Heute Neueröffnung: Streetfood in Pompeji

Unser Bild von früheren Zeiten ist davon geprägt, was sich die reichen Leute so leisten konnten. Schlösser und Burgen oder Gerätschaften aus Edelmetallen halten sich einfach besser, als „arme“ Materialien wie Holz oder Lehm. Außerdem wird ein Armenviertel viel schneller mal eben plattgemacht als ein Villenquartier.

Insofern ist es immer ein besonderes Glück, wenn die Archäologen und Historiker auf Zeugnisse des Lebens der breiten und unteren Schichten stoßen. So wie 2019 bei der Ausgrabung von Regio V in Pompeji, als man ein kunstvoll mit Fresken verziertes Thermopolium entdeckte, das heute erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird – in Pompeji hat der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. arme wie reiche Viertel konserviert.


Pompeji – einst Badeort der Reichen und Schönen mit reizvollem Blick auf den Golf von Neapel. Und doch lebten die meisten der zur Zeit des Vesuvausbruchs 8.000 bis 10.000 Einwohner Pompejis in beengten Verhältnissen in Ein- oder Zweizimmerwohnungen.

Billig und nahrhaft

Ein römisches Thermopolion war eine kleine Gaststätte, die man sich als eine Art Stehimbiss vorstellen kann. In vielen römischen Siedlungen, insbesondere in Pompeji wurden schon mehrere Thermopolia gefunden, die alle sehr ähnlich aufgebaut waren: Die kleinen Räume hatten zur Straße hin eine gemauerte Ausgabetheke, die mit buntem Marmor belegt war und runde Öffnungen enthielt, in die Wasser- und Speisengefäße sowie Kochtöpfe eingehängt und nötigenfalls durch ein darunter liegendes Feuer warmgehalten werden konnten. Es wurden Weinkrüge gefunden, auf deren Boden Rückstände von Favabohnen waren – die Römer setzten sie dem Wein zu, um den Geschmack zu verbessern und die Farbe aufzuhellen. Gekocht wurde auf einem Herd im Inneren des Raumes – meistens billige Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, gebackener Käse und eingesalzener Fisch. Das Streetfood wurde vor allem von den ärmeren Schichten gekauft, die oft keine Küche in ihren Wohnungen hatten.

Das Thermopolium Regio V ist eines von Dutzenden solcher Lokale, die in Pompeji gefunden wurden, allerdings eines mit besonders reicher Dekoration und das einzige, das bislang von Archäologen vollständig ausgegraben wurde.

Die Kunden bestellten die fertigen Speisen an einer L-förmigen Theke, die mit bunten Fresken bemalt war: Die Bilder zeigen zum Beispiel eine auf einem Seepferd reitende Meerfrau, eine Speisentheke mit daran gelehnten Amphoren und darauf stehenden Töpfen, oder einen Hahn, der zwei tote Enten betrachtet.  

In den in die Arbeitsplatte eingelassenen Gefäßen fanden die Archäologen Reste von Speisen und Wein. Aus den in einem Topf enthaltenen Spuren von Ente, Schwein, Ziege, Fisch und Schnecken schlossen die Forscher, dass eines der Gerichte auf der Speisekarte eine Art Paella war.

Zerstörungen durch Tourismus und Regen

Die Regio V ist die intensivste Ausgrabung in Pompeji seit den 1960er Jahren. Nach der ersten Untersuchung im Jahr 2019 wurden die Ausgrabungen 2020 abgeschlossen. Der Imbiss mit seinem Fußboden aus mehrfarbigem Marmor und die dekorativen Elemente, insbesondere die Fresken, wurden restauriert und mit einem Holzdach über der Theke geschützt. Das Restaurant ist nun täglich ohne Anmeldung für die Öffentlichkeit zugänglich – ein Element in dem Eiertanz um den Erhalt der Ruinen, die nicht zuletzt ein der bedeutendste Wirtschaftsfaktor in der Region sind. Aber die Touristenströme haben auch viel zerstört, unter anderem durch ihre Rucksäcke, mit denen sie unachtsam an den Fresken entlangschaben. Große Teile des Areals sind deshalb für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Gefahr droht auch durch Starkregen, seit 2010 stürzten mehrere Gebäude ein.

Wegen starker Kürzungen im nationalen Kulturhaushalt fehlt das Geld für den Schutz der schon ausgegrabenen Häuser, die zu verfallen drohen, wenn sie nicht fachgerecht konserviert werden.

Immerhin: Fördergelder der EU ermöglichten in den vergangenen Jahren die Wiederaufnahme von Restaurierungsarbeiten, einige Häuser wurden wieder zugänglich gemacht.

Bilder von Thermopolion in Regio V

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

10 Kommentare

  1. Kultur für die Massen: Was sich in 2000 Jahren geändert hat und was nicht
    Zitat 1:

    Die Bilder zeigen zum Beispiel eine auf einem Seepferd reitende Meerfrau, eine Speisentheke mit daran gelehnten Amphoren und darauf stehenden Töpfen, oder einen Hahn, der zwei tote Enten betrachtet.

    Das ist gleich geblieben: Für Arme sind Farben und andere Sinnesreize oft fast gleich wichtig wie das Produkt das angeboten wird. Das heisst: Ärmere lieben Glitter und Verpackung und zahlen überproportional viel dafür. Warum? Wohl, weil das ihre Form von Luxus ist, weil das ihren Tag aufhellt und lebenswert macht. Die Reichen, die Snobs dagegen zeigen gern ihre Verachtung für solch billigen Geschmack, für all den Bling-Bling, der die Massen zufriedenstellt. Die Reichen bevorzugen distinguierte Kleidung, Materialien, Farben und distinguierte Umgangsformen.

    Zwischenfazit: In 2000 Jahren hat sich der Geschmack und das, was Menschen wichtig ist, nicht geändert. Weder bei den Reichen noch bei den Armen.

    Zitat2:

    Es wurden Weinkrüge gefunden, auf deren Boden Rückstände von Favabohnen waren – die Römer setzten sie dem Wein zu, um den Geschmack zu verbessern und die Farbe aufzuhellen.

    Das hat sich geändert: Selbst billiger Wein kann heute ohne Zusätze getrunken werden. Es scheint, dass ganz früher guter Wein mehr eine Vorstellung, ein Wunsch, teilweise eine Halluzination war. Heute gibt es sehr viele sehr gute, schmackhafte Weine.

    Zwischenfazit: Auch Arme können heute guten Wein trinken oder in den Genuss einer guten Behandlung im Falle von Krankheit kommen. Das war früher ganz anders.

    Fazit: Die Menschen haben sich in 2000 Jahren wenig geändert, die Technologie aber schon.

    • Nun ja, die reich dekorierten Wände der pompejanischen Villen sprechen dafür, dass alle Menschen gleichermaßen für Farben und sinnliche Reize ansprechbar sind. Und reich = distinguiert? Der Frage müsste man mal nachgehen …

      • Zitat: “ Und reich = distinguiert? Der Frage müsste man mal nachgehen …“
        Klar. Wiederum wird man in Pompeji fündig.

      • Tatsächlich dürfte eher das Gegenteil zutreffen: je reicher, desto vulgärer. Speziell in Rom war die Zurschaustellung von Reichtum üblich, Lektüre hierzu: Das Gastmahl des Trimalchio von Petronius Arbiter.

    • “Die Reichen bevorzugen distinguierte Kleidung, Materialien, Farben und distinguierte Umgangsformen.”

      Ein zurückhaltender ästhetischer Geschmack als Zeichen von Distinguiertheit gibt es in Europa erst mit der Moderne, z.B. mit Otto Wagner und seinem Verzicht auf viel Dekoration. Er hat sich dazu auch geäußert.

      Im 18. Jh. herrschte noch hemmungslose Dekorationssucht bei den Reichen.

      Ich finde die Fresken des Pompejanischen Schnellimbisses eigentlich ganz schön und von guter Qualität. Aber ich bin auch ein Fan pompejanischer Wandmalerei und hatte klassische Archäologie im Nebenfach.

      In der Antike hatte man keine Angst vor Farben. Die “marmorweiße” Antike ist erst ein Produkt des Klassizismus.

        • Vielen Dank für den Hinweis. Ich lebe zu weit weg, für einen schnellen Besuch, aber ich kenne die Vorläuferausstellung und habe auch den Katalog zu ihr, ohne Gold.

          Die Rekonstruktionen der Farbigkeit erscheint mir vor allem im Gesicht aber manchmal zu einfach.

          Insbesondere Hauptwerke von berühmten Bildhauern hatten wahrscheinlich eine sehr differenzierte Fassung.

          Man denke auch daran, was bei spätgotischen Skulpturen an anspruchsvoller Fassmalerei möglich war.

          Das sind natürlich nur Vermutungen meinerseits.

          Das Projekt ist natürlich sehr wichtig.

          Man kann sich fragen, wie lange die Farbe gehalten hat. Wurden sie neu gefasst, verblichen die Farben, als sie als Beutestücke in Rom standen?

          Zu Frage des Geschmacks:

          Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit hatte man auch keine Angst vor Lüsterfarben, d.h. Farbe auf Blattmetall.

          Das betrachtet man heute auch gerne als Kitsch.

          • Die Rekonstruktionen der Farbigkeit erscheint mir vor allem im Gesicht aber manchmal zu einfach.

            Das würde ich aus chemisch-analytischer Sicht auch vermuten. Die eingesetzten Methoden zur Rekonstruktion der Farbigkeit sind vernünftigerweise vorwiegend nicht-zerstörerisch, wie etwa UV-VIS-Absorptionsspektroskopie oder IR-Lumineszenzfotografie. Die sind aber nun mal weniger empfindlich als etwa Atomabsorptionsspektroskopie, für die man aber von dem Objekt eine Probe gewinnen muss. Mit den eingesetzten Methoden gehen einem also Areale, in denen sich nur sehr wenig Farbe erhalten hat, durch die Lappen. Das ist wie bei einem Puzzle, bei dem Teile fehlen -je mehr fehlt, umso mehr Details werden nicht erscheinen.
            Ob die Objekte in der Antike restauriert wurden kann ich nicht sagen, würde aber vermuten nein, jedenfalls habe ich in der antiken Literatur keinen Hinweis darauf gefunden.
            Interessant der Hinweis, dass noch im Spätmittelalter farbig gearbeitet wurde (ist nicht meine Zeit). Mich würde interessieren, wann und warum der Bruch einsetzte und man auf die Farben verzichtete.

  2. Der Münnerstädter Altar von Tilmann Riemenschneider von 1490-1492, gilt allgemein als der erste “unbemalte” Altar. Allerdings, genau genommen, hatte er eine monochrome, dünne, braune Fassung. Augen und Lippen waren wahrscheinlich farblich hervorgehoben.

    Der Verzicht auf eine farbige Fassung setzte sich aber erst ca. 20 Jahre später durch. Im Barock gab es wieder bunte Fassungen oder weiße Fassungen mit Vergoldungen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Vier_Evangelisten_des_M%C3%BCnnerst%C3%A4dter_Altars#Farbfassung_der_Figuren_und_Lichtsituation

    In der westeuropäischen Wahrnehmung kaum beachtet ist jedoch die Thronende Madonna (auch aus Holz) aus der Teyn-Kirche in Prag von 1440, die bis auf Augen und Lippen ebenfalls keine Farbfassung hatte. Hier kann man neben ästhetischen Gründen auch religiöse vermuten: Verzicht auf Prunk und “Täuschung” des Betrachters, der sehen solle, dass es sich nur um Holz handele, nichts mehr. Es gab ja seitens der Hussiten den Vorwurf der Verführung der Gläubigen durch schöne Frauenstatuen in der Kirche und der Gefahr des Götzendienstes. Die Statue stammt schon aus der nachhussitischen Zeit.

  3. Vielen Dank für die Info. Die Abkehr von der Farbe fällt also zeitlich mit der Renaissance zusammen. Möglicherweise ist man ja auch in der Renaissance dem Irrtum von der farblosen Antike aufgesessen, die Farben auf den antiken Statuen, die für die Renaissancekünstler das grosse Ideal waren, dürften da schon verblasst gewesen sein.

Schreibe einen Kommentar