Nervenprobe Machu Picchu

Für die meisten Südamerikareisenden ist der Machu Picchu ein absolutes Muss. Egal, dass er nur mit dem teuren Zug zu erreichen ist und dort alles drei Mal so viel kostet wie anderswo oder dass die Basisstation Aguas Calientes den Charme einer abgenudelten Hafenstadt hat. Der mythische Platz, die berühmteste aller Inka Zitadellen mit dem spektakulärsten Ambiente darf in kaum einem Reiseplan fehlen.

“Alles ist kalt, dort fehlt die Liebe”, hatte uns die freundliche Hostel-Betreiberin in Cusco gewarnt und uns ein Taxi nach Ollantaytambo bestellt. Den Bus haben wir dieses Mal gemieden, denn den Jüngsten unserer fünfköpfigen Gruppe hatte schlimmer Brechreiz befallen. Nun also mit einem erfahrenen Familienvater als Taxifahrer und Spuckeimer wie die rohen Eier ins “Heilige Tal” kutschiert und dort in aller Gemütlichkeit den Zug von Perurail genommen. Menschenphobie und Berührungsängste darf niemand haben, der sich ausgerechnet in der Woche des peruanischen Nationalfeiertags darauf einlässt. Aber die Fahrt in den Waggons mit den Panoramafenstern ist wirklich atemberaubend.

Die vielfältig gehörten und gelesenen Warnungen vor Lebensmittelvergiftungen verfehlen die Wirkung nicht (erst die Küchen anschauen!). Am Ende landen wir in einem französisch geführten Lokal, in dem man sich stimmig zur Atmosphäre des Ortes wie in einem alten Holzschiff fühlt. Das Essen ist ungemein lecker und sehr gesund. Das ist auch gut so, denn in der Nacht tun wir kaum ein Auge zu. Die Disco daneben entlässt ihre lärmende Fracht erst gegen Morgen, dann, wenn diejenigen, die den Machu Picchu bei Sonnenaufgang erleben wollen, sich im Treppenhaus der Unterkunft pochend wachklopfen.

Ich habe mich entschlossen, die 75 Soles (rund 23 Euro) für den Bus zu sparen und den Weg nach oben zu Fuß zurückzulegen. Wofür bin ich den Heidelberger Halbmarathon mitgelaufen. Hier umfängt mich erstmals Frieden und Einsamkeit. Schön, den Fluss entlang, wo die Kolibris und Schmetterlinge umher fliegen und die Pflanzen subtropisch sind. Die Bergspitzen leuchten schon längst im Sonnenschein, die Schlucht liegt noch im Schatten, als ich mich in einer Stunde nach oben arbeite. Dort empfängt die erste Schlange des Tages vor dem Einlass. Eintrittskarte (126 Soles) und Pass vorzeigen und hinein ins Getümmel. Nur 2500 Besucher sind nach dem Protest der Unesco und dem drohenden Verlust des Welterbestatus zugelassen. Doch es müssen viel, viel mehr sein. Aber alles ist schön kanalisiert, über Rasengittersteine, an Absperrungen vorbei und immer einer Richtung folgend.

P1040904Was für ein Unterschied zu Machu Picchus verwunschener Schwester Choquequirao, die ich vor einigen Wochen besuchen durfte. Stimmengewirr aus aller Herren Länder, überall wird geknipst, was das Zeug hält. “Ich und das Weltwunder” lautet das Thema. In mir macht sich eine gewisse Gereiztheit breit. Für den Zauber des Ortes ist kein Platz. Dabei ist die Anlage wahrlich fantastisch und rätselhaft zu gleich. Warum sind beispielsweise die Steine so unterschiedlich?

P1040919Mal so wundersam und tonnenschwer aufgeschichtet, dass kein Blatt dazwischen passt, dann wieder kunstlos und praktisch. Der Tempel mit den drei Fenstern und das Astronomische Zentrum beeindrucken mich am meisten, abgesehen von der Lamaherde, die das ganze Zentrum schonend mit ihren Schnäuzchen und Hüfchen pflegt. Ihnen bei der Jungenaufzucht und dem Paarungstrieb zuzuschauen, ist eine Augenweide.

P1040933Das Erstaunliche ist eigentlich, wie wenig man tatsächlich weiß, über Sinn und Zweck des Machu Picchu. Alles bleibt irgendwie im Dunkeln, weil schriftlich nichts überliefert ist. Wer den Führern in ihrem babylonischen Sprachgewirr zuhört, ist schnell mehr verwirrt als informiert. Sicher scheint nur, dass der ganze Komplex aus dem 15. Jahrhundert stammt, binnen 50 Jahren erbaut wurde und politischen, religiösen und verwaltungstechnischen Zwecken diente. Der Ort für etwa 500 Einwohner verband die Inka-Hauptstadt Cusco mit dem Dschungel. Die Zitadelle war wohl weitgehend autark und selbstversorgend. Das rare Wasser wurde so kunstvoll durch Kanäle geleitet, dass Mais, Coca, Quinoa und Kartoffeln angebaut werden konnten. Manufakturen, Wohnhäuser, Ackerbau, das Tempelzentrum und in ihrem Zweck nicht erforschte Bereiche wechseln sich ab.

P1040944Kein Wunder, dass wilde Spekulationen seit der “Entdeckung” durch den amerikanischen Historiker Hiram Bingham im Jahr 1911 ins Kraut schießen. Die ortsansässigen Quechua kannten den Ort längst und maßen ihm keine große Bedeutung bei. Bis heute – und trotz mannigfacher archäologischer Untersuchungen – bleibt das Rätsel weitgehend ungelöst. Ich belasse es ebenfalls dabei und nähre weder die Spekulation, dass Außerirdische hier ihr Raumschiff angedockt haben, noch die, dass es sich um die verschwundene Stadt voller Gold handelte.

Für die Menschen in Peru und weit darüber hinaus wird es ein magischer Ort bleiben, der sein Geheimnis bewahren möchte. Und ich kann mich nur wundern, warum meine Fotos so menschenleer scheinen. Auch dieses Rätsel bleibt wohl ungelöst.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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