Historische Orte und das Murmeln der Geschichte im Zullestein

Unser Bild der Geschichte beruht auf Spekulation. Dieses Eingeständnis und die damit verbundene Relativierung dessen, was man meint, zu wissen, machen die Vermittlung historischer Inhalte schwierig. Ganz genau weiß man fast nichts und viele scheinbare Gewissheiten entpuppten sich im Nachhinein als Irrtümer.

An vielen archäologischen Stätten sollen etwa sichtbargemachte Mauerverläufe den Besuchern eine Vorstellung davon geben, wie es einst hier aussah. Davon kommt man heute ab. Zum einen werden dabei irrige Annahmen oft buchstäblich “in Stein gemeißelt”. Zum anderen wird bei solchen Rekonstruktionen der Wandel eines Ortes außer Acht gelassen: Man kann bestenfalls zeigen, wie es zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt einmal ausgesehen haben könnte. Alle anderen Zustände im Verlauf der Jahrhunderte werden dabei zugunsten des einen, als “eigentlich” angesehenen Charakters des Gebäudes oder Ortes vernachlässigt.

Prinzipiell treffen diese Punkte auf jeglichen Versuch der Visualisierung vergangener Strukturen zu, auch etwa in der Digitalen Archäologie, die den Betrachter mit perfekten Inszenierungen betört und oft vergessen lässt, wie wenig gesichert die Hypothesen meist sind.

Ratlos inmitten von Trümmern
Wohl jeder kennt das Gefühl, an einer Ausgrabungsstätte zu stehen und einfach nicht zu kapieren, was all die Steine eigentlich zu erzählen haben. Groß ist daher das legitime Bedürfnis, historische Orte verständlich zu machen – auch und gerade für den eher flüchtigen Besucher. Wenn der aber versucht, sich durch die Fülle der Informationen auf Texttafeln und Grundrisszeichnungen zu arbeiten, gibt er oft auf halber Strecke auf – mit dem schlechten Gefühl, die Hausaufgaben nicht gemacht zu haben.

Liebevoll beschildert und doch schwer zu verstehen: Was war hier früher los?

Geschichte ist komplex und nicht mal eben schnell erklärt.

So ganz einfach lassen sich die Informationen meist nicht zu einem verständlichen Bild fügen, vor allem, wenn zugleich die Zweifel und die offenen Fragen dargestellt werden sollen, wie es ja redlich wäre. Da ist man als “Konsument” schnell überfordert.

Ein Weg könnte es sein, sich in der Vermittlung nicht auf das Faktenwissen zu fixieren. Um das “Irgendwie”, das in geschichtlichen Rekonstruktionen ja immer enthalten ist, auszudrücken kann man zum Beispiel auch einen intuitiveren Zugang suchen. Ziel wäre zunächst einmal, überhaupt ein Bewusstsein für den Wandel  eines Ortes zu vermitteln – und damit auch gleich für Geschichte ganz generell. Die hat sich ja nicht nur an denkmalgeschützten Orten abgespielt, sondern wo auch immer wir gehen und stehen.

Hören und Sehen

Ich wollte so etwas schon lang einmal ausprobieren. Jetzt hat die  Stiftung Unesco Weltkulturerbe Kloster Lorsch mir das ermöglicht: Sie förderte mein Projekt einer App, die das Bewusstsein für die Geschichte eines Ortes wecken soll und dabei weniger Wert auf die Vermittlung abfragbarer Daten legt.

Ich hatte mir  vorgenommen, die Vorstellung anzuregen, wie es einmal gewesen sein könnte und dabei

  • keine falsche Gewissheiten vorzuspiegeln
  • nicht zu romantisieren
  • auf die Multiperspektivität aufmerksam zu machen
  • den spekulativen Charakter zu betonen.

Das Audioformat ermöglicht es, simultan zu schauen, also zum Beispiel auf die sichtbaren Strukturen und die Landschaft, und zugleich Information aufzunehmen – anders als bei Text- und Bildtafeln, bei denen man immer zwischen dem Informationsmedium und der Realität hin- und herschauen muss.

An solchen Ausgrabungsorten möchte man gern ganz viel über die Geschichte erfahren – aber so ganz genau kennt die meistens keiner. Und die vielen Mosaiksteinchen, die man hat, fügen sich auch nicht ganz einfach zum in drei Sätzen vermittelbaren, anschaulichen Bild.

Als Ort habe ich den Zullestein ausgesucht, auch Burg Stein genannt, am Rhein in der Nähe von Worms. Archäologische Funde belegen eine Besiedlung vom 4. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert. Heute verläuft der Rhein ein paar hundert Meter westlich als früher, so dass die Ausgrabungen nicht mehr direkt am (früher hier seichten und verzweigten) Fluss liegen. Die Römer legten eine befestigte Schifflände zur Verteidigung der Rheingrenze an. Später entstand hier ein Dorf mit Marktrechten, das als Besitz des Klosters Lorsch zu dessen großem Reichtum beitrug: als Hafen für den Fernhandel, etwa mit dem begehrten Wein des Klosters. Der Bischof von Worms unterhielt hier eine Burg, auf die er sich in den heftigen Auseinandersetzungen mit den Bürgern seiner Stadt zurückzog. Im Dreißigjährigen Krieg wurden die Gebäude von spanischen Truppen eingenommen. Nachdem die Burg verfallen und vergessen war, wurde in den 1950er-Jahren genau auf den (damals nicht mehr sichtbaren) Ruinen ein Öl-Bohrturm errichtet. Und erst als das Atomkraftwerk Biblis in unmittelbarer Nähe errichtet wurde, gab es Geld, um nach der nur noch in lokalen Sagen lebendigen “Burg Stein” zu suchen. Anfang der 1970er-Jahre ausgegraben, wurde die Burg Stein auch Gegenstand einer Dissertation, die unter anderem die Bedeutung des Orts als Handelsplatz herausarbeiten konnte (Sven-Hinrich Siemers, Mainz 2001).

Was heute zu sehen ist, sind im Wesentlichen Teile der römischen Schiffslände, Mauern eines karolingischen Baus mit Kapelle und einige hochmittelalterliche Erweiterungen. Der örtliche Geschichtsverein hat das Gelände liebevoll mit informierenden Schildern und Rekonstruktionszeichnungen versehen und auch der Geopark Bergstraße hat eine große Infotafel errichtet. Gleichwohl ist es für den Besucher schwer, sich im Durcheinander der Zeiten und Grundrisse zu orientieren und sich einen Begriff davon zu machen, was sich hier früher abgespielt hat.

Die App: “Das Murmeln der Geschichte”

Meine App führt unmittelbar an den Ort des Geschehens – und ist auch nur hier zu benutzen. Per GPS wird sie nur am Zullestein aktiviert. Der Benutzer kann dann kurze, etwa einminütige Audiosequenzen abrufen, die von ganz unterschiedlichen, fiktiven Figuren aus verschiedenen Zeiten gesprochen werden, und die sich konkret auf Geschehnisse vor Ort beziehen, für die es historische Quellen gibt, etwa die Schenkungsurkunde des Jahres 846 oder die Schilderungen des Abtes Einhard. Ich will damit trotzdem kein konkretes Wissen vermitteln, sondern vor allem ein Staunen darüber, was an einem scheinbar so abgelegenen Ort über die Jahrhunderte los war – so ungefähr jedenfalls.

Ich möchte natürlich gern wissen, ob dieses Konzept funktioniert. Also: Wer zufällig mal zum Zullestein kommt und die App ausprobiert – bitte Feedback geben! Danke!

Kostenloser Download:  Das Murmeln der Geschichte

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, Visualisierungen früherer Zeiten/Orte oder virtuelle Rückführungen sind wohl ein echtes Bedürfnis, ist es doch für den Heutigen schon schwierig sich nur schon in die Köpfe der letzten Kriegsgeneration zurückzuversetzen. Es ist ein empfundenes Paradox: Man weiss implizit um die Kontinuität der Geschichte, darum, dass uns eine oder mehrere Linien mit der Vergangenheit verbinden (kennt vielleicht den eigenen Stammbaum etwas und was für Berufe die Ahnen hatten) und kennt vielleicht auch einzelne Gebäude, Bilder oder Kostüme aus einer vergangenen Zeit – und dennoch entzieht sich der damalige Alltag unserer Vorstellung und wir sind im Ungewissen, was die Leute damals umtrieb. Filme, in denen Personen in die Vergangenheit zurückversetzt werden, gewinnen aus diesem Paradox wohl einen Teil ihrer Attraktivität. Die erste deutschsprachige Netflix-Serie Dark spielt übrigens damit. Dort tauchen die Hauptpersonen vom Jahr 2019 ins Jahr 1986 und schliesslich 1953

    • Die Faszination von Zeitreisen wie in “Dark” ist glaube ich auch deshalb so groß, weil sie räumlich zum Greifen nah und doch so unerreichbar erscheinen. Und uns auch logisch so unmöglich vorkommen.

      • Zitat: “Räumlich zum Greifen nah und doch so unerreichbar”. In “Outlander” berührt die Hauptfigur, eine frühere britische 2.Weltkrieg-Krankenschwester, die mit ihrem Verlobten Inverness besucht, einen Stein der Craigh na Dun – Formation und wird unmittelbar ins Schottland des 18. Jahrhunderts transferiert, wo gerade eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Schottland und England stattfindet.

  2. Sie sind klug, Frau Bambach, und das, was Sie sich vorgenommen haben, ist aus diesseitiger Sicht genau richtig.

    Zudem gibt es das Problem, dass sich in Fruehere nicht hineingedacht werden kann, ausser vielleicht ihre Beduerfnisse meinend, essen, trinken und so mussten die auch, viel mehr wird nicht gewusst.
    Ausser sie haben direkt berichtet, dbzgl. (schriftlicher) Bericht scheint aber sparsam gesaet und nun (heute) weiss man nicht so genau.

    Bloederweise ist die Sicht auf die Historie immer eine heutige und sie wird erwartet.

    MFG
    Wb

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