Wo Alpaka und Lama sich gute Nacht sagen

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Himmel, wann war ich zuletzt an einem Ort, wo nur der Wind zu hören war? Ewig her. Hier im “Reserva Nacional Salinas y Aguada Blanca” ist in 4300 Meter Höhe nur er zu vernehmen. Der Wind wuschelt die Büschel der Salzgräser in dieser hochandinen Steppe, er streicht den Alpakas und Lamas durchs Fell und sträubt den fast unwirklich rosafarbenen Flamingos das Gefieder. Ja, auch die gibt es hier am Salzsee. Sie machen auf dem Weg von und nach Afrika Station. Drumherum erheben sich noch ein Stockwerk höher die 6000-Meter-Vulkane. Einer davon spuckt Rauchwolken in das weiß-blaue Oben.

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Gut, dass hier die Natur das Sagen hat. Auch wenn die Borax-Gewinnung den Nationalparkcharakter schwer beschädigen. Uneigennützig war es nicht, die fast 370.000 Hektar unter Schutz zu stellen. Denn die Wolken, die an den Vulkanen hängen bleiben und abregnen, speisen das Trinkwasser im 65 Kilometer entfernten Arequipa, das sonst schnell auf dem Trockenen säße, und sie sorgen für Strom.

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Mehr als 3,5 Stunden lang rumpelt, ruckelt und schaukelt der Allrad-Bus die 2000 Höhenmeter von Arequipa hinauf. Auf dem Dach außer Rucksäcken und Koffer, jede Menge Lebensmittel und Baumaterialien. “Frío, mucho frío” (kalt, richtig kalt) haben alle uns eingeschärft, als sie erfuhren, dass wir mit Zelt unterwegs sind. Dort oben, murmeln sie leise, als sei dort der Teufel daheim, ist es nicht gut zu sein. Alle mummeln sich ein bis unter die Ohren und tragen den Sombrero über Kapuzen. Also wanderen die Snowboardjacke, der Alpakaschal, die Handschuhe sowie die Isomatte ins Gepäck und die gerade als Geschenk eingetroffene Fleecejacke und Thermounterwäsche noch dazu, ebenso wie die solar betriebene Taschenlampe: Expeditionsgefühle.

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Salinas Huito heißt das vielleicht 60 Häuser umfassende Nest. Für Strom sorgt ein Solarkraftwerk, die Straße ist breit, braun und staubig und alles wirkt im rauen Wind ungemein trostlos. Dass hier Armut herrscht, ist mit Händen zu greifen. Kinder laufen barfuß oder mit zerissenen Schuhen herum und wollen neugierig wissen, was Fremde in ihr verlassenes Dorf treibt. Ein Lokal gibt es nichts, auch keine Übernachtungsmöglichkeit, dafür zumindest eine Schule und ein Gemeindegebäude, in dem auch die Lehrerin wohnt. Ein kleiner Laden sorgt für eine Einkaufsmöglichkeit, davon leben kann man nicht. Der Mann der Eignerin baut Häuser in der Stadt. Die Kinder arbeiten dort, die Enkel leben bei der Oma. Mit viel Überredungskunst bekommen wir zum Kaffeepulver und Teebeutel auch ein bisschen heißes Wasser, freundlich ist das alles nicht. Wir wirken seltsam. Gringos, die doch eigentlich Geld haben müssten, und freiwillig draußen schlafen.

Das Zelt wird gleich neben dem protzigen Nationalparkgebäude aufgebaut, das bei aller Größe sehr unfertig wirkt. Um sechs Uhr abends ist es hier dunkel. Schon Stunden zuvor wirkt alles ausgestorben. Die Nacht wird eisig. Trotz aller Vorkehrungen und meinem Schlafsack “Lady Edition” mit Fleece an Zehen und um den Bauch, ist an Schlaf kaum zu denken. Meine Hüften finden, dass der Boden zu hart ist, mein Po ist der gleichen Ansicht und der Wind zerrt unerbittlich am Zelt. Die Dorfhunde finden das alles spannend und umschnuffeln das fremde Objekt mit den merkwürdigen Gestalten darin. Einmal glaube ich, Schritte zu hören und schrecke auf. Aber es ist wohl nur der immer wieder auflebende Wind.

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Um fünf Uhr morgens ist die Nacht im überfrorenen Zelt zu Ende und die Höhe fordert ihren Tribut. Ein leichter Druck im Kopf ist normal, ein bisschen Schwindel, Schlafschwierigkeit und Atemnot auch, aber das Trinkverhalten verändert sich ebenso. Alles fühlt sich ausgetrocknet an, man müsste literweise trinken, aber der Mangosaft ist gefroren und der Kreislauf ist auch nicht begeistert. Doch der Blick vom Hügel über den Salzsee entschädigt für alles. Die Sonne blitzt hinter dem Vulkan hervor und taucht die Szenerie in ein frühes Morgenlicht. Der Wind hat sich gelegt und die ersten Herden werden auf die Salzwiesen hinausgetrieben. Zeit, sich aufzumachen, die Stille zu genießen und sich den eigenen Beinen zu überlassen.

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Für die Andenkamele ist es ein Traumleben und das strahlen sie auch aus. Neugierig sind sie und gleichzeitig entzückend zurückhaltend. Manche hüpfen munter herum, andere gucken von der Ferne und wieder andere inspizieren die Fremden fast mit ihren Nüstern. Auch die beiden schwarzen Hunde aus Salinas Huito, die sich mit auf den Sonntagsspaziergang gemacht haben, schrecken sie nicht. Manchmal stäubt ein Alpaka mit fliegendem Fell übermütig davon. Alles läuft geräuschlos, bis auf die kleinen Blechglöckchen, die einige von ihnen tragen, ist nichts zu hören. Doch dann, als wir an einem Zaun, hinter dem sich die rehartigen Vikunjas verbergen, vorbeikommen, vernehmen wir ihre Laute. Fast wie Vogelgezwitscher hört sich das an. Es passt wunderbar zur sonstigen Stille.

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Schnell steigen die Temperaturen auf etwa 20 Grad Celsius an. Die Sonnenmilch kommt zum Einsatz. Lichtschutzfaktor 55, ich habe vom Titicacasee gelernt. In mir breitet sich die Ruhe dieser Landschaft aus, während die Strahlen mich wärmen. Jetzt Gesicht und Hände in einem vom Berg kommenden Bach zu waschen, ist pure Freude. Die Seele schwingt sich ein in die Ewigkeit von Wind, Bergen und Wasser.

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Diese geduldige Gelassenheit, die mir an mir noch ein wenig fremd ist, kann ich auf der Rückfahrt gut gebrauchen. Der Überlandbus ist brechend voll und die letzten Plätze sind vorne neben dem Fahrer auf einer dreckigen Plattform gleich neben dem Schalthebel. Der Riss in der Scheibe juckt mich schon nicht mehr. Ebensowenig wie der Umstand, dass weder Tempo- noch Temperaturanzeige funktionieren. Doch mein von der Nacht malträtierter Rücken findet die Lage bedenklich, meine Beine drohen zu krampfen. Dazu kommt noch, dass meine Augen gar nicht so genau wissen möchte, wie genau der Bus über die Sand- und Steinpiste am Abgrund hinabschaukelt. Gewiss, der Fahrer hat Familie und will auch heil ankommen, doch wer checkt eigentlich die Bremsen, wenn es keinen TÜV gibt? Nach zweieinhalb Stunden ist es geschafft. Arequipa hat die Reisenden wieder. Die Heimfahrt im Sammelbus fällt allerdings aus. Die beiden großen Deutschen mit schmutzigen und fast ebenso gigantischen Rucksäcken sind keine begehrte Fracht.

 

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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