Briefmarken

Briefmarken sammeln – naja, ein ziemlich spießiges Feierabendvergnügen, dachte ich wie wohl viele andere, als der Zufall mich kürzlich in eine philatelistische Veranstaltung wehte. Erstmal gelangweilt wühlte ich in einem wilden Haufen kostenloser Marken, die für Jugendliche und Kinder (auf die die Organisatoren vergeblich warteten) bereitgestellt worden waren. Alle diese Marken waren für wahre Philatelisten offenbar nicht besonders aufregend, sonst wären sie nicht einfach so da hin geschüttet worden. Für mich zeigte sich das bunte Sammelsurium aber ganz unerwartet als ein Kondensat der Welt- und Kulturgeschichte, über das ich mir noch nie richtig Gedanken gemacht hatte.

Die erste Marke stach mir ins Auge, weil sie so schön orange leuchtete und ein hübsches Nashorn zeigte. Herkunfstland war die belgische Kolonie Kongo. Das abgebildete Tier kam mir merkwürdig bekannt vor – richtig: Vor ein paar Monaten hatte ich gelesen, was Blog-Kollege Sören Schewe über das traurige Aussterben des Nördlichen Breitmaulnashorns berichtete. Der Lebensraum des Ceratotherium simum war offenbar schon im Kolonialzeitalter stark eingeschränkt. In freier Wildbahn gab es die Tiere in den 1960er-Jahren nur noch auf dem Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo. 2008 galt die Art als ausgestorben. Von den Versuchen, die Population mit ausgewilderten Tieren zu beleben, sind aktuell nur noch zwei weibliche Exemplare übrig.

Kolonialgeschichte

Im Jahr 1959, so ergibt es eine kurze Recherche, wurde die Marke gedruckt. Das war unmittelbar vor dem Ende des Gebiets als belgische Kolonie mit ihrer blutigen Geschichte seit ihrem Status als Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. und den berüchtigten Kongogräueln, auf die dann viele Jahrzehnte bewaffneter Kämpfe und ein bis heute andauerndes Chaos folgten.

Kunstwerk en miniature

Als Unterschriften trägt die Briefmarke links den Namen J. van Noten, rechts den Firmennamen Courvoisier S. A. – ein kleiner Hinweis darauf, dass die in der Öffentlichkeit als Massenartikel und Gebrauchsgegenstand wenig beachteten Marken zumindest in Fällen wie diesem durchaus ihren Charakter als Kunstwerk beanspruchen. Links ist der Entwerfer angegeben, rechts der Drucker, ganz wie bei für den Kunstmarkt gedachter Original-Druckgrafik. Auch bei uns und heute unterliege die Briefmarken übrigens dem Urheberrechtsschutz – auch ein Indiz für ihren Kunstcharakter.

Jean van Noten war ein belgischer Künstler, dessen große Liebe zu Afrika sich in vielen Reisen auf den Kontinent äußerte. Unter deren Eindruck schuf er offenbar mehrere große Wandteppiche, von denen ich allerdings keine Abbildung finden konnte. Bekannt ist Jean van Noten vor allem als Entwerfer von Briefmarken. Über die Druckerei Courvoisier S. A. (société anonyme) konnte ich erstmal nichts finden, Briefmarkenfreunde wissen da  wahrscheinlich auf Anhieb Bescheid.

Das Bild von Afrika

Und das Motiv? Das Nashorn war wohl nicht in seiner Eigenschaft als bedrohte Tierart abgebildet, sondern als Hinweis auf die besondere Naturschönheit, die bis heute unser Afrikabild  prägt und das ganz wesentlich auf den seit der Kolonialzeit des 19. Jahrhunderts als Kunstdrucke verbreiteten afrikanischen Landschaftsgemälden beruht.

Schaut man sich die Briefmarken der belgischen Kolonie Kongo zum Beispiel bei Sammlungsverkäufen in ebay-Anzeigen an, dann scheinen sich über die Jahrzehnte unterschiedliche Motivgruppen herauszubilden. Am Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Zeit der Blutherrschaft Leopolds II., gibt es viele Motive, die das Leben der einheimischen Bevölkerung auszustellen scheinen. Später gibt es offenbar von der Idee einer rassistischen Menschenkunde inspirierte Profilaufnahmen von Einheimischen. Ich muss zugeben, dass es mich sehr reizt, hier mal systematisch zu kucken. Vielleicht werde ich doch mal zum Sammler?

Genau besehen, ist die Briefmarkenkunde ja ein idelaes Feld kunsthistorischer Forschung – und ist von dieser doch merkwürdig vernachlässigt. Dabei, so ergibt auch hier ein schnelles Googeln, sammelte schon der in der Disziplin verehrte Gründervater Aby Warburg begeistert Briefmarken.

Die Briefmarke – damals eine super Idee

Nicht nur das Motiv und die Herkunft dieser speziellen Marke eröffnen einen Blick in die Geschichte, es ist auch das Medium selbst, das schon fast als historisch anzusehen ist. Noch klebt jeder von uns ab und an selbst eine Marke auf, jedoch immer seltener. Zur Informationsvermittlung erscheint die Post überkommen. Dabei ist die Briefmarke noch nicht einmal 200 Jahre alt. Mit ihr wurde eine Art Prepaid-Verfahren in der Postbeförderung eingeführt, das das Versenden von Briefen nicht nur einfacher, sondern zudem günstiger und auch für weniger Begüterte verfügbar machte. Und sogar die für lange Zeit so typische Zähnung war eine spezielle Erfindung für die Briefmarke. Die Perforation ersetzte Mitte des 19. Jahrhunderts das Zerschneiden mit der Schere und war ja nur deshalb sinnvoll, weil Marken inzwischen nicht nur ausnahmsweise, sondern häufig und in großen Mengen abgetrennt werden mussten.

Hat die Briefmarke noch eine Zukunft?

Die Post lässt sich jedenfalls in allen Ländern immer Neues einfallen, um die Briefmarke als Einnahmequelle zu erhalten, auch wenn sie gar nicht mehr zum Frankieren genutzt wird. Es gibt immer neue Sondereditionen, die nur für Sammler gedacht sind und Marken, die Duftstoffe abgeben oder als Hologramm gestaltet sind, um attraktiver zu sein. Dazu kann jeder heute selbst kreativ werden und seine eigene Marke gestalten. Auch wenn sie in Zeiten von Barcode und Internet nicht mehr wirklich gebraucht werden – hübsch sind sie schon, die kleinen Bildchen – und mitunter aufschlussreich.

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Frau Bambach,
    in Ihnen brennt leider nicht die Leidenschaft echter BriefmarkenFans.Briefmarken sind wie Automarken:Da gibt es wertlose Trabbis neben hochwertigeren BMWs bis zum exlusiven Porsche.Und die Rote oder Blaue Mauritius wäre dann der absolute Traum eines jeden Briefmarkensammlers.In der Massenware der Briefmarken gibt also richtige Perlen die bei den Sammlern feuchte Augen auslösen (Marken mit kleinen Auflagen,Sonderpoststempel,Sperrwertmarken,Marken aus den ehemaligen Kolonien etc…) Das Herz eines Briefmarkensammlers schlägt höher wenn er solche seltenen Marken unter die Lupe betrachten kann.Und Briefmarken sind optische Zeitgeschichte bzw. kleine Kunstwerke.

  2. In der Tat, kleine Kunstwerke diese Briefmarken und heute noch als wertlos betrachtete Marken (z.B. weil nicht aus unserem Kulturkreis) werden in Zukunft begehrt und teuer sein. Denn: Das Briefmarkenzeitalter geht zu Ende und es bleiben nur die Erinnerungen daran – Erinnerungen, für die Interessierte eventuell Vermögen zahlen.

    Warum sind Briefmarken aus dem früheren Belgisch-Kongo nicht begehrt und teuer? Ich vermute, es hat den gleichen Grund warum über Kriegstote in der Demokratischen Republik Kongo auch heute noch kaum berichtet wird: Ist ja schliesslich Schwarzafrika, fern der Welt. Interessiert niemanden. Auch mit China und zeitgenössischer chinesischer Kunst war das lange so, gab es die gleiche Gleichgültikeit der ausserchinesischen Welt. Doch seit China aufgestiegen ist hat sich das völlig geändert und Sammler von chinesischer Kunst des späten 20. Jahrhunderts, die zu geringem Preis einkauften sind nun Besitzer von auch finanziell hochbewerteten Kunstschätzen.

  3. Ach ja – die kleinen bunten Zettelchen. Mit dem Kauf von Sammlungen und dem Verkauf von deren neuen Zusammenstellungen habe ich während meines Studiums einiges finanzieren können. Unter anderem auch der Einbau eines neuen Getriebes in meinen R4. Was nach dem Verkauf übrig blieb füllt immerhin noch 3 Meter Einsteckalben.
    Das Sammeln von deutschen Neuerscheinungen habe ich sofort eingestellt als die Post nach der Angliederung der DDR die Sammler-Aufwendungen für BRD, West-Berlin und DDR addierte und ihre Neuausgaben danach ausrichtete. Mir war das zu teuer.

  4. Liebe Frau Bambach, Ihr Blog-Post erwärmt mein Philatelisten-Herz, denn gerade der Blick auf die Motive und die geschichtlich-kulturellen Hintergründe macht Briefmarken über den engeren Bereich der eingefleischten Sammler heraus interessant. Den Vergleich von Golzower mit den Automarken kann ich nicht nachvollziehen, aber diese Sichtweise sei ihm natürlich zugestanden. Für mich waren (so richtig aktiv sammele ich nicht mehr) die Exotik und die geschichtlichen Aspekte stets der wesentliche Sammelanreiz.

  5. Vielen Dank für den schönen Artikel.

    Ich bin öfter auf Reisen und verzichte nicht darauf, Postkarten zu versenden. Dabei versuche ich immer auch Briefmarken von Sonderauflagen zu nutzen (zusätzlich zu den Standardbriefmarken für den Versand). Weshalb? Für mich zeigen Postkarten wie auch Briefmarken immer einen kleine Ausschnitt des Landes, das ich gerade besuche. Und manchmal bekomme ich auch eine Rückmeldung zu einer schönen Briefmarke von den Empfängern der Postkarten.

    Abgesehen davon ist es in verschiedenen Ländern eine Herausforderung, Briefmarken kaufen zu können. Nicht nur das sprachliche Barrieren zu überwinden sind (hat bisher nur in einem Land nicht funktioniert). Auch lernt man etwas über das Verständnis und Verhältnis zu dem Medium Brief/Postkarte des jeweiligen Landes.

  6. Zu Edgar Lösel:
    Es kommt wohl darauf an, was für einen Wert man Briefmarken gibt. Ich meine hier nicht nur den optisch”schönen” geschichtlichen Wert,sondern auch den materiellen (finanziellen ) Wert. Briefmarken sozusagen als Wertanlage.Nach dem Motto Bares für Rares gibt es hier -wie überall in der Sammlerszene- für seltene und ältere Stücke(Marken) doch relativ hohe Preise.

  7. Golzower
    Der Wert der Briefmarken,
    nachdem in Deutschland Marken zu 0,1 % des Michelwertes angeboten werden kann man behaupten , Briefmarkensammeln ist out.
    Wenn man china betrachtet, ist Optimismus angesagt. Dort war das Briefmarkensammeln verboten und die Bevölkerung hat keine briefmarken. Mit dem erwachenden geschichtsbewusstsein dort, ist auch das Interesse an alten Marken gestiegen . besonders die vor 1900. Wer also solche Marken hat, nicht verramschen, die bekommen wieder wert.

  8. Vielen Dank für Ihren Artikel. Ich sammle seit meiner frühen Jugend und es hat immer Spass gemacht. Unser Steckenpferd, die Philatelie, ist nämlich auch sehr lehrreich. Marken aus einem fernen Land; welche Währung gilt dort, wo liegt überhaupt dieses Land, wie leben die Menschen dort, haben sie Industrie oder nur Landwirtschaft???
    Fragen über Fragen, die man mit Hilfe von Lexikon und Atlas beantworten kann. Und das macht die Briefmarken interessant. Der Wert, der sich auch oft ändert ist eigentlich nur zweitrangig.

  9. Hat die Briefmarke noch eine Zukunft?

    Als Einnahmequelle vielleicht, als Nicht-Gebrauchsgegenstand hätte sie dann aber bspw. mit sog. Panini-Bildchen zu konkurrieren, Sammler neigen dazu Gebrauchsgegenstände eben zu sammeln, sich in ihrem Sammeltrieb sozusagen nicht durch dedizierte Sammelobjekt-Bereitstellung sozusagen abfrühstücken zu lassen.
    Denn in puncto (historischem) Gebrauch zu sammeln ist vglw. cool, vs. ‘spießig’.
    Sammeln nur um zu sammeln, war nie die Intention von, äh, Sammlern.

    MFG + schöne Weihnachtstage,
    Dr. Webbaer

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