Rosetta, der Komet und die sozialen Medien – sechs Fragen an „Sterne und Weltraum“-Chefredakteur Uwe Reichert

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Uwe Reichert stand Rede und Antwort zur Raumsonde Rosetta, ihrer Kometenexpedition und der Bedeutung sozialer Medien.

1.) Du konntest mit einem weitergeleiteten bildnerischen Größenvergleich des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko und Los Angeles einen großen Aufmerksamkeitserfolg in den sozialen Medien verbuchen (https://twitter.com/quark1972/status/501429546101784576/photo/1). Erzähle uns die Geschichte hinter der Geschichte?

Uwe Reichert: Das fing damit an, dass ich dieses Bild auf Twitter entdeckte, den Tweet auf Deutsch übersetzte und über den Twitter-Account von „Sterne und Weltraum“ herumschickte. Ich war sehr überrascht, welche enorme Aufmerksamkeit das auslöste. Auf dem Bild selbst ist eine Aufnahme des kartoffelförmigen Kometen zu sehen, welche die Sonde Rosetta geliefert hat. Dieses Foto wiederum hat ein – mir leider unbekannter Bildautor – mit einer Aufnahme der Skyline von Los Angeles so kombiniert, dass ein direkter Größenvergleich möglich ist. So etwas zieht Menschen magisch an. Auch unsere Leser schätzen es sehr, wenn wir Aufnahmen von planetarischen Nebeln oder Kugelsternhaufen im Heft mit Skalen versehen, die klar machen, wie groß das Ganze und wie weit entfernt es ist.

2.) Welche Rolle spielen Twitter und andere soziale Medien für die Astronomie?

Uwe Reichert: Weltweit spielen sie eine große Rolle, für Deutschland muss man das ein wenig einschränken, weil Twitter hierzulande nicht ganz so stark genutzt wird. Aber in der Wissenschaft haben sich die Social Media recht gut etabliert. Für uns als Redaktion sind sie ein bedeutendes Medium, um Informationen zu bekommen. Überdies können wir mit Twitter eine Zielgruppe ansprechen, die wir weder mit unserer Zeitschrift noch mit unserem Online-Auftritt erreichen. Im Sinne von Reichweitenerhöhung ist Twitter deshalb für uns ungemein wichtig. Den Charme macht vor allem die Schnelligkeit aus – über Ereignisse kann quasi in Echtzeit berichtet werden. Und obwohl es sich um einen Kurznachrichtendienst handelt, kann ich auf längere Beiträge und andere Webseiten verlinken. Ein Schüler schrieb mir mal: „Seitdem ich Sterne und Weltraum auf Twitter folge, habe ich mehr gelernt als in einem Leistungskurs Astronomie.“

3.) Wie kommen Kometen eigentlich zu so komplizierten Namen wie 67P/Tschurjumow-Gerasimenko?

Uwe Reichert: So schwierig ist das gar nicht: Traditionell werden Kometen nach ihren Entdeckern benannt. In diesem Fall sind das die beiden ukrainischen Astronomen Klim Tschurjumow und Swetlana Gerasimenko. Dazu kommt die astronomische Bezeichnung, das ist die 67P. P steht für periodisch und in der Liste der periodischen Kometen ist das die Nummer 67.

4.) Warum beschäftigten Kometen die menschliche Fantasie so sehr?

Uwe Reichert: Jeder, der die Möglichkeit hatte, einen Kometen am Himmel zu beobachten, weiß, was für faszinierende Erscheinungen das sind. Faszinierend, weil sie relativ unvermittelt auftauchen. Und die besonders hellen wirken natürlich auch durch ihre Schweife sehr imposant. Als man noch nicht wusste, was Kometen sind, sorgten sie in der Bevölkerung regelrecht für Angst und Schrecken. Ging man doch lange Zeit in der Menschheitsgeschichte davon aus, dass der Himmel relativ unveränderlich ist. Alles, was plötzlich auftauchte, wurde mit schicksalshaften Ereignissen auf der Erde wie Ausbruch von Kriegen oder dem Tod eines Königs verknüpft.

5.) Die Raumsonde „Rosetta“ hat nach mehr als zehn Jahren Reisen und einem Flug von mehr als sechs Milliarden Kilometer durchs All den Kometen erreicht. Im November soll sie auf dessen Oberfläche landen. Was könnte an Erkenntnissen herauskommen?

Uwe Reichert: Es ist das allererste Mal, dass eine Raumsonde in die Umlaufbahn um einen Kometen einschwenkte und es ist damit auch das erste Mal, dass ein „Lander“ auf einem Kometen landen wird. Das ist eine Pionierleistung der wissenschaftlichen Raumfahrt. Kometen sind vor allem deshalb besonders interessant, weil sie seit der Entstehung des Sonnensystems vor etwa 4,5 Milliarden Jahren von ihrer Zusammensetzung her ziemlich unverändert blieben. Das, was noch da ist, stammt aus dem solaren Urnebel. Durch die Analyse der Oberfläche können wir deshalb enorm viel über die erste Frühphase unseres Sonnensystems lernen.

6.) Bei der rund eine Milliarde Euro kostenden Mission „Rosetta“ sind 17 Nationen beteiligt. Du bist nicht nur Chefredakteur von „Sterne und Weltraum“, sondern hast auch als Physiker über Fragen der nuklearen Rüstungskontrolle geforscht. Hat Astronomie etwas, was Völker verbinden kann?

Uwe Reichert: Absolut. Salopp gesagt, leben wir alle unter dem gleichen Himmel. Wir können alle das Gleiche sehen, egal in welchem Land, in welcher Kultur und in welcher Gesellschaft wir leben. Die Beschäftigung mit Astronomie kann generell etwas Völkerverbindendes haben. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst macht uns das gerade durch seinen Blick von außen auf die Erde deutlich. Auch er sieht keine Grenzen auf diesem Planeten. Eine solche Perspektive relativiert manches von dem, was wir hier unten für so ungeheuer wichtig erachten.

Uwe Reichert studierte an der Universität Heidelberg Physik und Astronomie mit dem Schwerpunkten Optik, Sonnenphysik, Festkörper- und Tieftemperaturphysik. Nach seiner Diplomarbeit an der Landessternwarte Königstuhl promovierte er am Institut für angewandte Physik der Universität Heidelberg. 1989 ging er als Redakteur zur Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“. 2006 wechselte er als Redaktionsleiter zu „Sterne und Weltraum“, deren Chefredakteur er seit Anfang 2008 ist. In seiner Freizeit ist Uwe Reichert gerne radelnd unterwegs.

Weitere Links:

http://www.spektrum.de/alias/pdf/rosetta-rendezvous-mit-einem-kometen/1301919

http://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/september-2014/1210149

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

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