Horst Antes wird 80

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Denkmale

Einst war er einer der Stars der deutschen Kunstszene – schon  mit Mitte zwanzig. Heute wird er achtzig Jahre alt, und es ist viel ruhiger um ihn geworden.  Seine Bilder und Skulpturen aber gehören inzwischen zu den Klassikern der Kunstgeschichte. Horst Antes wurde am 28. Oktober 1936 im südhessischen Heppenheim geboren. Er studierte von 1957 bis 1959 bei HAP Grieshaber an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe Malerei.

Horst Antes hatte kaum das Studium abgeschlossen, da wurde er mit bedeutenden Einzelausstellungen und verschiedenen Preisen geehrt. 1961 erhielt er den Kunstpreis „Junger Westen“ in Recklinghausen und den „Prix des artistes“ bei der „Biennale des jeunes artistes“ in Paris. 1962 Villa-Romana-Preis in Florenz, 1963 Stipendium der Villa Massimo Rom, 1964 erste Teilnahme an der documenta (wie auch 1968 und noch einmal 1977), 1966 Teilnahme an der Biennale von Venedig. Auch in der Folge erhielt er Auszeichnungen und wurde mit Retrospektiven gewürdigt, aber seit den 1980er-Jahren in deutlich geringerem Umfang – die bislang letzte große Ehrung war eine Einzelausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau im Jahr 2013.

Skulptur von Horst Antes auf einem öffentlichem Platz in Hannover
Kunstwesen ohne Auge: Skulptur von Horst Antes in Hannover (Foto von Armin Schönewolf gemeinfrei via Wikimedia Commons, abgerufen am 14. Oktober 2016)

Kunstwesen mit Kopf und Füßen

Das mag auch daran liegen, dass er in den 1980er-Jahren sein ungeheuer pouläres Markenzeichen aufgab: das von ihm seit 1960 entwickelte und ab 1963 voll ausgeprägte „Kunstwesen“ – ein mit deutlichen Konturen umrissenes, archaisches Geschöpf mit nach links gewendetem Profil. Der monumentale Kopf geht ohne Rumpf direkt in die Beine mit ihren überdimensionierten Füßen über. Das Wesen unverkennbar menschlichen Ursprungs erinnert ein bisschen an die Kopfmonumente der Osterinseln. Wie in der altägyptischen Malerei ist das Auge nicht in Profilansicht, sondern frontal und formelhaft wiedergegeben. Die Geschlechtsteile – soweit vorhanden – sind auf das Äußerste reduziert: ein kleiner Zylinder für den Mann, ein Schlitz für die Frau. Die Figur erscheint als Signet für den Menschen: Großes Gehirn, aufrechter Gang. (Manchmal kommen auch noch Arme mit Händen hinzu – Werkzeuggebrauch?).

Skulptur von Horst Antes in Ravensburg, Park vor dem Landratsamt
Kopf mit Beinen: Skulptur von Horst Antes in Ravensburg, Park vor dem Landratsamt (Foto: Andreas Praefcke, gemeinfrei via Wikimedia Commons, Abruf am 14.10.2016)

Horst Antes hatte zunächst noch im Stil des Informel gemalt. Mit der Erfindung seiner von ihm selbst „Kunstfigur“, von der Kritik „Kopffüßler“ genannten Figur brachte er sich gegen die im Kalten Krieg als „Kunst der Freiheit“ verordnete abstrakte Kunst in Position. Zum Beispiel gegen den einflussreichen Werner Haftmann, der bei der Eröffnung der documenta 1959 sagte: “Wo Unfreiheit herrscht, Totalitarismus in allen seinen Spielarten, da steht auch die moderne Kunst immer unter Verfolgung”, die “Einstellung zur modernen Kunst” sei ein auffallendes Indiz für “die Einstellung zur Freiheit des schöpferischen Menschen” – moderne Kunst war damals von vornherein als abstrakte Kunst zu verstehen.

Ausdruck einer inneren Wirklichkeit

Antes wurde mit seinen eigenwilligen Geschöpfen gegen die Vorherrschaft der Abstraktion zu einem Pionier der Neuen Figuration. Mit der  Erschaffung des roboterhaften „Kopffüßlers“ ging der Verzicht auf alles Gestische, subjektiv Expressive einher. Antes selbst sah seine Figuren gleichwohl als Ausdruck einer inneren  Wirklichkeit , „vom Inneren her“ geschaffen, wie er einmal sagte.

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Der Kopffüßler wurde zum populären Motiv, davon zeugt die Verbreitung entsprechender Kunstdrucke. Ein Grund dafür könnte der hohe  Wiedererkennungswert und die leichte Erfassbarkeit der Figur gewesen sein, ein anderer formale Anklänge an schon Bekanntes, etwa an Max Beckmann oder Oskar Schlemmer. Damit tat sich das große Publikum offenbar leichter als mit der furiosen Malerei im Stil des Informel. So hieß es in einem Zeitungsbericht in Antes* Heimatstadt Heppenheim vom 23. Juli 1960 – also bevor der “Kopffüßler” seine Ausprägung gefunden hatte – unter dem Titel “Erfolg eines jungen Heppenheimer Künstlers” noch, dass sein Stil „nicht jedermanns Sache” sei.

Etwa zwanzig Jahre lang blieb Horst Antes seinem „Kopffüßler“ treu. Dann fand er neue Bildthemen. In oft riesigen Formaten malt er in die Höhe gezogene Häuser ohne Fenster und Türen. Auch andere architektonische Details fehlen. So sehen die Gebäude aus wie Schachteln mit Satteldach. Die Kopffüßler ließen keine Emotionen erkennen. Auch bei den Häusern kann man nicht sehen, was in ihrem Inneren vorgeht – man kann es nur vermuten.

Karriere: Horst Antes, Gerhard Richter, Konrad Klapheck

An die Bekanntheit seiner “Kopffüßler” kommen die Bilder aus dem Spätwerk nicht heran. Im Rückblick erscheint es, als hätten Antes’ Figuren einfach auch gut zum Geschmack der 1960er und -70er mit seinem Hang zu runden, zusammengefassten Formen gepasst. Auch der aufkommenden Leidenschaft für Piktogramme entsprachen sie. Ähnlichkeiten ergeben sich zur gleichzeitigen Pop-Art. Das könnte vielleicht die Breitenwirkung erklären.

Zu Antes’ Rolle im Kampf zwischen Abstraktion und Figuration fällt mir als Parallele der fast gleichaltrige Konrad Klapheck ein. Er wurde jeweils zeitgleich mit Antes zur documenta mit ihrem Vertretungsanspruch der modernen Kunst eingeladen, 1964, 1968 und 1977, nicht aber 1972. Klaphecks rein gegenständliche Darstellungen, nicht von Menschen, sondern von Maschinen sind vordergründig mit kühler Rationalität gemalt. Aber auch sie verweisen auf das Innere des Künstlers: „Nur mit der Kälte der Präzision hat man Zutritt zu den Feuern der Seele“, sagte Klapheck.

Anders als Antes und Klapheck (und natürlich auch viele andere) entwickelte sich der Weg des etwas älteren Gerhard Richter (*1932). Er legte mit der Karriere erst später los, gehört heute aber zu den international teuersten lebenden Künstlern. Auf Auktionen erzielt er seit dem Jahr 2000 immer wieder Rekordpreise. Auch Richters Bilder gehören zu den Meilensteinen der Kunstgeschichte. Seinen anhaltenden und vor allem auch kommerziellen Erfolg verdankt er aber nicht zuletzt geschickten Galeristen. Auf die Frage “Figur oder Abstraktion” betrachtet: Er macht beides. Parallel. Ganz einfach.

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

4 Kommentare

  1. Antes Kopffüssler, Picassos Bilder aus der “Blauen Periode”, Pencks Strichmännchen, Christos Verpackungen, Mondrians Farbrechtecke (Broadway Boogie Woogie) – all diese Erscheinungen sind nicht nur Kunstphänomene, sondern wohl noch viel mehr sind es Remniszenzen an uns Rezipienten, denn dass solche Signete in uns haften bleiben und in unserem Inneren eine gefühls- und erinnerungsbehaftete Heimstatt finden. hat sehr viel mit unserem neurokognitiven Apparat zu tun.
    Verallgemeinert gilt gar: Vieles wird in Kunst, Literatur und Technologie erfunden, aber nur weniges überlebt mehr als eine Saison (der Mode). Was überlebt hat offensichtlich Widerhall in uns gefunden weil es auf fruchtbaren Boden fiel.

    • Ein moderner Künstler hat künstlerisch zwei Probleme.
      1. Er muss seinen eigenen, unverkennbaren Stil entwickeln, eine erkennbare “Marke” werden, um interessant zu sein und wahrgenommen zu werden.
      2. Er muss seinen Stil entwickeln, verändern, unter Umständen aufgeben, um aktuell zu bleiben. Ansonsten wird aus einem Revolutionär schnell ein Fossil.

      Das ist die Quadratur des Kreises, zumal ein “Stil” ja mehr als eine Mode sein soll, nämlich “modern”. Dem Hamsterrad des Innovationsdrucks kann ein Künstler heute kaum noch gerecht werden.

      • Sich einen Namen zu machen war in der Kunstszene schon immer schwierig und andererseits schon immer zum “gut Leben” (als Künstler) notwendig.

        Suche ich in Google nach “Deutsche Künstler” startet die Bildleiste mit:

        Richter, Rotluff, Kiefer, Baselitz, Heckel, Marc, Macke

        Such ich in Google nach “Junge deutsche Künstler” startet sie mit

        Richter, Baselitz, Avignon, Poisel, Gursky, Bendzko, Bourani

        Mit anderen Worten: Richter und Baselitz gehen als junge Künstler durch. Auch heute noch ist es als Künstler schwierig wahrgenommen zu werden oder gar bekannt zu sein.

  2. Es gibt vielleicht noch andere Gründe, warum Richter berühmter geworden ist: ein Teil seiner abgemalten, unscharfen Bilder greifen das Thema der RAF auf. Darüber lässt sich viel kontrovers reden und diskutieren. Antes blieb da inhaltlich wesentlich harmloser. Die Fantastillionen, die heute auf dem Kunstmarkt für Richters Werke bezahlt werden, haben mit seiner Kunst nichts mehr zu tun, er verdient daran auch nicht.
    Ein gutes Marketing ist heute in der Tat wichtig, wenn man berühmt werden will. Faustregel: je weiter der Kreis der Bekanntheit sein soll, umso höher muss der Preis für ein Werk sein.

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