Asyl, Kalkül

Unsere Familie stammt von den Hugenotten ab. Auf diese Feststellung legte meine Großmutter immer allergrößten Wert. Ich habe es nie nachgeprüft, aber es wird schon irgendwie stimmen, denn angesichts der vielen Generationen seit dem 17. Jahrhundert dürfte sich in den meisten Familien der eine oder andere hugenottische Vorfahr befinden.

Der Stolz meiner Oma ist in gewisser Weise erstaunlich, denn schließlich waren die Hugenotten einst als bedürftige Flüchtlinge ins Land gekommen – zu einer Zeit, als von staatlich verbürgtem Menschen- oder Asylrecht noch keine Rede war.

Hugenottenfne_01-1Credit: iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

Damals, 1685, flohen in kürzester Zeit etwa 50.000 französische Protestanten nach Deutschland, die meisten davon, etwa 20.000, fanden Aufnahme in Brandenburg (wem das im Vergleich zu heute wenig vorkommt, der sei an die Panik erinnert, die die deutsche Regierung in den 1980er-Jahren erfasste, als knapp 10.000 vietnamesische Boatpeople in Deutschland Zuflucht suchten). Ausschlaggebend für die bereitwillige Aufnahme war eine Mischung aus konfessioneller Solidarität und macht- und wirtschaftspolitischen Erwägungen. Um die Gunst der Flüchtenden buhlten mehrere protestantische Fürsten, so etwa auch Landgraf Karl von Hessen-Kassel (mit dem „Edikt von Kassel“, April 1685) und Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst, mit seinem berühmten „Edikt von Potsdam“ (Oktober 1685). Sie wollten neue Untertanen ins Land locken, denn die deutschen Regionen waren durch den Dreißigjährigen Krieg zerstört und entvölkert.

Mit der Aufnahme der Flüchtlinge hofften die Fürsten, brachliegende Höfe und Gebäude wieder zum Leben erwecken zu können und vor allem hofften sie auch auf die Ansiedlung neuer Manufakturen. Dazu finden sich genaue Durchführungsanweisungen, etwa im Potsdamer Toleranzedikt:

… Schiffe und andere Nothwendigkeiten zu verschaffen umb sie und die ihrige aus Holland biß nach Hamburg zu transportieren … umb an Ort und Stelle welche sie in Unsern Landen zu ihrem etablissement erwählen werden zu gelangen … ihnen mit Gelde, Passeporten und Schoffen beforderlich zu seyn,

Es werden genaue Routen beschrieben, auf denen die Flüchtlinge an den Ort gelangen sollen,

welchen sie …. Zu ihrer Profession und Lebens Art am bequemsten finden werden, zu erwählen.

Es seien

verlassene, wüste und ruinierte Häuser verhanden, deren Proprietarii nicht des Vermögens wären dieselbe wieder anzurichten

Sie werden den französischen Glaubensgenossen übereignet, die Voreigentümer entschädigt, Baumaterial zur Verfügung gestellt. Versprochen wird auch die sechsjährige Immunität von allen Auflagen, Einquartierungen und anderen öffentlichen Pflichten.

Es seien

in einer jeden Stadt gewisse Häuser zu miethen, worin gedachte Französiche Leute bey ihrer Ankunft aufgenommen, auch die Haußmiethe davon für ihre Familien 4 Jahr lang bezahlet werden soll …

Unter der Bedingung, dass sie das neue Eigentum Pflegen und unter Gewährung der gleichen Rechte wie die der Eingeborenen werden Manufakturgründungen und Landwirte mit Privilegien und Geld unterstützt, zugesichert wurde eine eigene Rechtssprechung bei Streitigkeiten untereinander sowie eigene Prediger und Kirchenbenutzung.

Die Bevölkerung nahm die Neuankömmlinge nicht unbedingt freundlich auf. Es gibt Berichte über Brandstiftungen bei den “réfugiés” und es flogen Steine durch ihre Fenster. Man witterte Konkurrenz und Nachteile und fürchtete sich vor dem Fremden – dabei stammten die neu ins Land Gekommenen nicht aus einem völlig anderen Kulturkreis, sondern letztlich aus dem Nachbarland. Aber – und daher mag noch Jahrhunderte später der Stolz meiner Großmutter rühren – sie waren Vertreter der (französisch geprägten) europäischen Hochkultur und sprachen Französisch, was ihnen Hochachtung am Hof und unter den Intellektuellen, aber zugleich die Ausgrenzung seitens der einfachen Bevölkerung einbrachte. In der ersten Generation lebten die französischen Flüchtlinge daher in eigenen Kolonien mit wenig Kontakt zur deutschen Bevölkerung.

Zur Sicherung der angeordneten Privilegien setzte Friedrich Wilhelm von Brandenburg spezielle Kommissare ein,

„zu welchen offt gedachte Französische Leute so wol bey ihrer Ankunfft als auch nachgehende ihre Zuflucht nehmen, und bey denen selben Rath und Beystandes sich erhohlen sollen …“

Die Maßnahmen hatten Erfolg. Die Bevölkerung Berlins bestand schließlich zu einem Drittel aus Hugenotten und der Ansiedelung der französischen Protestanten wird ein erheblicher Anteil an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung zugeschrieben – auch wenn etliche der geförderten Manufakturgründungen bald scheiterten. Nach wenigen Generationen waren die beiden Bevölkerungsgruppen durchmischt, die Deutschen fanden zudem Geschmack an dem durch die Hugenotten eingeführten neuen Genüssen und Gebräuchen.

 

"Wallfahrt nach Französisch Bucholz", Radierung von Daniel Nikolaus Chodowiecki, 1775:
“Wallfahrt nach Französisch Bucholz”, Radierung von Daniel Nikolaus Chodowiecki, 1775: Das Dorf Buchholz bei Berlin war nach dem Dreißigjährigen Krieg verlassen. Ab 1687 gründete sich hier eine französische Kolonie, die unter anderem den vorher unbekannten Anbau von grünen Bohnen, Artischocken und Spargel einführte. Das Dorf wurde, wie auf dem Bild gezeigt, zu einem beliebten Ausflugsort der Berliner.

Lässt sich daraus etwas für die aktuelle Situation lernen? In der öffentlichen Diskussion spielt die Betonung des Rechts auf Asyl eine große Rolle. Das ist wichtig. Dazu ist viel von Menschlichkeit und Wärme die Rede, einer neuen Willkommenskultur. Man feiert ein neues Sommermärchen, eine neue, bessere Auflage des WM-Slogans „Die Welt zu Gast bei Freunden“ (so zum Beispiel Katrin Göring-Eckardt im Bundestag) und ist gern auch mal ein bisschen gerührt über die eigene Hilfsbereitschaft. Viel Gefühl spielt da mit – das ist schön, aber immer auch gefährlich. Was ist, wenn die Lage unbequem wird, wenn die schwierige Aufgabe der Integration weder von den Asylsuchenden noch von den Behörden so schnell befriedigend gemeistert wird? Könnte gut sein, dass die öffentliche Stimmung dann zum Beispiel in den Vorwurf der Undankbarkeit mündet.

Die Unabdingbarkeit des Rechts auf Asyl ist fundamental für eine humane Gesellschaft. Wenn über die positiven Auswirkungen der Flüchtlingsaufnahme kalkuliert wird, etwa im Hinblick auf Wirtschaftsentwicklung und Arbeitsmarkt (siehe dazu auch Michael Blume in seinem aktuellen Blogpost), dann sehen manche dieses Recht gefährdet. Oder wenn Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann den sicher mit Vorsicht zu erwägenden Vorschlag macht, einen Großteil der Hilfesuchenden in den strukturschwachen Regionen der neuen Bundesländer anzusiedeln.

Als Angela Merkel am vergangenen Mittwoch im Bundestag über die Aufnahme großer Flüchtlingsmengen sagte:

 Wenn wir es gut machen, dann birgt das mehr Chancen als Risiken.

Und dann ihren Führungsanspruch formulierte :

…, dass es in Europa Herausforderungen gibt, bei denen es ganz besonders auf uns ankommt, auf Deutschland, auf Deutschlands Kraft und auf Deutschlands Stärke, …dass es genau diese Bereitschaft und diese Kraft Deutschlands sein kann, die schließlich den Weg für eine europäische Lösung freimacht,

dann steckt da politisches Kalkül dahinter. Ist das an sich problematisch – oder Ist nur unter solchen Erwägungen eine gelingende Asylpolitik möglich? Keine Frage – sobald über Nützlichkeit nachgedacht wird, ist die Gefahr groß, dass zwischen erwünschten und unerwünschten Flüchtlingen unterschieden wird. Das darf nicht sein.

Und doch: Die Verantwortung für die vielen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten ist groß. Vielleicht kann man ihr mit gutem Willen allein nicht gerecht werden?

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

14 Kommentare

  1. Deutsche Herrscher wollten hugenottische Einwanderer zur Wirtschaftsbelebung. Das entspricht der heutigen Einwanderunspolitik der USA und Kanadas, die vor allem gesuchte Arbeitskräfte hereinlassen und allen anderen die Einwanderung erschweren.
    Asylanten aus aussereuropäischen Kriegs- und Krisengebieten und Wirtschaftsflüchtlinge werden dagegen aus humanitären, nicht aus ökonomischen Gründen aufgenommen. Bis jetzt galt in den meisten asylgewährenden Ländern der Grundsatz, dass nur ernsthaft Bedrohte den Asylstatus erhalten. Das bewirkte, dass es gemessen an der Gesamtbevölkerung des Aufnahnelandes immer nur wenige waren. Mit dem Ausmass der momentanen Flüchtlingsströme ändert sich das grundsätzlich. Doch es gilt wohl weiterhin :” Wenn wir es gut machen, dann birgt das mehr Chancen als Risiken.”
    Leider habe ich nicht den Eindruck, dass Deutschland es in der Vergangenheit gut gemacht hat mit den Einwanderern aus muslimischen Ländern. Diese sind grossteils wenig integriert, was sowohl an den Einwanderern als auch am Gastland liegt. Ich sehe keinen Grund warum es plözlich besser werden soll mit der Welle der Flüchtlinge, die nun kommen. Meine Prognose: Sie werden es schwierig haben sich in völlig andere Gesellschaft einzugliedern und diese Gesellschaft wird es ihnen schwierig machen.

    • Nicht nur Deutschland , sondern alle Länder haben Probleme mit moslemischen Immigranten , so sie denn welche haben .
      Das liegt überwiegend am panislamischen Islamismus-Gedanken , ein nicht geringer Teil der Moslems , der allerdings nicht die Mehrheit umfaßt , hat da ein paar Flausen im Kopf , die ein Zusammenleben deutlich erschweren .
      Mit den Syrern ist das nicht vergleichbar , die Arbeitsimmigranten kamen auf Zuruf der aufnehmenden Gesellschaften , sie haben nie einen inneren Bruch mit der Heimat vollzogen und haben diesbezüglich eine breite Brust.
      Die Syrer sind auf Hilfe angewiesen und werden nicht partiell als überlegene Kultur auftreten.

  2. Aufnahmeländer haben von anti-selektiver Aufnahme abzusehen, Kollege Reinhard Müller schwurbelt bspw. hier ein wenig herum, indem er sich erlaubt festzustellen, dass Aufnahme nicht in Auflösung münden darf, hier aber zentriert zu sein scheint, was die Auflösung als einzige Grenze betrifft.

    Andere wiederum, die aus der Nicht-BRD, zuweilen auch: genüsslich, kommentieren, würden womöglich eher dazu neigen festzustellen, dass Aufnahme, auch i.p. Asyl, nicht derart angelegt sein kann, dass ein beträchtlicher Anteil der Weltbevölkerung asyl-(antrags-)berechtigt wird.

    Dass von der oben beschriebenen Sinnhaftigkeit, die Aufnahme betreffend, auch ein wenig “Hochdeutsches” durchklingt, insbesondere bei Frau Dr. Angela Dorothea Merkel, mögliche Führung betreffend, diesen Kontinent, den europäischen, war fein, wenn womöglich auch ein wenig verklemmt korrekt angemerkt.
    Plump heißt es: ‘Am deutschen Wesen mag die Welt genesen.’

    Ansonsten wäre individuelle und Gruppen meinende Verständigkeit zu bemühen, vs. ‘guter Willen’, sittlich Anzustrebendes ist per definitionem immer gut gemeint, die Ausführung, wenn sie “gut gemeint” ist, kann dagegen desaströs ausfallen. Die Ausführung betreffend ist das Gut-Gemeinte regelmäßig der größte Feind des Richtigen.

    MFG
    Dr. W (dem ebenfalls das mit dem womöglich vorliegenden und im Artikel angedeuteten doitschen Ethnozentrismus aufgefallen ist, dbzgl. zu danken weiß, sich auch zunehmend beömmelt)

  3. Dass neben Menschlichkeit und sozialer Verantwortung (Asylrecht) auch eine große Portion Kalkül bei der Aufnahme von Flüchtlingen eine Rolle spielt – ist unbestritten. Und daran ist auch nicht Schlechtes.
    z.B. kommen viele junge Menschen/Familien: dies wirkt gegen die Überalterung unserer Gesellschaft
    z.B. kommen viele Fachleute – dies hilft gegen Fachkräftemangel
    z.B. kommen viele ergeizige junge Leute – die auch weniger beliebte Berufe ergreifen, wo sich bei uns kaum mehr ein Interessent findet
    z.B. werden viele Leute, die jetzt bei uns willkommen sind – später positive Botschafter in ihrem Land sein, wenn sie wieder zurückkehren
    z.B. werden junge Flüchtlinge, die bei uns eine Berufsausbildung erhalten – ihr Heimatland weiter entwickeln, wenn sie zu ihrer restlichen Familie zurückkehren
    z.B. werden negative politische Strukturen in den Heimatländern der Flüchtlinge in Frage gestellt, wenn diese hier praktisch erleben, dass man auch friedlich miteinander leben kann
    usw. usw.
    Es gibt also eine ganze Reihe von Gründen, warum die Aufnahme von Flüchtlingen positiv ist. Abgesehen davon würden diese Menschen auch kommen, wenn wir sie nicht willkommen heißen würden – denn sie haben kaum noch etwas zu verlieren.

  4. Wenn man die Radierung von 1775 mit heutigen Bildern vergleicht ..
    https://www.youtube.com/watch?v=fV9rhTBcP2U

    Unklar ist, welche unbewussten Motive hinter all den seltsamen Begebenheiten stehen, das macht einen ganz kirre. Die ganzen Diskussionsverbote und Tabus, wo man sieht wie sich die Herde einfach verrennt. Vermutet wird z.B., das die heutigen Frauen sehr unzufrieden sind (dummerweise gerade wegen dem Siegeszug des Feminismus) und daher jubelnd die fremden Männer am Bahnhof begrüßen (damit die den Feminismus wieder abschaffen).
    https://www.youtube.com/watch?v=cNLbpv9NGtw

    Insbesondere die gebildeten Frauen haben heute fast keine Kinder mehr. Wenn die ein totes Kind sehen, reagieren die entsprechend hochemotional darauf (es ist “ihr” Kind).

    Falls das alles mal kippt und sich die “Gegenseite” durchsetzen sollte, dann könnte es sogar soweit gehn, das man den Frauen die politische Mitsprache wieder wegnimmt.

    • Frau @Nein: Dass Sie es als Frau sehr stark begrüßen, dass männliche Zuwanderer ins Land kommen; damit endlich die Chance für Frauen steigt, einen brauchbaren Partner zu finden – ist ein interessanter Gesichtspunkt.
      (Über so ein ´Frauenproblem´ macht man sich als Mann normalerweise keine Gedanken)

  5. Ja, wenn Flüchtlinge hier positive Erfahrungen machen, etwas Lernen und später zurückkehren, können beide Seiten profitieren und kann sich sogar die Gesellschaft des Heimatslands transformieren.
    Allerdings könnte es so herauskommen das für die meisten eine Rückkehr für viele Jahre nicht mehr möglich wird. Es ist jedenfalls nicht absehbar wann in Syrien wieder Frieden einkehrt. 11 Millionen Syrer sind bereits vertrieben, 4 Millionen befinden sich Ausland und keine Besserung in Sicht.

  6. Ein Anfang wäre die Flüchtlinge Vertriebene zu nennen, um die Freiwilligkeit aus der Wanderung herauszunehmen. Desweiteren meinte ein Mensch im DLF, ohne die Konflikte vor Ort zu lösen, wären helfende Maßnahmen hier in Deutschleund ein Zeichen von Irrsinn. Auch könnte man die bereits existierenden Flüchtlingslager im Irak, Jordanien… finanziell unterstützen, dann müssten diese Menschen nicht noch weiter flüchten. Aber dann kann man ja in Deutschland nicht behaupten (Söder), das GG muss geändert werden für die neuen Herausforderungen. Schäuble hat mal gesagt, dass Krisen gut sind um Veränderungen herbeizuführen. Kalkül steckt bestimmt dahinter, aber ich glaube die billigen Arbeitsmigranten sind eher ein Nebeneffekt.

    • Andere Sicht:
      Statt von ‘Flüchtlingen’, ‘Armutsimmigranten’, ‘Invasoren’ oder schlicht illegal Einreisenden zu schreiben und zu sprechen, wäre es besser von Hinzugekommenen oder von Immigranten zu schreiben oder zu sprechen, wobei hier mit einem ‘potentiell’ adjektiviert werden darf, Asyl meint ja eigentlich Schutz vor anderweitig stattfindender Verfolgung, Asyl gilt generell schon als zeitlich gebunden.

      Ansonsten ist Intervention, das Fachwort, sollte sie monetär, sachlich oder milit. erfolgen, mögliche Varianten sind denkbar, auch die Bildung ist wichtig, ebenfalls problematisch, denn ein derart in Krisenregionen involvierter benevolenter Staat wird so zu einem Stakeholder oder Player, wird so auch politisch und inbesondere sittlich greifbar, in praxi zudem regelmäßig: parteiisch.

      Bei den letzten zwei Sätzen der Nachricht, auf die hier reagiert worden ist, ist Ihr Kommentatorenkollege “ganz bei Ihnen”.

      MFG
      Dr. W

  7. Die Hugenotten waren eben weder Asylanten noch Perspektivlose, sondern gefragte Wirtschaftskräfte. Die Flüchtlingswelle, die Deutschland nun erreicht besteht nicht nur aus Asylanten, sondern auch aus Perspektivlosen, die bisher in Flüchtlingslagern vor sich hinwarteten.
    Neu ist nun, dass man auch diese Perspektivlosen aufnehmen will. Nur muss man sich bewusst sein, dass es sehr viele Perspektivlose gibt, in Afrika wohl allein schon dutzende von Millionen. All diesen eine Perspektive zu geben, indem man sie nach Europa lässt oder holt, wäre etwas völlig Neues. Es kömmte sogar sinnvoll sein und weit mehr bewirken als alle Entwicklungshilfe. Nur muss man sich bewusst sein, was das bedeutet und dass das nur funktionieren kann, wenn man sich dazu bekennt und das auch will.

  8. Asyl, Kalkül mit den Hugenotten als Aufmacher zeigt exemplarisch die Begriffsverwirrung angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingswelle (die Begriffsverwirrung nicht nur der Autorin, sondern breiter Kreise der deutschen und europäischen Öffentlichkeit). Nicht nur die Autorin auch die weite Öffentlichkeit macht plötzlich – wohl angesichts des Flüchtlingelends – keine klare Unterscheidung mehr zwischen Migration wegen besseren Berufsaussichten, Migration aus Asylgründen und Migration um der Armut zu entweichen.
    Wenn wir von Flüchtlingen im ursprünglichen Sinne sprechen meint man klassischerweise Menschen die humanitärer Hilfe bedürfen, Menschen die an Leib und Leben bedroht sind. Für die Aufnahme solcher Menschen dürfen wirtschaftliche Überlegungen keine Rolle spielen. Die Autorin schreib dazu etwas, was in meinen Augen ziemlich unverständlich ist:

    Die Unabdingbarkeit des Rechts auf Asyl ist fundamental für eine humane Gesellschaft. Wenn über die positiven Auswirkungen der Flüchtlingsaufnahme kalkuliert wird, etwa im Hinblick auf Wirtschaftsentwicklung und Arbeitsmarkt (siehe dazu auch Michael Blume in seinem aktuellen Blogpost), dann sehen manche dieses Recht gefährdet.

    Jeder sollte (und wird wohl auch) das Asylrecht gefährdet sehen, wenn ein Asylant aus wirtschaftlichen Gründen nicht aufgenommen wird-. Nur sollte absolut klar sein: Ein Asylrecht erhält nur wer an Leib und Leben gefährdet ist, nicht aber wer an Armut oder Perspektivlosigkeit leidet. Deshalb gibt es meist nur wenig Asylanten oder aber es gibt vorübergehend viele Asylanten weil gerade ein Krieg oder Terrorregime herrscht, doch diese Asylanten müssen alle wieder zurückkehren wenn sich die Situation normalisiert.

    Doch es gibt neuerdings in bestimmten Kreisen eine Tendenz das Asylrecht neu zu sehen. Bei dieser neuen Sicht ist jede Beeinträchtigung des Wohlbefindens und der Lebensaussichten ein Grund für Asyl. Wer unter extremer Armut leidet soll nach dieser Sicht ebenfalls als Asylant aufgenommen werden. Wer in einem Flüchtlingslager ohne Perspektive seine Zeit absitzt soll Asyl erhalten auch wenn sein Leben nicht bedroht ist.

    Man muss sich bewusst sein, dass bei einer Ausdehnung der Asylgründe um die obengenannten Motive plötzlich hunderte von Millionen Menschen Recht auf Asyl, also das Recht auf ein Leben in Europa, Japan, Australien oder den USA, erhalten. Denn in vielen Gegenden der Welt ist das Leben schrecklich. Nur gelingt es den meisten hier in Europa das zu verdrängen und zu vergessen. Ein gutes Beispiel für diese Verdrängungsleistung ist der Aufschrei den ein totes Flüchtlingskind ausgelöst hat. Dabei werden in Syrien jeden Tag viele Kinder im Krieg getötet. Doch das kümmert viel weniger Menschen, weil der Krieg in Syrien für die meisten Europäer nur ein Hintergrundsrauschen in ihrem Dasein ist. Auch die Tatsache dass es vielen Menschen in vielen Teilen dieser Welt schlecht geht kümmert nur wenige. Erst wenn diese Menschen zu uns flüchten und sie auf unseren TV-Bildschirmen erscheinen und Diskussionen auslösen – erst dann werden sie hier auch von der breiten Öffenlichkeit wahrgenommen.Wenn das so ist und so bleibt muss man allen Menschen denen es irgendwo auf der Welt schlecht geht dringend raten, auf die Wanderschaft zu gehen und um Asyl zu ersuchen.

    Die Flüchtlingswelle stellt also an uns auch die Frage wie wir mit der Ungleichheit in der Welt umgehen. Viele Europäer – gerade auch Deutsche- sind sehr sensibilisiert für Fragen der Ungleichtheit. Allerdings nur wenn die Ungleichheit zwischen Ihnen und ihrem Nachbarn oder Ihnen und ihrem Vorgesetzten besteht. Viel weniger wenn es um die Ungleichheit zwischen Ihnen und einem Mensch in einem fernen Land geht.

    • Wo sehen Sie denn da die Begriffsverwirrung? Die Hugenotten waren Flüchtlinge – sie wurden in ihrer Heimat verfolgt und durften dort ihren Glauben nicht ausüben. Sie flohen nicht aus Armut – im Gegenteil, viele gehörten dem Adel und dem gehobenen Handwerkertum an (was sie ja auch so attraktiv für die aufnehmenden Länder machte).

      • Stimmt: die Hugenotten waren sowohl Flüchtlinge als auch begehrte Wirtschaftssubjekte. Wegen dem letzteren wurden sie andernorts willkommen geheissen. Eine ähnliche Situation gab es für die spanischen Juden, die 1492 aus Spanien (und später aus Portugal) vertrieben wurden und die ebenfalls mehrheitlich zur gebildeten Schicht in Spanien gehörten.

        In den meisten Fällen sind Flüchtlinge heute aber Menschen aus ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen und im Durchschnitt eher arm. Beim Flüchtlingsstatus spielen aber diese wirtschaftlichen Verhältnisse keine Rolle.

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