Lästern zum 9-Euro-Tarif

Der Countdown läuft, ab dem 1. Juni gilt das 9-Euro-Ticket. Die Preisersparnis ist für Berufspendler erfreulich, Gelegenheits- und Eigentlich-sonst-nie-Bahnfahrer wirken euphorisiert und unternehmungslustig.
Der allgemeine Verdruss ist jedoch schon programmiert: Es wird noch voller werden, so man denn auf stark nachgefragten Strecken überhaupt noch einen Platz ergattern kann. Und was schon manchem gewieften Bahnfahrer immer mal wieder ein Bein stellen kann, wird Uneingeweihte erst recht zu Fall bringen. Denn die Tarifgestaltung und die Unterscheidung von Fern- und Nahverkehr sind ziemlich unübersichtlich: Wo andere Nahverkehrsfahrkarten auch in Fernverkehrszügen wie IC, EC und ICE gelten, gilt das 9-Euro-Ticket nicht. Über die Online-Portale der Bahn kann die Suche nach entsprechenden Reiseverbindungen bislang offenbar nicht gefiltert werden.
Doch selbst wenn bei der Fahrkartenkontrolle alles glatt läuft, und sogar ausreichend Sitzplätze zur Verfügung stehen sollten, wird es viele Klagen geben. Die gibt es nämlich immer. Und ja, es läuft vieles, vieles schief bei der Deutschen Bahn – nur dass es auf deutschen Autobahnen noch viel schiefer läuft, insbesondere in Hinblick auf Umwelt- und Energiebilanz. Doch ist mit Klagen über den Stau am Frankfurter Kreuz kein Blumentopf zu gewinnen, während das Lästern über eine Fahrt mit der Deutschen Bahn das Gespräch schon so mancher müden Runde wieder belebt hat.
Das Lamento über die öffentlichen Verkehrsmittel gehört wohl einfach dazu – ist es ohne Mühsal und Unbequemlichkeit keine echte Reise? Entsprechende Überlieferungen gibt es jedenfalls schon aus der Antike. Erst ziemlich genau 200 Jahre alt ist unten stehende Klage des deutschen Journalisten Ludwig Börne, sie entstand noch kurz bevor mit der Eisenbahn das Zeitalter anbrach, das das Reisen zum Rasen machte.
In seiner 1821 erschienenen Satire „Monographie der deutschen Postschnecke“ echauffiert sich Börne über die Langsamkeit der Postkutschen, anhand des Beispiels einer Fahrt von Frankfurt nach Stuttgart. Sechs Stunden habe er für die Teilstrecke von Frankfurt nach Darmstadt (rund 30 Kilometer) gebraucht, länger brauche er auch zu Fuß nicht, schrieb er.
Posthalter, Kondukteurs, Postillione, Wagenmeister, Packer wie überhaupt das ganze Hochfürstlich Thurn-und-Taxischfahrende Personal gehen bei ihrem Geschäft mit solcher Bedächtigkeit zu Werke, daß man wohl sieht, es sind gute, ruhige Bürger, die Deutschen, die nichts Gewagtes unternehmen.
Ist der Passagier ein Narr jedes Postmeisters, Kondukteurs und Postillions, und muß er liegen bleiben, sooft es diesen Herren gefällt, Wein zu trinken oder auszuschenken? Kommt man in ein Nest und trägt nicht Lust, im Postwagen zu warten und zu frieren, umdreht der Eigentümer des Ofens unsern schlotternden Leib wie die Katze den Brei, und tausend Fragezeichen im Gesichte zweifeln, was man befehle? Muß ein armer Passagier leben wie die große Welt in Paris und um Mitternacht Koteletts essen? In Zeit von 46 Stunden, worunter 14 nächtliche, habe ich 12 Schoppen Wein getrunken und noch einige mehr bezahlt für den Kondukteur. Wie weit ist es, Herr Major, von Frankfurt nach Stuttgart? Also kaum 40 Stunden! und auf diesem kurzen Wege haben wir 15 Stunden Rast gehalten. Ich bin von Straßburg nach Paris, und von Paris nach Metz auf der Diligence gereist und hatte kein Sohlleder unter mir, sondern gute Verviers-Mitteltücher, und auf diesen beiden Reisen zusammen hat sich der Wagen nicht 10 Stunden aufgehalten.
Ist es nicht Schimpf und Schande, daß das Zusammentreffen der Postwägen auf den Kreuzwegen so schlecht eingerichtet ist, daß ich […] in Bruchsal 24 Stunden liegen bleiben und auf den Straßburger Wagen warten mußte, bis ich weiter konnte nach Frankfurt?
Zitiert nach: http://www.zeno.org/nid/20004635159

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

11 Kommentare

  1. Ich habe mir ein 9 Euro Ticket gekauft und bin gespannt, wie voll hier in München die U-Bahnen sein werden. Denn die Streifenkarten sind hier in München recht teuer. Eine Fahrt innerhalb von München hin und zurück kostet 6 Euro. Das ist wirklich ärgerlich.

    Gruß
    Rudi Knoth

  2. Was für ein Unfug. Leute zum Vereisen animieren.
    Das 9€ Ticket ist nicht kostendeckend. Wer bezahlt die Differenz ? Der Steuerzahler, nicht irgendein Steuerzahler, einer , der die Kosten nicht von seiner Steuer abziehen kann.

    • Das ist doch mit allen Wohltaten des Staates so. Zum Glück versteht das die Mehrheit aber nicht und freut sich stattdessen über die “Entlastung”.

  3. Der 9-Euro-Tarif ist sicher Ausdruck populistischer Politik. Populistisch, weil so viele betroffen sind und dieser Tarif so vieles verspricht. Doch wie fast jede populistische Massnahme wird sie nicht halten was sie verspricht, nämlich billige Fahrten ohne jeden Nachteil.

    Eines lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Reisen und die Bedingungen unter denen man reist wird für immer ein Thema bleiben, genau so wie Essen und Trinken, wohnen und spielen. Ausser es kommt irgendwann die Zeit wo Reisen wegautomatisiert ist. Und das wäre wohl nur mit Teleportation möglich. Als Ersatz hätten wir dann Teleportationswitze.

  4. Das 9-Euro-Ticket ist – ebenso wie der unsägliche Tankrabatt – populistischer Quatsch. Vielleicht hätte die Politik mal mit Leuten reden sollen, die sich mit Bahnverkehr auskennen oder sogar selbst die Bahn nutzen.

    Das Hauptproblem ist der gigantische Investitionsstau. Um dieses Problem muss sich die Politik kümmern. Um die Verkehrswende zu schaffen, brauchen wir zuverlässigen Nah- und Fernverkehr mit genügender Kapazität und Frequenz.

    Aber das sind Probleme, die nicht einfach und schnell zu lösen sind. Also macht die Politik lieber glitzernde Symbolpolitik. Wie so oft.

  5. Das 9-Euro-Ticket unterstreicht ja erst recht wie kompliziert die Tarife in den letzten 20 Jahren geworden sind.

    Tatsächlich konnte man in den 90er Jahren ein Ticket für eine Strecke und eine bestimmte Zugklasse kaufen – und damit einsteigen wann man wollte. Um einen Sitzplatz zu haben, genügte ein Platzticket für einen bestimmten Zug, das verfiel, wenn man den nicht nahm. Fertig.
    Vergessener Wahlspruch der Bahn “Die Bahn fährt bei jedem Wetter.”

    Heute gibt es Preise gestaffelt nach Zügen, vom Sparpreis (für unbeliebte Zeiten) bis Wochenendpreis (bis zu 100 Euro mehr für beliebte Züge nach dem Motto je voller, desto teurer), stets mit Zugbindung, während sog. Flexpreise (früher war – wie gesagt – jedes Zugticket flexibel) erst recht unter die Decke gehen.
    Es gibt digital zusammengestellte Routen, die die Kunden wahlweise mit 1 bis 3 mal Umsteigen für dasselbe Ziel durch die halbe Region leiten, um Züge auszulasten – jedesmal ein anderer Preis, versteht sich.
    Für Anschlussfahrten im Regionalverkehr berechnet die Deutsche Bahn im Fernverkehr im Voraus bei der digitalen Buchung mal eben bis zu 10 Euro pro Fahrt (buchbar ist nur ein mehrfach benutzbares Tagesticket), auch wenn die Fahrt im Verbund nur ca. 3.15 Euro verlangt…

    Verspätungen sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern ganz unabhängig von außergewöhnlichen Wettergeschehen schlicht zum Standard geworden.

    Das 9-Euro-Ticket zeigt wie hilflos die sog. Konzepte für nachhaltige Mobilität in Wirklichkeit sind, weil sie nicht profitabel umsetzbar sind.

  6. ” nur dass es auf deutschen Autobahnen noch viel schiefer läuft, insbesondere in Hinblick auf Umwelt- und Energiebilanz. Doch ist mit Klagen über den Stau am Frankfurter Kreuz kein Blumentopf zu gewinnen, während das Lästern über eine Fahrt mit der Deutschen Bahn das Gespräch schon so mancher müden Runde wieder belebt hat.”
    Das nennt man dann wohl einen bias, oder die Schere im Kopf, willkommen im Auto-erotischen Deutschland.
    Was nicht heißt, daß der Zustand des öffentlichen Nahverkehrs auch nur annähernd akzeptabel wäre.

  7. Das Hauptproblem wird wenigstens mit dem 9 € Ticket angesprochen, die überfüllten Autobahnen und der zähe Verkehr in den Innenstädten.
    Da das 9 € Ticket zeitlich begrenzt ist, scheint es zur Motivation geeignet, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen.
    Auf Dauer wird es bei den 9 € nicht bleiben.

    • Ich denke, daß man damit auch das “Sommerloch” in der Sommerferienzeit stopfen kann. Gestern bin ich mit der U-Bahn gefahren und es war nicht besonders voll.

      Gruß
      Rudi Knoth

    • Ich bin Pendler und muss jeden Tag 90 km aus Berlin ins Umland fahren. Das 9 Euro Ticket hat für mich persönlich zur Folge, dass ich wieder aufs Auto umgestiegen bin. Die Regio Züge sind nun derart unpünktlich und völlig überfüllt. Es freut mich für diejenigen mit kleinem Geldbeutel, die nun kostengünstig Ausflüge unternehmen können… aber vielen Pendlern geht es genau wie mir. Leider eine Verschlechterung der Situation

  8. Nach dem Anfangshype mit überfüllten Zügen zeigt sich jetzt diese Maßnahme in ganzer Schönheit.
    Über all Menschen, die Urlaub vom Ich machen und aussteigen, wo es ihnen gefällt. Ersetzt einen Sommerurlaub!

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