Meret Oppenheim und das pelzige Mundgefühl

Die Pelztasse. Wenn es sie nicht gegeben hätte, dann würde sich heute vielleicht kaum noch jemand an Meret Oppenheim erinnern. Doch so wird der 100. Geburtstag der am 6. Oktober 1913 in Berlin geborenen Künstlerin mit Ausstellungen in Wien, Berlin, Basel oder Frankfurt gewürdigt.

Meret Oppenheim 100. Geburtstag PelztasseEine billige Tasse samt Untertasse und Kaffeelöffel, dazu ein Rest Gazellenfell um das Ganze zu bekleben – viel mehr brauchte Meret Oppenheim nicht, um mit ihrer Pelztasse ins Museum of Modern Art in New York zu kommen (wo sich die originale beklebte Tasse auch heute noch befindet).

Die äußerst suggestiv zwischen Ekel und Erotik angesiedelte Pelztasse wurde zum berühmtesten Stück der surrealistischen Plastik und zu einem der bekanntesten Werke der Objektkunst überhaupt. Für viele Menschen erweckt schon allein der Name Meret Oppenheim die widerstreitende Vorstellung von Lippen an glattem Porzellan und gleichzeitig von Haaren im Mund, vielleicht noch gefolgt von dem Etikett „Muse der Surrealisten“.

Meret Oppenheim mochte ihre berühmte Tasse nicht, und das liegt wohl auch an ihrer Vereinnahmung durch den surrealistischen Herrenverein. Meret Oppenheim war erst 22 und hatte keine nennenswerte künstlerische Ausbildung, als sie 1936 ihre Pelztasse schuf. Vier Jahre zuvor hatte sie die Schule abgebrochen und war, von den Ideen der Surrealisten beeindruckt, mit einer Freundin nach Paris gekommen, um Künstlerin zu werden. In den einschlägigen Cafés hatte sie schnell Anschluss an den Kreis um Man Ray, Marcel Duchamp, Hans Arp oder André Breton gefunden. Für ein paar Monate war sie die Geliebte des etwa 20 Jahre älteren Max Ernst. Als sie – angeblich mehr aus Jux – auf die Idee mit der Tasse kam, hielt sie das für keine große Kunst. Noch  nicht mal einen richtigen Titel gab sie „der Alten“ wie sie ihr Objekt später verächtlich nennen sollte. Das machte André Breton. Er gab der Tasse den Namen „Déjeuner en fourrure“ („Frühstück im Pelz“) als bewusste Anknüpfung an Edouard Manets provokatives „Déjeuner sur l‘herbe“ und formulierte damit den Anspruch der Surrealisten, ebenso erneuernd auf die Kunstgeschichte zu wirken wie Manets Meisterwerk.

Eine Tasse für das MoMA

Breton zeigte „Déjeuner en fourrure“  1936 in seiner „Exposition Surréaliste d’Objets“. Dort sah sie Museumsdirektor Alfred Barr, der in großem Stil europäische Kunst für das einige Jahre zuvor gegründete MoMA in New York kaufte. Hätte er sich für ein recht ähnliches Exponat entschieden, nämlich für eine mit Hühnerfedern beklebte Suppenterrine  vom heute weithin unbekannten, damals recht erfolgreichen Kurt Seligmann, die auch in der surrealistischen Objektausstellung zu sehen war, dann wäre für Meret Oppenheim vielleicht manches anders geworden. Möglicherweise hätte sie nicht unter der künstlerischen Lähmung gelitten, die sie 1937 zurück in die Heimat bei Basel führte und die erst Mitte der 1950er Jahre überwunden war. Bis zu ihrem Tod 1985 schuf Meret Oppenheim dann noch Hunderte von Kunstwerken, darunter auch die berühmte ikonenhafte Fotografie, bei der sie ihr Gesicht mit einem Geflecht von Schmucknarben überzog und die heute fast ebenso bekannt ist wie ihre Pelztasse. Aber ob das Foto auch dann berühmt geworden wäre, wenn es „die Alte“ nie gegeben hätte?

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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