Flüchtlinge können studieren. Bei uns kostenfrei!

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Hilfsbereitschaft und Willkommenskultur angesichts der Ankunft hunderttausender Flüchtlinge sind derzeit an den deutschen Hochschulen mit Händen zu greifen. Es dürfte an nahezu jeder Hochschule mindestens eine studentische Gruppe zur Flüchtlingshilfe geben, die sich mit Sachspenden, Mentoring oder Spracherwerb befasst. Auch die Verwaltungen und das wissenschaftliche Personal starten Initiativen, die Angebote der Hochschule für Flüchtlinge ins Leben rufen.

Ein einfacher und unbürokratischer Weg, Flüchtlingen einen Zugang zu Hochschulen zu verschaffen, ist dabei der Gasthörerstatus. Dieser Status ermöglicht den Besuch von vielen Lehrveranstaltungen im Rahmen räumlicher Verhältnisse, ohne dass eine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur) nachgewiesen werden muss, zudem entfällt das aufwändige Bewerbungs- und Zulassungsverfahren, das für ausländische Studieninteressierte mit unzureichenden, fehlenden und nicht amtlich übersetzten Unterlagen, eine oft unüberwindliche Hürde darstellt.

Viele Hochschulen ebnen dabei den Weg für Flüchtlinge noch weiter, indem die Gebühren, die für den Gasthörerstatus entrichtet werden müssen, entfallen. Eine solche Regelung hat nun auch in dieser Woche der Senat der Hochschule Rhein-Waal, an der ich tätig bin, getroffen, was mich in besonderer Weise freut, denn die bisherigen Gebühren (100 EUR pro Semester) können abschreckend wirken.

 

Kostenfreier Start als Gasthörer

Um es deutlich zu sagen: Ein Gasthörerstatus erlaubt es nicht, akademische Grade zu erwerben. Es ist aber durchaus möglich, nach einer Phase als Gasthörer die Unterlagen zu vervollständigen und in ein reguläres Hochschulstudium zu wechseln, um Studienleistungen zu erwerben und einen Abschluss anzustreben.  Ein Studienabschluss steht bei der angepeilten Zielgruppe aber zunächst nicht im Vordergrund, denn es sollen niederschwellige Angebote geschaffen werden, um überhaupt eine Teilhabe am Lehrbetrieb einer Hochschule zu ermöglichen. Insbesondere für syrische Flüchtlinge, die aufgrund des Bürgerkrieges ein begonnenes Studium abbrechen mussten oder nach dem Schulabschluss kein Studium aufnehmen konnten, können eine Phase der Neuorientierung und das Hineinfinden in den deutschen Hochschulalltag hilfreich sein, auch wenn der Zugang zu Praktika und Laboren, die kapazitätsbeschränkt betrieben werden, eingeschränkt ist. Das breite Angebot von teilweise recht blumig betitelten Bachelorstudiengängen und der Massenbetrieb an den großen Hochschulen machen es bereits Bildungsinländern schwer, den richtigen Studienort und -gang für sich herauszufinden; dazu kommen noch die Sprachbarriere bei Flüchtlingen und eine meist fehlende Erfahrung mit deutscher Verwaltungskultur. Es wird in vielen Fällen Unterstützung von regulären Studierenden brauchen, bis eine Integration in das studentische Leben gelingt; die anhaltende Welle der Hilfsbereitschaft bei den Hochschulangehörigen und die tatkräftige Unterstützung durch studentische Initiativen könnten aber helfen, diese zu beschleunigen.

 

Studieren auf Englisch!

Es gibt an deutschen Hochschulen mittlerweile ein erhebliches Angebot an englischsprachigen Studiengängen! Zu den Vorreitern gehört die noch recht junge, staatliche Hochschule Rhein-Waal (mit Standorten in Kleve und Kamp-Lintfort in Nordrhein-Westfalen), die 25 Bachelor- und acht Masterstudiengänge in natur-, wirtschafts- und ingenieurwissenschaftlichen Fachgebieten sowie Sozial-, Gesellschafts- und Gesundheitswissenschaften anbietet, von denen die meisten (85%) vollständig in englischer Sprache gelehrt werden.  Flüchtlinge, die über ausreichende Englischkenntnisse verfügen, können somit einen Direkteinstieg vornehmen, sich über den Gasthörerstatus im fast gesamten Studienangebot orientieren und schließlich – Befähigung und Zugangsberechtigung vorausgesetzt – für einen Studiengang entscheiden, um einen Abschluss anzustreben. Mittlerweile gibt es auch ein beachtliches Angebot an Sprachkursen (darunter auch Deutsch) an den Hochschulen, so dass neben dem Studium Sprachkenntnisse vertieft werden können.

 

Ausreichende Kapazität?

Die Hochschulen gehen dabei nicht blauäugig vor. Planende und Lehrende wissen, dass die Aufnahme einer großen Zahl von zusätzlichen Studierenden Kapazitätsplanungen und Erweiterungen unumgänglich machen würde. Tatsächlich wissen wir derzeit nicht, ob das von uns als attraktiv eingeschätzte Angebot (englische Studiengänge, kostenfreier Gasthörerstatus für Flüchtlinge, Sprachkurszugang für Gasthörer) von einer nennenswerten Anzahl von Flüchtlingen angenommen werden wird. Zuwenig wissen wir auch über die Zahl und die Bildungshintergründe der eintreffenden Flüchtlinge im Einzugsbereich der Hochschulen. Mit dem kostenfreien Gasthörerstatus ist aber ein wichtiger Anfang gemacht – denn nun können Erfahrungen gesammelt werden. Spekulationen, wer bei uns welche Fachgebiete nachfragt, werden dann bald durch erste Statistiken abgelöst.

 

Marketing nicht vergessen!

Zur Planungsunsicherheit kommt noch ein banal anmutendes Problem: Die Flüchtlinge und viele, die mit Flüchtlingen zu tun haben, kennen unsere Hochschule und das englischsprachige Studienangebot nicht! Es muss der Zielgruppe aber bekannt sein, damit es nachgefragt werden kann. Daran werden die gegründeten Initiativen arbeiten; es werden aber auch Multiplikatoren außerhalb der Hochschule benötigt.

Das neue Studienjahr hat gerade begonnen; Vorlesungen starten bei uns am 28.09.2015. Der Zeitpunkt ist also sehr günstig: Wer einen Einstieg ins Studium finden möchte, sollte sich jetzt über erreichbare Hochschulen informieren und als Gasthörer einschreiben! Sagen Sie es bitte weiter, wenn Sie mit Flüchtlingen in Kontakt stehen.

iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft
iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft
Ulrich Greveler

”The purpose of computing is insight, not numbers.” (Richard Hamming) Ulrich Greveler studierte in Gießen Mathematik und Informatik, arbeitete sechs Jahre in der Industrie im In- und Ausland, bevor er als Wissenschaftler an die Ruhr-Universität nach Bochum wechselte. Seit 2006 lehrt er Informatik mit dem Schwerpunkt IT-Sicherheit an der Fachhochschule Münster (bis 03/2012) und der Hochschule Rhein-Waal (seit 03/2012). Sein besonderes Interesse gilt datenschutzfördernden Technologien und dem Spannungsverhältnis zwischen Privatsphäre und digitaler Vernetzung.

4 Kommentare

  1. Pingback:Warum nehmen die Golfstaaten kaum Flüchtlinge auf? Von Ölreichtum und Kälte › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  2. Gibt es einen Link zu den entsprechenden Hochschulen, die so etwas anbieten? Würde mich interessieren, welche Hochschulen da mitmachen und die Infos ggf. weitergeben!
    Ich frage mich, wie es mit dem Hochschulsport an den entsprechenden Universitäten ist? Ist es für die Flüchtlinge als Gasthörer möglich, an den Kursen, welche für Studierende kostenlos sind, teilzunehmen?

  3. Es gibt per Crowdfunding eine interessante Initiative für kostenfreie Bachelorstudiengänge für Flüchtlinge.

    Darüber hat die Welt berichtet: “Hier können Flüchtlinge gratis studieren”
    ahttp://m.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article146239389/Hier-koennten-Fluechtlinge-bald-gratis-studieren.html

    und hier findet Ihr die Crowdfunding Seite
    https://www.startnext.com/kironuniversity

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