Alte Reben

Geschichte ist langweilig und hat vor allem mit Steinen, Knochen, Staub und vergilbtem Papier zu tun. Stimmt nicht. Ein paar sehr schöne Abende habe ich zum Beispiel aktuell mit dem Geschenk eines sehr lieben Menschen verbracht: Es waren einige Flaschen aus dem Projekt “Historische Reben”.

Ein Geobotaniker und ein Rebenzüchter haben sich zusammengetan und mehr als 300 alte Rebsorten aufgespürt, von denen 130 als schon ausgestorben galten. Mehr als 100 gefundene Rebsorten sind schon wieder ausgepflanzt und vermehrt worden. Sie tragen klingende Namen wie Gelber Kleinberger, Weißer Räuschling oder Blauer Kölner. Inzwischen werden einige der geretteten Reben zu Wein verarbeitet und sortenrein angeboten – ” Schmecken Sie Geschichte“, lautet ein Werbeslogan für das Projekt. Mit den Flaschen kommt zur jeweiligen Sorte eine umfangreiche Dokumentation ins Haus, die neben einer ampelographischen Sortenbeschreibung, Hinweisen zu Lageansprüchen und Eigenschaften auch eine akribische Beschäftigung mit der Herkunft und der historischen Verbreitung umfasst.

Den etymologischen und botanischen Argumentationen zu folgen war nicht erst nach dem zweiten Glas Wein zwar eher schwierig. Die häufige Verwendung von einschränkenden Vokabeln wie “vermutlich” oder “dürfte” signalisierte mir aber, dass man das Ganze nicht unbedingt als strenge Beweisführung ansehen, sondern auch einfach als überaus anregende Überlegungen nehmen darf.

Nicht nur die Römer

“Die Römer haben den Wein in unsere Region gebracht”. So fangen viele Texte an, die für deutsche Weinbauregionen werben. Das ist aber noch längst nicht alles, begreift man, wenn man anfängt, sich über die Geschichte der Rebsorten Gedanken zu machen. Außer mit den Römern, die den Wein natürlich auch nicht erfunden hatten, kam “der Wein” noch mehrfach auf anderen Wegen ins Land. Die ungeheure Vielfalt der Sorten, die es einst gab und die heute auf ungefähr 140 offiziell angebaute geschrumpft ist, bietet eine Möglichkeit, unser Geschichtsbild zu erweitern. Das ist der für mich faszinierende Ansatz des Projekts “Historische Rebsorten”. Mit dem Aufspüren alter Rebstöcke in vergessenen Weinbergen und deren Indentifikation findet man lebendige Zeugen lang zurückliegender Ereignisse. In Reaktion auf das verheerende Magdalenenhochwasser von 1342 zum Beispiel wurden Reben aus Albanien an die Loire gebracht, Handelsreisende und militärische Expeditionen nahmen Edelreiser mit ins Gepäck – und die Nachfahren kultivierten die neuen Sorten weiter.

Üblicherweise übrigens nicht, wie hierzulande heute besonders beliebt, in sortenreiner Monokultur, sondern in Weinbergen, die im gemischten Satz verschiedene Sorten kombinierten. So konnten totale Ernteausfälle vermieden werden – und zugleich erhielt jeder Weinberg durch die in ihm angebaute spezifische Mischung seinen unverwechselbaren Charakter.

Schon vor etwa 10 000 Jahren gab es die ersten von Menschen gezüchteten Reben im Gebiet des heutigen Georgiens und der Türkei. Die ersten Keltern wurden im Iran gefunden. Wie weit die Weinkultur in Deutschland schon vor den Römern gediehen war, ist nicht erforscht, bekannt ist aber, dass auch die Kelten schon Wein machten. Zumindest im Wallis und in Savoyen sind offenbar Samen von Kulturreben aus der Zeit um 1200 v. Chr. gefunden worden. Auf dem Gebiet der historischen Erforschung der Reben gibt es also noch viel zu tun!

Und heute?

Ganz gut dokumentiert ist dagegen der Niedergang der Sortenvielfalt in den letzten beiden Jahrhunderten. Im 19. Jahrhundert wurde dem europäischen Weinbau fast das Ende zuteil. Nach einer Mehltaukrise (ab 1845) kam die Reblauskrise (ab etwa 1865) – die eine einem Pilz, die andere einem Insekt zu verdanken. Beides wurde aus Nordamerika importiert. Während die dortigen (Wild-)Reben gegen beides weitgehend resistent geworden waren, waren die europäischen Reben dem neuen Feinden schutzlos ausgeliefert. Gekämpft wird gegen Mehltau und Läuse bis heute – mit chemischen Mitteln und der Verwendung von reblausresistenten amerikanische Rebensorten als Unterlage für die europäischen Sorten.

Die Nationalsozialisten wollten später alle nicht als rein deutsch empfundenen Sorten ausmerzen. Von Hunderten Rebsorten blieben knapp zwanzig erlaubt. Alle anderen sollten ausgemacht und ersetzt werden. Unter anderem Forderungen nach Rationalität und Ertragssicherheit führten in den folgenden Jahrzehnten dazu, dass heute 80 Prozent der Rebfläche mit nur noch 10 Weißwein- und Rotweinsorten bebaut werden.

Wie die Träne eines Sünders

Und weil es so schön ist, zum Schluss ein Werbetext aus dem 12. Jahrhundert, aus einem Drama des Dichters Jean de Bodel (1165-1209), in der ein Weinhändler ruft:

Wein gerade angesteckt,
Mit voller Kanne und vollem Faß,
Geschmackvoll, geschmeidig, fest und voll,
Schwungvoll wie ein Eichhorn im Wald
Ohne Spur von Schimmel oder Säure
Vergoren, kräftig, fest und munter
Klar wie die Träne eines Sünders
Die Zunge des Feinschmeckers streichelnd.

gefunden bei Raymond van Uytven, Der Geschmack am Wein im Mittelalter

So soll er sein, der Wein!

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Geschmackvoll, geschmeidig, fest und voll,
    Schwungvoll wie ein Eichhorn im Wald
    Ohne Spur von Schimmel oder Säure
    Vergoren, kräftig, fest und munter

    Tönt wirklich nach 12. Jahrhundert als ein Wein schon „durchging“, wenn er ohne Schimmel und Säure war. Immerhin erste Ansätze zu heutigen hymnischen Weinbeschreibungen finden sich, wobei das Wortbild „schwungvoll wie ein Eichhorn“ etwas gesucht erscheint und wohl nicht den Keim einer eigentlichen den Wein beschreibenden Sprache darstellt.

    Heute dagegen werden Wein-Erlebnisse in Worte wie diese gefasst:: «Dieser Rotwein ist unheimlich dunkel, beinahe schwarz, aber in der Nase überrascht er mit einer frischen Frucht, und am Gaumen ist er warm, beinahe süsslich, angenehm weich mit einer erfrischenden Säure. Ein harmonischer Wein, der mir sehr gefällt.»

    Frage: sind Weine von heute wirklich um so vieles besser wie die Worte, die man heute für das Degustationserlebnis verwendet, besser sind? Oder hat nur die Werbung und Werbesprache Fortschritte gemacht?

    • Frage: sind Weine von heute wirklich um so vieles besser wie die Worte, die man heute für das Degustationserlebnis verwendet, besser sind?

      Was es gibt, sind gute und nicht gute Weine, es gibt auch sehr gute Weine, was es nicht gibt, sind Weine, die sehr-sehr gut sind oder besser : “sein nur sollen”, hier spielt dann nur die Phantasie hinein.

      Ist nicht unähnlich wie bspw. mit der Schokolade, die sehr gut sein kann, aber nicht besser.
      Der Rest ist Marketing.

  2. Stellen wir uns ein abendliches Gelage im 12. Jahrhundert unter ein paar Freunden des Weins vor: Bei Paul hat der Wein schon ein paar Hemmungen abgebaut und seine Fantasie freigesetzt. Er sagt: „Wein trinken ist gut, es befreit meinen Geist. Ich stelle mir gerade vor, dass in einer besseren zukünftigen Welt ganz anderer, viel erhabenerer Wein ausgeschenkt wird“. „Ja“ , stimmt Xavier Arnaud ein. „In dieser besseren Zukunft wird der Wein in Glasflaschen kredenzt und wenn man ihn gegen das Licht hält sieht man die schönsten Farben“. Da kann auch Peter sich nicht mehr zurückhalten und er sagt: „Du meinst in Karaffen wird der Wein gefüllt, nicht mehr in die Steinkrüge und Schläuche aus denen wir ihn jetzt trinken?“. „Nein“, sagt Paul. „Jeder Liter Wein erhält eine einzelne Glasflasche.“
    „Du bist ja verrückt“, sagt Xavier. „Fehlt nur noch, dass jede Flasche ein eigenes Etikett erhält auf dem beispielsweise der Name ´Château Pétrus‘ steht.
    Bei Gott ich denke wir haben zu viel Wein getrunken, wir drehen langsam durch und träumen vom Jahr 2000. Ein bisschen Wein und schon hebt man ab und landet im Paradies!“

  3. Wein gedeiht nicht überall in der BRD gut, es geht hier auch um Klima und sog. Breitengrade, vergleiche bspw. hiermit :

    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Weinbau_im_Vereinigten_Königreich

    Verglichen werden darf auch so :

    -> https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1070875/umfrage/waermste-orte-in-deutschland-nach-durchschnittstemperatur/

    Wobei die Sommertemperaturen entscheidend sind, womöglich gibt es auch einen Weinäquator.

    In England ist sozusagen kein Römer dementsprechend happy geworden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  4. Zum Glück gibt es noch viele kleine Kellereien, deren Weine nicht in den Handel gelangen. Mir ist ein Rotwein aus dem Moseltal in Erinnerung, der wurde nur Hauswein genannt, das war mit der beste, den ich je getrunken habe. Nachkaufen konnte man ihn nicht. Wenn das Fass leer war, dann gab es den Wein nicht mehr.
    Was für eine Sorte das war ? Er war vollmundig wie ein Spätburgunder, schmeckte trotzdem anders , ich kann es nicht beschreiben. Höchstens als Geschenk des Himmels.

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