Chemtrails über dem Osten, Bananen im Westen

Google Trends verrät, was Ost- und Westdeutsche beim Suchen unterscheidet

Jeden Tag verarbeitet Google Milliarden von Suchanfragen. Wonach und wo gesucht wird, stellt Google kostenfrei mit „Google Trends“ zur Verfügung. Dabei kann nicht nur herausgefunden werden, welche Themen im Augenblick an Aufmerksamkeit gewinnen (d. h. trenden), es stehen auch die gesammelten Suchanfragen der Vergangenheit zur Verfügung – und diese können von Datenenthusiasten nach Bundesländern oder Städten ausgewertet werden.

Dabei zeigt sich für viele verwendete Suchbegriffe eine erstaunlich hohe Trennschärfe zwischen alten und neuen Bundesländern. Auch 26 Jahre nach der Wiedervereinigung führt ein Bundesländer-Ranking von Suchbegriffen oft dazu, dass die fünf neuen Länder entweder die Liste anführen oder die letzten Plätze belegen. Berlin hat eine gewisse Sonderrolle: Es liegt zwar unzweifelhaft im Osten, war aber zu seinem größeren Anteil nicht Teil der ehemaligen DDR, zudem führt das großstädtische Milieu zu statistischen Effekten, die offenbar auch beim Suchen im Internet eine Rolle spielen.

Testen kann man die Qualität der lokalen Zuordnung von Suchbegriffen am besten mit regionsspezifischen Wörtern. So führt eine Auswertung von „broiler“ erwartungsgemäß zu einem Ranking, in dem die fünf neuen Länder vorne liegen. Der Begriff für Brathähnchen hatte sich seinerzeit in der DDR durchgesetzt, blieb aber im Westen eine Ausnahmebezeichnung. Bei allen folgenden Begriffen wurde eine Auswertung der letzten fünf Jahre vorgenommen, um eine breite Datenbasis zu erhalten. Datenbankstand der Erhebung ist der 23.10.2016. Google Trends wertet dabei den Anteil des Suchbegriffs an allen Suchanfragen aus, so dass die Größe der Bevölkerung eines Landes bzw. die Zahl der Internetnutzer keine Rolle spielt.

chemtrails

Suchbegriff „chemtrails“. Quelle: Google Trends 23.10.2016.

Bei Suchbegriffen, die einen Bezug zur wirtschaftlichen Situation haben, zeigt sich die unterschiedliche Situation zwischen Westen Osten mit hoher Trennschärfe: Der Suchbegriff „hartz 4“ listet beispielsweise auf den ersten sechs Plätzen ostdeutsche Länder (Berlin eingeschlossen) auf, danach folgen die zehn westdeutschen Länder. Nur bei einer Auswertung nach Städten zeigt sich die gesamtdeutsche Vielfalt: Hier ist das westdeutsche Gelsenkirchen auf Platz 1, gefolgt von Halle (Saale), Magdeburg und Leipzig.

cabrio

Suchbegriff „cabrio“. Quelle: Google Trends 23.10.2016.

Auch die Suche nach „afd“ trennt Osten und Westen: Der Begriff wurde in den sechs ostdeutschen Ländern in den letzten fünf Jahren häufiger gesucht als in den zehn westdeutschen. Umgekehrt sind die Suchbegriffe „aktienkurse“, „aldi“, „cabrio“ aber auch „bananen“ im Westen häufiger, hier landen die sechs ostdeutschen Länder auf den Plätzen elf bis 16. Dies mag man bei „aldi“ mit der Verbreitung der Filialen erklären, warum aber „bananen“ im Westen trennscharf stärker gesucht werden, muss die Soziologie wohl noch aufklären.  Ebenso dürfte für viele überraschend sein, dass das Verschwörungsthema „chemtrails“ in den sechs Ländern im Osten beliebt ist, während „übergewicht“ ein Thema für den Westen ist – letzteres mit einer Ausnahme: In Bayern beschäftigt man sich damit vergleichsweise selten.

vegan

Suchbegriff „vegan“. Quelle: Google Trends 23.10.2016.

Die besondere Rolle Berlins macht sich bei Suchbegriffen bemerkbar, bei denen im Osten vergleichsweise wenig Interesse herrscht, Berlin aber abweichend davon weit vorne landet. Dazu gehören beispielsweise „porto“, „islam“, „iphone“, „zigarren“ und „vegan“. Der Begriff „vegan“ wird von Berlinern am häufigsten gegoogelt, während die fünf neuen Länder auf den letzten Plätzen zwölf bis 16 landen.

Eine nicht perfekte aber noch immer deutliche Trennung zwischen Ost und West liefern die Suchbegriffe „studienplatz“, „donald trump“, „porsche“ und „akupunktur“, bei denen der Westen deutlich vorne liegt, während der Osten die Listen bei „wissenschaft“, „einschulung“, „judentum“ und „star trek“ anführt. Beim letzten Begriff ist das Land Bremen der Ausreißer: Hier ist das Interesse an „star trek“ ebenso groß wie in Ostdeutschland. Aber bitte fragen Sie mich nicht, warum das so ist.

Fairerweise muss man aber auch feststellen, dass es beliebte Suchbegriffe gibt, die keine Trennung zwischen Osten und Westen widerspiegeln. So wird eine Suche nach „klimawandel“ vor allem in nördlichen Regionen durchgeführt, was vielleicht mit der natürlichen Angst des Norddeutschen vor Überflutung zusammenhängt. Aber auch „putin“, „opel“, „impfen“, „christentum“, „atheismus“, „ikea“, „anwalt“, „lidl“, „flüchtlinge“, „fkk“ oder „bundespräsident“ weisen keine bedeutende Trennschärfe zwischen Osten und Westen auf. Es wuchs vielleicht doch mehr zusammen, was zusammengehörte.

 

”The purpose of computing is insight, not numbers.” (Richard Hamming) Ulrich Greveler studierte in Gießen Mathematik und Informatik, arbeitete sechs Jahre in der Industrie im In- und Ausland, bevor er als Wissenschaftler an die Ruhr-Universität nach Bochum wechselte. Seit 2006 lehrt er Informatik mit dem Schwerpunkt IT-Sicherheit an der Fachhochschule Münster (bis 03/2012) und der Hochschule Rhein-Waal (seit 03/2012). Sein besonderes Interesse gilt datenschutzfördernden Technologien und dem Spannungsverhältnis zwischen Privatsphäre und digitaler Vernetzung.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat:

    Aber bitte fragen Sie mich nicht, warum das so ist.

    Das Warum ist aber gerade das Interessante. Und ich bin überzeugt, das Warum ist in den meisten Fällen gar nicht so schwierig zu eruieren.
    Meine generellen Thesen zur Beliebtheit von Begriffen sind folgende:
    1) Die Vertrautheit von Begriffen und die Häufigkeit des Gebrauchs korreliert stark mit der Diskussionskultur in der Region in der sie verwendet werden und ist von Aktualität und Mittellebigkeit bestimmt. Beispiel: In Bremen wird häufig nach Star-Trek gesucht. Warum? Vielleicht weil in Bremen gar ein Universitätsprofessor Star Trek zum Thema gemacht hat wie uns der Artikel Wieviel Star Trek ist machbar? zeigt. Dass in Berlin die Begriffe Islam und vor allem vegan am häufigsten gegoogelt werden erklärt sich von selbst, denn wo gibt es am meisten vegane Restaurants – in Grossstäden wie in Berlin und wo wird am meisten in Öffentlichkeit und Politik über den Islam diskutiert: in Berlin.
    2) Die Häufigkeit bestimmter Begriffe und Phänome korreliert auch mit dem Milieu, das eine Region bestimmt. Mit Milieu meine ich eine langfristig stabile Kultur. Bayern hat ein anderes Milieu als Thüringen. Beispiel: Im Osten sind Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungsglauben deutlich stärker verwurzelt als im Westen. Das ist ein Allgemeinplatz – nur stimmt der leider. Chemtrails gehören deswegen in den Osten, denn wie gesagt: Verschwörungsglauben und Fremdenfeindlichkeit haben enge Beziehungen zueinandern. Deshalb kommt beides im Osten mehr vor.

    Mit meinen beiden Thesen kann man die meisten der oben genannten Häufigkeitsunterschiede erklären. Warum wird Kliamwandel im Norden mehr gesucht als im Süden? Weil es im Norden bekannte Institute gibt, die sich mit Klimawandel beschäftigen. Hamburg, aber auch Potsdam und weitere Nord-Städte haben bekannte Institute, die sich mit Klimawandel beschäftigen. Und diese Institute gelangen auch an die Öffentlichkeit und werden von ihrer Umgebungsregion stärker wahrgenommen als von Restdeutschland.
    Warum aber wird nach Klimawandel

  2. Es wuchs vielleicht doch mehr zusammen, was zusammengehörte.

    Alternativ wuchs das zusammen, was zusammengehörte, Willy Brandt hat’s so formuliert, was nicht falsch gewesen sein muss.
    Anderswo konnte sich im multikulturalistischen Sinne getrennt werden. sogar so:
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechoslowakei#Tschechische_und_Slowakische_F.C3.B6derative_Republik_.281990.E2.80.931992.29

    Opi W war dabei und hat gelernt oder meint gelernt zu haben, dass bestimmter Verbund nicht existieren kann.
    (Witzig heutzutage, dass die Slowakei in dem €-System drinsitzt und andere nicht, Opi W erfreut sich heutzutage an, insbesondere auf Kostenbasis der BRD errichteten Infrastruktureinrichtungen, ohne am Leidensverbund, auch steuerlich, mitzuwirken.)

    Blöd müssen die Leutz im Osten, streng genommen liegt hier kein Osteuropa vor, die Tschechei [1] ist z.B. sozusagen klassisches Mitteleuropa (der Schreiber dieser Zeilen ist sich vglw. sicher, dass sich dort gerade die Besten der Besten der Besten zusammengefunden haben), äh, war er stehengeblieben?, nicht sein.


    Wer die genauen Unterschiede zwischen West- und Ost-europäischer Sicht erklärt werden will, wendet sich gerne an Opi Webbaer – oder vertraut anderweitiger Nachricht. [2]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    ‚Tschechei‘ wäre sprachlich korrekt, vgl. ‚Česko‘, hier gerne selbst recherchieren, wäre d-sprachig korrekt.
    ‚Tschechien‘ wäre ein Konstrukt, witzigerweise vom bundesdeutschen SPIEGEL promoviert, das sprachlich unzureichend ist.
    (Bei besonderem Bedarf wird Dr. W hier noch erklärend.)

    [2]
    Good Luck!

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