Die Friedhofskinder

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Der Friedhof von Sucre ist gewiss einer der schönsten Plätze in der an wunderbaren Orten nicht armen Hauptstadt Boliviens. Die bereits 1538 gegründete Stadt liegt auf angenehmen 2790 Meter über dem Meer inmitten grüner Hügel, die Papageien flattern und nachts ist es kühl genug zum Schlafen. Die Spanier hatten sich den Ort nicht zuletzt wegen des angenehmen Klimas ausgesucht. Das Jahr über herrscht Frühling. Hier entstand auch 1623 eine der ersten Universitäten Südamerikas und hier startete der in Venezuela geborene General Don Antonio José Sucre den Kampf um die Unabhängigkeit. Ihm zu Ehren wurde die Stadt 1828 umbenannt.

1992 wurde Sucre von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Natürlich sollte sich die „Casa de Libertad“ am Plaza 25 de Mayo anschauen, wer verstehen möchte, worauf Bolivien seinen Nationalstolz gründet und wie Simón Bolívar, dem der Staat den Namen verdankt, aussah. Von ihm gibt es eine drei Tonnen schwere Holzbüste.

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Uns aber hat es der Friedhof angetan, mit seinen vielstöckigen Nischengräbern, den prächtigen Mausoleen, den alten Baumriesen und den Kinder und Jugendlichen, die hier das Geld für ihre Familien verdienen. Sie machen vieles. Sie sind mit Leitern zugange, wenn die Glasvitrinen vor den Gräbern in lichter Höhe gereinigt werden müssen, helfen rund um Beerdigungen beim Ablauf mit und sie machen Führungen zu den Grabstätten berühmter Persönlichkeiten.

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Und sie treffen sich fast alle in der Casa de Amigos, einen Steinwurf davon entfernt in der Calle Laguna. Hier gibt es den „Centro Integral del Menor Trabajador“ (Cimet). Die seit 15 Jahren bestehende Initiative ist eingebunden in einen ganzen Hilfekomplex der “Fundacíon Familia Trinitaria“ des christlichen Ordens der Dreifaltigkeit. Elizabeth, die Direktorin von Cimet, ist aber ganz und gar weltlich auf die Bedürfnisse ihrer knapp 100 Schützlinge zwischen 10 und 22 Jahren eingestellt, für die das hier ein zweites Zuhause ist.

Die Hauptfinanzquelle ist ein Projekt der Lorenzkirche in Nürnberg (http://lorenzerladen.de/web/wb/pages/boliviengruppe/bolivienprojekt-vorstellung.php). So fließen beispielsweise derzeit wieder die Kerzenspenden der berühmten Krippe nach Bolivien und bilden den Grundstock des Projekts.

Anders als die Kinderheim in Arequipa, Cusco und auch La Paz, die ich kennengelernt habe, verfügen diese Kinder über ein Zuhause und eine Familie. Die mag arm oder unvollständig sein, aber beim Mittagessen, zu dem wir spontan eingeladen werden, ist zu spüren, dass diese Grundgeborgenheit die meisten dieser Jungen und Mädchen hält. Sie sind so aufgeweckt, dass wir es kaum fassen können. Egal ob zehnjähriges Mädchen oder 17-jähriger Junge, sie erzählen und fragen, dass es eine Freude ist. Sogar über Politik wird diskutiert. Ein kleines Mädchen weiß, dass Deutschland eine Kanzlerin hat und findet Frauen ohnehin geeigneter für verantwortungsvolle Posten.

Ihnen wird durch das erlittene Schicksal nicht so viel Kraft abgezogen wie den Kindern in den Heimen, das ist offensichtlich. Klar, auch sie haben rebellische Phasen, wie Elizabeth erzählt, aber dieses schwarze Loch der fehlenden Liebe als Kind, das nie wirklich zu stopfen sein wird, ist diesen Jungen und Mädchen glücklicherweise erspart geblieben.

Jeden Tag kommen die Meisten von ihnen zum Essen hierher. Das kostet jeden einen Boliviano (ein eher symbolischer Preise von etwa 15 Cent), ist aber wichtig für die Wertschätzung. Das Essen schmeckt unglaublich lecker und ist mit Suppe, Hauptgang und kleinem Dessert ausgewogen, auch weil das Team von Elizabeth weiß, dass bei vielen daheim die Nahrungsmittel eher knapp sind.

Fast alle der Kinder und Jugendlichen gehen zur Schule, arbeiten nachmittags und in den jetzt beginnenden Ferien auf dem Friedhof und ansonsten sind sie in jeder freien Minute da. In dem großzügigen Haus erwartet sie neben der Mahlzeit, auch Hausaufgabenhilfe, eine Dusche, Spiel- und Sportmöglichkeit sowie ein offenes Ohr für ihre Sorgen. Außerdem gibt es Kunstprojekte wie Theater, Tanz oder Weihnachtsgeschenkebasteln.

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Auch Cimet ist kein Ort der Seligen. Gewalt und Vernachlässigung sind in der ganzen bolivianischen Gesellschaft ein Thema und viele Eltern der Kinder arbeiten weit weg in Chile oder gar in Spanien und haben keine Zeit für die Sprösslinge. Rosi ist seit Mitte August hier als Freiwillige und spricht ein Spanisch, dass mir ganz neidisch zumute wird. Morgens und nachmittags (in Bolivien gehen die Kinder in zwei Schichten zur Schule) hilft sie beiden Hausaufgaben, zwischendrin beim Mittagessen und bei allem, was anfällt. Auch für Rosi, die in Deutschland gerade die Schule beendet hat und vielleicht Biologie studieren möchte, ist der Ort zu einem zweiten Zuhause neben ihrer Gastfamilie geworden.

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Das trifft für den 22-jährigen Pablo schon lange zu. Er ist ein Friedhofskind von Anfang an und verdient sich hier gerade seine Ausbildung in Informatik. Das Wissen, das er sich über die Berühmtheiten angelesen und erfragt hat, lässt uns staunen. Er erzählt von Freiheitskämpfern und Minenbesitzern ebenso umfangreich wie vom jüdischen Friedhofsteil und den historischen Geschehnissen in Deutschland, die Menschen nach Bolivien getrieben haben. Allerdings entlässt er uns nicht, ohne einen Fingerzeig auf die Kultur der Inkas. Die glaubten nämlich an Wiedergeburt und deshalb stellte der Tod keinen allzu großen Schrecken da. Oder wie heißt es auf einer Inschrift lapidar: „Heute ich, morgen Du!“

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

3 Kommentare

  1. Der Tod gehört zum Leben. Ich finde es sehr gut, dass die Kinder von klein auf sich mit diesem Thema auf ihre eigene pragmatische Weise auseinander setzen. Das nimmt den Schrecken und es erleichtert den Umgang mit dem Mysterium “Tod” – möglicherweise lernt man auch dadurch, das Leben dankbarer anzunehmen und zu schätzen. Leider ist es ja hier bei uns in Deutschland ein absolutes Tabuthema! Man wird sogar schon schräg angesehen, wenn man seine Passion erzählt: der Friedhofsfotografie.

  2. Liebe Kirsten,
    Du kannst Dir ja denken, dass ich nach meiner Kritik an Deinem ersten Bolivien-Bericht die weiteren mit großem Interesse verfolge.
    Deshalb jetzt ohne jede Einschränkung:
    Hut ab vor allem vor Deinen Texten über “Arco Iris” und die “Friedhofskinder von Sucre”, die mich sehr berühren. Ich habe sie für meine Frau ausgedruckt.
    Für Deine Resttage in Südamerika wünschen wir Dir noch schöne Erlebnisse und gute Begegnungen – und ein glückliche Heimkehr!
    Von Deinen Eltern werden wir ja davon erfahren.
    Es grüßen herzlich
    Karl und Jutta Kopp

  3. Liebe Kirsten,
    in Ihrem tollen Bericht haben wir das Foto unserer Tochter entdeckt. Sie beschreiben das Leben der Friedhofskinder in Sucre, mit denen Rosi tagtäglich arbeitet, sehr treffend. Wir sind super stolz auf unsere Tochter und alle Freiwilligen, die sich so einem Abenteuer stellen. Wir grüßen Rosi und alle ganz herzlich und wünschen ein gutes Durchhaltevermögen.
    Gott segne Euch !

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