Abschied, Ankommen und Aufbruch

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Abschied, Ankommen und Aufbruch sind mir drei mal mehr und mal weniger willkommene Gefährten geworden. Sie nötigen mir eine Flexibilität ab, die ich sonst nicht habe. Gleichwohl tun sie mir gut, denn sie machen mir eines deutlich: Alles ist immer im Fluss der Veränderung. Das macht das Leben aus, ob uns das passt oder auch nicht.

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Ich bin heute nicht mehr die, die ich gestern war und nicht die, die ich morgen sein werde. Das zu leugnen würde bedeuten, dem sich unaufhaltsam drehenden Rad des Lebens in die Speichen zu greifen. Und doch, gibt es Kontinuität, die sich wie ein roter Faden durchs Dasein zieht. Beispielsweise komme ich bei all dem äußeren Wechsel immer mehr bei mir an. Ich werde innerlich ruhiger, gelassener und schicksalsergebener. In dieser Lektion sind die Menschen in Peru gute Lehrerinnen und Lehrer.

Das Dasein von Großen und Kleinen spielt sich im Jetzt ab. Nur hier gibt es die Möglichkeit einzuwirken; die Vergangenheit und die Zukunft sind unerreichbar dafür. “Dios es grande y mañana es otro día” (Gott ist groß und morgen ist ein anderer Tag), so lautet einer der goldenen Sätze, die Mut machen und Vertrauen spenden, auch wenn die Verzweiflung dominiert.

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Und so wird mein Abschied von Arequipa, mein Ankommen in Cusco und der Aufbruch in meine letzten acht Wochen des Sabbaticals ein Lächeln unter Tränen: ein wohltuendes Wechselbad der Gefühl, in dem ich mich sehr lebendig fühle. Es tut weh, die Menschen zu verlassen, die einem zur Familie geworden sind, zu wissen, dass man mit Hund Ricolas vielleicht nie wieder joggen wird, die Traurigkeit in den Augen der Kinder zu sehen, die immer wieder liebgewonnene Freiwillige ziehen lassen müssen und sich doch nichts mehr als beständige Nähe wünschen.

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Aber es gibt auch diese Momente, die nur das Wissen um die Endlichkeit möglich machen. María Angela zum Beispiel. Das zehnjährige Mädchen ist eines der schwierigen Kinder in Casa Verde. Ihre Stimmungsschwankungen sind brutal, binnen kürzester Zeit verwandelt sie sich von einem schüchternen Mädchen in eine wilde Furie. Sie hasst es, fotografiert zu werden. Das bringt mich in große Schwierigkeiten, schließlich lautet mein Auftrag, alle Kinder in netten Bildern abzulichten für die Spender in Deutschland. Glücklicherweise habe ich noch ein paar Fotos vom Schulfes von María Angela im Archiv, zufrieden bin ich nicht. Da passt sie mich an meinem allerletzten Tag gleich an der Eingangstüre ab, nimmt meine große Hand in ihre kleine und fragt, ob ich meine Kamera nicht dabei habe. Dann gehen wir ins Spielzimmer, sie zeigt mir ihre Lieblingsplüschtiere und will fotografiert werden. In fünf Minuten haben wir alles zusammen, dann sitzen wir noch eine ganze Weile ruhig nebeneinander auf einer Matte und sie erzählt mir ein bisschen aus ihrem Leben.

Und dann der Empfang im Mädchenheim von Cusco. Ich bin noch geschafft von der nächtlichen Busreise, so dass mich die Begrüßung fast umwirft. Nein, sie haben mich nicht vergessen. Sie nehmen mich auf in ihre Mitte, nutzen jede Chance, in den Arm genommen zu werden und lassen mich teilnehmen an ihrem Leben. Beim Abendessen muss ich heftig schlucken, als Daniela und Saydha, die meinem Herzen am nächsten stehen, mich fragen, wo denn Frank geblieben sei. “Der ist in Deutschland”, führe ich zögernd aus und sie blicken mich verständnislos an. Ich bin hin- und hergerissen, was ich ihnen sagen soll. Dann erklären ich ihnen in meinen einfachen Spanisch, was so im Leben passieren kann und warum Menschen sich trennen. In ihren Augen steht Trauer und Verständnis, aber auch Beruhigung, als ich ihnen sage, dass das auch ohne Streit und Hass gehen kann.

All dies gibt mir Proviant für das, was vor mir steht. Eine sechswöchige Reise über Bolivien, Argentinien nach Uruguay und von dort der Aufbruch zurück nach Deutschland. Es wird die Rückkehr in ein anderes Land sein, als es das war, aus dem ich im Januar aufgebrochen bin. Auch Staaten sind dem Rad des Lebens unterworfen, nichts ist statisch. Es wäre schön, wenn ich ein bisschen etwas von dem Mut und der Zuversicht dieser peruanischen “Niños abandonados” mit ins kalte Europa bringen könnte. Ganz zu schweigen von der Friedlichkeit der Vikuñas, dieser zauberhaft-zarten Andenkamele, die sich mit einem Vogelzwitschern verständigen.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

2 Kommentare

  1. Liebe Kirsten,

    du wirst diese Herzenswärme, Mut und Zuversicht aus Peru mitbringen. Sie werden dich immer begleiten, und gerade in kalten Zeiten hier trösten – mich trägt die dortige Herzlichkeit auch zehn Jahre nach meiner Zeit in Bolivien noch, und oft genug kann ich nur den Kopf schütteln, wie verschlossen Menschen hier im Vergleich oft dazu sind.

    Aber auch hier gibt es viele Menschen, die dich im kalten Europa herzlich erwarten, dankbar dafür sind, dass sie an deiner Zeit in Peru so intensiv teilhaben durften – und sich einfach darauf freuen, dich wiederzusehen! (ich zum Beispiel 😉 )

    Hab noch eine tolle Zeit, grüß mir Bolivien und komm gesund wieder nach Hause!

  2. Hallo Kirsten Baumbusch,
    dafür muss ich mir jetzt doch mal endlich kurz die Zeit nehmen, um Ihnen zu sagen: wann immer ich mal wieder hier auf „das Sabbatical“ reinschaue und lese, beeindruckt mich Ihr wunderbarer Schreibstil, aber auch das, was Sie wie berichten und hervorkehren. Danke dafür! Einfach großartig!

    Angesichts der von Ihnen beschriebenen großen Unterschiede der Mentalitäten, fragt es sich schon, ob die Rückkehr für Sie tatsächlich eine Heimkehr sein kann. Ich wünsche es Ihnen, auch wenn‘ s sicherlich etwas kälter wird. Ausschlaggebend ist ja die innere Wärme. 🙂
    Alles Gute für den Heimweg!
    Eli

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