Basta a la violencia!

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Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Manche Themen, wie groß und wichtig sie auch sein mögen, brauchen Pioniere. Starke Männer und Frauen, die sie aus ihrem Tabu reißen, den Finger auf die gesellschaftliche Wunde legen und einen langen Atem haben. Familiäre Gewalt und sexuelle Misshandlung von Kindern sind solche Themen. Wie verbreitet sie sind, will keine Gesellschaft gerne hören. Und schon gar nicht, dass jeder einzelne sehr bewusst dazu beitragen muss, dass sie geächtet und geahndet werden.

Dessy Zanabria Palomino ist so eine unbequeme Vorkämpferin.Und als solche hatte sie in Arequipa just dazu einen internationalen Kongress ins Leben gerufen. Referentinnen und Referenten aus Peru, Brasilien, Kolumbien, Chile und Deutschland waren gekommen, um sich gegenseitig zu informieren und zu vernetzen. Denn: niemand braucht das Rad neu zu erfinden und es macht stärker, von den Erfahrungen und vom Wissen der anderen profitieren zu können. “Basta a la violencia” (Schluss mit der Gewalt), lautete denn auch ein Motto. Denn, dass Gewalt nicht normal und zu ertragen ist, sondern ein Verbrechen, muss sich in manchen Ländern erst noch als Allgemeingut durchsetzen.

Entsprechend breit auch der Blickwinkel. Ins Visier nahmen die Organisatoren sowohl die rechtlichen und sozialen, aber eben auch die psychologischen und pädagogischen Aspekte. Schließlich handelt es sich ganz nebenbei auch noch um einen Langstreckenlauf, bei dem möglichst breite Schichten der Bevölkerung mit ins Boot geholt werden müssen. “Wenn es den Kindern und den Familien gut geht, geht es auch meinem Land gut”, formulierte Dessy Zanabria Palomino ihren Ansatz. Er spiegelt ihre Erfahrung wider. Hat sie doch mit ihrem Mann Volker Nack vor mehr als 18 Jahren die Nichtregierungsorganisation Blansal gegründet. Dazu gehören heute mit Casa Verde Arequipa und Cusco zwei Kinderheime sowie CPAS, eine schlagkräftige Aufklärungs- und Bildungseinrichtung zur Prävention von sexueller und familiärer Gewalt.

P1060011Und damit sorgt die kleine Crew für ganz schön viel Aufsehen im Land. Das Thema hat die Politik erreicht. Die junge, kämpferische Kongressabgeordnete Ana María Solórzano Flores schlägt Töne an, die mir vertraut vorkommen. Sensibilisierung der Polizei, schnelles Eingreifen, Platzverweise für den Aggressor, nur eine Anlaufstelle für die Opfer, um weitere Traumatisierungen zu vermeiden und verbindliche gesetzliche Regelungen, fordert sie.

Es scheint gelungen, das Thema auf dem Kontinent aus der Tabuecke zu holen. Alle kämpfen mit ähnlichen Schwierigkeiten und wollen voneinander lernen. Wie schützen und therapieren wir die Opfer?  Wie gehen wir mit den Tätern um? Woran erkennen auch Lehrkräfte oder Nachbarn, dass sie Alarm schlagen müssen? An welchen Ecken müssen wir ansetzen? Welche Kampagnen sind wirksam? Und immer wieder: Wie schaffen wir es, dass es gar nicht erst passiert?

P1050868Es sind vor allem Frauen, die sich das zur Herzensangelegenheit gemacht haben. Klar, auch Psychologen, Richter, Vertreter von Schulbehörden und Anwälte sprechen in Arequipa, aber die leidenschaftlichsten Plädoyers kommen von weiblicher Seite. Beispielsweise Silvia Elena Aguilar Villa. Ihr Verdienst ist es, dass ich endlich einen Einblick bekomme, wie es Menschen mit Behinderungen in Peru ergeht. Klar, die Hochschuldozentin, die sogar in Schweden unterrichtet, ist bestimmt kein “Normalfall”, aber doch öffnet sie die Augen dafür, wie vieles im Land im Argen liegt.

“Wir wollen raus aus dem Schneckenhaus und über unser eigenes Schicksal entscheiden”, erklärt sie ruhig und entschieden, “wir sind keine ‘Pobrecitos’ (so viel wie arme, kleine Würstchen)”. Um deutlich zu machen, dass die Menschenrechte schließlich für alle gelten, bemüht sie ein Beispiel aus der peruanischen Natur: Wie fliegt der Kolibri? Und wie der Kondor? Und sind es nicht beide Vögel? Silvia nötigt mir Respekt ab. Rund 1,5 der 30 Millionen Peruaner, so schätzt sie, haben ein Handicap. Und, auf das Thema des Kongresses bezogen: von Gewalt und Übergriffen sind sie in besonderem Maße betroffen. Menschen wie diese Aktivistin wollen das ändern. Den langen Atem dazu bringt sie auf, die Vehemenz auch. Um Selbstwertgefühl geht es letztlich. Die Basis dafür ist das geschriebene Recht. “Nur so”, unterstreicht sie, “schaffen wir langfristig Realität”.P1050823Die Menschen mit denen die deutsche Therapeutin und Sozialpädagogin Beate Link zu tun hat, kämpfen mit einer nicht sichtbaren Verletzung: Sie sind traumatisiert. Auch Beate Link hat seit vielen Jahren mit dem Thema in der Praxis zu tun. Die Liebe zu Peru entstand 2001 bei einem Freiwilligenaufenthalt im Kinderheim Casa Verde. Beate Link hält ihren Vortrag auch als Würdigung für den Kampf ihrer Freundin Dessy, die schon immer bereit dazu war, tiefer zu graben, auch da, wo es gesellschaftlich wehtut.

Ihre Geschichte von Maria, der Italienerin, deren Mutter starb, als das Mädchen acht Jahre alt war, und die dem Vater dann als Ersatzfrau dienen musste, rührt alle an. Begegnet ist ihr die Therapeutin, als sie längst mit ihrer großen Liebe durchgebrannt war, in Deutschland mit ihren Kindern lebte, eine Pflegetochter aufgenommen hatte, und die in große Schwierigkeiten geriet, weil sie von ihrer Pflegemutter keine Geborgenheit erhalten konnte und die wiederum durch eine schlimme Trennung von ihrem Mann retraumatisiert worden war. Da die Therapeutin stets das ganze System ins Visier nimmt, blieb ihr der Zusammenhang nicht verborgen und sie begann, mit Maria zu arbeiten.

Klar wurde dabei, dass Trauma nicht nur die Psyche betrifft, sondern die Gefühle von Todesangst und Ohnmacht, die dabei entstehen, tiefe Spuren im Nervensytem hinterlassen. Beate Link erklärt das so. Eigentlich mobilisiert Angst enorme Kräfte. Wir können fliehen oder kämpfen, dazu werden Hormone wie das Adrenalin mobilisiert. Doch, wenn alles nichts hilft und wir die Situation nicht mehr aushalten, fallen wir in eine Art reglose Starre, in der wir weitgehend handlungsunfähig sind, aber auch das Schmerzempfinden ausgeschaltet ist. Das wiederum führt dazu, dass viele Opfer sich später mitschuldig fühlen, weil sie sich nicht gewehrt haben.

Wer nun immer wieder traumatisiert wird – wie beispielsweise sexuell misshandelte Kinder – dessen Gefühlsamplituden werden immer kleiner und die Phasen der Starre immer länger. Entspannung ist nicht mehr möglich. Im autonomen Nervensystem sind Sympatikus und Parasympatikus gleichzeitig aktiv. “So, als würden wir Bremse und Gaspedal zugleich treten”, beschreibt Beate Link plastisch.

P1050854Die Symptome einer Traumatisierung sind denn auch vielfältig. Flashbacks, Panikattacken, Albträume, ständige Übererregung, Schlafstörungen einerseits; Depressionen, Essstörungen, Dumpfheit und Erschöpfung andererseits. Ein Traum erfasst also nicht nur die Psyche und die Seele, sondern auch die physischen Reaktionen des Körpers.

Das Gleichgewicht zwischen Sympatikus und Parasympatikus ist keine Selbstverständlichkeit. Ein Baby kennt nur den Sympatikus. Erst, wenn es schreit, und dann Bezugspersonen es aufnehmen, beruhigen, seine Bedürfnisse erfüllen, lernt das Nervensystem des kleinen Menschen nach und nach, sich selbst über den Parasympatikus zu beruhigen. Ein Kind, das schon als Baby nur Verwahrlosung und Gewalt gekannt hat, kann dies nicht. Bei ihm tritt irgendwann die Erstarrung in Todesangst ein, das Kind kollabiert innerlich, aber es hört auf zu schreien. Folge davon: sein Nervensystem kann sich nicht gesund entwickeln. Das ist mit Marias Pflegetochter passiert und Maria konnte ihr, weil selbst traumatisiert, nicht helfen.

P1050886Um zu beschreiben, wie eine Therapie helfen kann, bemüht Beate Link die Natur. Zum einen nimmt sie den ganzen Menschen und sein ganzes Umfeld in den Blick, sie schält das Gefüge wie eine Zwiebel und erfasst den Menschen mit all seinen Fassetten. Dabei kommen auch die Ressourcen zu Tage. Die wiederum hegt und pflegt sie wie einen Baumschössling, vermittelt ihrem Schützling das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und dass seine Grenzen gewahrt werden. Wenn dann noch Empathie und viel Toleranz dazu kommen, können nach und nach destruktive Verhaltensweisen aufgegeben und die Gefühlsbandbreite erweitert werden. Das Trauma wird dabei nicht überwunden, sondern – soweit es eben geht -, in das Leben integriert. Die Wunde wird bleiben, aber sie darf vernarben.

 

 

 

 

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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