Kochkunst als Schule des Lebens

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Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

“Hut ab vor diesen Jugendlichen!” Noch ein paar Tage nach dem Ende seines ersten Kochkurses für !4- bis 18-jährige Jungen und Mädchen aus den Waisenhäusern Arequipas ist Frank Nuscheler richtig bewegt. Drei Wochen lang hat er mit Alonso, Fernando, Kristel, Leonella, Maria, Rosalia, Salomé und Noemi während deren Ferien geschnitten, gebraten, gebacken, Kalkulation und Englisch geübt und am Ende ein großes Büffet für 30 Gäste gezaubert.

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Doch das Wichtigste ist dem Koch, Betriebswirt und langjährigem Inhaber eines eigenen Partyservices nicht das Handwerkliche. “Hier geht es ums Leben”, sagt der 56-Jährige mit einem Augenzwinkern. Denn neben den Dutzenden an Rezepten haben die Nachwuchsküchenkünstler jetzt auch ein gerütteltes Maß an Selbstvertrauen im Gepäck. “Für mich sind das nicht arme Kinder, die ein Almosen brauchen”, fährt er fort, “sondern Lernbegierige und Wissensdurstige, von denen ich ebenfalls einiges lernen kann”. Denn, was den sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln angeht oder auch die Fähigkeit, sich im Team zu organisieren, da könnten sich die Deutschen von den Peruanern noch eine Scheibe abschneiden.

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So gesehen, haben sich Lehrer und Schüler gegenseitig nicht nur viel beigebracht, sondern auch Wertschätzung gegeben. Das ist für Volker Nack enorm wichtig, der nicht nur Gründer von Casa Verde ist, sondern auch als Präsident des Kinderheim-Netzwerks “Red” fungiert. Ihm, wie auch den anderen Tutorinnen und Tutoren, ist beim Abschiedsfest der Stolz auf die Schützlinge ins Gesicht geschrieben. Und er bescheinigt dem deutschen Küchenchef, dass er schon jetzt, nach nur wenigen Monaten in Peru, Spuren in Köpfen und Herzen hinterlassen hat.

Sie haben sich durchgebissen, diese acht Jugendlichen, sie haben auf vieles verzichtet und wurden am Ende mit einem “Certificado” belohnt. Nachweise sind im Bürokratie verliebten Peru wichtig. Und schließlich sollen Kochinstitute oder Ausbildungsbetriebe später einmal einschätzen können, was der Nachwuchs beim deutschen Küchenprofi so gelernt hat.

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“Mir kommt es nicht zuletzt auf die Persönlichkeitsbildung an”, erläutert Frank Nuscheler. Er weiß um die fast schüchterne Zurückhaltung, die vielen Jugendlichen in Peru eigen ist. “Sag’ noch mal mit lauter Stimme, warum du hier bist”, lautete seine Aufforderung das eine ums andere Mal. Viel leichter war es da, die richtige Schneidetechnik zu lernen, Mayonnaise herzustellen oder begründen zu können, warum das Fleisch für die Hamburger besonders gut durchgebraten sein muss.

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Neben der Menüplanung für die “Fiesta” zum Abschluss stellt der Einkauf auf dem Markt eine echte Herausforderung dar. Maria, die beste Rechnerin von allen, wird zur Kassenchefin ernannt und wacht akribisch darüber, dass nur beste Qualität zum allerbesten Preis eingekauft wird. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie Kokosnüsse schütteln, mit den Händlerinnen über die besten Kartoffeln für Salat diskutieren oder sich über die Fleischqualität informieren.

P1010313 (2)Am Ende ist alles beisammen für ein wahrlich internationales Festessen. Die alkoholfreien Cocktails sind aus Früchten und Säften des Landes, der Vorspeisenteller besteht aus Quiche, mit Guacamole gefüllten Schwanenwindbeuteln sowie Wraps und einem Klecks roter Beete, danach gibt es Kartoffelsuppe, indisches Linsendhal, verschiedene Salate und dann noch Hamburger aus komplett eigener Produktion. Zum Abschluss stehen Fruchtsalat und Marmorkuchen nach deutschem Rezept mit peruanischen Zutaten auf dem Programm. Augen- und Gaumenschmaus gleichermaßen, das finden die Köchinnen und Köche ebenso wie die Gäste. Übrig bleibt so gut wie gar nichts. Auch das ist typisch für Peru. Wegwerfen von Lebensmitteln, das ist zumindest für diese Jugendliche ein Unding.

“Gelernt”, so bilanziert Frank Nuscheler, “habe ich auch von der Bescheidenheit meiner Kochschüler sowie deren großer Gabe zur Freude an kleinen Dingen”. Und was haben seine acht Jungen und Mädchen von ihm gelernt? Das schreiben sie ihm am allerletzten Tag offenherzig und ausführlich. Unisono bescheinigt ihm der Nachwuchs, dass er für die Zukunft profitiert hat.

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Die Ausflüge auf andere kulinarische Kontinente gehören dazu, aber auch die Erfahrung, dass selbst englische Vokabeln und das Kalkulieren Spaß machen können, wenn man weiß, wofür’s am Ende gut ist. “Die Angst vom Beginn ist verflogen”, schreibt Maria, für die der Kurs am liebsten ewig weiter gehen könnte. Für Rosalía und Salomé hat die Gastronomie als Berufsfeld ein konkretes Gesicht bekommen. Fernando hat einen Schritt auf dem Weg zum Barkeeper gemacht und neben seinem Kopf auch den Geschmack geschult – ganz zu schweigen von den Fertigkeiten, mit dem Messer umzugehen.

Genossen haben alle die Arbeit in einem Team, gemeinsam auf ein Ziel hin. Und gelernt haben sie auch, dass es Lehrer gibt, die sie fragen, was sie das nächste Mal besser machen könnten. Verstanden haben sie allerdings ebenso, dass die Gastronomie mitunter auch ein beinhartes Geschäft sein kann, das viel Disziplin, Ausdauer und ein gerütteltes Maß an Frusttoleranz erfordert. Aber alle, wirklich alle, sind sich sicher, dass dieser Kochkurs eine Schule des Lebens war.

 

 

 

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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