Marseille ist Kulturhauptstadt Europas 2013

BLOG: Denkmale

Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

Klotzen, nicht kleckern: Mit einem ungeheuren finanziellen Aufwand hat sich Marseille auf seine Rolle als Kulturhauptstadt Europas vorbereitet. 670 Millionen Euro sind investiert worden, um das Image der ältesten Stadt Frankreichs aufzubessern (für Essen, die Kulturhauptstadt Europas 2010, umfasste das Budget offenbar nur etwa 80 Millionen Euro). Das ist wohl auch nötig, denn Drogen und Schießereien sind immer noch das erste, was vielen einfällt, wenn sie an Marseille denken, obwohl sich in der Stadt in den letzten Jahren schon manches getan hat. Nun soll aber endgültig „der Frosch zum Prinzen“ werden, wie es Ulrich Fuchs ausdrückt, der stellvertretende Direktor von “Marseille-Provence 2013” – Kultur als Motor der Stadtentwicklung. Marseille  Marseille  Marseille  Marseille  MarseilleEntgegen manchen Erwartungen rechtzeitig fertig geworden ist die Großbaustelle rund um den Hafen von Marseille – das Foto stammt noch aus dem vergangenen Jahr.

Projekt der Europäischen Union

So ist das von der Europäischen Kommission wohl auch gedacht. Die benennt als vorrangiges Ziel zwar:

den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen sowie ein Gefühl für die europäische Bürgerschaft zu entwickeln.

Den Berichten der Jury über die Auswahlprozesse und den Informationen über die Auswahlkriterien ist aber zu entnehmen, dass auch die touristische Wirkung und die Förderung der Lebensqualität in der Stadt eine große Rolle spielen. Seit 1985 wird der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ (zunächst noch unter dem Titel „Europäische Kulturstadt“) auf Beschluss des Europäischen Parlaments für  je ein Jahr verliehen. Dazu gibt es Fördermittel:  Bis zu 1,5 Millionen Euro gibt die Europäische Gemeinschaft dazu, allerdings maximal in Höhe von 60 % des Gesamtbudgets. Investitionskosten werden nicht bezuschusst.

Auswahlverfahren

Das europäische Parlament legt eine Liste mit der Reihenfolge der Mitgliedsstaaten fest. Jedes Land nominiert mindestens zwei Städte als Kandidaten, aus denen die Jury der Europäischen Kommission dann die ihr am geeignetsten erscheinende Stadt auswählt. Seit 2009 werden je zwei Kulturhauptstädte ernannt (geplant bis zum Jahr 2019), um die 2004 und 2007 hinzugekommenen Mitgliedstaaten der EU möglichst schnell berücksichtigen zu können. So gibt es nun jährlich eine Kulturhauptstadt Europas in den alten und eine in den neuen EU-Ländern.

2013 trägt neben Marseille daher auch Košice in der Slowakei diesen Titel – allerdings mit sehr viel geringerer medialer Aufmerksamkeit – und einem im Vergleich zu dem schier unüberschaubaren Veranstaltungsangebot in Marseille sehr viel bescheidenerem, im Wesentlichen nur monatlich wechselnden Programm.

Marseille  MarseilleMit erheblichem Werbeaufwand hat Marseille auch unter seinen Bürgern für das Projekt “Europäische Kulturhauptstadt” geworben. Alle Schichten der Bevölkerung sollten angesprochen werden. Eröffnet wurde  das Jahr deshalb in den nördlichen Quartieren der Stadt, die der ganzen Veranstaltung zunächst eher ablehnend gegenüberstanden und sie als Geldverschwendung ansahen.

Kulturraum Mittelmeer

Marseille aber nimmt den Anspruch „Hauptstadt“  zu sein sehr ernst. Unter dem Motto „Descendez à la capitale“ legt das Programm den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung des gesamten Mittelmeerraums als kulturellen und historischen Bezugspunkt. Das tut als Gegensatz zu einer eurozentrischen Betrachtungsweise gut und hat für die Stadt den Vorteil, Marseille nicht mehr nur als Außenposten am Rand von Frankreich darzustellen. Zum Beispiel wurden viele Künstler aus den Ländern rund ums Mittelmeer eingeladen und es gibt dazu viele Themenausstellungen. Ein spektakulärer Schritt ist die Eröffnung des Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MuCEM), das als eines der wenigen staatlichen Museen außerhalb von Paris die Bestände des ehemaligen Pariser Musée national des arts et traditions populaires übernimmt, die um Exponate aus dem Musée de L’Homme in Paris erweitert wurden.

Blick über Marseille mit dem alten Hafen im Mittelgrund. Die Stadt war schon im 7. Jahrhundert v. Chr. ein wichtiger Standort des Mittelmeerhandels.

Übrigens: Kulturhauptstadt der Arabischen Welt ist in diesem Jahr Bagdad (es sieht so aus, als wäre man dort nicht sehr beeindruckt davon) und seit dem Jahr 2000 gibt es nach dem europäischen Vorbild auch eine jährliche Kulturhauptstadt Amerikas – bislang sind dazu nur in Städte in Süd- und Mittelamerika gewählt worden. In diesem Jahr ist es die Stadt Barranquilla in Kolumbien.

Marseille  Marseille  Marseille  Marseille  MarseilleIm vergangenen Jahr auf Hochglanz poliert hat Marseille für seine Rolle als Kulturhauptstadt Europas 2013 auch die historischen Monumente. Das Palais Longchamps markiert mit seinem (hier verhüllten) gigantischen künstlichen Wasserfall das Ende einer für die Entwicklung der Stadt einst grundlegenden Wasserleitung.

  • Veröffentlicht in:
Avatar-Foto

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

4 Kommentare

  1. Nur eine von zweien

    Kultur bei SciLogs ist immer gut. Der Artikel ist in Ordnung. Doch die Überschrift suggeriert, dass Marseille DIE Kulturhauptstadt Europas 2013 sei. Nur in einem Satz, mitten im Text, wird erwähnt, dass Košice in der Slowakei auch noch diesen Titel trägt. Doch Hand hoch, wer Košice kennt! – Es werden sich nicht viele melden. Gerade diese Stadt hätte daher einen Artikel verdient. Kommt da vielleicht noch was? Es wäre zu wünschen.

  2. Košice

    Gute Idee. Auch für diesen Beitrag hatte mir eigentlich schon ein Vergleich der Aufwendungen beider Städte/Regionen (bei Marseille geht es dazu ja auch noch um die Region Provence) vorgeschwebt, das scheiterte an brauchbaren Informationen. Ich versuche, am Ball zu bleiben.

  3. Hüllen

    Ein sehr informativer Artikel! Beim ersten Betrachten der Bilder, hatte ich übrigens vermutet, Christo hätte einen Beitrag zur Besserung des miesen Images von Marseille geleistet 🙂
    Also auf zum Abenteuer-Urlaub in die arabische Kulturstadt!

Schreibe einen Kommentar