Was ist in Bolivien anders als in Peru?

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Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

„Was ist denn anders in Bolivien als in Peru?“ Schwierige Frage. Seit knapp einer Woche sind wir, meine Reisegefährtinnen Anja und Nicola (links und rechts unten) sowie ich in diesem südamerikanischen Land, das drei Mal so groß wie die Deutschland ist, aber lediglich knapp zehn Millionen Einwohner hat. Erlebt haben wir bislang den Ferienort Copacabana am Titicacasee und nun La Paz und El Alto. Der Regierungssitz (Sucre ist die offizielle Hauptstadt) liegt in einer spektakulären Berglandschaft, die im Verkehr komplett versinken würde, wenn nicht Seilbahnen als Nahverkehrsmittel für ein wenig Entlastung sorgen würden. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung Boliviens gehört den indigenen Bevölkerungsgruppen Quechua und Aymara an. Die Einwohnerschaft ist jung und kann auf eine Lebenserwartung von rund 65 Jahren hoffen – Tendenz steigend.

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Doch auch die Probleme sind groß. Noch immer sind mehr als zehn Prozent der Erwachsenen Analphabeten. Obwohl die medizinische Versorgung bis 21 Jahren kostenlos ist, lässt sie auf dem Land schwer zu wünschen übrig. Die Aids-Rate steigt dramatisch an unter jungen Menschen. Malaria, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten sind weit verbreitet. Nur 30 Prozent der Landbevölkerung hat sauberes Trinkwasser. Der Mindestlohn liegt bei 1660 Bolivianos (durch etwa sieben teilen, um auf den Eurobetrag zu kommen). Das ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig, sagen die Bolivianer.

Doch die Menschen kommen uns weniger reserviert vor als in Peru. Ob wir Unterstützung beim Ohrenarzt brauchen, bei der Suche nach einer Internetverbindung oder nach der richtigen Haltestelle zum Aussteigen, wir bekommen umsichtige Hilfe und die Leute erkundigen sich, wo diese drei Frauen herkommen und wo sie hinwollen.

Ähnlich wie die Peruaner hegen auch die Bolivianer eine große Skepsis gegenüber der politischen Klasse, aber sie lieben und verehren ihren sozialistischen Präsidenten, der sie nun schon in der dritten Periode regiert (auch wenn er dafür die Verfassung kräftig uminterpretieren und sogar das Land umbenennen musste).

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Evo Morales, ehemaliger Cocabauer und Gewerkschafter, hat das Gesundheitssystem und die Schulen verbessert, für Lohnsteigerungen gesorgt und vor allem den USA immer wieder die Stirn geboten. Doch die Kluft zwischen Armen und Reichen ist riesig und die Landflucht gravierend, so dass El Alto aus allen Nähten zu platzen droht.

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Ähnlich wie sein Volk hat auch Evo Morales keine Probleme, verschiedenste Dinge unter einen Hut zu bringen und hat eine gewisse Neigung zur Skurrilität. Der christliche Glaube, die Naturreligion und der traditionelle Schöpferglaube vereinen sich nicht nur an der Fassade der wunderschönen Kirche San Francisco in La Paz aufs Trefflichste (in der Mitte eine vollbusige Frau, die gebärt). Noch heute muss, wer Pachamama (Mutter Erde) nicht ernsthaft verärgern und die Stabilität von Haus und Familie gefährden will, an allen vier Ecken eines Gebäudes einen Alpakafötus einmauern.

Wer den Kalvarienberg von Copacabana besteigt, glaubt sich in einem Spielwarenladen. Kleine Autos, Bagger, Häuser, Laden, männliche und weibliche Püppchen und vieles mehr. Die werden von Schamanen an heiliger Stätte hingegeben, um genau diese Gabe im wirklichen Leben zu bekommen. Natürlich hat auch der Präsident seinen eigenen, gut bezahlten Hexenmeister.

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Ganz bestimmt gibt es die Zauberer auch in der Gefängnisstadt San Pedro inmitten von La Paz, bis vor einigen Jahren eine der Touristenattraktionen in der Stadt. Heute ist deren Zugang offiziell verboten. Etwa 2500, männliche Gefangene leben in dieser Stadt in der Stadt, die einen ganzen Straßenblock umfasst. Die Anlage steht unter Selbstverwaltung. Wachpersonal gibt es nur am Eingang. Dafür dürfen Familienangehörige hinein, um die Gefangenen zu versorgen und dort zu übernachten. Die Kinder werden von den Wächtern morgens in eine nahe gelegene Schule eskortiert.

Es herrscht eine strenge Hierarchie in San Pedro. Wer eine Frau vergewaltigt, liegt am nächsten Morgen tot in einem der Höfe. Jeder Insasse bekommt vom Staat monatlich umgerechnet etwa zehn Euro. Wer über mehr Geld verfügt, weil er beispielsweise als Drogenboss immer noch bester Kontakte nach draußen hat, verfügt über deutlich mehr Komfort bis hin zu Internet, Flachbildfernseher und Pool. Es gibt kleine Geschäfte, Restaurants, Kneipen, Schuhputzer und Waschmänner. Obwohl es vergleichsweise einfach wäre, ist Flucht keine sonderlich gute Idee. Die Gefängnisbosse lassen den Flüchtling nämlich draußen suchen und meistens umbringen. Rund um San Pedro gelten eigene Gesetze. Das dient nicht unbedingt der Resozialisierung, wird von den Menschen aber als so erfolgreich betrachtet, dass ähnliche Einrichtungen in Cochabamba und Mexiko gegründet wurden.

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Die Uhren gehen anders in Bolivien – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Da sich die Aymara, die Bevölkerungsgruppe aus der Präsident Evo Morales stammt, seit jeher an der Sonne zur Zeitbestimmung orientierten und deren Verlauf in Bolivien ja anders ist als beispielsweise in Spanien (stimmt das, ihr Himmelskundler?), ließ der am Kongressgebäude die Uhr in einer Nacht- und Nebelaktion einfach anders herum gehen.

Bolivien ist besonders, so viel steht fest. Auch wenn die Straßenkinder und Familien in elendigen Verhältnissen, um die sich die Stiftung Arco Iris, bei der wir zu Gast sein dürfen, kümmert, davon nicht viel haben. Doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Genau so wie “Mí Teléferico”, die Seilbahn aus österreichischer Herstellung, die mit drei Linien den Verkehr entlastet. Sechs weitere sollen folgen. Während Nicola und Anja die Fahrten tags und nachts einfach nur begeistert genießen, macht sich in meinem Magen Flauheit breit. Gewitterstürme sind häufig in La Paz, dann schwankt die Seilbahn ganz schön und meine Unempfindlichkeit gegen die Höhe hat sich anscheinend auf dem Chachani erschöpft. Aber es gibt keinen besseren Ort in dieser zweigeteilten Stadt als eine Kabine in der Seilbahn, um mit wildfremden Menschen ins Gespräch zu kommen.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

6 Kommentare

  1. Liebe Kirsten, was Du für fantastische Erfahrung zusammen mit so interessante Menschen in Bolivien erlebst ist einfach großartig! Bolivien ist eine meine lieblings Land und sooo ähnlich wie Perú, wie Du auf den Titel schreibst, gibt es kaum Unterschied zwischen den bieden Länder. Schreibt weiter, deine Berichte sind EXCELENTES!!!

  2. Liebe Kirsten, da, wie Du weißt, mein Bruder und seine jungen Familien in La Paz leben und ich seit 1975 ein paar mal drüben war, lese ich Deine Nachricht mit besonderem Interesse.
    Du hast einiges Wesentliches recht schnell erfasst. Aber zu einzelnen Punkten, bei denen Dich wohl der “Hexer-Blitz” gestreift hat, erlaube ich mir Bemerkungen aus meiner Kenntnis.
    1. Kein Rentensystem: 2010 wurde das Jahrzehnte lang im Besitz europäischer Banken befindliche und ineffektive System verstaatlicht, gesichert und das Rentenalter auf 58 (!) herabgesetzt.
    2. Menschenopfer: Dass Llamaföten bis heute in Fundamente eingemauert werden “müsen”, ist Faktum. Von eingemauerten Menschen habe ich aber in all den Jahrzehnten nix gehört.
    3. Hexenmeister: Drei Bücher über die “Curanderos” (= Heiler) stehen bei mir im Regal, keine Silbe darin über Deinen “Blitz”. Sie wenden bei ihren Ritualen (oft für Trauernde) seit den Zeiten vor der Coquista eine Mischung aus Naturmedizin, seelischem Beistand und Beschwörungen (heute inklusive christlicher Gebetformeln) an. Natürlich gibt es zunehmend Scharlatane, die ihre Show am liebsten vor den Kameras der kurzamtmigen Touris in La Paz abziehen.
    4. Unfertige Häuser: Tatsächlich ist es üblich, das Grundstück (oft nur ein “Standbein” vom Land her in der Stadt) in Etappen zu bebauen, wie eben Geld vorhanden ist oder die steigende Personenzahl es erfodert. Die Steuergründe hast Du wohl aus den Mittelmeerländern im Hinterkopf.
    5. La Carcel San Pedro: Es ist wohl tatsächlich eines der merkwürdigsten Gefängnisse der Welt mit derzeit etwa 1500 “Insassen” + wechselnden Familienangehörigen. Von “ehemaligem Kloster” habe ich aber in keiner der zahlreichen Veröffentlichungen was gefunden. Die sehr hohen Mauern, die Gesamtanlage samt fehlendem Hinweis auf Kreuzgang und Kirche sprechen dagegen.
    Bin gespannt auf Deinen nächsten Bericht.
    Wünsche Dir erkenntnisreiche Resttage in Bolivien
    und grüße Dich herzlich auch im Namen meiner Frau
    Karl Kopp

  3. Hallo Frau Baumbusch. Ich habe mich gefreut als ich diese Bolg gefunden habe. Es gibt nich viel information in Deutsch über Bolivien ins Netz. Sogar die Unstimmigkeiten waren ok. Ich meine wie kann man erwarten das jemand die das Land nicht gut kennt richtig liegt bei allen Fakten. Aber dann lies ich die folgende Satz: “Bis in die 1970er Jahre soll es bei großen Wolkenkratzern sogar Menschenopfer gegeben haben, die lebendig eingemauert wurden.” Das macht mich sprachlos. Ich kann es nur mir so erklären, das Sie einfach so wiederholen was Leute in Ihre Reise ihnen erzählen. Aber das ist nicht in ordnung. Ich wurde Sie dringend bitten das Sie sich in solche Fällen genauer informieren. Ich meine, Sie reden von der 70er Jahre sogar! und nicht von Vorkoloniale Zeiten. Bitte! Seien Sie bewusst das JEDER kann diese Blog lesen und außerdem was Sie schreiben für wahr halten. In dem Sinne verbreiten Sie eine falsche Idee von Bolivien. Was ich glauben mag, das wäre genau das gegenteil, oder, habe ich falsch verstanden?

  4. Ich habe den Bericht entsprechend der beiden Anmerkungen oben geändert. Zwar schienen mir die Quellen seriös, aber ich kann das von hier aus wegen der schlechten Internetverbindungen nicht wirklich verifizieren und so sind sie einem Bild dieses faszinierenden Landes eher abträglich, deswegen, raus damit!

    • Ich höre die Geschichten über die gestorbenen Betrunkenen, die im Fundament eingemauert werden, in La Paz auch ständig. Anscheinend gibt es einen Film darüber, “Cementerio de Elefantantes”, aber ich fand schon den Trailer so grausam, dass ich mir den ganzen Film nicht zumuten will.

  5. Nachdem ich in Peru und Bolivien gelebt habe, wurde mir diese Frage auch oft gestellt. In meiner Erfahrung könnten die Unterschiede nicht größer sein:
    Bolivien ist freundlich, herzlich, humorvoll und ich werde als Mensch sofort aufgenommen. Peru ist oberflächlich, nationalistisch und ich werde nur als Kunde gesehen. Wenn die Leute merken, dass ich nicht viel Geld habe, bin ich in Peru unten durch.

    Ich habe die Unterschiede zwischen den beiden Ländern mal anhand der E-Mails, die ich jeweils in den ersten Tagen erhielt, illustriert:
    https://andreas-moser.blog/2017/04/11/unterschied-peru-bolivien/

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