Museen in der virtuellen Welt

Sonderausstellungen, lange Nacht der Museen, Abendführungen, Bloggertreffen, Ausstellungs-Apps und Audioguides – Museen haben heute viele Ideen, um Menschen in ihre Räume zu locken. Und dazu gibt es immer mehr digitale Angebote von Museen, die bequem zuhause vom Sofa aus oder in der U-Bahn genutzt werden können.

Museum als Freizeitevent

In Scharen reisen die Besucher zu den angesagten Ausstellungen an. Wer nicht schon online Karten für ein bestimmtes Zeitfenster reserviert hat, muss oft mit langen Wartezeiten rechnen. Ist man erstmal drin, wird man vom Menschenstrom von Bild zu Bild geschoben oder muss Besuchern ausweichen, die zombiehaft ihrem Audioguide folgen. Das ist zum großen Teil ein Ergebnis intensiver Marketingarbeit seitens der Museen. Auch wenn es immer noch Häuser gibt, die trotz anspruchsvoller Präsentationen eher im Verborgenen zu wirken scheinen und die nicht gefühlt monatlich Sonderausstellungen organisieren.

Doch solche Museen haben es schwer, ihr Budget zu verteidigen. Es gilt im Museum wie im Fernsehen die Quote – hohe Besucherzahlen werden als Beleg von Relevanz angesehen. Durchschnittlich 11 Sekunden – etwa drei Atemzüge lang – widmen sich die Besucher dem einzelnen Werk, hat eine Schweizer Studie herausgefunden. Der Andrang steigt Jahr für Jahr um etwa 1,5 Prozent – 114.375.732 Museumsbesuche, über alle Sparten hinweg, gab es in Deutschland im Jahr 2017. Der Anstieg geht vor allem auf das Konto der Sonderausstellungen – von Dauerbrennern wie dem Deutschen Museum in München oder dem Pergamonmuseum in Berlin abgesehen.

Davon kann sich jeder Sonderausstellungsbesucher selbst ein Bild machen, wenn er etwas abseits Erholung vom Andrang in den Super-Schauen sucht – in der ständigen Sammlung herrscht meist gespenstische Ruhe, ganz egal, mit welchen Schätzen sie aufwartet.

Die Museen werben geschickt für ihre Sonderausstellungen und locken mit großen Namen. Die gibt es auch sonst und das Jahr über, aber nicht in der spektakulären Dichte der Superschauen, für die viele Bilder eine weite Resie machen. Bilder, die noch nie im Original gemeinsam zu sehen waren, hängen dann für eine beschränkte Zeit nebeneinander – für die Masse der Besucher ist das aber eigentlich völlig unerheblich.

Bewahren und erforschen

Was ist mit den Häusern, die sich der forcierten Popularisierung entziehen? Die Aufgaben eines Museums liegen nicht nur in der Präsentation, sondern ebenso im Bewahren und Erforschen. Der Internationale Museumsrat (ICOM) definiert es so:

„Ein Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“

Zugänglich machen

Im 18. Jahrhundert gab es erste Sammlungen, die nicht nur hin und wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, sondern explizit für die Öffentlichkeit gedacht waren. Schon bald begann man, spezielle Ausstellungsgebäude zu planen – es bildete sich die lange Zeit kanonische Form des Musentempels heraus: Der Besucher schreitet einige Stufen empor, bevor er zwischen hohen Säulen Einlass findet. So dem Alltag entrückt kann er sich ganz der Ausnahmesituation “Kunstgenuss” widmen.

Der Innenhof des in den 1930er-Jahren erbauten Kunstmuseums Basel. Foto: Eva Bambach

Eigentlich nichts für den normalen Menschen. 1763 stellte Johann Joachim Winckelmann fest:

Denn die Betrachtung der Werke der Kunst ist, wie Plinius sagt, für müßige Menschen, das ist, die nicht den ganzen Tag ein schweres und unfruchtbares Feld zu bauen verdammt sind.

Etwa 30 Jahre später forderte Wilhelm Heinrich Wackenroder in seinen “Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders”:

Bildersäle  … sollten Tempel sein, wo man … in herzerhebender Einsamkeit die großen Künstler als die höchsten unter den Irdischen bewundern … möchte.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein folgte die Museumsarchitektur diesem Leitgedanken eines elitären und quasi sakralen Kunstbegriffs. Mit den 1960er-Jahren kam durch den modernen Bildungsgedanken ein entscheidender Bruch: Jedermann sollte nun Zugang zur Kunst haben. Der Kunsthistoriker Max Imdahl diskutierte mit Arbeitern von Bayer Leverkusen über Werke der modernen Kunst. Die Eingänge der Museen wurden bei Neubauten auf Straßenniveau abgesenkt, um den Besuchern buchstäblich die Schwellenangst zu nehmen. Dabei stand der Gedanke im Vordergrund, dass Kunst vor allem auch ein Bildungsgut sei.

Inzwischen scheint es mir so, als stehe wieder mehr das Kunst-Erlebnis im Vordergrund. Bezeichnenderweise hat sich im Anhang zu den Museen ein beachtliches Gastronomieangebot entwickelt. Wo es früher maximal Kaffee und Kuchen zur Stärkung gab, rundet man den Kunstgenuss heute mit Kulinarischem zum Halbtages-Event auf.

Moderne Schatzhäuser

Merkwürdigerweise aber scheint sich die Architektur der neueren Zeit auf die Funktion des Bewahrens zu besinnen, etwa der 2017 fertiggestellte Anbau des Kunstmuseums Basel, der an ein fensterloses Schatzhaus erinnert. Der geplante Neubau des Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin nach dem Entwurf von Herzog & de Meuron trägt den Spitznamen „Kunstscheune“ – auch das ein Hinweis auf die Funktion des Lagers.

Die 2017 eröffnete Erweiterung der Modernen Galerie des Saarlandmuseums in Saarbrücken von Kuehn Malvezzi / Michael Riedel. Die monumentalen Abmessungen haben auch damit zu tun, dass die Werke der zeitgenössischen Kunst immer größer werden. Foto: Eva Bambach
Das 2016 fertiggestellte Vitra Schaudepot von den Architekten Herzog & de Meuron zeigt Schlüsselobjekte des modernen Möbeldesigns – und erinnert von seiner Architektur her bewusst an Scheunen- oder Lagerbauten. Foto: Eva Bambach

Auf der Website des Vitra Campus heißt es:

“Mit seinem schlichten und erhabenen Erscheinungsbild reflektiert das Schaudepot den kulturellen Wert der darin aufbewahrten Objekte. Das Innere des Gebäudes bietet ideale konservatorische Bedingungen, um die wertvollen Sammlungsstücke zu bewahren.”

Das kommt alles nicht von ungefähr. Schätzungsweise 95 Prozent des Bestandes der Museen befinden sich im Depot. Manches wird von Zeit zu Zeit zu Sonderausstellungen hervorgekramt, das meiste bleibt verborgen. Und die Bestände wachsen.

Die digitale Galerie

Ganz neue Möglichkeiten ergeben sich da jetzt mit den digitalen Medien. Mit diesen kann man die Bestände in einer nie zuvor gekannten Breite – und Qualität – öffentlich zugänglich machen. Immer mehr Museen machen davon Gebrauch – große, wie das Mauritshuis in Den Haag oder das Frankfurter Städel, und kleine.

Auf der Plattform museum-digital veröffentlichen mehr als 600 Museen unterschiedlichster Größe und Sparte Informationen zu ihren Objekten. Für manche Sammlungen ist es überhaupt erst die Chance, ihre Bestände der Öffentlichkeit zu zeigen. Etliche große Museen haben den Prestige-Gewinn erkannt, den ein ausgefeiltes Online-Angebot mit sich bringt.

Die Frankfurter Häuser SCHIRN, Städel und Liebieghaus konzipierten vor einigen Jahren das Digitorial® als digitales Vermittlungsangebot (schon vor dem Ausstellungsbesuch “spannende Einblicke in die Themen, die mit innovativem Storytelling und einer explorativen Userführung leicht zugänglich aufbereitet sind. Der Besuch wird zu einem wissensbasierten Erlebnis”). Inzwischen kam der Städel-Podcast hinzu, mit einer ersten Ausgabe zur großen Van-Gogh-Ausstellung. Foto: Städel Museum

Auch das Mauritshuis in Den Haag investiert viel in neue Medien. Vor zwei Jahren begleitete das Museum die Untersuchung eines Bildes von Jan Vermeer mit einem fast tagesaktuellen Blog, der auch die Röntgen- oder Infrarot-Aufnahmen und spektakuläre Vergößerungen in hoher Auflösung zugänglich machte. Daneben gibt es Apps für Tablet und Smartphone, mit herkömmlichen Bilderklärungen ebenso wie mit virtuell erlebbaren Bildinszenierungen.

Im Angebot des Mauritshuis in Den Haag: Verschiedene Apps, wie das Augmented Reality Erlebnis zur Anantomie des Dr. Tulp von Rembrandt. Foto: Mauritshuis

Bilder öffentlich machen

Andere Museen sperren sich noch oder machen, wie die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim eher zaghafte Versuche (hier eine spezielle Onlineausstellung mit nicht besonders hoch aufgelösten Bildern). Das liegt vermutlich auch daran, dass man nicht gern die Hoheit über die eigenen Schätze aufgeben möchte. Wer etwas ins Internet stellt, verliert die Kontrolle – die Verwendung von Downloads für eigene Publikationen ist illegal, aber schwer zu ahnden. Allgemein ist es meist teuer, Bilder von in Museen befindlichen Kunstwerken für Veröffentlichungen zu benutzen. Zwar greift in Deutschland das Urheberrecht für die eigentlichen Werke nicht mehr, wenn der Künstler mehr als 70 Jahre tot ist. Aber auch für die Fotografen, die die Reproduktionen hergestellt haben, wird (in der Regel von den Museen) das Urheberrecht in Anspruch genommen. Und so muss man zum Teil beachtliche Gebühren für die Nutzung der Bilder bezahlen.

Andererseits: Manche Häuser haben das frühere Fotografierverbot in ihren Räumen geradezu umgekehrt: Sie nutzen die virale Wirkung von Social Media, und ermuntern die Besucher geradezu, Fotos und Selfies in ihren Räumen zu machen –  und in alle Welt zu posten.

Wo bleibt die Aura?

Keine Frage, die Öffnung ist ein Segen für jeden, der etwas recherchieren möchte oder an ganz bestimmten Fragen interessiert ist. Vielleicht auch für den, der beim Umherstreifen im Internet über den einen oder anderen Künstler oder eine historische Ausstellung stolpert und sich fesseln lässt. Tatsächlich kann man digital nun vieles sehen, was im Original nicht zugänglich ist. Man kann dann sogar mehr sehen, als es vor dem Original möglich wäre, wo man Abstand von den Exponaten halten muss – und wo die Auflösungsfähigkeit des Auges natürliche Grenzen setzt, die digitale Technik aber Vergrößerungen zulässt, von denen man noch vor Kurzem nur träumen konnte.

All das geht über die von Walter Benjamin so skeptisch beobachtete Kunstwerk im Zeitalter der Reproduzierbarkeit weit hinaus.

Die Dinge sich räumlich und menschlich “näherzubringen” ist ein genau so leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen wie es ihre Tendenz einer Überwindung des Einmaligen jeder Gegebenheit durch die Aufnahme von deren Reproduktion ist. Tagtäglich macht sich unabweisbarer das Beürfnis geltend, des Gegenstands aus nächster Nähe im Bild, vielmehr im Abbild, in der Reproduktion habhaft zu werden.

Das schrieb Walter Benjamin schon 1935 in seinem Aufsatz “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”, vor allem in Hinblick auf Fotografie und Film. Einmaligkeit und Dauer eines Originals stellte er der Flüchtigkeit und der Wiederholbarkeit der Reproduktion gegenüber. Trifft das nicht in gesteigertem Maß noch auf den Kunstkonsum per Internet zu?

Der einzigartige Wert des “echten” Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte.

So schrieb Benjamin weiter. Und in der Tat – lässt sich das im Museumstempel so sorgfältig zelebrierte Kunsterlebnis – und sei es ein im Rahmen einer Massenveranstaltung – auf dem heimischen Sofa, während der Bahnreise oder in der U-Bahn adäquat ersetzen? Und gehören vielleicht gerade der Massenandrang, das Erkämpfen der Eintrittskarte und des Sichtfelds als wichtige Aspekte zu einem modernen Kunstritual dazu?

Kunst per Internet lässt vieles vermissen, unter anderem

  • den Eventcharakter
  • die Möglichkeit, sich mit eigenen Augen (die aber für Betrrug anfälliger sind als wir uns meist bewusst sind) von der Existenz eines Originals überzeugen
  • die Zeit und die Muße, die man sich für den in der Regel im Voraus geplanten Besuch eingeräumt hat
  • die körperliche Präsenz, zum Beispiel um die physische Größe zu erleben – denn digital schrumpft jedes Objekt potenziell auf die Größe eines Smartphones

Brauchen wir (als Besucher) also auch in Zukunft das Museum als Ort, an dem sich das Ritual des Kunstgenusses abspielen kann? Oder wird es vorwiegend ein Ort des Bewahrens und Erforschens, während die Präsentation der Objekte kostengünstig im Internet erfolgt? Ich bin gespannt.

“Ceci n’est pas un musée” – das Vitra Design Museum 2019 während einer AUsstellung zum Thema Surrealimus. Foto: Eva Bambach
Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

7 Kommentare

  1. Frage:

    Brauchen wir (als Besucher) also auch in Zukunft das Museum als Ort, an dem sich das Ritual des Kunstgenusses abspielen kann?

    Antwort: Ja, das brauchen wir – aber es kann auch ein virtuelles oder ein durch augmented reality erzeugtes Museum sein.
    Oder aber ein reales Museum kann mithilfe von augmented reality die Aussagen seiner Exponate erhöhen wie das im verlinkten Artikel How Museums are using Augmented Reality gemacht wird.

  2. Der direkte Kontakt mit dem Kunstwerk ist durch nichts zu ersetzen.
    Nachdem ich einmal in einer Kustausstellung von Beuys war, (der Mann mit dem Fett in der Badewanne), habe ich zum ersten Mal verstanden, was Kunst ist.
    Sie transportiert ein Gefühl und versetzt den Menschen in die Lage, sich in eine andere Welt einzufühlen. Das geht mit TV nur bedingt.

  3. In einem Museum in Aix-en-Provence hingen Kopien von Cezanne-Bildern – die Originale waren ausgeliehen. Fast kein Mensch hätte ohne Hinweisschild bemerkt, dass es Kopien sind. Seitdem frage ich mich, warum in allen Museen Originale hängen müssen.

    Online ist dies vollkommen belanglos – eine ins Netz gestellt Mona Lisa ist eine Kopie. Wenn Museen Bildungseinrichtungen sind, warum wagt man dann nicht den Schritt, mal in Hildesheim oder Ulm oder Frankfurt/Oder eine Da-Vinci-Ausstellung (oder Turner, Warhol …) mit Kopien des Hauptwerks durchzuführen? Müssen im Museum Originale hängen?

    • Frage: Müssen im Museum Originale hängen?
      Antwort: Ja, wenn das Museum ein Depot für Kunstwerke sein will, nein, wenn das Museum Kunstwerke inszenieren will.

      Kunstwerke in Szene setzen könnte man allerdings auch an ganz anderen Orten als in klassischen Museen, ja man könnte das sogar im Internet. Museen mit guter und interessanter Architektur können allerdings gute Orte für Inszenierungen sein, für Inszenierungen, an die man sich gerne zurückerinnert.

    • Wenn man Originale und Kopien nebeneinander hängt, kann man die Unterschiede meistens auch als Laie erkennen.

      Wenn man die Originale hat, warum soll man nicht die Originale zeigen?

      Es ist eher die Frage, warum man Ausstellungen über berühmte Künstler machen soll, wenn man keine Originale hat.

      Originale haben den Vorzug der Authentizität und der besseren Qualität. Man sollte vielleicht mehr Ausstellungen machen, wo die Besucher etwas darüber lernen können und dabei bewusster sehen lernen.

      In München läuft eine Anthony van Dyck-Ausstellung, wo man primäre Fassungen mit Werkstattkopien vergleichen kann, aber es wurde in der Ausstellung nicht immer gut oder überzeugend oder hinreichend erklärt. Man müsste den Katalog lesen.

  4. Eva Bambach schrieb (06. Jan 2020):
    > „[…] gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung[en] im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“

    > Ganz neue Möglichkeiten ergeben sich da jetzt mit den digitalen Medien. […] Bilder öffentlich machen […]

    Gibt es (schon) der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtungen, die mit den Möglichkeiten digitaler Medien jeden daran interessierten Menschen in den Genuss bringt (so bequem das vermittels Bildschirm, Tastatur oder Touchpad gehen mag), Bilder oder verwandte immaterielle Zeugnisse öffentlich zu machen,
    und vor allem (zum Zwecke des Studiums und des wahlweisen Weitermachens) deren jeweilige digitale Quellcodes wiederum editierbar bereitzustellen ?

    (Wikipedia ist das in ihren ersten 19 Jahren ja offenbar noch nicht gelungen. …)

  5. Neue Modelle für Museen: Personalisierte Kunstvermittlung?

    Ein Museum könnte sich der gleichen Mittel bedienen wie Amazon, Facebook und andere soziale und digitale Medien. Anstatt personalisierte Werbung gäbe es personalisierte Kunstvermittlung. Wie Amazon meine Konsum-Vorlieben kennt, würde ein solches neues Museum meine Kunst-Vorlieben kennen und mich mit speziell für mich “kuratierten” Information zu den ausgestellten oder virtuell herbeigezauberten Kunstwerken versorgen. Anstatt wie bei Amazon “aufgrund ihrer vorherigen Käufe” würde mich das Museum mit “aufgrund ihrer vorherigen Interessen an diesen und diesen Künstlern” ansprechen und mir in einer Ausstellung zu Beuys beispielsweise die Beziehungen von Beuys zu Andy Warhol aufzeigen – weil das Museum weiss, dass ich mich mit Warhol beschäftigt habe.

    Kunst für und mit dem Besucher
    Für jeden Besucher also etwas andere, speziell für den Besucher personalisierte Informationen.
    Was spricht für dieses Modell? Nun, gerade die aktuelle , aber auch die vergangene Kunst ist/war eine Reflektion der Welt in der sie sie auftritt. Andy Warhol beispielsweise bediente sich der Markt- und Konsumästhetik der US-Welt in der er lebte. Wenn das aber für die Kunst gilt, wenn die Kunst eine das gerade aktuell Gespielte transzendiert, dann ist das auch ein vielversprechendes Modell für die Kunstvermittlung. Zudem kommt das Museum damit seinem früher schon gestellten Erziehungsauftrag nach – und zwar auf ganz neue, aktuelle Weise. Anders als die etwas eindimensionale, verkausforientierte Personalisierung bei Amazon hätte aber ein Museum noch viel weitergehende Möglichkeiten. Es könnte mir nicht nur Informationen anbieten, die zu meinem Interessenprofil passen, sondern auch Informationen, die meine Meinung erschüttern und in Frage stellen – gerade weil das Museum mein Profil kennt. Anders als in der kommerziellen Welt geht es ja in der Kunst auch immer um das Unerwartete, um das Infragestellen des für selbstverständlich Gehaltenen . Auch dabei hilft eine persönlichere Beziehung zum Besucher.

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