein Brandverursacher gefunden wird und abgesehen von eventuellen Versicherungsleistungen, wird Frankreich nach den ersten Schätzungen mindestens etwa 500 Millionen Euro für die Instandsetzung aufbringen müssen. Doch sind solche Katastrophen auch geeignet für publikumswirksame Auftritte. Eine Woche nach dem Brand lagen öffentlich abgegebene Spendenzusagen in Höhe von etwa dem doppelten der Summe vor – aus mehreren französischen Milliardärsfamilien. Eingegangen sind jedoch erst etwa 38 Millionen Euro – aus der Normalbevölkerung. Die Großspender warteten zunächst auf steuerrechtliche Regelungen – im Juli wurde ein Gesetz beschlossen, das Spenden für Notre-Dame in Höhe von bis zu 1000 Euro zu 75 % absetzbar macht, darüber sind es 66 %. Die Großspender warten weiter – wohl auch, so unterstelle ich, bis sich beurteilen lässt, wie prestigeträchtig die Wiederaufbaupläne sind.

Ein neues Design für Notre-Dame ?

Gleich nach dem Brand sprach Staatspräsident Emanuel Macron von einer Wiederaufbauzeit von nur fünf Jahren (bis zur Olympiade 2024) und der französische Ministerpräsident Eduard Philippe kündigte einen internationalen Architektenwettbewerb dazu an. Eine Kernfrage lautete, wie mit dem 96 Meter hohen Vierungsturm verfahren werden soll. Es gab in den Medien umgehend ein paar mehr oder weniger ernst gemeinte Visualisierungen dazu.

Doch heute ist von einem Wettbewerb keine Rede mehr. Auf der Webseite des mit der Organisation beauftragten Kultusministeriums findet sich nichts Konkretes zum künftigen Design der Kathedrale. Manche öffentliche Äußerungen von Politikern deuten jedoch inzwischen darauf hin, dass das Dach und der Vierungsturm so wieder hergestellt werden sollen, wie sie direkt vor dem Brand aussahen – eine Form, die in der französischen Presse gern als die “traditionelle” bezeichnet wird.

Das wirft mindestens zwei Probleme auf. Erstens gibt es offenbar für den hölzernen Dachstuhl keine Pläne mehr. Es ist die Frage, ob heutige Handwerker einen solchen Dachstuhl aus Eichenbalken überhaupt wieder errichten könnten.

Blei als Baumaterial

Dagegen hat Viollet-le-Duc, der den Vierungsturms im 19. Jahrhundert (wieder) errichtet hatte, seine Konstruktion recht genau beschrieben und mit vermaßten Zeichnungen versehen. Sein Turm wurde aus Eichenbalken gebaut, die mit ingesamt 250 Tonnen Blei ummantelt waren. Bei dem Brand jetzt trug das Blei zu einem großen Teil der problematischen Umweltwirkungen des Brandes bei. Über das Baumaterial würde man wohl auf alle Fälle neu nachdenken müssen. Von Stahl ist die Rede und von Holz – das man aber sicher nicht mehr mit einem Bleimantel schützen würde.

Mehrere solcher Konstruktionszeichnungen zu dem Vierungsturm von Notre-Dame in Paris finden sich unter dem Stichwort “Flèche” in der zehnbändigen Architekturgeschichte von Eugène Viollet-le-Duc.

Notre-Dame “traditionell”?

Das zweite Problem ist die Frage nach der traditionellen Form. So wie zuletzt sah der Vierungsturm nähmlich nur für gut eineinhalb Jahrhunderte aus. Der ursprüngliche, gotische Vierungsturm (dessen Existenz immer wieder in Frage gestellt wird, weil er auf vielen alten Ansichten von Paris nicht dargestellt ist) war im Lauf der Jahre baufällig geworden.

So sah Notre Dame in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus: Über der Vierung gibt es keinen Turm.

Der Turm wurde 1786 entfernt. Mitte des 19. Jahrhunderts besann sich dann der Architekt und Chefdenkmalpfleger Eugène Viollet-le-Duc wieder des Vierungsturms, den die meisten damals Lebenden noch nie gesehen hatten. Viollet-le-Duc war einer der Wiederentdecker der Baukunst des Mittelalters, verfasste auch entsprechende Schriften – unter anderem ein zehnbändiges Nachschlagewerk zur mittelalterlichen Architektur Frankreichs – und richtete viele historische Gebäude in Frankreich in mittelalterlichen Stil wieder her.

In einem Aufsatz (in: Gazette des Beaux-Arts, 6 (1860), S. 35-39) wies Viollet-le-Duc die Existenz des Turms in alten Texten und Ansichten nach und leitete daraus die Notwendigkeit der Rekonstruktion ab, die er vorgenommen hatte. Im gleichen Aufsatz beschrieb Viollet-le-Duc die Ausührung des ehrgeizigen Bauwerks nach seinen Planungen. Auf einer Tafel mit Inschrift und in einer großen Metallskulptur auf dem Turm verewigte Viollet-le-Duc seinen Schöpferstolz.

Vom alten Turm aus dem 13. Jahrhundert gab es keine Pläne. Aber alte Ansichten zeigten zumindest seine Dimensionen im Vergleich zur restlichen Kathedrale.

Auf dieser Ansicht von Jacques Rigaud aus dem Jahr 1729 sieht man den Vierumsturm von Notre Dame in Paris als verhältnismäßig zierlichen Aufsatz – der gleichwohl eine große architektonische Herausforderung bedeutet hatte, unter anderem wegen des enormen Winddrucks, den er auszuhalten hatte – und dem er am Ende hatte nachgeben müssen.

Viollet-le-Duc rekonstruierte den Turm nach seinem eigenen Verständnis, ging zugleich aber ehrgeizig über das Original hinaus. Sein neuer Turm wurde mit einer Höhe von 96 Metern ein imposantes Stück höher als die frühere Version und Viollet-le-Duc verwies im oben genannten Aufsatz mit Stolz auf das Gewicht des Baumaterials von insgesamt 750 Tonnen.

Eugène Viollet-le-Duc veröffentlichte 1860 unter anderem diese Zeichnung seines massiven Vierungsturms in der Gazette des Beaux-Arts.

19. versus 21. Jahrhundert

Obwohl Viollet-le-Duc sich auf die gotische Vergangenheit berief und sie als Legitimierung seines eigenen Entwurfs verstand, hatte er keine Skrupel seine eigenen Ideen einfließen zu lassen. Nicht erst heutigen Grundsätzen der Denkmalpflege läuft das zuwider – auch schon unter den Zeitgenossen Viollet-le-Ducs gab es Kritiker. Er selbst sah es so (in seinem Dictionnaire raisonné de l’architecture française du XI au XVI siècle,Bd. 8, Paris
1866, 14):

Ein Gebäude restaurieren, das heißt nicht, es zu erhalten, zu reparieren oder es wieder aufzubauen, es bedeutet, einen
Zustand der Vollständigkeit herzustellen, der möglicherweise zu keinem Zeitpunkt zuvor existiert hat.

Viollet-le-Duc wies auch darauf hin, dass vor dem 19. Jahrhundert niemals versucht worden sei, den historischen Zustand eines Gebäudes wieder herzustellen – Rekonstruktion sei eine, so wörtlich, absolut “moderne” Sache.

So oder so modern

Wenn heute der Vierungsturm aus dem 19. Jahrhundert wieder aufgebaut werden soll, wäre auch diese Rekonstruktion einer Rekonstruktion (anstelle eines zeitgenössischen Designs) ein typisch moderner Ansatz. Denn die berühmten alten Kathedralen der Welt, sind in der Regel von der Abfolge verschiedener Epochen geprägt, die sich an ihrer Architektur ablesen lassen. Wo Romanisches niederbrannte, baute man es gotisch wieder auf – niemand wäre auf die Idee gekommen, einen rückständigen Baustil für die Wiederherstellung zu imitieren. Man sah im Gegenteil im Verlorenen offenbar immer auch eine Chance zur Erneuerung.

Mal sehen, wie es in Paris weitergeht. Am 18. September will eine internationale Expertenkommission über die Möglichkeiten der Rekonstruktion beraten.

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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