Kunst am Bau

Sie kennen das: ein mehrstöckiger Flachdachbau, drum herum eine Rasenfläche, mitten darauf ein großes Bronze-Beton-Konglomerat – “Kunst am Bau”. Gut gemeint und eine schöne Idee: Es geht um die Förderung der Kunst mit öffentlichen Geldern, in Deutschland erstmals  in der Weimarer Republik eingeführt. Im Juni 1928 verfügte der preußische Minister des Innern, dass „bei der Errichtung und Ausstattung staatlicher oder kommunaler Bauten mehr als bisher, unter besonderer Berücksichtigung der beschäftigungslosen und in Not geratenen bildenden Künstler, Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten zu schaffen“ seien. Leider griffen auch die Nationalsozialisten die Idee auf. In einem Erlass vom Mai 1934 ging es um die Beteiligung bildender Künstler und Handwerker an öffentlichen Bauten, Ergebnis waren die bekannten propagandistischen Scheußlichkeiten. Sympathischer ist uns heute das gleichzeitig gestartete Programm des New Deal mit dem in den USA 1934-43 bei öffentlichen Gebäuden 1 % der Bausumme für Kunstwerke ausgegeben werden mussten – damals nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen die Armut weiter Bevölkerungsschichten gelindert werden sollte.

“Kunst am Bau” vor einem Schulgebäude. Künstler und Auftraggeber haben sich möglicherweise viele Gedanken dazu gemacht. Und wen interessiert das?

Kunst am Bau: BRD und DDR

1950 erfolgte die Empfehlung des Deutschen Bundestags, bei allen Bundesbauten einen Teil der Bausumme für Kunst am Bau einzusetzen. Die heute in Deutschland geltende Förderung sieht beim Bau oder der Sanierung staatlicher Bauten zwischen 0,5 % und 1,5 % der Baukosten für Kunst am Bau vor. Diese kann dauerhaft innen oder außen am Bauwerk angebracht werden oder auf einer Freifläche davor, die aber in der Regel unmittelbar zum Grundstück gehören muss. Nicht nur der Bund, auch Länder und Kommunen folgen häufig diesem Fördergedanken und auch private Bauherrn, etwa große Firmen oder Versicherungen. Mit dem Bauboom der 1960er-Jahre wurde “Kunst am Bau” zu einem für die Künstler attraktiven Arbeitsfeld – mit einem weiteren Hoch, als die Bundesregierung in den 1990ern nach Berlin zog und entsprechende Bundesbauten erforderlich machte. Zur Vergabe an die Künstler werden Wettbewerbe durchgeführt.

Pragmatischer ging es offenbar in der DDR zu. Dort gab es seit 1952 eine „Anordnung über die künstlerische Ausgestaltung von Verwaltungsbauten“. Aufträge in Höhe von 1 bis 2 % der Bausumme sollten an Künstler des sozialistischen Realismus vergeben werden. In geringerem Umfang galt das auch für den Wohnungsbau.  Später wurde der Rahmen weiter gefasst: Die Kunst musste mit dem Bauwerk nicht mehr unmittelbar verbunden sein. So entstanden in der DDR künstlerische Konzepte für Geräte auf Spielplätzen oder Pflanzschalen, für Orientierungssysteme oder Werbung.

Demokratisch legitimierte Ziele

Eigentlich eine gute Idee, bei der der demokratische Staat mäzenatische Aufgaben übernimmt, die einst der Fürst oder der Klerus vergab. Denen ging es meist unverhohlen um die Steigerung der Pracht des jeweiligen Auftritts, vergleichbare Werke sollen schlicht übertrumpft werden – sein neuer Kirchturm solle “ein Beispiel für ganz Gallien sein”, soll etwa Abt Gauzlin von Fleury im 11. Jahrhundert  gefordert haben.

Das geht so natürlich nicht mehr. Heute hört sich der Anspruch an ein öffentlich finanziertes Kunstwerk zum Beispiel so an:

Ziel des Wettbewerbs ist es, für die definierten  Bereiche in der Treppenhalle des Berliner Schlosses eine künstlerische Intervention zu entwickeln, die sich thematisch mit den Humboldt’schen Ideen, “die kosmopolitische Weltsicht, die auf der Gleichberechtigung der Weltkulturen basierte” auseinandersetzt, dabei gleichzeitig die Aufenthaltsqualität erhöht sowie über eine hohe künstlerische Qualität und Aussagekraft verfügt.

(aus der Auslobung zum Wettbewerb für das Berliner Humboldt Forum)

Das klingt doch spannend! Nicht nur schön sein soll die Kunst, sondern auch eine Intervention, also ein Eingriff, und zur kosmopolitischen Gleichberechtigung beitragen. Und den Aufenthalt angenehmer machen.

Aber, mal ehrlich, wie viele Kunstwerke an öffentlichen Bauten haben Sie sich je bewusst betrachtet? Abgesehen vielleicht von Eduardo Chillidas „Windkamm“ vor dem Berliner Kanzleramt, der wie die Skulptur von Henri Moore vor dem Bonner Vorgängerbau gern als Kulisse für Interviews genutzt wird, reicht es bei mir persönlich nur für ungefähr eine Handvoll.

Das geringe Interesse drückt sich auch darin aus, das es nur wenige Publikationen zum Thema gibt. Erst in den letzten Jahren fängt man an, überhaupt systematische Bestandsaufnahmen zu machen – ein Indiz, dass Genre bislang nicht so recht ernstgenommen wurde? Viele Kunstwerke sind aber sowieso nicht öffentlich sichtbar. Sie verschwinden im Inneren der Bauwerke. Der Umfang der seit 1950 entstandenen “Kunst am Bau” wird auf rund 10.000 Werke geschätzt. Seit 2014 wird ein Register dieser Kunstwerke an Bauten des Bundes aufgestellt.

Museum der 1000 Orte

Ein Teil davon ist seit einigen Wochen öffentlich zugänglich. Wenn nicht in natura, so doch in dem virtuellen “Museum der 1000 Orte”. Hier kann man neben hervorragenden Fotos auch Angaben über die Auftragsvergabe und die Kosten des Kunstwerks finden, dazu angenehm kurze und  informative Texte über die Künstler und ihre Intentionen.

Vielleicht kann man den unbeachteten Bronzeknödeln auf diesem Weg vom Sofa aus Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn unsere Missachtung mag ja nur an fehlender Muße liegen, schließlich hat man auf dem Weg zur Behörde oder in die Schule meist anderes im Kopf …

 

Dieser Blog enthält Gedanken, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein Problem könnte man ja auch darin sehen, dass die Kunst am Bau nicht oder selten ein integraler Bestandteil des Baus ist. Die moderne Architektur lehnt Dekoration per se ab und die moderne Kunst will nicht mehr schön sein. Was rauskommt, sind dann Bronzeknödel am Bau.
    Naja, ich möchte nicht polemisch sein. Das gezeigte Werk ist schon okay.

  2. Zitat Wikipedia:

    Kunst am Bau bleibt häufig unbeachtet und erhält zuweilen nicht die Bedeutung, die ihr an sich zukommen könnte.

    Das wäre der Negativpunkt, der Positivpunkt von “Kunst am Bau” ist der, dass Kunst nun an tausenden Orten vorkommt anstatt nur an markanten Orten und in Museen. Wobei: Diese Punkte hängen zusammen: Was überall oder an sehr vielen Stellen vorkommt, nimmt man nicht mehr wahr. Ein Künstler, der mit Kunst am Bau wahrgenommen werden will, der muss wohl danach streben, etwas Markantes zu schaffen oder den Bau gar so zu prägen, dass man ihn unmittelbar mit dem Kunstwerk in Verbindung bringt. Olafur Eliasson ist das mit der Endlose Treppe KPMG Muenchen wohl gelungen und er hat auch den Preis für Kunst am Bau dafür gewonnen.

    Die Idee der “Kunst am Bau” zielt auf Einzelgebäude – oder besser -, ein Kollektiv von Einzelgebäuden ab. “Kunst am Bau” kann man sich in Los Angeles ebenso vorstellen wie in Berlin und niemand erwartet, dass durch “Kunst am Bau” Los Angeles oder Berlin anders wird. Allerdings scheint “Kunst am Bau” in den USA weniger im Bewusstsein verankert zu sein als in Europa. Der Wikipedia-Artikel Percent for Art, der das entsprechende Phänomen in den USA behandelt, ist jedenfalls sehr kurz. Doch es gilt scheinbar für die USA: Mehr als die Hälfte der Staaten pflegt mittlerweile Percent-for-Art-Programme. Auf Bundesebene hat die General Services Administration seit 1963 das Art in Architecture-Programm beibehalten, das die Hälfte der Baukosten für Kunstprojekte verteilt. [6]

  3. Die Google-Bilder zu “Kunst am Bau” und “Percent for Art” zeigen doch ein paar eindrückliche Beispiele. Dabei muss man allerdings bedenken, dass es allein in Deutschland viele tausend Beispiele für “Kunst am Bau” gibt und in den USA sind es wohl zehntausende. Es wird also nicht schwierig sein, darunter einige herausragende Werke zu finde.

  4. Ich glaube das Problem ist auch, dass viele mit die moderner Plastik noch weniger als mit moderner Malerei anfangen können. Ich bekomme im öffentlichen Verkehr sehr viel “gesundes Volksempfinden” mit, wenn der Bus z. B. an einer Rostplastik vorbeifährt (“für den den Mist haben sie Geld, aber nicht für ….). Zumindest im Außenbereich wird “Kunst am Bau” durchaus wahrgenommen, wenn auch nicht wie gewünscht.

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