Fritz Koch-Gotha und die Häschenschule

Denkmale

Die Häschchenschule: Spätestens jetzt in der Osterzeit sind die bunten Motive des Bilderbuchklassikers von Albert Sixtus (Text) und Fritz Koch-Gotha (Bilder) wieder allgegenwärtig – in den Auslagen der Buchläden ebenso wie auf diversen Dekoartikeln. Seit dem Erscheinen im Jahr 1924 ist die Begeisterung für das Buch ungebrochen, die Auflage noch heute ungeheuer groß.

Generationen haben als Kind mit Grausen den bösen Fuchs betrachtet, der im Unterholz auf die Häschen lauert. Viele erfreuen sich jetzt als Erwachsene an den lieblichen Übersetzungen aus der Menschen- in die Hasenwelt (Kohlblatt als Taschentuch, Unterricht im Ostereier-Anmalen, Hasenporträts im bürgerlichen Esszimmer). Nachfolgeprodukte wie Haushaltsratgeber („Häschenschule – Was die Hasenmutter noch wusste“, „Bräuche und Rezepte aus der Häschenschule”) setzen auf die Sehnsucht nach heiler Welt und der guten alten Zeit.

Genau das erhitzt andere Gemüter. Schließlich werden hier überkommene Rollenbilder und preußische Autorität propagiert. Oder?

In dieser Hinsicht hat das Buch schon vor langem eine vorsichtige Kosmetik erfahren (wie in jüngster Zeit so manches Kinderbuch, in dem das Wort „Neger“ vorkam): Das originale Titelbild zeigte den Hasenlehrer mit einem Rohrstock unter dem Arm. Seit 1949 ist der wegretuschiert.

 

Koch-Gotha Häschenschule
Buchcover der Häschenschule einer Ausgabe um 1940: mit Rohrstock
HaeschenschuleCover um 1950 klein
Buchcover der Häschenschule einer Ausgabe um 1950: kein Rohrstock

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach wie vor steht der kleine Hase gedemütigt vor dem strengen Lehrer. Die Jungs toben auf dem Schulhof, während die Mädchen brav umherwandeln. Zuhause lassen sich alle von der Mutter bedienen. Dennoch kommen auch die Kritiker meist nicht umhin, die schönen bunten Bilder zu loben.

Denn während auf empfindsame Kinder der autoritäre Lehrer und der böse Fuchs furchterregend wirken mögen, gibt es für den distanzierteren erwachsenen Betrachter einiges zum Schmunzeln. Die Beobachtung der streberhaften Schüler, der nachlässigen Haltung des schlecht gekleideten, etwas angeschmuddelten Lehrers, der seinen dicken Bauch auf der ersten Bankreihe ablegt, und des etwas selbstgefälligen Familienvaters hat schon auch Witz.

Der kommt nicht von ungefähr. Fritz Koch-Gotha (1877 bis 1956) war erst spät zum Illustrieren von Kinderbüchern gekommen, zuvor arbeitete er in Berlin als Pressezeichner, vor allem als Chefzeichner für die „Berliner Illustrirte Zeitung“,  und beobachtete das Treiben der wilhelminischen Gesellschaft mit einem kritischen Auge, oder, wie das Urteil von Kurt Tucholsky lautete:  Er hat „gesehen und gezeigt, wo diese Berliner von 1912 stehen, die ja so gerne noch von 1875 sein möchten. Er hat das Klischee scharf gesehen.“

Als Pressezeichner und auch Karikaturist war Koch-Gotha um 1910 sehr bekannt und populär. Für den heutigen Betrachter ist der Witz oft nicht mehr so treffend – die Zeiten ändern sich!

Koch-Gotha Humor 2 Koch-Gotha Humor 1

 

Vor allem humoristisch wollte Koch-Gotha seine insgesamt eher gutmütigen Zeichnungen verstanden wissen. Politische Parteinahme lag ihm offenbar fern – auch das vielleicht ein Grund für die Abkehr von der Pressearbeit während der 1920er Jahre hin zur Illustration.

An den Erfolg der „Häschenschule“ konnten spätere Versuche von Fritz Koch-Gotha aber nicht anknüpfen. Da gab es etwa das in den 1930er Jahren erschienene Buch zu Versen von Walter Andreas: „Fix und Fax“, zwei Mäusejungen, die nach dem Vorbild von „Max und Moritz“ schlimme Streiche verüben. Der Ton ist hier weitaus boshafter als in der Häschenschule, und auch die Illustrationen konzentrieren sich vor allem auf das zerstörerische Treiben der beiden Mäuseriche, die eine bürgerliche Hochzeitsgesellschaft sabotieren, und verzichten auf die traute Heimeligkeit der Häschenschule.

Womit wir wieder am Anfang wären, bei der Sehnsucht nach der heilen Welt, in der nichts hinterfragt werden muss. Und man vor dem bösen Fuchs getrost in die Sicherheit klar definierter Rollenbilder flüchten kann.

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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