Wanderslust und Einkaufsfreude

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Was hilft neben dem Zuspruch lieber Menschen gegen Frust am besten? Wandern in frischer Natur und einkaufen. Beides habe ich zur Aufhellung meines Gemütszustandes gemacht – und es hat gewirkt. Danke der Nachfrage, der Sabbatical-Blues macht sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Acker. Im ländlichen Sabandía, etwa eine halbe Autostunde von der trubeligen Arequipa-Innenstadt entfernt, hat sich sogar ein besonders wuscheliges Alpaka um gute Stimmung bemüht und meine Kamera fachkundig inspiziert.

IMG_4060-1Die intensive Sonne sowie der Fußmarsch durch das grüne Flusstal mit Blick auf die Vulkane haben dann das Übrige erledigt, um sich von Kopf bis Fuß in sich selbst zuhause zu fühlen (Foto 1 und 3 von Dennis Beckmann). Ich habe wieder Boden unter den Beinen und der Weg in eine gelingende Auszeit ist wieder in Angriff genommen.

P1020198IMG_4070-1Damit kommen wir schon zu einem weiteren, lebenswichtigen Thema, der Nahrungsaufnahme nämlich. Ist es die lichte Höhe, in der Arequipa liegt? Der morgendliche Lauf und das verbrauchte Hirnschmalz beim Spanischlernen? Oder einfach nur die ballaststoffreiche Andenküche? Keine Ahnung, aber Fakt ist: Ich habe eigentlich immer Hunger. Das ist für eine Vegetarierin nicht erstaunlich. Denn, was für die Carnivoren ein saftiges 200 Gramm schweres Steak ist, passt für den Veggie kaum auf den Teller.

Schon immer waren meine Mitmenschen erstaunt, was für riesige Mengen in mich hineinpassen. Und es stimmt schon, eigentlich bin ich wie ein Kaninchen unentwegt am Mümmeln. Äpfel, Müsli, Obst aller Art, Karotten und Gemüse, dazu noch Salat in vielen Variationen, aber auch Reis, Nudeln, Kartoffeln und Brot. All das gibt es in Leonors Küche auch. Nur Milchprodukte kaum. Die sind wie Drogerieartikel, Kaffee, Bier und Schokolade pure Luxusware und für den normalen Peruaner unerschwinglich. Das ist nicht so schlimm, denn die Meisten vertragen sie ohnehin nicht besonders gut. Aber uns fehlen sie. Der einzige Käse, der noch halbwegs preiswert ist, erinnert mich an türkischen Helim oder griechischen Haloumi und findet seine wahre Berufung, wenn er gebraten auf dem Teller liegt. Ansonsten schmeckt er vor allem salzig.

Also ist die Küche für mich quasi vegan. Für das Frühstück habe ich Sojamilch entdeckt und fühle mich eigentlich ganz wohl. Nur die riesigen Körner des Choclo-Maises, die vielen Bohnen jeglicher Art und das nur leicht gedünstete Gemüse stellen selbst meinen Magen- und Darmtrakt vor hohe Herausforderungen, der trotzdem oft mit einem leichten Hungergefühl einher geht. Kein Wunder also, dass ich das Angebot, als eine Art Lastenträgerin mit zum Einkaufen zu kommen, nicht ausschlagen kann. Leonor geht auf den Markt. Nicht, weil das wieder schick geworden ist, sondern aus purer Notwendigkeit. Supermärkte sind fast nur für Wohlhabende. Karotten für einen Soles (30 Euro-Cent), das Kilo Äpfel für zwei Soles, die Habas (eine Art Saubohnen) kosten das Gleiche und auch der Quinoa (dazu demnächst mehr) ist hier billiger zu haben.

P1020326P1020332Die Waren sind knackfrisch und werden trotzdem von Leonor (links) kritisch beäugt und akribisch auf das Preis-Leistungs-Verhältnis unter die Lupe genommen. Sie hat daheim ein volles Haus und sie und ihr Mann Paco müssen nicht nur untervermieten, sondern auch im Rentenalter noch in aller Herrgottsfrühe putzen gehen, weil seine Rente als Lehrer einfach nicht reicht. Doch es ist nicht nur ein Muss, sondern es macht Leonor auch Freude, die besten Zustaten für ihre leckere Peru-Küche zu erstehen. Auf diesem Markt gibt es fast alles, von Eisenwaren, über Kleider, Hüte und Spielzeug, bis zu Fisch und Fleisch.

P1020293P1020268Und ich frage mich, ob in Deutschland auch so viele Leute so viel Fleisch essen würden, wenn sie die Meerschweinchen (oben, 15 Soles das Stück) und Hühner (unten) so dargeboten bekommen würden. Es kostet durchaus etwas Überwindung, an diesen Ständen, zu denen noch die mit Kuhklauen, Schafs- und Schweineköpfen und diversen Innereinen kommen, vorbeizugehen und zu fotografieren. Aber dafür kann man sich in Peru sicher sein, dass von keinem Tier, das für den Verzehr sterben musste, irgendetwas übrig bleibt – und Massentierhaltung ist auch unbekannt. Alles wird verwertet, sonst wäre das Verschwendung. Das gilt übrigens auch für Pflanzen. Ob das Grünzeug in die Vase kommt oder in den Tee ist zumindest hier auf dem Markt, nicht immer zu unterscheiden.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

2 Kommentare

  1. Hallo Kirsten, man bekommt einen völlig anderen Blick für die hiesigen Dinge, wenn man Deine Berichte liest ! Hier wird ja außer Hühnerbrust fast nichts mehr gekauft vom Huhn zB. – und diese ist auch noch zu einem eigentlich lächerlichen Preis zu bekommen .

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