Ganz großes Kino: Amerikabilder bei Photogrammar

Sie sind unglaublich schön und unglaublich traurig – und sie erzählen viel über das Leben. Für jeden zugänglich und erschlossen ist jetzt ein riesiger Fundus an Bildern aus dem Amerika der 1930er- und 1940er-Jahre, geschossen von Fotografen, die durchs Land zogen, um die Armut zu dokumentieren.

Baumwollarbeiter in Amerika, 1941 - Foto von Jack Delano, via Photogrammar

Baumwollarbeiter in Amerika, 1941 – Foto von Jack Delano, via Photogrammar

Franklin D. Roosevelt wollte während der Weltwirtschaftskrise mit seinem New Deal, einem Programm von sozialen und wirtschaftlichen Reformen, seinem Land eine neue Chance geben. Seinen zum Teil massiven Interventionen wurde Begeisterung, aber auch viel Misstrauen entgegengebracht.

Eines der Programme betraf zunächst die Umsiedlung (Resettlement Administration), später die finanzielle Unterstützung (Farm Security Administration) der armen Landbevölkerung. Nicht nur die Wirtschaftskrise hatte den Farmern schwer zugesetzt: die Great Plains wurden in den 1930er-Jahren von katastrophalen Staubstürmen heimgesucht, weil die jahrelange Rodung des Präriegrases dort nicht wie geplant die landwirtschaftliche Nutzung verbesserte, sondern Erosion und mehrere Dürren, die so schlimm waren, dass die Häuser oft im Staub versanken. Die Dust Bowl, die Staubschüssel, löste unter anderem eine Auswanderungswelle nach Kalifornien aus.

Erosion in Mississippi,1936 - Foto von Walker Evans, via Photogrammar

Erosion in Mississippi, 1936 – Foto von Walker Evans, via Photogrammar

Um die Wichtigkeit der Programme zu unterstreichen, wurden sie von intensiver Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Ein Stab von qualifizierten und engagierten Fotografen, darunter später so renommierte Namen wie Dorothea Lange, Walker Evans oder Gordon Parks, sollte mit seiner Arbeit das Vertrauen in die sozialen Maßnahmen stärken und die ärmlichen Lebensbedingungen der Baumwollfarmer und Wanderarbeiter dokumentieren. Die Fotografen wählten ihre Motive frei, aber es mussten Bilder sein, die vom täglichen Leben erzählten – vom Kochen und Schlafen ebenso wie vom religiösen und sozialen Leben.

Schlafzimmer in einem Slum in Beaver Falls, Pennsylvania, 1940, Foto von Jack Delano, via Photogrammar

Schlafzimmer in einem Slum in Beaver Falls, Pennsylvania, 1940 – Foto von Jack Delano, via Photogrammar

Die Fotos erschienen in Publikums-Zeitschriften und prägen bis heute das Bild von der Landbevölkerung zur Zeit der Großen Depression. Als 1943 die Hilfsprogramme gestrichen wurden, wurde die fotografische Abteilung dem Kriegsinformationsministerium unterstellt und lieferte noch etwa ein Jahr lang entsprechende Propagandabilder.

Etwa 170 000 der damals entstandenen Negative werden in der Library of Congress aufbewahrt und sind inzwischen sowohl digitalisiert als auch online verfügbar. Von Anfang an sorgfältig katalogisiert, werden die Fotos jetzt von der an der Yale University entwickelten Plattform Photogrammar erschlossen – ein absolut beeindruckendes Beispiel dafür, wie man große Datenmengen benutzerfreundlich und inspirierend erschließen kann.

Man kann nicht nur nach Namen, Daten und Orten suchen, sondern zum Beispiel auch anhand interaktiver Karten den Weg einzelner Fotografen verfolgen und bald auch die Fotos nach Farben oder Helligkeit sortieren. Dazu gibt es viele verschiedene Visualisierungen des Datenbestands.

Und: Das Projekt versteht sich noch als work in progress. Ich bin gespannt, was noch kommen wird.

Danke an den immer wieder lesenswerten History Blog für den Hinweis!

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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  1. Um die Wichtigkeit der Programme zu unterstreichen, wurden sie von intensiver Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Ein Stab von qualifizierten und engagierten Fotografen, darunter später so renommierte Namen wie Dorothea Lange, Walker Evans oder Gordon Parks, sollte mit seiner Arbeit das Vertrauen in die sozialen Maßnahmen stärken und die ärmlichen Lebensbedingungen der Baumwollfarmer und Wanderarbeiter dokumentieren.

    Nett formuliert, aber die das genannte Marketing begleitende Maßnahmen endeten dann, im Rahmen eines sog. New Deal, in Steuersätzen, die jenseits von Gut und Böse waren, erst mühsam in nachfolgenden Jahrzehnten abgestoßen werden konnten:
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_(Vereinigte_Staaten)#mediaviewer/File:Historical_Mariginal_Tax_Rate_for_Highest_and_Lowest_Income_Earners.jpg

    So-o arm war man in den Staaten in den Dreißigern und Vierzigern nämlich nicht, wenn ein Maßstab gewählt wird, der international greift.
    Hier noch was zur Verteilung, historisch und auf die Staaten bezogen:
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/Distribution_of_wealth#In_the_United_States
    Und hier was zum Gini Index, ganz ähnlich gemeint:
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/Gini_coefficient#mediaviewer/File:Gini_since_WWII.svg

    MFG
    Dr. W

    • Na klar, billig war das nicht. Es war aber auch als Hilfsprogramm für die Künstler (hier: die Fotografen) gedacht. Es wurden darüber hinaus rund 5000 Künstler mit Steuergeldern unterstützt. Dabei entstanden Tausende von Skulpturen, Wandgemälden und Tafelbildern – wie weit diese Maßnahmen die Entstehung des Abstrakten Expressionismus direkt beförderten ist meines Wissens umstritten.

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