Quince – einen Tag Prinzessin sein

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Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Mein Lieblingssatz der Woche stammt aus einem Zeit-Interview mit Henning Mankell. Darin gibt der an Krebs leidende schwedische Schriftsteller folgenden Ratschlag: Mach’ Dir im Leben nicht so viele Sorgen, Du kommst da nicht lebend raus. Ich denke, das würde vielen Peruanern gefallen. Es gibt Gelegenheiten, bei denen lassen sie es krachen, als ob es kein Morgen gäbe. Der 15. Geburtstag eines Mädchens, “Quince Años” genannt, ist so ein Anlass. Das dürfen selbst die Kinder aus armen Familien eine Nacht lang im Palast tanzen und Prinzessin sein.

_4124901Als wir kurz vor zehn Uhr abends im Haus von Noemi und ihren Eltern eintreffen, erlebe ich meinen Liebsten sprachlos. Er kann nicht fassen, wie sich die Baustelle, auf der er vor wenigen Stunden noch den Schweinebraten und die Salate für das große Ereignis vorbereitet hat, in eine Mischung von Ballsaal und Diskothek verwandelt hat. 100 Gäste werden erwartet, 50 Jugendliche und 50 Erwachsene. Ernsthaft haben die Vorbereitungen vor genau einer Woche begonnen. Auch das ist normal in Peru. “Wir sind Meister der Imagination und Improvisation”, sagt unser Gastvater Paco und er hat Recht.

_4124900Es glitzert, flimmert und glänzt, als Noemi im bauschigen Reifrock am Arm von Vater und Paten über die frisch geputzten, weißen Fliesen gleitet. Später kommen noch Seifenblasen, Lichtpunkte und Discoblitze dazu. Diese Nacht gehört ihr allein – auf der Schwelle vom Kind zur erwachsenen Frau.

Es ist ein rauschendes Fest, das nicht selten die finanziellen familiären Verhältnisse in Schieflage bringt. Auf die Frage, was so eine “Quince” kostet, kommt bei Gastmutter Leonor die Antwort wie aus der Pistole geschossen: “12.000 Soles”. Das entspricht etwa 4000 US-Dollar und ist der Preis, den Festveranstalter veranschlagen, wenn sie das Ganze als Paket anbieten – eine Hochzeit schlägt mit nur unwesentlich mehr zu Buche. Wer den Mindestlohn von 750 Soles bekommt, arbeitet also dafür 15 Monate.

P1020900Dafür gibt es dann neben Lichteffekten, Dekoration, Moderator und Bar auch die große Geburtstagstorte in den Lieblingsfarben des Geburtstagskindes. Die Tradition, so pompös, kitschig, bunt und teuer zu feiern, stammt ursprünglich nicht aus Peru, ist aber in ganz Lateinamerika verbreitet. Im Andenstaat war es lange Zeit eher Sitte, wie beispielsweise in Puno am Titicacasee, dem 15-jährigen Mädchen ein männliches und ein weibliches Schaf zu schenken, die dann fleißig Nachwuchs zeugen sollten, bis die junge Frau dann selbst flügge würde.

Aus Mexico ist der Brauch aber mehr und mehr auf ganz Lateinamerika übergeschwappt und bietet die Gelegenheit, sich so richtig in Schale zu werfen. Manche Eltern versuchen mit Reisealternativen oder gar einem Autokauf den Kelch an sich vorüber gehen zu lassen, mit mäßigem Erfolg. Aus Argentinien ist zu hören, dass dort Familienväter den Töchtern auch schon mal zum 15. Geburtstag Silikonbrüste spendieren, aber das konnte ich noch nicht überprüfen.

Noemis Fest ist da viel bescheidener und ihre Gäste sind es auch. Ihnen reicht neben ein paar Getränken und Süßigkeiten die Möglichkeit, zu wummernden Bässen ausgelassen zu tanzen. Wobei, das mit dem ausgelassenen Tanzen ist so eine Sache. Die Mädchen kommen mit so kurzen Kleidchen und lebensgefährlich hohen Hacken daher, dass an Rock’n Roll ohnehin nicht zu denken ist. Die Jungs sind alle superkorrekt in Anzug und Krawatte gewandet. Da stehen sie sich dann in zwei Reihen gegenüber und machen deutlich, dass zwischen geschmeidigen Kolumbianern und Kubaner sowie den eher etwas hüftsteifen Peruanern ein deutlicher Unterschied besteht. Die ältere, gediegenere Generation ab 30 Jahren zieht sich ohnehin spätestens gegen Mitternacht zum Essen und Plaudern zurück.

Für die Mädchen ist ihr 15. Geburtstag trotz aller Oberflächlichkeit ein unvergessliches Erlebnis im Kreis aller Menschen, die ihnen wichtig sind. Sicher gibt es sinnvollere Arten, so viel Geld auszugeben. Die kritischen Stimmen mehren sich durchaus. Aber eines ist sicher. Noemi ist in dieser Nacht eine glückliche Prinzessin der Herzen.

 

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

1 Kommentar

  1. wow. da glitzert und funkelt es ja aus jeder Zeile heraus. Und du Kirsten, hast du auch schon 2 x 15 jahre gefeiert? – lass es dir weiterhin gut gehen!

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