Die Zukunft ist weg!

BLOG: Denkmale

Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

Wie leben wir im Jahr 2000? Die Frage bewegte die Menschen das ganze 20. Jahrhundert hindurch und wurde oft mit Bildern beantwortet. Vor allem die Fragen der individuellen Mobilität und des Wohnens beschäftigten ebenso die wissenschaftlich-technische Phantasie wie die von Künstlern und Architekten. Und von den ersonnenen Fahrzeugen und Wohnmaschinen prägt manches tatsächlich unser heutiges Leben. Aber welche Zukunftsvisionen haben eigentlich wir? Zumindest keine, die man in populäre Bilder fassen kann. Wir haben kein Bild für die Zukunft.

Frankreich im Jahr 2000 – imaginiert von dem französischen Künstler Villemard um 1910 (gemeinfrei, via Wikimedia Commons)
Frankreich im Jahr 2000 – imaginiert von dem französischen Künstler Villemard um 1910 (Bild gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

 

Darauf hat der Sozialpsychologe Harald Welzer in seiner Keynote zur See-Conference am vergangenen Wochenende in Wiesbaden aufmerksam gemacht und auf die Formel gebracht: „Die Zukunft ist weg“. Da bin ich doch ziemlich erschrocken.

 

See-Conference#10 –  mit Koichiro Tanaka, Francesco Franchi, Van Bo Le-Mentzel, Teddy Cruz und Co.

Seit zehn Jahren veranstaltet die Agentur Scholz & Volkmer eine jährliche Konferenz zu Fragen der Visualisierung von Information, im engeren wie im weiteren Sinn. In diesem Jahr waren mit Koichiro Tanaka, Francesco Franchi und Volker Schlöndorff einerseits äußerst prominente Redner eingeladen, die den Fokus auf die Produktion von Bildern legten. Am anderen Ende des Spektrums rückten Alexandra Daisy Ginsberg, Van Bo Le-Mentzel und Teddy Cruz die gesellschaftliche Verantwortung des Designers in den Vordergrund. Ein interessanter und wichtiger Zugang, doch bleibt, zumindest bei mir, der Verdacht, dass die Rolle des Formgestalters doch nicht so grundlegend ist, wie hier angenommen wurde.

Was mich mit Abstand am meisten beeindruckt hat, war ausgerechnet der Vortrag, der (fast) ganz ohne Bilder auskam, nämlich die oben erwähnte Keynote von Harald Welzer: Die Zukunftsbilder des 20. Jahrhunderts von einer vorwiegend auf dem technischen Fortschritt beruhenden Bequemlichkeit und Mobiltät sind heute in vieler Hinsicht Wirklichkeit – und doch würde wohl niemand behaupten, dass wir in einer besseren Welt leben. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander als je zuvor und die Grenzen des Wachstums und der technischen Machbarkeit sowie die Endlichkeit der Ressourcen sind zumindest vage im allgemeinen Bewusstsein.

 

Neue Werte setzen

“Wir leben, als müssten wir das, was erreicht wurde, jetzt einfach nur noch nachhaltig machen”, so formulierte es Welzer und bezeichnete die heute vielfach verfolgte Strategie des Win-win als realitätsfern. Da unendliches Wachstum nicht möglich sei, könne soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit nur durch Verzicht erreicht werden, bzw. durch die Setzung neuer Werte. Viele vermeintliche Errungenschaften zur Nachhaltigkeit seien aus der Nähe betrachtet gar keine (Beispiel Car-sharing, das nicht zur Verringerung der Zahl zugelassener Automobile führt, sondern als Geschäftsmodell urbanen Unternehmertums Rad- und U-Bahnfahrer dazu bringt, immer öfter das Auto zu nehmen). Das klingt plausibel und sicher lohnt es, Welzers neues Buch, eine „Anleitung zum Widerstand“ zu lesen.

Titelholzschnitt zu dem Roman „Utopia“ von Thomas Morus, 1516 – die Schilderung einer idealen, fernen (aber nicht als zukünftig vorgestellten) Gesellschaft (gemeinfrei, via Wikimedia Commons)
Titelholzschnitt zu dem Roman „Utopia“ von Thomas Morus, 1516 – die Schilderung einer idealen, fernen (aber nicht als zukünftig vorgestellten) Gesellschaft (Bild gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

 

Bilder von der Zukunft

Aber mich beschäftigt auch noch immer Welzers alarmierende Feststellung, dass es keine Bilder von der Zukunft mehr gebe. Ja, die fliegenden Autos für jedermann aus den Träumen der 1950er Jahre – eine Art modernes Schlaraffenland – kenne ich natürlich, auch die Architekturutopien der 1920er Jahre und Dinge wiel die Vorstellungen von Villemard, von denen oben ein Beispiel abgebildet ist. Aber in all den Jahrhunderten davor? Da fällt mir eigentlich nur der Holzschnitt zu Thomas Morus‘ Roman von der Insel Utopia ein – auch keine Vision für die Zukunft, sondern rein fiktiv und ohne Ort und Zeit. Andere Bilder von einem besseren Leben sind im Paradies angesiedelt, nicht im Diesseits, und damit jenseits jeglicher Machbarkeit.

Annehmen könnte man also: Bilder von der Zukunft sind die Ausnahme, nicht die Regel. Sie tauchen erst mit dem 19. Jahrhundert, mit dem Fortschrittsglauben, der Technikbegeisterung und dem menschlichen Machbarkeitswahn auf. Dass wir heute keine populären Bilder von der Zukunft mehr haben, wäre dann vielleicht ein erstes Zeichen dafür, dass wir die Grenzen dieser Strategie erkannt haben.

Bild vom Paradies in einer Ausgabe der Gesta Romanorum, Donaueschingen um 1452 (vie Wikimedia Commons)
Vor verschlossenen Toren: Bild vom Paradies in einer Ausgabe der Gesta Romanorum, Donaueschingen um 1452 (Bild gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

 

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

65 Kommentare

  1. Es gibt keine BIlder der Zukunft mehr weil wir zu nahe an der Zukunft sind. Die Zukunft wird nun nicht mehr als ferne Zukunft, von der man sich ein Bild machen muss, wahrgenommen, sondern als ein weiterer evolutiver Schritt, den wir von dieser Gegenwart aus machen. Es besteht eben schon eine grosse Einigkeit hier im Westen wie die technische Seite dieser nahen Zukunft aussieht. Sie ist geprägt durch – unter anderem – autonome Fahrzeuge, zunehmend intelligente und gegenfalls auch emotional reagierende Software, die uns auf verschiedenen Platformen und auch in smarten Alttags-Dingen begegnet und die bald schon die Grenze zwischen Mensch und Artefakt verschwimmen lässt, so wie in Ex Machina

    Sie schreiben: “und doch würde wohl niemand behaupten, dass wir in einer besseren Welt leben.” Doch, das behaupte ich: Wenn auch wir Westler hier nicht in einer besseren Welt leben als vor 20Jahren so leben doch 1 bis 2 Milliarden Inder, Chinesen, Asiaten und auch einige Afrikaner in einer wesentlich besseren Welt als vor 20 Jahren. Für diese gilt auch folgender Konsens der geistig-kulturellen Westelite nicht:
    Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander als je zuvor”
    , denn in den Ländern in denen sich die Conditio humana in den letzten 20 Jahren verbessert hat, spielte der Unterschied zwischen Arm und Reich nur eine untergeordnete Rolle, denn fast alle Menschen in diesen aufstrebenden Ländern waren vor 20 Jahren noch mausarm.
    Sie schreiben: “die Grenzen des Wachstums und der technischen Machbarkeit sowie die Endlichkeit der Ressourcen sind zumindest vage im allgemeinen Bewusstsein.” un meinem mit dem allgemeinen Bewusstsein wiederum das Bewusstsein der geistig-kulturellen Elite, zu der sie sich selber zählen. Die Mehrheit der Menschheit gehört aber nicht dazu und obwohl es heute schon vielen Millionen Nicht-Westlern wesentlich besser geht als vor 20 Jahren, geht es ihnen immer noch so schlecht, dass sie sich mit den Grenzen des globalen Wachstums kaum beschäftigen sondern eher mit den Grenzen ihres täglichen Budgets, das 1 bis 2 Dollar nicht übersteigt.

    • Interessant, dass Sie den Blickwinkel über den Tellerrand der westlichen Industrienationen erweitern. Ob „doch 1 bis 2 Milliarden Inder, Chinesen, Asiaten und auch einige Afrikaner in einer wesentlich besseren Welt als vor 20 Jahren“ leben, vermag ich aber nicht zu beurteilen. Bezweifeln möchte ich aber Ihre Annahme, dort klaffe die Schere zwischen Arm und Reich nicht weit auseinander. Am Ende kann ich Ihrer Argumentation nicht ganz folgen – wollen Sie damit sagen, dass niemand sich mit den Grenzen des Wachstums beschäftigen sollte, solange dies für viele Menschen nicht selbst möglich ist, weil sie noch um das schiere Überleben kämpfen müssen?

      • Ja, unsere eigene Welt ist nicht die ganze Welt. Das ist nichts neues und es ist auch nicht falsch zuerst einmal die Lebensbedingungen zu betrachten unter denen man selber lebt. Doch etwas hat sich grundlegend geändert. Erst heute sind wir in einer echt globalen Welt angekommen. Doch gerade die Eliten der Industrienationen haben das nicht wirklcih zur Kenntnis genommen. Sie nehmen immer noch sich selbst und ihr Leben als Masstab für die ganze Welt. Ich kenne heute noch Kollegen und Bekannte, die am liebsten mit China nur Fair-Trade-Handel betreiben würden – und sie meinen es sogar noch gut!

        Die Grenzen des Wachstums sind sicher ein globales Problem. Je nachdem wo man selber positioniert ist in der Welt, hat man aber einen anderen Blickwinkel auf dieses Problem. In meinen Augen wird Wachstum erst dann ein Problem, wenn es mit Zerstörung einhergeht. Wir müssen unsere industrielle Welt von der Natur abkoppeln und anstatt immer neue Ressourcen zu erschliessen die bestehenden Ressourcen innerhalb unserer städtischen Welt rezyklieren. Wachstum innerhalb unserer eigenen nach aussen abgeschlossenen Welt ist kein Problem.

        Ich möchte auch einen anderen Blick auf die sich öffnende Schere zwischen arm und reich wagen. Heute fliegen pro Jahr 3 Milliarden Menschen mit einem Flugzeug irgendwo hin. Es gibt aber nur 7 Miiliarden Menschen insgesamt. Von den 3 Milliarden Menschen sind es aber wohl nur 300 Millionen die die Mehrzahl der Flüge absolvieren. Oder verkürzt: 10% aller Menschen machen 90% aller Flüge. Das ist ungerecht. Wie aber soll diese Ungerechtigkeit behoben werden? Indem in Zukunft die 90% der Menschen die nie oder nur einmal im Leben fliegen nun auch jedes Jahr einen oder mehrere Flüge unternehmen? Erkennen sie auf was ich abziele?
        Es ist folgendes: Soll die Ungleichheit und Ungerechtigkeit dadurch behoben werden, dass alle sich wie die Reichen verhalten, dass alle beisielsweise auf den Malediven Ferien machen.
        Meiner Ansicht nach sind die weniger Begüterten in den westlichen Ländern, die die sich über die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich beklagen und die sich selber zu den Armen oder zu kurz gekommenen rechnen, falsch orientiert. Denn sie sind immer noch viel besser dran als die Meisten, wenn man die Welt als Ganzes als Masstab nimmt.

  2. Es gibt noch ganz viele Bilder von der Zukunft. Sogar brandaktuelle. Nennt sich Science Fiction. Existiert als Film oder Serie.

    Mein persönlicher Favorit ist Star Trek. Auch wenn ich Blade Runner für wahrscheinlicher halte.

      • Ich verstehe das es Fiktion ist. Aber ist es nicht das selbe wie damals? Künstler, Wissenschaftler oder “normale” Menschen machen sich Gedanken über das Jahr 2000. Und diese Gedanken setzten sie oft in Bilder um.

        Es ist doch genau das Gleiche wie die Arbeit der Filmstudios. Wie kann man die Zukunft glaubwürdig darstellen, welche Visionen kann man dabei umsetzen.

        Manchmal wirkt es unglaubwürdig, manchmal spinnt man sich dann aber doch eine recht glaubwürdige Welt zusammen (z. B. der Alltag in Minority Report oder Psycho Pass).

        Vielleicht werden sich die Menschen in 100 Jahren diese Filme ansehen wie wir heute die Fotos von 1900. Und mit dem Kopf schütteln und sich schlapp lachen 🙂

        Ich denke also schon das wir unsere Vorstellung von der Welt der Zukunft nicht verloren haben. SF ist nur mittlerweile so salonfähig und allgegenwärtig – wir nehmen uns nicht mehr die Zeit sie intensiv zu analysieren, so wie früher. Ich denke dennoch nach einem Film wie Interstellar gerne über die Zukunft der bemannten Raumfahrt nach. Und sogar nach einer Episode Doctor Who.

        P.S.: Eventuell habe ich ja auch Ihren Text falsch interpretiert. In dem Fall – Sorry!

        • Ich verstehe das es Fiktion ist. Aber ist es nicht das selbe wie damals?

          Fiktion ist im Sinne von ‘ficere’ (besondere Abstraktion darf hier außen vor bleiben) das Machen, ‘Science Fiction’ ist insofern Machen auf Basis einer Erkenntnislehre (a.k.a. im Deutschen als Wissenschaftlichkeit, vgl. ‘Scientia’), was gemacht oder “erdacht” ist, hier könnte oder müsste vielleicht auch ein Latinist herangezogen werden, der zu ‘ficere’ und ‘facere’ zu ergänzen in der Lage wäre, ein Frequentativum scheint nicht vorzuliegen.
          MFG
          Dr. W (der insgesamt anrät in Schichten zu denken)

        • Sie haben Recht, ein Blick auf die neuen SF-Filmproduktionen ist sicher wichtig für das Thema. Mein spontaner Eindruck ist, dass die neuen Szenarien eher Dystopien sind und sich andere vor allem mit dem Außerirdischen beschäftigen. Mich würde interessieren, ob es da Ansätze gibt, bei denen wie vor 50 Jahren die Segnungen der Zukunft freudig ausgemalt und als erstrebenswert dargestellt werden.

          • Dystopien sind heute en vogue, nicht nur in der Science-Ficiton, sondern in der heute weit mehr verbreiteten und vor allem von Jugendlichen konsumierten Fantasy. Dazu gehörit die Tribute von Panem (the hunger games), (“Die Tribute von Panem spielt in einer nicht näher definierten Zukunft, nachdem Nordamerika durch Kriege und auch Naturkatastrophen größtenteils zerstört wurde. Aus den Trümmern entstand die diktatorische Nation Panem,”) oder Game of Thrones, wobei letzteres eher eine Wiedergeburt des Mittelalters ist als eine reine Dystopie ist (doch aus meiner Sicht ist das Mittelalter eine Dystopie).
            Extreme Dystopien werden in Metro 2033 (“Die Handlung spielt in einem zukünftigen Moskau, dessen oberirdischer Teil nach einem Atomkrieg unbewohnbar geworden ist”) ausgebreitet.

            Doch es ist verkürzt aus der Welle von dystopischen Fantasien zu schliessen, das seien die Zukunftserwartungen, die viele unserer Zeitgenossen haben. Ich sehe Dystopien in Film, Roman und Computerspielen eher als Gegenwelten zu unserer von Jugendlichen als spannungs-. und teils als sinnlos erlebten Wohlstandswelt.

            Mit Dystopien und katastrophalen Entwicklungen in unserer Zivilisation beschäftigen sich aber auch Philosophen und Futurologien wie Nick Bostrom, der in seinem Buch Superintelligence vor einer Zukunft warnt, in der die von uns selbst geschaffenen Geschöpfe der künstlichen Itelligenz kurzen Prozess mit uns machen.
            Auch die Nantotechnologie könnte unserer Zivilisation ein Ende setzen, wenn wildgewordene sich selbst reproduzierende Nanomaschinen alles in Grey Goo (graue Schmiere) verwandeln.

            Diese Dystopien und Warnungen vor Gefahren für unsere Zukunft die von uns selbst entwickelten Technologien ausgehen bestätigen aber die These dieses Arikels Die Zukunft ist weg! ganz und gar nicht., Im Gegenteil: Die Zukunft ist so nah, dass wir ihre Gefahren jetzt schon ganz klar vor unseren Augen sehen.

            Zusammengefasst: Dystopen in Büchern, Filmen sind heute mehrheitlich als Suche nach existenziellen Erfahrungen zu interpretieren während Warnungen vor konkreten Zukunftsgefahren durch Philosophen und Futurologen stark darauf hindeuten, dass viele von uns bereits ein sehr detailliertes Bild der Zukunft haben, so detailliert, dass sie keine Zukunftsvision mehr entwerfen müssen, denn die Zukunft steht ihnen klar vor Augen und sie kann jeden von uns vielleicht treffen wenn wir auf die Strasse hinaustreten oder ein neues, smartes Betriebssytem kaufen wie es im Film Her passiert.

          • @ Herr Holzherr :
            Dystopien sind die logische Folge von Gesellschaften, denen es gut geht, die, wie die “westliche” [1] abgefeimt sind oder zumindest: scheinen im Wissenschaftlichen [2] und i.p. Sittlichkeit [3].
            Kinder [4] leider gibt es für den Bestand unzureichend.

            Insofern wird sich um das Negative bemüht, also auch um die Frage, wie “westliche” Gesellschaften scheitern können.
            Was OK sein müsste.

            MFG
            Dr. W

            [1]
            Die Metaphorik “westlich” meint aufklärerische Systeme, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, die Richtungsangabe ist irreleitend, womöglich dem Ostblock geschuldet.

            [2]
            Die moderne skeptizistische Wissenschaftlichkeit, die Theorien und Modelle als mit unbekanntem “Verfallsdatum” pflegt, nicht mehr zu verifizieren weiß, der alten griechischen Philosophie folgend sozusagen optimal implementiert hat, müsste gut “abgefeimt” sein.

            [3]
            Demokratie etc. – auch dort sieht es gut aus, vor allem wenn auf Varianten geschaut wird

            [4]
            Dort sieht es nicht gut aus, auch weil Neomarxisten und Feministen vielleicht eine Spur zu stark gesellschaftlich Einfluss gewonnen haben, es kann womöglich nie ein Feminist gefunden werden, der sich für Kinder interessiert, außer für deren Ideologisierung natürlich.

            PS zu ‘Annehmen könnte man also: Bilder von der Zukunft sind die Ausnahme, nicht die Regel. Sie tauchen erst mit dem 19. Jahrhundert, mit dem Fortschrittsglauben, der Technikbegeisterung und dem menschlichen Machbarkeitswahn auf. Dass wir heute keine populären Bilder von der Zukunft mehr haben, wäre dann vielleicht ein erstes Zeichen dafür, dass wir die Grenzen dieser Strategie erkannt haben.’ (Artikeltext, dort wo idR Fazite stehen):
            Schwierig, klingt ein wenig “depri”, en dé­tail soll hier nicht darauf eingegangen werden…

          • Auch wenn die Dystopien überwiegen, so finden sich doch noch einige wenige englischsprachige Science-Fiction-Romane, wie “After the Deluge” (2004) von Chris Carlssons, die sich positiv mit der Zukunft auseinandersetzen. Carlssons Roman spielt im Jahre 2157 und beschreibt sowohl neue Technologien als auch neue Spezies.

            Wer zum heutigen Welttag des Buches noch Lesestoff braucht, der kann das Buch kostenlos im Internet lesen, der Autor hat es freundlicherweise als PDF auf seine Homepage gestellt.
            http://www.chriscarlsson.com/wp-content/uploads/2012/03/deluge5_fixed-for-pdf.pdf

  3. Die Zukunftsbilder des 20. Jahrhunderts von einer vorwiegend auf dem technischen Fortschritt beruhenden Bequemlichkeit und Mobiltät sind heute in vieler Hinsicht Wirklichkeit – und doch würde wohl niemand behaupten, dass wir in einer besseren Welt leben. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander als je zuvor und die Grenzen des Wachstums und der technischen Machbarkeit sowie die Endlichkeit der Ressourcen sind zumindest vage im allgemeinen Bewusstsein.

    Es gibt schon welche (vs. ‘niemand’), die diese Welt als besser verstehen als historisch überlieferte oder gewesene ‘Welten’.

    Die ‘Grenzen des Wachstums’ gibt es womöglich nicht, wie vom Club of Rome und von anderen beschrieben, die ‘Endlichkeit der Ressourcen’ ist alles andere als klar und die Armut muss heutzutage in aufklärerischen (“westlichen”) Systemen oft als relative Armut definiert werden, …, damit es sie gibt.

    Zudem gab es etwas, das Aufklärung genannt werden konnte, und nicht so schlecht sein muss.

    MFG
    Dr. W

    • Natürlich ist alles “relativ” zueinander. Wenn man aber den Begriff “Armut” vom Geld trennt und die Auswirkungen des Lebens in Mittellosigkeit mit den Idealbildern abgleicht, kommen ganz andere brisante Begebenheiten zum Vorschein, die vorher (wegen des Geldthemas) kein Thema waren.
      Vergleich hier Ducks “Zuwendungsversager”.
      https://scilogs.spektrum.de/wild-dueck-blog/brandmarkt-zuwendungsversager/

      Und die jüngst in den Medien erschienene These (aus Studien), dass Armut defizite in Gehirnentwicklung erzeugt. Die sind “relativ” zu den Umgebungsbedingungen. Was aber nichts entschuldigt, denn das geht nicht mehr mit der populierten Gemeinschaft, Chancengleichheit und allerhand Menschenrechten überein. Diesen Entwicklungen freien Lauf gelassen, entstünden so irgendwann unüberbrückbare Grenzen zwischen den Menschengruppen, neue (alte) Stände und letztlich (evolutionär) gar wissenschaftlich unterscheidbare Hominidenformen.

      • @ demolog :
        Irgendwie ist alles relativ, was damit zusammenhängt, dass erkennende Subjekte Sichten (“Theorien”) bilden, diese auf der Erfassung von Daten beruhen, und auch die Tautologie (Teile der Mathematik und der Philosophie) nichts anderes tun als in eigenen Welten zu navigieren.
        Die Erkenntnis oder das Wissen kann als “n:m”-Beziehung zwischen Erkenntnissubjekten und Sachen und Sachverhalten verstanden oder verwaltet werden.

        Eine Schicht über dieser grundsätzlichen Relativität ist die Faktenschicht anzusiedeln, es ist zwar richtig, dass es für diese Erhebung von Fakten einer Messtheorie bedarf und von erkennenden Subjekten bereit gestellte Instrumente hier hilfreich werden, aber das Faktum unterscheidet sich grundsätzlich von der Theoretisierung oder Sichtenbildung.
        Wie Sie, bedarfsweise hungrig, an einem geeigneten Kühlschrank festzustellen in der Lage wären.

        “Herbeitheoretisierte” Relative Armut ist insofern nicht so toll, auch weil sie per definitionem nicht enden kann, sie könnte eher dazu dienen dbzgl. veranlagten Sozialfroschern den “Kühlschrank” zu füllen.
        Ihrem Kommentatorenfreund scheint es nicht cool zu sein mit dem Konzept der Relativen Armut zu hantieren, wenn andere anderswo wirkliche Probleme haben die Nahrungszufuhr und den eigenen Gesundheitszustand wie auch den Zustand der Familie (das Fachwort) sicher zu stellen.

        Das mit den Vermögenden und der Gehirnentwicklung, das durch die Medien ging, ist Ihrem Kommentatorenfreund auch schon aufgefallen, die denkbare Variante, dass das Vermögen mit dem Können und dies wiederum mit dem Hirn zu tun haben könnte, hat er allerdings nicht zu lesen bekommen.
        Henne-Ei-Problem sozusagen, also das mögliche Vorliegen dieses Problems wäre zumindest in Betracht zu ziehen.

        MFG
        Dr. W

        • Nebenbei:

          Schrumpfende Gehirne auch hier:

          http://www.rtl.de/cms/news/rtl-aktuell/neue-studie-aus-den-usa-laesst-pille-das-gehirn-schrumpfen-47d65-51ca-93-2278850.html

          Wegen der Erwähnung hier:

          https://www.dasgehirn.info/aktuell/hirnforschung/die-pille-und-das-schrumpfhirn-4529/

          Der Organismus “Mensch” (und sein Gehirn) ist eben eine komplexe Angelegenheit.

          Parallele vielleicht?
          Die Pille erzeugt eine Hormonübersättigung.
          Wenn nun Lebensstile und Umstände ebensolches tun würden, was sagte das über diese multipel deprivierten Menschen aus, deren Integrationsfähigkeit herabgesetzt ist?

          http://de.wikipedia.org/wiki/Deprivation#Multiple_Deprivation

          Und was sagt es darüber aus, was man landläufig in Gender- und Gleichstellungsdebatten bespricht?

          Wenn beide Umstände Gehirnentwicklung beeinflussen, mögen vielleicht beide in Hormonhaushalten ihre Bedingungen finden!?
          Die Lösung für den Feminismus (und allerhand Gleichstellungsideen) wäre dann:

          Testoteron, oder?

          Aber auch die Lösung für das “zurückgebliebene” Kind in Armut?

          Was begünstigt denn Hormonsättigungsverhätlnisse im Körper? Welches Verhalten oder Lebensstile erzeugen welche Konstellation der Hormonsättigung?

          Und was sagte es über Fruchtbarkeit/Fertilität der Geschlechter aus? (wenn ein Hormonüberschuß die Schwangerschaft unterbindet?). Ist auch der Mann mit zuviel Östrogen (gegenüber dem Testosteronspiegel) unfruchtbar?

          Viele Fragen ohne Antwort (und scheinbar ohne hinreichendem Forschungseifer – wie verboten solche Themenfelder).

          Zum Verhältnis zwischen Gehirngröße und seinem “Können” sollten verharmlosende Phrasen, wie ihre Anspielung darauf vor aller sicheren Erkenntnis unterbleiben. Vor allem ist die Idee von “Intelligenz” in diesem Zusammenhang nicht gültig, weil sie zu einseitig bewertet. Alle Menschen fordern gerne Intelligenz, vor allem von seinen Mitmenschen, sind aber selbst nicht in der Lage (und zu faul oder feige – wollen nicht) ihre eigene Intelligenz zu verbessern. Heraus kommt dann das “Schicksal der Wissenden” – nämlich deren Funktionalität und darauf folgende Ausbeutung ohne Rücksicht auf Bedürfnisse der ausgebeuteten. Der Dumme ist dann fein raus.

          (und es sind keine individuellen Bedürfnisse gemeint, sondern die egoistischen, welche sich im idealen Stereotyp des Hedonisten verbergen – die Gefühlsebene, welche mit zunehmender Intelligenz an Qualität abnimmt. Warum das? Weil störende Vernetzung der Gefühlsebene dann abgebaut ist – und man kann es sogar künstlich herstellen. Mit Nervengiften – zur Intelligenz zwingen also – durch die Zerstörung derer widersprechender Gehirnvernetzung).

        • Das wir überall lesen, dass kein Zusammenhang zwischen Gehirngröße und Intelligenz besteht, schliesst nicht aus, das Gehirngröße doch eine Bedingung ist/sein könnte. Allein eine Statistik mit den beiden Faktoren abgegleicht, sagt das nur im Schnitt aus (kein Zusammenhang). Ignoriert aber alle weiteren Faktoren, die noch erfüllt sein müssen. Das Gesamtsystem Gehirn hat viele Faktoren/Bedingungen. Und “schrumpfende” Gehirne gehören sicher nicht dazu.

          • Das klang jetzt, wie Ihr Kommentatorenfreund findet, schon angemessen aggro.

            Korrekt dürfte sein, dass die Beschaffenheit von Gruppen nicht dazu anleitet zu behaupten, dass diese sich eindeutig (vgl. “Frauen können dies und das nicht, gehören an den Herd” oder “Nicht (monetär) Vermögende sind dümmer.”) darstellen, begründet abgewertet werden können und auch nicht dass alle Gruppen in Bezug auf gewählte Eigenschaften gleich sind (“Gleichheitsideologie”), sondern, dass Gruppen in ihren Fähigkeiten nicht gleich sein müssen.
            Wichtich hier das Nicht-Müssen, die Primaten-CPU ist komplex und wird wohl für alle Zeiten unverstanden bleiben, hier wird ein agnostischer Ansatz verfolgt.

            Besser nicht im biologistischen Sinne reden und besser nicht Gleichheit zu behaupten, am besten “einfach miteinander auskommen”.

            MFG
            Dr. W

        • Auch darauf hingewiesen, dass Intelligenz erstens umstritten definiert ist und zweitens Intelligenz nicht die einzige Qualität ist, die das Gehirn bietet.

          Ja, die Primaten-CPU ist komplex. Weshalb die Aussagen über dieses auf Abruf dastehen.

  4. Zitat: Ob „doch 1 bis 2 Milliarden Inder, Chinesen, Asiaten und auch einige Afrikaner in einer wesentlich besseren Welt als vor 20 Jahren“ leben, vermag ich aber nicht zu beurteilen.
    Genau. Das vermögen sie nicht zu beurteilen, weil es sie – wieviel andere – nicht wirklich interessiert.
    Die teilweise Erreichung der Millenium-Goals der UNO zeigen aber, dass es heute weit weniger Menschen unter dem Existenzminimum – dem absoluten Existenzminimum, nicht dem relativen – leben als vor 20 Jahren.Hier ein paar Millenium Goals:

    Goal 1: Eradicate extreme poverty and hunger
    arget 1A: Halve, between 1990 and 2015, the proportion of people living on less than $1.25 a day
    Fast erreicht
    Goal 2: Achieve universal primary education
    Target 2A: By 2015, all children can complete a full course of primary schooling, girls and boys
    Goal 3: Promote gender equality and empower women
    Goal 4: Reduce child mortality rates
    Target 4A: Reduce by two-thirds, between 1990 and 2015, the under-five mortality rate
    Teilweise erreicht

    Es gibt grosse Fortschritte in der Erreichung dieser Ziele, wenn auch kaum eines voll erreicht wurde.
    Ich empfehle ihnen den TED-Vortrag von Hans Rosling zu diesem Thema.

    • Hans Rosling auf TED ist natürlich eine Goldgrube, kA, warum er vglw. wenig beachtet wird, er ist zudem lustig und konnte u.a. nachweisen, dass Mao Gesundheit zu den Chinesen brachte.
      Hoffentlich hat er sich nicht anderweitig ähnlich exponiert, scnr.

      MFG
      Dr. W

      • Letztlich unterscheiden sich Asiaten und Afrikaner nicht von Westlern. Eine Reduktion der Kindersterblichkeit, weniger Hunger, weniger Krankheiten und eine längere Lebenserwartung sind für alle Länder ein Fortschritt, egal ob sie im Westen, im Osten oder Süden liegen. Eine Verbesserung in diesen Bereichen ist ein Fortschritt für die Länder in denen das passiert, auch wenn es erst der Anfang ist.
        Die aufstrebenden, sich entwickelnden Länder durchlaufen die gleichen Entwicklungsphasen, die auch die Industrieländer durchlaufen haben. Auch hier gab es früher absolute Armut, gab es Dinge wie Leibeigenschaft, Seuchen und Elend.
        Die Milleniumsziele kann man trotzdem nicht als Erfolgsgeschichte verkaufen, das stimmt. Sie können aber nicht einmal die Menschheitsgeschichte als Erfolgsgeschichte verkaufen, auch nicht die Geschichte der Industrieländer.

        • @ Herr Holzherr :

          Letztlich unterscheiden sich Asiaten und Afrikaner nicht von Westlern.

          Mal davon abgesehen, dass sich die genannten Gruppen, zumindest optisch unterscheiden, Ihr Kommentatorenfreund wird hier explizit nicht wertend, ist es wohl so, dass sich gesellschaftlich(-gebildet)e Gruppen nicht unterscheiden müssen. [1]

          MFG
          Dr. W

          [1]
          Insofern rät der Schreiber dieser Zeilen von reaktionären Sichten der Art, dass diese oder jene Gruppen sich pauschal so oder so verhalten, ab, wie auch von “progressiven” Sichten, die meinen, dass sich derartige Gruppen gleich zu verhalten haben, bestimmte Leistungen und deren Messung meinend, korrekt [1] bleibt nur anzunehmend, dass bestimmte gleich(artig)e Leistungen nicht von unterscheidbaren Gruppen erbracht werden müssen.

          [1]
          Im liberalen Sinne, der Schreiber dieser Zeilen ist sich hier möglicherweise ergebender Unschärfe bewusst; er wüsste abär nicht wie gesellschaftlich anderweitig sinnhaft, die generell unverstandene primatenhafte CPU meinend und gruppenbezogen, anders formuliert werden könnte.

          • Alle Gesellschaften heute streben letztlich ähnliche Ziele an, sogar wenn die Ideologie eine andere ist. Die Sowjetunion wollte genau so wie der Westen zunehmenden Wohlstand für alle erreichen – nur mit anderen Mitteln.

            Für Gesellschaftem mit bereits hohem Wohlstand stellt sich allerdings die Fragen, was es ausser Wohlstand noch anzustreben gilt. Hier herrscht eine gewisse Ratlosigkeit.

        • @ Herr Holzherr :

          Alle Gesellschaften heute streben letztlich ähnliche Ziele an, sogar wenn die Ideologie eine andere ist. Die Sowjetunion wollte genau so wie der Westen zunehmenden Wohlstand für alle erreichen – nur mit anderen Mitteln.

          Leider ist dies nicht der Fall, vielleicht leiden hier auch andere, vielleicht sogar diejenigen, die ‘Bilder von der Zukunft’ als ‘Ausnahme’ betrachten und insofern wahlfrei bis willkürlich werden, vielleicht auch keine Nachkommen zu verwalten haben.

          Hmm, verbildlicht werden könnte dies von Ihnen, Herr Holzherr, vielleicht an Hand bestimmter (Glaubens-)Mengen kollektivistischer Systeme des letzten Jahrhunderts, also wenn sich diese, gedankenexperimentell, durchgesetzt hätten, oder wenn Leutz wie der Webbaer oder der strenge Bart bestimmend werden könnten.

          MFG
          Dr. W (den zurzeit zuvörderst die Sorge um den “strengen Bart” umtreibt, korrekt – der wird kommen oder kommen wollen; der Wahnsinn scheint im gemeinen Primaten angelegt)

          • Stimmt. Vielleicht sind letztlich ähnliche Ziele eine Illusion, vielleicht entspringen sie Wunschdenken. Es könnte aber auch sein, dass vieles was als Abweichung, als völlig andere Zielsetzung aufscheint, nur ein Nebenweg ist, der wieder auf den Hauptweg zurückkehrt.

          • Der “strenge Bart” strebt jedenfalls keinen ‘zunehmenden Wohlstand für alle’ an, in dieser Welt, auch bei Uncle Joe oder Herrn Hitler [1] wäre hier nur zu mutmaßen, auch was das “alle” betrifft.
            KA, wie schaffen Sie es derart kommentatorisch abzusetzen?

            MFG
            Dr. W

            [1]
            Henryk M. Broder, der schafft es bspw. regelmäßig Herrn Hitler als ‘kleines Würstchen’ erscheinen zu lassen, H. Arendt klang nicht unähnlich seinerzeit mit ihrer ‘Banalität des Bösen’, in summa hatte man es aber womöglich seinerzeit doch mit steifen, toughen Jungs zu tun, die auch in Tondokumenten (von Herrn Hitler gibt es wenige, aber eines, das ihn in Verhandlungen mit Herrn Mannerheim zeigt) Verständigkeit zeigten, in Schriftdokumenten sowieso.

  5. Da unendliches Wachstum nicht möglich sei,…

    Das halte ich für ein sehr seltsames Argument. Mag sein dass das an meinem mathematisch-naturwissenschaftlichen Background liegt und ich daher möglicherweise etwas anderes unter “unendlich” verstehe. “unendliches Wachstum” oder “unendliches” irgendwas ist für überhaupt gar nichts notwendig; aus der behaupteten Unmöglichkeit “unendlichen Wachstums” folgt daher gar nichts.
    Selbst wenn die Menschheit jede Sekunde Grahams Zahl Joule an Energie (ohne konkret nachgerechnet zu haben: das wäre um zig Größenordnungen mehr als im beobachtbaren Universum an Energie existiert) umsetzen würde, wäre das immer noch eine endliche Menge. Und dass “soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit” ohne Verzicht oder “die Setzung neuer Werte” selbst dann unmöglich wäre, wenn solche immensen (aber trotzdem endlichen) Energiemengen zu Verfügung ständen, halte ich für extremst unplausibel.

    D.h. eigentlich möchte man argumentieren: “Selbst unter den günstigsten Annahmen ist die Menge an Wachstum/Energie/Ressourcen/…, die nötig wäre um Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit (oder ein beliebiges anderes wünschenswertes Ziel) im heute praktizierten Modell zu erreichen, so hoch, dass es unmöglich erscheint dieses Ziel ohne Verzicht oder die Setzung neuer Werte zu erreichen.”
    So zu argumentieren ist natürlich deutlich schwieriger (man müsste das ja quantitativ wenigstens entfernt plausibel machen). Aber die argumentative Abkürzung über die Behauptung “dafür ist unendliches Wachstum nötig” erscheint mir sehr seltsam und leicht unehrlich.

  6. Die Zukunft ist nicht weg! Michio Kaku beschreibt sie sehr ausführlich und optimistisch in seinem Buch “Die Physik der Zukunft – Unser Leben in 100 Jahren”. Der Autor hat für sein Werk weltweit 300 Wissenschaftler und Forscher danach gefragt, wie es mit der technischen und zivilisatorischen Entwicklung in der Zukunft weitergehen wird.

    Hier ein Beitrag zum Buch:
    http://www.welt.de/wissenschaft/article112447946/Die-Zukunft-der-Menschheit-wird-fantastisch.html

    Und hier ein Interview mit Michio Kaku:
    http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/88754373

    • Amüsant wie der Weltartikel eine Zukunft darstellt, die allen alles bietet. Fusionsenergie für Jahrtausende, Solarenergie aus der Sahara und aus dem Weltraum oder aber vom heimischen Dach wobei es keine Solarpanel mehr braucht sondern nur noch Antennen, die die Photonen anziehen.
      Für jeden etwas, für jeden was er sich wünscht – und alles im Überfluss.

      • Mir scheint, technisch affine Menschen, wie der Physiker Michio Kaku, sehen die Zukunft oft optimistischer als andere. Wenn es jedoch um Politik oder Gesellschaft geht, dann wird oft ein ziemlich pessimistisches Bild der Zukunft gemalt. In der Jugendszene sind momentan die dystopischen Romane, Metro 2033 und Metro 2034, des Russen Dmitry Glukhovsky angesagt. Der Autor beschreibt in seinen Büchern die Welt nach einem verehrenden Atomkrieg, wo sich die wenigen Überlebenden in das weit verzweigte Moskauer U-Bahn-Netz geflüchtet haben und dort die absonderlichsten Gesellschaftsformen entwickeln. Zudem werden sie von mutierten Monstern bedroht, die versuchen in die U-Bahn einzudringen. Natürlich gibt es auch einen Helden, der den Kampf gegen die dunkle Bedrohung aufnimmt sowie ein Liebespaar. Dazu passend werden Computerspiele vermarktet, die auf den Romanen basieren. Eine wahrhaft apokalyptischen Reise in die Zukunft.

        • Ja, Techniker sind oft Technooptimisten und sozial/gesellschaftlich orientierte Menschen sind heute in den Industrieländern oft Pessimisten.
          Dass Jugendliche und existenziell orientierte Menschen (Menschen, die das Leben spüren wollen) aus den Industrieländern leicht oder gar stark dystopische Romane wie Hunger Games oder Metro 2022/2023 lesen und sich damit beschäftigen hat aber einen anderen Grund als nur der Zukunftspessimismus: In diesen Romanen geht es eben auch um Leben und Tod. Das ist ein Problem vieler Menschen hier. Sie wollen mehr als nur den letzten Trend in Musik. Medien und Sport mitleben, sie wollen den Unterschied zwischen Leben und Tod spüren und wissen warum es sich lohnt für etwas zu kämpfen.

  7. Die Schlußfolgerung ist interessant , keine Bilder im alten Stil lassen auf eine unterschwellig erwartete Zeitenwende schließen , da dürfte was dran sein.
    Die Entwicklungsländer von früher haben aufgeholt , quantitativ , nach dem alten Modell.
    Daraus darf man aber nicht den falschen Schluß ziehen , daß sie , im Gegensatz zu uns , auf dem richtigen Weg wären.
    Beide , die heute reichen und heute armen Länder , müssen von Grund auf umsteuern.
    Das Ende des Wachstums nach unserem heutigen Wachstumsbegriff ist dabei nicht Verheißung , sondern dräuendes Desaster , zumindest , solange wir einfach so weitermachen.

    Es wird nicht reichen , weniger vom bisherigen , auf dieselbe Art. Wir brauchen eine tiefgreifende Ökologisierung in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen , wir müssen den Wachstumsbegriff umdefinieren , vom rein quantitativen auf einen qualitativen , wie der dann genau aussehen könnte , keine Ahnung , das ist schwierig , aber auch sehr spannend.

    • Ja, wobei hier die reale Entwicklung mithilft. denn jährlich gleichstarkes prozentuales Wachstum ist in den Industrieländern schon längst vorbei. In Wirklichkeit wachsen Industrieländer wie Japan, Europa und die USA nur noch linear, nicht mehr exponentiell. Doch die meisten Länder wollen das nicht wahrhaben und auch nicht akzeptieren. Sie können es auch nicht akzeptieren weil sie exponentielles Wachstum eingeplant haben und nur damit ihre Versprechungen, beispielsweise was die Renten angeht, erfüllen können. Hier wird die reale Entwicklung früher oder später zum Umdenken zwingen. Von einer bewussten Entscheidung für eine andersartig orientierte Wirtschaft sind wir aber noch weit entfernt.

      • In Wirklichkeit wachsen Industrieländer wie Japan, Europa und die USA nur noch linear, nicht mehr exponentiell.

        Das war (jetzt hoffentlich) eine Metapher.
        MFG
        Dr. W

        • Der ETH-Zukunftsblog hat unter der Überscgrift Wachstum – bisher und künftig einen Beitrag dazu. Hier eine der Aussagen daraus:

          Um die Wirtschaftskraft eines Landes zu messen, wird das Bruttoinlandprodukt BIP verwendet. Es beschreibt den Wert aller Produkte und Dienstleistungen, die in einem Jahr produziert und auf dem Markt gehandelt werden. Das reale BIP-Wachstum der Schweiz verlief in den letzten 50 Jahren nicht exponentiell, sondern linear, wie nachfolgende Graphik für das BIP/Kopf zeigt. Dasselbe gilt für das gesamtökonomische Wachstum (also das Wirtschaftswachstum der Schweiz), allerdings auf etwas höherem Niveau (für Deutschland siehe [1])

  8. In der Politik und den Medien werden heute oft die negativen Seiten der Zukunft herbei spekuliert. Egal, ob Klimawandel, Ressourcenentwicklung, Umweltschädigung, immer werden Modelle oder im günstigsten Fall Prognosen als Realität der Zukunft verkauft. Dabei ist es offensichtlich, das für die komplexen nichtlinearen chaotischen Systeme geringste Änderungen am Modell oder Ausgangsparametern zu anderen Ergebnissen führen. Aber die Erzeugung von Angst bei den Menschen ist eine Grundlage der Machtpolitik seit Jahrhunderten.

    Nur mal ein Beispiel: Kernspaltung und Kernfusion haben auf eindrucksvolle (und auch erschreckende) Weise die Relation zwischen Masse und Energie bestätigt. Mit ein paar Tonnen Materie pro Jahr, die in elektrische Energie umgewandelt werden, könnte der Energiebedarf der Menschheit für die nächste Jahrzehnte und vielleicht sogar Jahrhunderte bereitgestellt werden, ohne Raubbau an Ressourcen zur Energiegewinnung (bei 505 Exajoule in 2010 wären das nach meiner Rechnung 56,1 Tonnen Masse). Aktuell machen wir uns gerade von den begrenzten Ressourcen unserer Sonne abhängig, die im Vergleich dazu um viele Zehnerpotenzen geringer sind.

    Oder ein anderes Beispiel: Es ist aus meiner Sicht abzusehen, dass die Elektroautos die Autos der Zukunft sind, es muss dazu “nur” noch dass Problem effektiverer Speicherung von elektrischer Energie gelöst werden. Die Frage nach unbezahlbarem Erdöl wir sich nicht stellen, wenn fossile Brennstoffe in Zukunbft keine Rolle mehr zur Energiegewinnung spielen.

    Wir gefallen uns heute in apokalyptischen Bildern von der Zukunft, in der Überbewertung der Risiken und der Ignoranz der Chancen. Dies war in meiner Jugend (so vor 40 Jahren) nach meiner Wahrnehmung noch deutlich anders, da zeigten die meisten Visionen noch eine positive Sicht auf die Zukunft. Und diese damalige Sicht auf die Zukunft wird heute in vielen Details von der Realität übertroffen mit technischen Produkten, die wir uns damals überhaupt nicht vorstellen konnten.

    • Aber die Erzeugung von Angst bei den Menschen ist eine Grundlage der Machtpolitik seit Jahrhunderten. (…) Dies war in meiner Jugend (so vor 40 Jahren) nach meiner Wahrnehmung noch deutlich anders, da zeigten die meisten Visionen noch eine positive Sicht auf die Zukunft.

      Janz jenau, Verdacht: Die negative Grundstimmung hat was mit der Fertilitätsrate zu tun, wie sie seit ca. 40 Jahren vorliegt.

      • “Verdacht:Die negative Grundstimmung hat was mit der Fertilitätsrate zu tun, wie sie seit ca. 40 Jahren vorliegt”
        Interessante These, wäre interessant, ob es dazu Untersuchungen gibt.
        Ich habe noch eine andere These dazu:
        Der relativ hohe und sichere Lebensstandard bei uns führt dazu, dass der tägliche Kampf ums Überleben unbekannt ist und selbst Gefühle wie richtiger Hunger aus Nahrungsmangel kaum wirklich eine Rolle spielen. Dieser fehlende Druck hat mehrere negative Folgen:
        – Man ist nicht mehr auf den Mitmenschen angewiesen, der Zusammenhalt in der Gesellschaft bis hinein in die Familien spielt eine immer geringere Rolle.
        – Der evolutionsbedingte Reproduktionszwang lässt nach.
        -Die fehlenden Erfolgserlebnisse im Überlebenskampf führen zur beschriebenen negativen Grundstimmung.

        Wir können es uns einfach leisten, über die Qualen eine bei lebendigem Leibe verspeisten frischen Salatblattes nachzudenken und mit diesem mitzufühlen.
        .

        • @ Herr Buntin :

          Der relativ hohe und sichere Lebensstandard bei uns führt dazu, dass der tägliche Kampf ums Überleben unbekannt ist und selbst Gefühle wie richtiger Hunger aus Nahrungsmangel kaum wirklich eine Rolle spielen.

          Was auch dazu führen könnte, dass sich Individuen nicht mehr freuen, sozusagen das Tagesgeschäft und kleine Erfolge betreffend, klar.
          Ihr Kommentatorenfreund hat hier noch Erklärungen in petto, die den Neomarxismus meinen, wie er sich seit ca. 50 Jahren ausgebreitet hat in “westlichen” Gesellschaften, wie er Ideen und Werte relativiert und dekonstruiert ohne direkt neue Ideen und Werte zu bilden, aber das würde wohl endgültig vom Thema wegführen (und weiterführend hier vielleicht auch nicht gerne gelesen werden).

          MFG
          Dr. W

  9. @Eva Bambach: Zwischen 1990 und 2010 stiegen 600 Millionen Chinesen aus absoluter Armut (<1$/Tag) auf. Sie aber schreiben “Ob „doch 1 bis 2 Milliarden Inder, Chinesen, Asiaten und auch einige Afrikaner in einer wesentlich besseren Welt als vor 20 Jahren“ leben, vermag ich aber nicht zu beurteilen.

    Sie können das wie Millionen von westlichen Menschen nicht beurteilen weil diese 600 Millionen Chinesen bis vor kurzem für sie gar nicht extistiert haben. Diese Menschen waren kein Thema in den Medien, man konnte sie nicht einmal besuchen (China war 1990 noch kaum für Touristen zugänglich), sie erschienen weder in einer Reportage, noch auf Facebook, noch gab es westliche Produkte wie Textilien die von diesen Menschen hergestellt wurden (denn es waren mehrheitlich Kleinbauern). Und dennoch gab und gibt es diese Menschen, die jetzt mehrheitlich zum (unteren) Mittelstand gehören, der sich in China gebildet hat.Diese Chinesen wissen aber recht genau, dass sie für die Menschen in den Industrieländern bis jetzt nicht existiert haben und dass sie jetzt, wo sie für die Menschen in den Industrieländern existieren, von vielen als unerwünschte Konkurrenten wahrgenommen werden. Deshalb nehmen sie westliche Ratschläge mit Vorbehalt an.

    Ausgegangen sind sie in ihrem Urteil wohl von der von ihnen wahrgenommenen wachsenden (Zitat) “Schere zwischen Arm und Reich “. In den Industrieländern ist diese Schwere vor allem durch die Bildung einer neuen Oberschicht von 1% Reichen und Superreichen entstanden. Während der Mittelstand in den letzten 20 Jahren einkommensmässig kaum zugelegt hat, haben die 1% ihr Einkommen und/oder Vermögen locker verdoppelt.

    Weltweit, aber nationenbezogen, hat sich die Ungleichheit gemessen mit dem Gini-Index zwischen 1990 und 2010 kaum verändert. In den USA, China und vielen europäischen Ländern hat die Ungleichheit zugenommen, in Mexiko, Norwegen hat sie abgenommen, in Brasilien ist sie unverändert hoch geblieben. Global gesehen gilt aber, wenn man sich die Nationengrenzen wegdenkt (Zitat Wikipedia)

    According to current research, global income inequality peaked approximately in the 1970s when world income was distributed bimodally into “rich” and “poor” countries with little overlap. Since then inequality have been rapidly decreasing, and this trend seems to be accelerating. Income distribution is now unimodal, with most people living in middle-income countries

    In China hat die Ungleichheit seit 1990 zugenommen und trotzdem sind sehr viele Chinesen aus der absoluten Armut in den Mittelstand aufgestiegen. Das liegt einfach daran, dass sich das Bruttoinlandprodukt Chinas zwischen 1990 und 2010 genau vervierfacht hat. Der Chinese, der 1990 noch 2 Dollar pro Tag zur Verfügung hatte, hatte 2010 8 Dollar pro Tag zur Verfügung und ist damit im unteren Mittelstand angekommen. In Brasilien hat sich die extrem hohe Ungleichheit im gleichen Zeitraum kaum geändert und dennoch sank die Extremarmut zwischen 1990 und 2010 deutlich, was vor allem den Sozialprogrammen Lula de Silvas zu verdanken ist. Warum kann die Ungleichheit sich insgesamt kaum ändern und die Extremarmut trotzdem abnehmen? Die Erklärung ist einfach. Extremarmut heisst genau das: Extremarmut. Es sind Menschen die weniger als 2 Dollar oder gar weniger als 1 Dollar pro Tag zur eigenen Verfügung haben. Verdoppelt man nun diesen Betrag (von 2 auf 4 Dollar), so hebt man vielleicht 10% der Bevölkerung aus der extremen Armut. An der Ungleichheit gemittelt über das ganze Land ändert das allein aber wenig. Zitat: The socialist policies of the current and previous governments [Brasilien] have been credited with lifting 28 million people out of extreme poverty and allowing 36 million to enter the middle class, in a country of 190.7 million. – See more at: http://riotimesonline.com/brazil-news/rio-business/brazil-strives-for-economic-equality/#sthash.GbSaRy1m.dpuf

    Zusammengefasst: Zwischen 1990 und 2010 hat der Wohlstandstabstand zwischen reichen und armen Ländern agenommen, wenn auch die Ungleichheit in jedem einzelnen Land sich in dieser Zeit kaum geändert hat und bei vielen Ländern sogar zugenommen hat.

    • Google Data Explorer mal als Stichwort genannt, dort könnten sich Hans Rosling-mäßig und bedarfsweise Visualisierungen “zusammengeklickt” werden.

      Nicht schlecht auch dieses “Teil”:
      -> https://books.google.com/ngrams/ (hier könnte es bspw. mal mit ‘Ende des Wachstums’ im D-sprachigen versucht werden zu visualisieren)

      MFG
      Dr. W

  10. @Martin Holzherr

    “Von einer bewussten Entscheidung für eine andersartig ortientierte Wirtschaft sind wir aber noch weit entfernt”

    Leider richtig , darin liegt auch die Gefahr eines chaotischen Umbruchs mit entsprechenden politischen Abstürzen.
    Allerdings macht der Klimawandel Druck , viel Spielraum ist nicht mehr , das könnte wieder dazu beitragen , schnelle und konstruktive Wege zu finden.
    Ein positives Zeichen setzen – unfreiwillig – ausgerechnet diejenigen , die so aggressiv wie lange nicht mehr am Alten festhalten wollen , das deutet darauf hin , daß Viele ahnen , daß die althergebrachte Variante ihrem Ende zugeht , würden die Ewiggestrigen noch Zukunft für sich sehen , müßten sie nicht so laut schreien.

  11. Zitat: “Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander als je zuvor “ Global gesehen gilt genau das Gegenteil. 1960 war die Welt noch zweigeteilt in reiche Nationen (USA, Kanada, Europa, Australien, Neuseeland, Japan und die Sowjetunion) und mausarme (ganz Asien ohne Japan und ganz Afrika ohne Südafrika, Südamerika war ebenfalls fast durchwegs sehr arm ). Heute nur 50 Jahre später gibt es einige reiche asiatische Länder (Südkorea, Singapur, Taiwan, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, VAR; Hongkong), einige südamerikanische Länder mit einem respektablen Mittelstand (Uruguay, Brasilien) und sogar ein paar wenige afrikanische Länder wo es die Mehrzahl in den unteren Mittelstand geschafft hat (Äquatoriaguinea, Botswana). Zudem gibt es eine ganze Reihe von Schwellenländern die es in den nächsten 30 Jahren zu einigem Wohlstand bringen werden. Dazu gehören neben vielen ehemaligen Ostblockländern, China, die Türkei, vielleicht sogar Indien.

    Immer wieder beobachte ich, dass das hier im Westen nicht zur Kenntnis genommen wird. Über China wird gelästert und es werden nur die negativen Seiten der Entwicklung erwähnt, ähnliches gilt auch in der Beurteilung anderer Schwellenländer.

    Es gibt aber Ausnahmen. Einige Blogs und Zeitungen nehmen sich der Entwicklung der Armut in der Welt an. Dazu gehört auch der Guardian, der eine eigene Sektion Poverty und Global Development hat. Hier findet sich auch der Aritkel Income inequality: poverty falling faster than ever but the 1% are racing ahead mit den Kernaussagen:

    The bimodal, “two-humped” blue line for 1970 shows the world income distribution of a planet clearly divided into rich and poor countries.
    ..
    The world has changed since the 1970s. The circle of countries achieving economic growth now includes much of Asia, Latin America, and for the last two decades, Africa. The consequence of this is that global poverty is falling faster than ever before – the share of the global population living in poverty has decreased from more than 50% in 1981 to 17% in 2011.

    There is no reason for complacency, and a long way to go to improve living standards for the worst-off globally, but we can take a clear and heartening message from the data: world income inequality and poverty are in decline.

    • “Zitat: “Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander als je zuvor ” Global gesehen gilt genau das Gegenteil.”

      Letzteres ist so nicht ganz richtig. Die globale Ungleichheit wächst. Auch in den sog. armen Ländern gibt es einige Superreiche. Nach Berechnungen von Oxfam aus dem Jahr 2014 verfügen die reichsten 85 Menschen über denselben Reichtum wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung zusammen. Die Süddeutsche titelte deshalb: “Ein Prozent hat mehr als der Rest der Welt”.
      http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oxfam-warnung-fuer-ein-prozent-hat-mehr-als-der-rest-der-welt-1.2310647

      • Zunehmender Superreichtum einer kleinen Elite und insgesmat abnehmende Armut und damit weniger globale Ungleichheit sind kein Widerspruch. Die Ungleichheit nahm beispielsweise auch in China in den letzten 30 Jahren zu. Heute ist aber der Wohlstandsabstand zwischen China und Europa sehr viel kleiner als noch vor 30 Jahren. Vor 30 Jahren waren viele chinesische Dörfer ohne Strom (was heute in Indien immer noch für die meisten Dörfer gilt), heute gibt es das nicht mehr und China könnte durchaus einen Astronauten zum Mond schicken, der in einem Dorft aufgewachsen ist, indem es noch keinen Strom gab.

        • “Zunehmender Superreichtum einer kleinen Elite und insgesmat abnehmende Armut und damit weniger globale Ungleichheit sind kein Widerspruch.”

          Ich würde darin schon einen gewissen Widerspruch sehen, weil die Menschen ja nicht nur ihre Grundbedürfnisse befriedigt sehen möchten. Wenn vielerorts der Wunsch nach Demokratie entsteht, dann legen die Menschen doch auch Wert auf Teilhabe und Mitbestimmung. Leider ist es doch immer noch so: Wer Geld hat, schafft an.
          Die Verteilung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse einzelner Länder lässt sich mit dem sog. Gini-Koeffizienten berechnen.
          http://de.wikipedia.org/wiki/Gini-Koeffizient

          • Wie weiter oben schon erwähnt hat sich der Gini-Koeffiezient in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Dieser Koeffizient ist aber immer länderbezogen. Wenn sich der Gini-Koeffizient in China erhöht bedeutet das, dasss innerhalb Chinas die Ungleichheit zugenommen hat. Zur gleichen Zeit – also in den letzten 20 Jahren – hat sich auch der Gini-Index in den USA erhöht, auch dort hat die Ungleicheit zugenommen. Doch wenn sie China und die USA zusammen bettrachten, so hat die Ungleichheit zwischen den USA und China in den letzten 20 Jahren sehr stark abgenommen. Chinesen sind im Durchschnitt heute sehr viel wohlhabender als vor 20 Jahren. Vor allem haben sie ein höheres Einkommen. Und das Einkommen ist das was für die Mehrheit zählt. Nicht das Vermögen. Bei den Reichen und Superreichen ist das Einkommen meist vernachlässigbar gegenüber dem Vermögen. Sie sind deshalb kaum ein Masstab für die Allgemeinbevölkerung – ausser nicht zu arbetien und ein grosses Vermögen zu haben werde zum neuen Normalfall (in irgend einer Zukunft vielleicht).

      • Zugespitzt: Wenn sie morgen einen Supperreichen zum Nachbarn bekommen sind sie deswegen nicht ärmer als heute.

        • @Martin Holzherr

          Ich fürchte, Sie irren hier, Herr Holzherr; „arm“ und „reich“ sind relative Begriffe, wie „groß“ und „klein“. Mein Hund, z. B., erscheint manchmal groß und manchmal klein, wenn er Artgenossen begegnet.

        • Genau: Der Mensch vergleicht ständig, deshalb fühlt er sich arm, wenn er lauter reichere Menschen um sich hat. Wer sich nur einen Mercedes leisten kann während sein Nachbar mit dem Bentley herumfährt, der fühlt sich oft arm dran.

          Es gibt aber auch absolute Armut. Wenn sie hungern, sich überhaupt keine ärztliche Behandlung leisten können und sie kein Geld haben um ihre Kinder in die Schule zu schicken, dann sind sie absolut arm, nicht nur relativ.

          • Zufriedenheit entsteht bekanntlich im Vergleich, wird der dbzgl. anzulegende Vergleich oder Maßstab politisch ungünstig promoviert, ist es im Negativen geschafft.

            Insofern scheint es auch wichtig, dass die sogenannte Armutsforschung relative Armut definiert, anscheinend auch um “Armut” fortlaufend festgestellt zu sehen und sich derart wiederum fortlaufend zu begründen, die Personalkarrieren meinend und womöglich auch einen generell sozial ungünstigen Imperativ.

            Insofern haben sich die Debatten in Teilen des “Westens” schon lange von der Sachnähe verabschiedet; wobei es gar nicht so schwer fallen könnte bspw. mal in den Osten Europas zu schauen und die dortigen Einkommen-strukturen, auch derjenigen der Akademikern zu berücksichtigen.
            Dies gelingt aber nicht.

            MFG
            Dr. W

      • Oxfams Generalthema ist die behauptete zunehmende globale Ungleichheit mit Botschaften wie “Die Reichsten 1% werden 2016 gleich viel besitzen wie der Rest der Menschheit”.
        Wenn auch einige der Aussagen, die Oxfam trifft sind viele der Schlussfolgerungen daraus falsch.
        Der Economist behandelt das Thema “Wie misst man Ungleichheit” im Artikel Global inequality: The wrong yardstick und kommt zum Schluss, dass die Gegenüberstellung von Vermögen – wie das Oxfam meist macht – weniger aussagekräftig ist alsie Gegenüberstellung von Einkommen. Denn die meisten Leute leben nicht vom Vermögen sondern vom Einkommen, also dem was sie jährlich verdienen (nur die Superreichen müssen nicht mehr arbeiten gehen).

        Income is a cleaner measure than wealth. In a 2013 paper Branko Milanovic, a scholar on inequality, calculated the change in real income per person between 1988 and 2008 (see right-hand chart). During that period, the incomes of the gilded 1% rose by more than 60%. But the greatest beneficiaries were people in the middle of the income ladder: the emerging middle classes in places like China, Indonesia and India. The big losers included the middle classes of the rich world, whose real incomes barely budged. Inequality is on the rise within countries. Globally, pace Oxfam, the picture is much more encouraging.

        Hier wird auch deutlich, warum das Ungleichheitsthema hier im Westen auf solchen Widerhall stösst. Denn nur das Einkommen der westlichen Mittelklasse (Europa,USA) hat in den letzten 20 Jahren stagniert, nicht aber das Einkommen in den Schwellenländern.

      • Selbst Oxfams eigene Leute ziehen oft falsche Schlussfolgerungen aus ihrer Beobachtung zunehmender Vermögensungleichheit. Im Euraktiv-Artikel An energy crisis bound to happen schreibt Natalia Alonso, die Chefin des EU-Büros von Oxfam:

        How far European leaders decide to go has implications beyond Europe’s doorstep. Climate change is already exacerbating hunger and poverty worldwide. For those on the front line, it’s a daily battle against unpredictable and severe weather. For Ugandan farmer Florence Madamu, it is this that hampers her ability to provide enough food for her community. “The sun is prolonged until the end of September – and whenever it rains, it rains so heavily it destroys all our crops in the fields. You can plant a whole acre or two and come out with nothing”, says Florence.

        The latest IPCC report confirms what many farmers like Florence have been warning for a long time: climate change is already impacting global crop yields, and will increase global food prices at a rate that threatens to push an extra 50 million people into hunger by 2050.

        Die falsche Schlussfolgerung hier ist, dass der abnehmende Ernteertrag infolge des Klimawandels zusätzlich 50 Millionen Menschen bis 2050 in den Hunger treiben würde. Falsch daran ist die implizite Annahme, die Menschen in den betroffenen Gebieten blieben bis 2050 genau so arm wie sie es heute sind. Doch selbst in Afrika nimmt das Einkommen zu und die Wirtschaft gewisser afrikanischer Länder wachst mit 6% pro Jahr. Deshalb werden die Landwirte Afrikas sich in Zukunft mehr Dünger leisten können, denn heute wird in der afrikanischen Landwirtschaft kaum Dünger verwendet, weil den Leuten das Geld fehlt (ganz im Gegensatz zu China wo zuviel gedüngert wird).
        Der Klimawandel hat an vielen Orten zunehmend negative Auswirkungen und wenn die Leute dort bis 2050 so arm blieben wie sie es heute sind, wäre das für sie eine Katastrophe. Doch genau das trifft nicht zu. Auch in Afrika steigen die verfügbaren Einkommen und damit auch ihre Kaufkraft. sie können Nahrungsmittel nun importieren oder bessere Anbaumethoden finanzieren.

        • “Der Klimawandel hat an vielen Orten zunehmend negative Auswirkungen und wenn die Leute dort bis 2050 so arm blieben wie sie es heute sind, wäre das für sie eine Katastrophe. Doch genau das trifft nicht zu. Auch in Afrika steigen die verfügbaren Einkommen und damit auch ihre Kaufkraft. sie können Nahrungsmittel nun importieren oder bessere Anbaumethoden finanzieren.”

          Sie vergessen dabei, dass gerade in Afrika viele Anbauflächen von anderen Staaten gepachtet oder aufgekauft wurden (Stichwort: Landgrabbing). Verlierer ist die lokale Bevölkerung, da die Gewinne größtenteils woanders hinfließen.

          • Ja, Landgrabbing in der Subsahara nimmt zu, wobei sogar die BRIC-Länder – also Schwellenländer – und die Golfstaaten Land dort zu äusserst geringen Preisen erwerben, Land das von den Verkäufern als ungenutzt bezeichnet wir, das aber oft von Kleinbauern bewirtschaftet wurde, welche allerdings meist äusserst geringe Ernteerträge dort erwirtschaften. Nicht selten werden Biotreibstoffe auf diesen verkauften Landflächen angebaut.

            Was werden die Konsequenzen von Langrabbing , geringen Ernteerträgen der Kleinbauern und niedrigen Preisen von importierten Nahrungsmittelüberschüssen beispielsweise aus der EU für Afrika sein? Meine Prognose: die Landflucht in Afrika wird sogar grösser sein als sie es jetzt schon in Südostasien, Indonesien und den Philippinen ist, einfach weil die Lebensbedingungen auf dem Land in Afrika noch wesentlich schlechter sind als in Thailand, wo es bereits eine hohe Landflucht gibt. Ironischerweise sind die verbliebenen Thai- Bauern äusserst produktiv und ein nicht unwichtiger Teil ihrer Reisernte wir nach Westafrika exportiert, wo er die Preise für die westafrikanischen Bauern kaputtmacht (siehe Auch Thai-Reis macht arm).

            Einen instruktiven Artikel über Landgrabbing ist land-grabbing-in-africa-and-the-new-politics-of-food, wo insbesondere darauf hingewiesen wird, dass es ganze afrikanische Regionen gibt, die landwirtschaftlich wenig genutzt erscheinen ( sie werden aber von Kleinbauern genutzt, wenn auch ineffektiv) und die den Investoren als freies und leeres Land angepriesen werden:

            Why Africa is at the centre of this new trend is disputed. One reason put forward is that Africa’s land is empty and available. Much of Africa’s land is under-utilised and ripe for commercialisation, according to the World Bank’s 2009 report entitled Awakening Africa’s Sleeping Giant: Prospects for Commercial Agriculture in the Guinea Savannah Zone and Beyond. It argues that this region of the Guinea Savannah, stretching across most of inland west Africa across to the horn, through much of central Africa and down the east coast to Mozambique, constitutes‘one of the world’s largest underused land reserves’.4 The report suggests that it will be key to meeting growing food demand as the world’s population rises

            Kurzzusammenfassung und Ausblick: Afrika ist die Heimstatt vielfältiger und reicher Ressourcen wozu auch grosse, wenig intensiv genutzte agrarisch Landflächen gehören. Viele dieser Ressourcen werden nun durch Ausländer erschlossen, doch richtig genutzt oder gerecht abgegolten können diese Ressourcen eine wichtige Basis für den wirtschaftlichen Aufstieg Afrikas bilden. Afrika ist nicht dazu verdammt, immer arm zu bleiben.

  12. Aber welche Zukunftsvisionen haben eigentlich wir? Zumindest keine, die man in populäre Bilder fassen kann. Wir haben kein Bild für die Zukunft.

    Vielleicht benötigt es einfach andere Personen als Harald Welzer, zu dem an dieser Stelle nicht weiter erklärt werden soll, um das zivilisatorisch global Gute zu erkennen.
    Zum Beispiel:
    1.) Die Zahl derjenigen, die ernsthafte Probleme haben die Nahrungszufuhr sicher zu stellen, nimmt global anteilsweise ab.
    2.) Die Gesundheitsversorgung bessert sich global, das Sterbealter steigt deutlich, es ist davon auszugehen, dass die beschwerdefreie Lebenszeit ebenfalls zunimmt.
    3.) Bildung, ein ganz wichtiger Punkt, steht seit der Einfuhr der globalen netzwerkbasierten Kommunikation bald durchgehend bereit. – Bildung oder fehlende Bildung war ja früher ein wichtiger Punkt auch der Marxisten.
    4.) Es gibt “Futuristisches”, sog. Weltraumlifte sind mittlerweile denkbar und damit möglich, besondere Expeditionen könnten spätestens im nächsten Jahrhundert stattfinden.
    5.) Viele Länder haben die Demokratie als Herrschaftsform angenommen, Ältere werden sich vielleicht noch an Zeiten erinnern, als viele wichtige Politiker namentlich auf O endeten, Mao, Tito, Franco etc.
    6.) Der Frieden konnte weitgehend aufrecht erhalten werden, die Zahl der kriegerischen Konflikte nimmt ab, es kann hier auch mit diesem Konzept verglichen werden.
    7.) “Rogue States” werden besser erkannt als früher, auch besser behandelt, die internationale Gemeinschaft greift gelegentlich zur Sanktionierung, trotz bestimmter Entwicklung im islamischen Raum sieht es global politisch deutlich besser aus als früher [1], was die Primaten-Zivilisation betrifft.

    Insofern liegt hier tatsächlich auf einige im sogenannten Westen bezogen ein sozialpsychologisches Problem vor, Harald Welzer et al. werden dieses Problem nicht konstruktiv bearbeiten, diese Vorhersage sei erlaubt.

    [1] vor 40 bis 50 Jahren

    • Stimmt alles. Gemeint ist wohl aber mit dass der naive Fortschrittsglaube, der in Visionen von Jules Vernes bis kurz vor das Jahr 2000 vorherrschte, heute verschwunden ist. Deshalb sind auch die Bilder verschwunden, die diesen naiven Fortschrittsglauben bebildert haben.

      Heute sind wir diesbezüglich weiter, näher an der Realität nämlich. Mehr Möglichkeiten, mehr Gottgleichheit des Menschen bedeutet auch mehr Gefahren, die nun von mächtigen Staaten oder mächtigen Einzelnen ausgehenn könnten. In einer Welt der Superfähigkeiten durch viel mehr Wissen und mächtigere Technik besteht auch das Potenzial für ein krass ungleiche Welt in der alles Wissen und alle Fähigkeiten in den Händen von Wenigen sind, in der die Elite im Elysium lebt, fern ab von Alltagssorgen und Alttagsschmutz und wo alle andern bedeutungslos werden.

      • Gemeint ist wohl aber mit dass der naive Fortschrittsglaube, der in Visionen von Jules Vernes bis kurz vor das Jahr 2000 vorherrschte, heute verschwunden ist.

        Hier jedenfalls nicht, mal abgesehen von dem negativ konnotierten ‘naiv’, war man früher naiv?

        In einer Welt der Superfähigkeiten durch viel mehr Wissen und mächtigere Technik besteht auch das Potenzial für ein krass ungleiche Welt in der alles Wissen und alle Fähigkeiten in den Händen von Wenigen sind (…)

        Eine Aussage, die nicht mit dem Vorhandensein der neuen Medien, gemeint ist letztlich immer auch das Internet, harmoniert.
        Gar nicht harmoniert.

        Verdacht:
        Hier liegt eine bewusst geführte Intellektuellen- oder “Intellektuellen-“Debatte vor, die -wie auch anderes- dazu dienen soll die “westlichen” Gesellschaften zu demoralisieren.

        MFG
        Dr. W (der einräumt sich mit Harald Welzer gelegentlich beschäftigt zu haben und sein Output als grausam und als kaum erörterungsfähig zu betrachten hat – wobei der Schreiber dieser Zeilen kein Optimist ist, also von der Zukunft nicht das Beste erwartet)

  13. Im Nahfeld der Zukunft
    Heute wirft die nahe Zukunft ihre Schatten voraus. Dies in der Form von unzähligen Szenarien für beispielsweise die Jahre 2030, 2050 oder 2100. Diese Szenarien unterscheiden sich von Zukunftsvisionen und Prognosen durch die ihnen zugrundeliegenden Annahmen, die als Parameter in das Szenario eingehen. Wächst beispielsweise die Bevölkerung Nigerias weiter wie bisher (wobei eine Abnahme der Kinderzahl wie bisher bereits eingerechnet ist), wird sie von jetzt 160 Millionen auf 440 Millionen im Jahr 2050 ansteigen, womit dann auf einer 10 Mal kleineren Fläche als den USA mehr Menschen leben werden als dannzumal in den USA. Szenarien sind uns auch aus der Klimawissenschaft vertraut, wo der Weltklimarat gleich eine ganze Schar von Erwärmungsszenarien ausgearbeitet hat, von denen einige bis ins 22. Jahrhundert reichen. Nicht alle Szenarien haben die gleiches Vorhersagekraft, weil die zugrundeliegenden Annahmen nicht alle mit gleicher wahrscheinlich eintreten werden. Oft sind wichtige Parameter der Szenarien auch zuwenig genau bekannt, stehen also auf wackligen Füssen. Trotzdem gibt es heute ein derart konkretes Wissen über Aspekte unserer nahen Zukunft wie nie zuvor. Wer es wissen will, auch über negative Aspekte. So wird das Artensterben fast unvermindert weitergehen. Sogar in Europa, dessen Waldfläche seit 1900 wieder um ein Drittel grösser geworden ist und wo vielerorts Biber, Luchse und Wölfe zurückgekehrt sind, sterben jedes Jahr einige Spezies aus. Ausserhalb Europas ist damit zu rechnen, dass Waldflächen noch viel stärker zerstückelt werden und dass schliesslich auch die letzten Naturreservate wie das Amazonas- oder Kongobecken auf kleine Reste zusammenschrumpfen. Die meisten Europäer geben sich deswegen nach aussen betroffen, wenn es sie auch kaum berührt. Es gibt aber auch Leute (auch Blogautoren auf scilogs), die das Artensterben für nicht weiter schlimm halten (Zitat sinngemäss: es werden mindestens 1/3 der Spezies übrigbleiben), und die das Amazonasgebiet lieber heute als morgen vielfältig nutzen wollen. Das ist einer der grossen Unterschiede in der heutigen Zukunftsbetrachtung gegenüber der Vergangenheit: früher dominierten die grossen Visionen einer gänzlich neuen, auch besseren Welt, heute streiten wir über die anzustrebende Zukunft in einer ähnlichen Form wie es Häuslebauer und Stadtplaner über ihr zukünftiges Haus oder die ideale zukünftige Stadt tun.
    Es geht bei diesem Streit auch um eine Wertedebatte und um die “richtige” Sicht auf die Welt. Ich zum Beispiel befürworte eine räumlich globale und eine zeitlich lange Sicht, denn ich sehe den Menschen als eines der Geschöpfe der Erde, das trotz seiner zunehmenden Potenz seine Heimstatt so weit wie möglich erhalten sollte. Nach uns die Sintflut und “unsere Kinder können ja in Weltraumkolonien leben, wenns hier unten nicht mehr geht”, ist für mich die falsche Haltung.

    Fixing the Past From the Future.
    Dass heute vieles falsch läuft, darin sind sich viele einig. Können wir – in der Zukunft – die Fehler von heute wie die Zerstörung der Natur, das Ausmerzen von Arten oder den vom Menschen selbst in die Wege geleiteten Klimawandel, stoppen oder gar rückgängig machen. Ganz ausgeschlossen ist das nicht, denn in der Zukunft verfügen wir wohl über mächtigere Technologien, die es uns erlauben könnten, die negativen Folgen der heutigen Verwendung von Brute-Force-Technologien rückgängig zu machen. Mit Deextinction könnten wir Arten wie die Wandertaube oder gar das Mammut wiederbeleben, mit einer Begrünung der mit entsalztem Meerwasser fruchtbar gemachten Sahara die Erwärmung des Erdsystems stoppen oder gar rückgängig machen.
    Die Idee mit Technologie die Technologieentwicklung unter Kontrolle zu bringen findet sich auch in Nick Bostroms Superintelligence, wo er vorschlägt mit Superintelligenz zu verhindern, dass Superintelligenz den Menschen zum Sklaven oder Schädling degradiert.

    Das Denken zukunftsfähig machen
    Selbst die westliche Elite, die heute über die fortgeschrittenste Technologie verfügt, denkt provinziell. Nur ganz wenige sind in der Lage oder verfügen über die Bereitschaft, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Zwar sprechen viele Westler von der Menschheit und “unserer Zukunft”, doch damit meinen sie immer nur die Zukunft, die sie selbst wollen ohne dass sie den Willen der Anderen miteinbeziehen. Dieser Vorwurf trifft auf die kulturell/geistige Elite ebenso zu wie auf die wissenschaftlich/technische Elite. Westliche Modethemen und angeblich wichtige Bekenntnisse wie die zum Veganismus oder die zum Tierschutz, der dem Tier endlich Persönlichkeitsrechte zugesteht, das mögen wichtige Bekenntnisse des Menschen in der Postmoderne sein, mit den Problemen der meisten Menschen, also auch der Nicht-Westler, haben sie wenig zu tun. Auch der hier im Westen weitverbreitete Bioromantizismus oder der noch weitergehende antitechnische Romantizismus, der wieder zu einer vorindustriellen Lebensweise zurückkehren will, ist eher als Weltflucht denn als reale Option zu bewerten, denn wer einmal aus dem Paradies vertrieben wurde, kann nicht mehr dorthin zurückkehren, selbst wenn er wollte. Heute gibt es auch viel zuviel Menschen um das zu tun. Doch Illusionen sind nicht totzukriegen selbst solch hirnrissige Illusionen wie die, man könne alles Öl durch Biotreibstoffe ersetzen. Dazu bräuchte man nämlich die Fläche ganz Brasiliens für den Biotreibstoffanbau.

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