Flugpost

Denkmale

Ein Dachbodenfund: Fast auf den Tag genau 101 Jahre nach ihrer Abstemplung fällt mir eine Karte der „Flugpost am Rhein und am Main“ in die Hände – ein Gruß aus Darmstadt in ein 21 Kilometer entferntes Dorf. Einen Teil der Reise hat diese Karte per Zeppelin absolviert – und dabei vermutlich einen ziemlichen Umweg gemacht.

Flugpost am Rhein und am Main Juni 1912Für die Flugpost wurden spezielle Karten (hier der sogenannte “olive Hund”) und Marken ausgegeben, deren Erlös der der Mutter- und Säuglingsfürsorge zugutekam. Die Marke (hier falsch herum aufgeklebt) zeigt symbolträchtig einen durch die Lüfte fliegenden Fantasievogel vor einer aufgehenden Sonne. Luftpost per Brieftaube gab es schon in der Antike, vor allem für die Übermittlung militärischer Nachrichten.

Die olivbraune Karte ist das Überbleibsel eines spektakulären Ereignisses: Zwei Wochen lang wurde im Juni 1912 Post per Zeppelin oder Flugzeug zwischen Frankfurt, Darmstadt, Worms, Mainz und Offenbach befördert – zu wohltätigen Zwecken gegen Zahlung eines Aufschlags, der mit einer Sondermarke dokumentiert wurde. Wer  eine der  offiziellen Postkarten samt Luftpostmarke und regulärer Briefmarke erworben hatte – sie wurden in speziellen Verkaufsstellen angeboten –  und in einem beliebigen Briefkasten der Reichspost einwarf, erwarb damit den Anspruch, dass seine Postkarte einen Teil des Wegs in der Luft machte. Die meisten Karten wurden mit dem Zeppelin „Schwaben“ transportiert – dieser Zeppelin verbrannte nur wenige Tage nach der Flugpost-Aktion -, ein kleinerer Teil mit dem „gelben Hund“, der Flugmaschine Nr. 33 des Flugpioniers August Euler, geflogen von Ferdinand von Hiddessen (der 1914 in Paris der erste sein würde, der Zivilisten von einem Flugzeug aus bombardierte und später ein glühender Nationalsozialist werden würde).

Bei der Luftpost-Aktion stand nicht die Schnelligkeit im Vordergrund oder gar die Bedeutung der versendeten Nachrichten. Es kam vor allem auf die Teilnahme am Ereignis selbst an. Da der Transport selbst keine Spuren hinterließ, wurde für die Dokumentation ein penibles bürokratisches Verfahren ersonnen, um sicherzustellen, dass nur solche Karten den Flugpost-Stemepl erhielten, die auch tatsächlich geflogen waren. Olivbraune Karten mit einfachen Marken hatten Anspruch auf Luftschiffbeförderung, mit teureren Marken und Karten erwarb man sich Anrecht auf Beförderung per Fluzeug und den entsprechenden Stempel “gelber Hund”. Ein interessanter Vorgang – dem Philatelisten vertraut – hier aber nicht nur für Sammler wichtig: Der profane Gegenstand erfährt durch (ausgerechnet!) einen Stempel eine Art Heiligung. (Immerhin wurde es so zum einzigen Schriftstück auf dem Dachboden aus der Zeit vor 1944, das überdauert hat.)

Die Flugpost stand unter der Schirmherrschaft der Großherzogin Eleonore von Hessen und Rhein, Mittelpunkt der Aktion war deren Residenzstadt Darmstadt. Das Darmstädter Tagblatt berichtete:

Die Verkaufsstände mit Bildern und namentlich Flugpostkarten nebst Marken waren fortgesetzt belagert, und dauernd ergossen sich neue Scharen von Besuchern auf den durch die Militär- und Schutzmannschaften streng abgesperrten Platz […] Kurz vor 19.00 Uhr verkündeten Hörnersignale der berittenen Postillone das Nahen des Großherzogpaares mit Besuch und Gefolge. […] Um 19.30 Uhr schritt unter 1000-stimmigen Hurrarufen die Postflugmaschine „Gelber Hund” zur Landung.

Und ein paar Tage später:

Aus Anlass des Besuchs des Postluftschiffes „Schwaben” ergoss sich am 4. Tag (Mittwoch, 12. Juni 1912) wieder eine Völkerwanderung nach dem Exerzierplatz, wo man bei Massen-Militärkonzerten promenierte, Postkarten kaufte usw. Um 17.00 Uhr waren etwa 15 000 Menschen anwesend …

Insbesondere der Transport der Post per Zeppelin war nicht einfach, wie das Tagblatt auch berichtete:

Luftpost-Landungs- und -Ladeplatz Darmstadt, Dienstag 18.6.1912. Aus etwa 100 m Höhe warf die „Schwaben” den ersten Postkartenbeutel ab, der am Fallschirm ruhig und sanft niederschwebte. Nicht so glatt ging es mit dem zweiten Beutel, dessen Last für den Fallschirm zu groß war. Dieser zerriss, und der schwere Beutel sauste in die Tiefe. Dieses Schauspiel wiederholte sich noch mehrmals. Sechs Postbeutel flogen so herab, dann hatte das Luftschiff den Platz überflogen. Es stieg schnell höher und erschien nach einer Schleife nochmals. Noch fünf Postbeutel an Fallschirmen flogen herab. Im Ganzen wurden elf schwere Postbeutel herabgeworfen. Nicht weniger als fünf Fallschirme zerrissen, jedoch nahm niemand Schaden, da der Platz gut abgesperrt war.

Flugpost 1912Bei den als Flugpost im Juni 1912 verschickten Karten handelte es sich meist um einfache Grußkarten, die der Absender mitunter sogar an sich selbst, an Freunde oder an Familienmitglieder adressierte.

Eine Website dokumentiert ausführlich die Sonderveranstaltung Flugpost am Rhein und am Main.

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Interessant

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht. Man kann sich das Spektakel damals richtig vorstellen 🙂 Und man erhält einen Einblick, wie “besonders” es damals war, Post per Luftfracht zu befördern.
    Und zum Glück wird die Post Heute nicht mehr per Fallschirm abgeworfen 😉

  2. Großherzögliches Luftpostgeheimnis

    Eva Bambach schrieb (13. Juni 2013, 08:39):
    > […] wurde im Juni 1912 Post per Zeppelin oder Flugzeug zwischen Frankfurt, Darmstadt, Worms, Mainz und Offenbach befördert […] Das Darmstädter Tagblatt berichtete:

    > […] dauernd ergossen sich neue Scharen von Besuchern auf den durch die Militär- und Schutzmannschaften streng abgesperrten Platz

    In längstvergangenen Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat …

    (Z.B. der massenhafte Wunsch, einen Platz zu besuchen, der dabei “streng abgesperrt” bliebe.)

  3. Interessanter Artikel, vor allem auch das Zitat aus der Zeitung: “schritt … die Postflugmaschine … zur Landung.”
    Und was die Fluggeräte (egal ob Flugzeug oder Zeppelin) damals noch für eine Aufregung nach sich zogen ist heute auch nur noch schwer vorstellbar.

  4. Woher wissen Sie, dass von Hiddessen später ein “glühender” Nationalsozialist wurde? Zu seinem Leben und seiner Verstrickung mit den Nazis siehe den Wikipedia-Artikel zu von Hiddessen. Daraus geht aber auch hervor, dass er sich schon Ende der 30er Jahre daraus lösen wollte (Aufgabe des Postens des Waldenburger Polizeipräsidenten, Eintritt in das NSFK (keine Parteiorganisation) und damit Beendigung seiner SA-Mitgliedschaft.
    Was qualifiziert einen Nationalsozialisten zu einem “glühenden” Nationalsozialisten?

    • Ja, da haben Sie Recht, da habe ich ein bisschen munter dahergefloskelt. Aber Nazi bis zum Schluss war von Hiddessen auch laut Wikipedia.

Schreibe einen Kommentar