Von Gipfelstürmern, Turmbauern und lebendigen Steinen

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Ein Sabbatjahr in Peru ohne einen imposanten Andengipfel zu erklimmen? Das geht gar nicht. Zumal der Vulkan Chachani heißt (so viel wie “tapfer”), nicht einmal 60 Kilometer von meiner derzeitigen Wahlheimat Arequipa entfernt liegt und als leichtester 6000er der Welt gilt. “Das wird dich an deine Grenzen bringen”, raunen die einen, andere warnen vor der Höhenkrankheit und wieder andere loben einfach nur die unberührte Schönheit der Bergwelt dort droben. Am Ende ist der atemberaubende Aufstieg mit dem rasenden Herzschlag eines Meerschweinchens eine wundervolle Grenzüberschreitung und Lehrreiches über lebendige Steine und die Türmchenbauer von Patapampa gab’s außerdem.

P1050543 (2)Da stehen wir nun also, mein Freiwilligen-Kollege und Hausgenosse Jasper Püschel und ich. Die Schneeflocken umtanzen unsere Gesichter und wir bedauern sehr, im frühlingshaften Arequipa nicht an Handschuhe gedacht zu haben. Mit klammen Fingern legen wir trotzdem auf knapp 5000 Meter Steine auf Türmchen, schließlich haben wir sonst nichts besseres zu tun. “Apacheta” heißen die hier. Sie sollten zu Zeiten der Inkas magische Orte markieren und stellten Geschenke an die Götter dar, um diese gnädig zu stimmen. Sie bringen Glück auf Reisen und halten sowohl Pachamama (Mutter Erde) wie auch Apus (Berg Vater) bei Laune. Das kann nichts schaden, denn wir haben uns dem unwirtlichen Ort, eine Stunde Fahrtzeit entfernt vom Colca-Canyon nur ausgesetzt, um uns für die bevor stehende Chachani-Besteigung zu akklimatisieren. Was meint der Kopf? Was sagt der Bauch? Ist es uns schwindlig? Wir horchen in unsere Körper hinein und schichten Steinchen für alle, die uns einfallen.

P1050576 (2)Und dann begegnen uns noch lebendige Steine. So nenne ich wenigstens die Yareta oder Llareta. Das ist die wundersamsten Pflanzen, die mir je begegnet ist. Als immergrüner, ganzjährig blühender Doldenblüter gilt sie als ausgesprochen langsamwüchsige Wüstenpflanze. Mehr als 1,5 Zentimeter im Jahr schafft Yareta kaum. Rein rechnerischen müssen einige von ihnen, die sich auf bis zu 30 Quadratmetern ausbreiten, rund 3000 Jahre alt sein. Heimisch ist das Gewächs nur in den Anden zwischen 3500 und 5200 Metern – und stand kurz davor ausgerottet zu werden. Diente sie doch den Einheimischen als rauchfreier Brennstoff (der Brennwert in Joule ist so hoch wie der von Fettkohle). In der Volksmedizin wird sie zu Schmerzmitteln und überdies gegen Asthma sowie Nierenbeschwerden verordnet; die Schulmedizin hat ihre Fähigkeit zur Senkung des Blutzuckerspiegels entdeckt und ein Diabetesmittel daraus gemacht.

P1050563 (2)Wir bewundern einfach nur ihre grün-gelbe Schönheit. Und fragen uns, wer sie in dieser unwirtlichen Lage, wo Wind und Wetter so extrem sind, dass sie sogar Granit knacken, eigentlich bestäubt? Auf alle Fälle hat Yareta ein geniales System entwickelt, sich so eng an Erde und Steine anzuschmiegen, dass deren Restwärme sie nächtens bei Temperatur hält. Die wachsartigen Blätter verhindern überdies, dass die wenige Feuchtigkeit sich verflüchtigt. Und mit ihrem korallenriffartigen Wachstum scheinen die hügelig-harten Polster wie Wesen aus einer anderen Welt.

Am nächsten Nachmittag ist es zu spät. Hämmernde Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit und Pulsrasen: Das, was ich mir am Abend zuvor noch über die Höhenkrankheit angelesen habe, schwirrt in meinem Schädel. Es klingt nicht gut. Leitsymptome sind neben Appetitlosigkeit und Müdigkeit – was ja noch zu verschmerzen wäre – Schlaflosigkeit, Schwindel und Übelkeit. All das kann, auf der nächsten Eskalationsstufe, zu durch die Höhe verursachten Ödemen in der Lunge oder im Hirn führen.

40 Prozent derer, die auf den Chachani wollen, schaffen es denn auch nicht. Ihr Körper hat die Anpassungsleistung nicht vollzogen. Merkwürdigerweise scheint “Soroche”, wie sie das hier nennen, auch die Andenvölker nicht zu verschonen. Anders ist das wohl bei den Tibetern, die genetisch bedingt, eine höhere Atemfrequenz aufweisen. Bei allen anderen verengen sich in der “dünnen” Luft auch noch die Lungengefäße und die Sauerstoffaufnahme verringert sich. Dazu steigt der Blutdruck und damit die Gefahr von Flüssigkeitsansammlungen – die Ödeme eben.

P1050581 (2)Fehlende Fitness ist kein Faktor. Das beruhigt mich als Alterspräsidentin der Truppe, denn Jasper (links unten) läuft Marathon und Aldo (rechts) ist in den Anden aufgewachsener Architekt und war bis vor vier Jahren als Tourführer unterwegs. Sein Papa Paco (zweiter von rechts) begleitet uns bis dahin, wo uns das Allradfahrzeug nach abenteuerlicher Sandpiste absetzt.

“Die Höhenkrankheit ist ein besonderes Risiko für Reisende in Eile”, warnt mein Auswärtiges Amt in seinen Reisetipps. Es werde vor allem durch “höhentaktische Fehler bei der Höhenanpassung” ausgelöst, heißt es im Beamtendeutsch – und außerdem, dass Alkohol, Infekte, Flüssigkeitsdefizit, Schlafmangel und Überaktivität das Ganze verschlimmern. Wir haben uns diesbezüglich nichts vorzuwerfen und außerdem natürlich Coca-Blätter im Gepäck. Das Dumme ist nur, dass das Zeugs so bröselig im Mund daher kommt, dass mir entweder davon schlecht wird oder ich das Ganze runterschlucken muss. Also nehme ich Coca in Form von Tee zu mir.

P1050572“Du schaffst das im Kopf oder gar nicht”, schwört Aldo uns ein, als wir den zweistündigen Weg zum Basislager antreten. Skeptisch hat er meine Saft- und Wasservorräte gemustert, die meinen Rucksack viel zu schwer machen. Doch ich habe etwas von Dehydrierung und Gefährdung der Nieren recherchiert und finde ohnehin, dass die Peruaner viel zu wenig trinken.

Gleich zu Beginn bin ich zur “Stockente” geworden. Zum ersten Mal in meinem Leben finde ich die Wanderstecken richtig praktisch und klettere damit sogar über die riesigen Gesteinsbrocken. Die haben die Region um den Chachani zu einer gefährlichen Übernachtungsstätte gemacht. Der Klimawandel drängte die Gletscher und das ewige Eis zurück, jetzt kommt alles ins Rutschen. Dazu noch die ständigen Erdbeben, die die Region erschüttern – nichts für einen gemütlichen Wanderurlaub.

Auf Vorrat getrunken haben wir schon den Tag davor, an Nahrung wollen wir ohnehin nur wenig zu uns nehmen. Schnell, wenn auch japsend, ist das Zelt in der nun knallenden Nachmittagssonne aufgebaut, Aldo kocht noch ein bisschen Suppe und Reis, dann fallen mit der Dämmerung auch die Temperaturen von plus 10 auf minus 10 Grad Celsius. Wir krabbeln ins Zelt.

Meine Nacht wird ungemütlich. Pochende Kopfschmerzen, wie ich sie früher von der Migräne kannte, ein revoltierender Bauch und kein bisschen Schlaf. “Du musst das nicht machen”, raunt mir meine innere Stimme zu. Ich habe vier Schichten an Socken und noch ein paar mehr am Oberkörper und fühle mich wie eine Eismumie in meinem Schlafsack.

Um drei Uhr morgens ist die Qual zu Ende. In der eisigen, sternklaren Luft verflüchtig sich mein Unwohlsein. Wie die Glühwürmchen ziehen die ersten Gipfelstürmer den Steilhang hinauf. Nur meine Laune lässt zu wünschen übrig. Ich bin ob des Schlafmangels schusselig, kriege meine Kleider weder aus noch an und breche über meine Stirnlampe, die sich als tückisches Objekt entpuppt, in Tränen aus.

Aber dann sind wir auf dem Weg. Schritt für Schritt, steil nach oben, mehr als 700 Höhenmeter in rund sechs Stunden liegen vor uns. Manchmal geht es einen Schritt vor und zwei zurück. Doch dank der Dunkelheit kriege ich nicht mit, wie steil alles ist und als um fünf die ersten Strahlen der Sonne ihren Weg über die Berge finden, bin ich nur noch hirnlos am Gehen.

P1050601 (2)Jaspers Uhr, ein Hightechmodell der Kommunikationstechnologie, teilt uns nicht nur die Zeit, sondern auch die erreichte Höhe mit. Wir halten immer öfter an. Saft und Schokolade sind im Rucksack gefroren und tun trotzdem gut. Ich keuche, aber es ist schön, meinen Körper so intensiv zu spüren. 5500 Meter wird von meinen beiden Kumpels mit männlichen Urschreien begrüßt.

Dann geht es in eine andere Dimension, hat mir ein Freund zuvor noch geschrieben. Und tatsächlich, kurz vor 6000 Metern werde ich mürbe. Die Beine sind schwer wie Blei, die Oberschenkel zittern und ich atme rasselnd. Muss ich das wirklich alles? Nein! Will ich das jetzt? Ja! Beruhigend, dass ich nicht alleine bin in meinem selbstverschuldeten Leid. Nach knapp vier Stunden haben wir im gleißenden Sonnenlicht das Schneefeld erreicht. Durch, drüber, ein letzter Anstieg und das Gipfelkreuz nimmt uns in Empfang. Glück breitet sich in mir aus. Eine Stunde lang genießen wir einfach nur unsere Leistung und den herrlichen Blick.

P1050615 (2)Dann braut sich in mir das Grauen über den Rückweg zusammen. Da runter? Ich bin doch nicht ganz schwindelfrei. Aldo hat eine andere Idee. Und so rutschen wir im Snowboardstil die Sandpiste hinunter. Ich fürchte zunächst um meine Knie, dann entwickle ich meine eigenen Technik: mal rechts, mal links im seitlichen Stil, dann immer häufiger auch einfach gerade aus. Meine Schuhe füllen sich mit den kleinen, rollenden, granitenen Steinchen – egal. Nach einer guten Stunde sind wir am Zelt des Basislagers angekommen. Und im Gepäck habe ich als Foto meinen ganz persönlichen Edelstein der Erinnerung.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

3 Kommentare

  1. »Zumal der Vulkan Chachani heißt (so viel wie “tapfer”), …«

    Wie verlässlich ist diese Übersetzung, und auf welche Sprache bezieht sich das? Denn anderswo im web findet man auch: Chachani means “skirt” in Quechua.

  2. Oh je, nicht sehr verlässlich. Ich habe nur eine Quelle gefunden, dass es “tapfer” in der Sprach der Aymara sein soll, aber eigentlich ist das Gebiet, in dem der Chachani liegt, reines Quechua-Gebiet, also wäre “skirt” zwar wahrscheinlicher, aber woher soll dieser seltsame Name dann kommen? Rätsel über Rätsel:-)

  3. Ja, so etwas wie Mt. Skirt wäre schon ein recht merkwürdiger Namen für einen Vulkan. Wenn es so überhaupt stimmt, hat es sicherlich seine Erklärung in der lokalen Folklore. Vielleicht löst sich das Rätsel ja noch irgendwann auf.

    Vulkane erscheinen mir immer ausgesprochen faszinierend. Vielen Dank für diesen Erlebnisbericht!

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