Herrschaftlicher Wald

Auf der Suche nach dem Frühling stolperte ich mit einer Gruppe Freunde am vergangenen Wochenende mitten im Odenwald über diese interessante Konstellation.

Zwischen Heidelbeerbüschen, Laub- und Nadelbäumen säuberlich arrangiert: Eine Reihe von vertikal ins Erdreich eingelassenen Sandsteinplatten auf einem von einem steilen Wall, mitten im Wald.
Zwischen Heidelbeerbüschen, Laub- und Nadelbäumen säuberlich arrangiert: Eine Reihe von vertikal ins Erdreich eingelassenen Sandsteinplatten auf einem Wall, der in Wirklichkeit links sehr viel steiler abfällt als auf dem Bild zu erkennen. Das Foto ist im Wald am “Baurück” aufgenommen, nicht weit von Bullau, auf dem Weg nach Erbach.

Wild wucherten sogleich die Mutmaßungen über den ehemaligen Zweck, von denen die meisten (jüdischer Friedhof, keltischer Ringwall, Limesreste …) mit Hohn bedacht und umgehend disqualifiziert wurden. Im Rennen blieben: der Hinweis auf eine nur im südöstlichen Odenwald verbreitete Tradition des Zaunbaus mit Stellsteinen, z. B. zur Sicherung des Viehtriebs oder zum Schutz gegen Wild. Der andere Tipp: eine Wildschweinfalle, wie sie noch heute wohl manchmal eingesetzt wird, allerdings mit Zäunen aus Holz.

Auf der Wanderkarte verzeichnete Flurnamen wie Hirschkopf, Saufang und Hasengrund stützten die jagdliche Interpretation. Allerdings schien das eingefasste Gebiet von mehreren hundert Metern Seitenlänge für eine Falle dann doch zu groß.

Und was hat es mit der Steinreihe tatsächlich auf sich? Ein Blick auf die Seiten der Denkmalpflege in Hessen:

An der Grenze zwischen Gemeindewald und herrschaftlichem Wald zieht sich über eine Strecke von mehreren hundert Metern eine Reihe von aufrechtstehenden Sandsteinplatten (Stellsteine), die einen Wall mit davorliegendem Graben säumen. Es handelt sich um die singulären Reste der Einfriedung des gräflichen Wildparks bzw. eines Wildgeheges.

Die Zaunthese hat es also am ehesten getroffen, vgl. auch hier. In dem Gehege sollen die Erbacher Grafen aus Polen oder Ungarn zur Blutauffrischung heimischer Bestände eingeführtes Wild zur Eingewöhnung untergebracht haben. Aber auch wenn die Steine ursprünglich viel akkurater nebeneinander gestanden haben – durch ihre geringe Höhe dürften sie von Reh und Hirsch leicht zu überwinden gewesen sein. Es waren also wohl noch zusätzliche Elemente, z. B. Flechtzäune, vorhanden.

Diese Reste feudalen Jagdvergnügens stehen in gewissem Kontrast zu der großen Selbstverständlichkeit, mit der wir heute durch die Wälder spazieren, joggen oder mountainbiken.”Unser deutscher Wald” ist nur etwa zur Hälfte in öffentlichem Besitz, zur anderen Hälfte aber in privater Hand. Die größten deutschen Privateigner von Wald sind noch heute Adelsfamilien, an erster Stelle stehen die Thurn und Taxis, mit fast 20.000 ha.Die Öffnung der ehemals dem Vergnügen (und Profit) des Adels vorbehaltenen Wälder für die Allgemeinheit war ein längerer, etwa seit dem 18. Jahrhundert andauernder Prozess. Wie das und auch die damit einhergehende Vereinnahmung des Waldes für das deutsche Gemüt vonstatten ging, ist ein interdisziplinäres und aufregendes Forschungsgebiet.

Andere Länder, andere Waldverhältnisse:  Zwei schöne Karten vergleichen die höchst unterschiedliche Verteilung von öffentlichem und privatem Waldbesitz in Europa.

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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