Die grüne Grenze im Amazonas

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

P1030711Moderne Mobilität: Eben noch im über 3300 Meter hoch gelegenen Cusco die Winterkleidung beim dortigen Casa Verde deponiert, 35 Flugminuten später im Amazonas-Dschungel von Puerto Maldonado angekommen. Die Seele fliegt noch ein bisschen hinterher, aber die Sinne sind schon da. Die Luft ist feuchtwarm und von Gerüchen schwer. Die dicke Jacke wandert in den Rucksack. Die Sonne wärmt das Gesicht, heiß, aber längst nicht so intensiv wie in den Anden. Drei Schritte gegangen und alles klebt am Körper. Ist nicht schlimm, nach der kalten Nacht im Bus von Arequipa nach Cusco.

Der Grund des Hierseins sind die peruanischen Einreisebestimmungen. Länger als 183 Tage Visum bekommt hier niemand. Also muss es durch eine Aus- und wieder Einreise verlängert werden. Die meisten machen es in Chile oder Bolivien, von Cusco aus lag ein Abstecher in den Urwald, der immerhin 60 Prozent des peruanischen Staatsgebiets bedeckt, und ein Ausflug ins 230 Kilometer entfernte Brasilien einfach näher.

P1030697 Dort lebt Viktor bei einem Schweizer und einer Thailänderin, die zusammen die Anaconda-Lodge nahe des Flughafens betreiben. Viktor ist ein armer Affe. Minenarbeiter haben seine Mutter erschossen und dann das Rote Brüllaffen-Baby entsorgt. So ist er Haustier geworden und teilt sich die asiatisch anmutenden Hüttenlandschaft inmitten eines Urwaldgrundstücks mit anderen Affen, den beiden Nackthunden (sie haben von Natur aus kein Fell), den vielen bunten Vögeln, Ameisen, Schmetterlingen und Gästen. Hier liebt er den Herrn des Hauses abgöttisch und tyrannisiert dessen Gattin, in dem er immer wieder in die Küche einbricht.

P1030705Es ist mein erstes Mal, im Amazonasgebiet. Und mir wird bewusst, was für merkwürdige Bilder ich im Kopf habe. Da sind diese unfassbaren Wälder. Riesige Ausmaße, schon von oben zu sehen. So viele Stockwerke,so undurchdringlich, so reich an Pflanzen und Tieren. Sie scheinen auf den ersten Blick unzerstörbar, ewig irgendwie. Aber dann, schon am Fluss Madre Dios, der sich mit seinen braunen Wassermassen 500 Meter breit durch Puerto Maldonado schiebt, wird klar, hier ist nichts unberührt. Vom Genuss der Flussfische wird dringend abgeraten (Quecksilberbelastung durch die Goldgewinnung).

Und die Transnationale Straße mit dem Namen “Carretera Interoceánica”, die den Pazifik Perus auf vielen Tausend Kilometer mit der Atlantikküste Brasiliens verbindet, hat alles verändert. 2011 wurde sie fertig gestellt. Sie kostete über 2,8 Milliarden US-Dollar und eröffnet den Anliegerländern riesige Exportmöglichkeiten. Allein in Peru soll diese Straße das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent erhöht haben. Die über 2500 Kilometer lange Route hat eine Gesamtfläche von Regenwald vernichtet, die der Größe Österreichs entspricht. Vieles hat sich verändert: Tausende von Arbeitsplätzen sind entstanden, aber viele Ethnien sowie zahlreiche Pflanzen- und Tierarten leiden unter der Zerstörung ihres Lebensraums. Puerto Maldonaldo ist nun über eine Teerstraße zu erreichen. In zehn Stunden kann man in Cusco sein. Aber die Fährschiffer an der Brücke, die ein wenig an Golden Gate erinnert, sind arbeitslos geworden und schippern jetzt nur noch Touristen in den Nationalpark.

P1030685Der Fortschritt ist angekommen. Die Kinder der Urwaldbewohner können Schulen erreichen, studieren und Arbeit finden. Aber entlang der Straße durch den Urwald liegen auch meterlange überfahrene Schlangen. Die Weiden für Zebus, Schafe und Kühe scheinen üppig grün, aber die einzelnen, kahlen, verkohlten Baumriesen darauf und die Erosion sprechen eine andere Sprache. Auch sind die Tiere dünn. Der Boden gibt nicht viel an Nährstoffen her. Die Orte, in denen die Holzhäuser auf Stelzen im Sumpf stehen, existieren noch nicht lange. In manchen von ihnen sind Bars entstanden, in denen die Lastwagenfahrer und Holzfäller fettes Essen, reichlich Alkohol und minderjährige Prostituierte finden. Vielleicht heißen ob dieser Trostlosigkeit die kleinen Dörfer “Alegria” (Fröhlichkeit), “Esperanza” (Hoffnung) oder “Novia” (Verlobte).

Ich habe den Eindruck, die Menschen spüren hier sehr deutlich, was sie zu verlieren drohen. Das ist mehr als die Wälder entlang der Straße, es ist ein Stück ihrer Identität. Deshalb ist Puerto Maldonado voll von einheimischer Straßenkunst, die nachdenklich macht. Spürbar auch auf den Friedhöfen. Manches Grab hat hier fast Hausformat und ist voll gestopft mit dem, was der Verstorbene liebte: von den Insignien seines Sportvereins, über seine Lieblingsschokolade bis hin zu den gesammelten Stofftieren. Ein Stückchen weiter sind die Kindergräber zu finden. Es gibt viele davon, sehr viele. Vor einem kniet eine Mutter mit ihrem älteren Kind. Ihr Baby ist gerade einen Tag alt geworden, gestorben vor drei Monaten. Infektionen, Malarie, Dengue-Fieber, all das bedroht hier das Leben der kleinen und großen Menschen. Aber auch eine bessere medizinische Versorgung und mehr Hygiene sind Fortschritte, die Infrastruktur mit sich bringt. Ich komme einmal mehr ins Grübeln.

P1030691Die Menschen hier sind offener, aufgeschlossener als oben in der Sierra. Sie erzählen von sich und ihrem Leben, fragen neugierig nach. Das Dasein spielt sich draußen ab, Gemeinschaft ist ein großes Thema, gesundes Essen schon weniger. Zwar findet rund um den Plaza de Armas eine richtige Demo für einen guten Lebensstil statt, bei der sich Kinder als Köche und Frauen als Gemüse verkleiden, aber das etlichen Menschen der viele Zucker und das Fettgebackene nicht sonderlich gut bekommt, ist offensichtlich.

Nach einem tropischen Sturzregen im peruanischen Grenzörtchen Inapari, greift Brasilien zur Begrüßung tief in den Farbtopf. Hier scheint das Leben noch ein bisschen entspannter zu sein. Sogar die Grenzbeamten sitzen im T-shirt und bester Dinge zum Plausch aufgelegt hinter ihren Schaltern. So gelingt die spanisch-portugiesische Verständigung.

P1030743Am nächsten Tag, auf dem Weg zurück, gibt es dann nur 90 Tage Verlängerung für das Visum. Da macht das bürokratische Peru keine Ausnahme, auch nicht für Freiwillige. Ich nehme es hin und wundere mich über mich selbst. So soll es wohl sein.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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